Strang 2 / Kapitel 1
„Sandrine, kommst du mal bitte und hilfst mir in der Küche?“ Die fröhlich lachende, junge Frau mit den goldenen Locken hielt in der Unterhaltung mit Gregor inne und drehte sich zum Haus um, von dem der Ruf kam. Sie schenkte Gregor noch ein bedauerndes Schulterzucken, bevor sie davonrannte, dass ihr hellblaues Kleid nur so im Wind flatterte. Alle drei Männer sahen ihr sehnsüchtig nach.
„Eines Tages wird dieses Mädchen meine Frau. Hast du gesehen, wie sie mich angelächelt hat?“ Verträumt starrte Gregor ins Leere.
„Jetzt fehlt nur noch, dass Herzchen in deinen Augen aufleuchten. Aber schmink dir das gleich mal wieder ab, dieses Wesen ist kein Mädchen, das ist eine Frau und Frauen stehen nun mal auf Männer und wie es der Zufall so will, bin ich alleine schon von Alters wegen mehr Mann als du.“ Spielerisch schlug Martin seinem kleinen Bruder mit der Faust gegen die Schulter.
Antonius sass grinsend daneben. „Dabei gehört sie schoschon lange mir!“, stotterte er.
Seinen Sprachfehler hatte er, seit seine Brüder denken konnten. Es fiel ihnen meist überhaupt nicht mehr auf. Doch manchmal konnte er ihnen durch seine Art auch ungeheuer auf die Nerven gehen. Antonius war zwar sehr gutmütig und immer zu allen freundlich, aufgestellt und gut gelaunt. Aber er hatte auch die Tendenz überall mitreden zu wollen, vor allem bei Dingen, von denen er keine Ahnung hatte. Auf dem Hof erledigte er alles gewissenhaft und ordentlich, das war sein Gebiet. Aber die Büroarbeit lag ihm nicht, dennoch kommentierte er Gespräche fleissig mit, was mehr störte, als dazu animierte, ihm die Dinge zu erklären. Mittlerweilen wurde er bei solchen Gesprächen einfach übergangen und ignoriert, so, als wäre er gar nicht da. Ihn zu ignorieren fiel allerdings auch nicht immer leicht. Manchmal konnte er jemanden einfach erwartungsvoll anstarren, wie ein Hund, der auf sein Fresschen wartete. Sich dann auf die anstehende Tätigkeit zu konzentrieren, fiel äusserst schwer.
Dass er etwas anders war als seine Brüder, konnte man auch äusserlich erkennen. Gregor hatte alle Attribute, die es brauchte, um sich gutaussehend zu nennen. Er war gross, gut gebaut, muskulös, hatte dunkles Haar und braune Augen. Allerdings war er zurückhaltend und introvertiert. Er wirkte teilweise sogar scheu. Mit Büchern fühlte er sich genauso wohl wie mit Werkzeugen, die Bücher wurden allerdings eindeutig bevorzugt.
Martin hingegen war optisch weniger gesegnet, aber mit seinen hellbraunen Haaren und den blauen Augen dennoch ansprechend. Er war etwas kleiner als Gregor, durch seine tägliche Arbeit aber gleich muskulös. Dafür war er umso selbstbewusster und extrovertiert. Hinzu kam, dass er fair und bedacht war. In seinem Auftreten lag etwas Verwegenes, Abenteuerliches. Im Gegensatz zu seinem Bruder mochte er es sich zu präsentieren. Dennoch liebte er es, wenn er einfach in Ruhe vor sich hinwerkeln konnte. Auf diese Weise erledigte er seine Aufgaben äusserst speditiv.
Da fiel Antonius komplett aus dem Rahmen. Er war klein, und obwohl er täglich körperliche Meisterleistungen erbrachte, war er nicht schlank wie seine Brüder. Er war korpulent und mit dem schütteren dunklen Haar und seinem etwas dümmlichen Grinsen wirkte er trotz leuchtend blauer Augen nicht besonders anziehend. Dennoch, mit seiner Gutmütigkeit holte er bei Frauen einige Bonuspunkte, die aber kaum über mütterliche Gefühle hinausreichten.
Noch bevor seine Brüder Antonius mit einem handfesten Gerangel zeigen konnten, was sie von seiner Aussage über Sandrine hielten, hallte ein erneuter Ruf aus der Küche über die Wiese.
„Jungs, das Essen ist fertig und die Gäste sind da. Also hört auf, euch zu schlagen und kommt her!“
Sofort liessen sie alles stehen und liegen und eilten zum Haupthaus. Tatsächlich hatten sich schon einige Verwandte auf dem hübsch dekorierten Platz zwischen Hof und Stallungen eingefunden. Auch Sandrine hatte sich unter die Leute gemischt. Obwohl sie keine Verwandte war, wurde sie behandelt wie ein Familienmitglied. Etwas, das sie aus ihrer eigenen Familie nicht kannte.
Aber wo war eigentlich Onkel Peter?
Martin fiel als erster auf, dass Peter fehlte. Vielleicht, so dachte er, kam er zu spät, was allerdings ganz und gar nicht zu Peter passte. Nach einem Glas des Selbstgebrannten und einem warmen Lächeln von Sandrine, die ihm gegenüber Platz genommen hatte, war diese Frage aber bald vergessen.
Es wurde ein rauschendes Fest, das erst spät in der Nacht endete.
„In wenigen Stunden werde ich diese Party bitter bereuen.“ Martin erhob sich von seiner Bank. „Ich werde jetzt die paar Minuten Schlaf, die mir noch bleiben, einholen.“
„Ach komm, noch einen!“ Sandrine, die mit geröteten Wangen hinter einer Flasche hauseigenem Kirsch hervorlächelte, erhob ihr Gläschen.
„Nein, meine Liebe. Die Kühe fordern meine Aufmerksamkeit, und das schon bald. Gib Gregor noch einen Schluck, der kann über seinen Büchern wenigstens schlafen.“
Damit kehrte Martin der Runde den Rücken und wankte ins Haus. Kurz bevor er in der Tür verschwand, regte sich in den überschwemmten Hirnwindungen eine Erinnerung. Martin blieb stehen und drehte sich noch einmal zu der fröhlichen Runde um.
Sandrine, der festen Ansicht, er hätte es sich anders überlegt, frohlockte bereits.
„Süsse Sandrine, spar dir dein Lächeln für meinen Bruder.“
Gregor errötete.
„Ich kehre nicht an den Tisch zurück. Mir kam da eben ein Einfall, den ich bereits früher am Abend schon hatte.“
Gespannt horchten alle auf.
„Weiss eigentlich irgendjemand, wo Peter steckt?“
Die am Tisch verbliebenen sahen sich gegenseitig fragend an. Schulterzuckend antwortete Ruths Bruder Bernard. „Keine Ahnung. Vielleicht war er zu geizig, die Fahrtkosten bis hierher auszulegen!“
Allgemeines Gelächter brach los. Auch Martin gluckste. Wahrscheinlich hatte Bernard sogar recht. Peter war ein Geizhals, schon immer gewesen und es wurde immer schlimmer, je mehr Jahre ins Land zogen. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Peter sogar die Reise zu seiner Familie zu teuer wurde. Nun schien es so weit zu sein.
Martin zeigte zur Bestätigung mit dem Finger in Bernards Richtung.
„Apropos Vermisste. Habt ihr eigentlich von dem Millionär gehört, der Wandern ging und spurlos verschwand?“ Erwartungsvoll schaute Bernard in die Runde.
„Nein, davon habe ich nichts gehört. Erzähl! Wo war denn das?“ Sandrines Neugierde war geweckt.
Bernard liess sich nicht zweimal bitten. „Also, da hat offenbar so ein reicher Typ einen Wanderurlaub geplant. Er war wenig erfahren, wollte aber unbedingt alleine los. Es kam wie es kommen musste. Der Gute kehrte dummerweise nicht mehr zurück.“
„Er kehrte nicht zurück? Im Ernst? Wann verschwand er? Hat man ihn nicht gesucht?“ Das kam von Gregor.
„Noch nicht. Die Meldung kam erst heute rein.“
„Augenblick, wenn die erst heute kam und du weisst davon, dann kann ich wohl Sandrines Frage nach dem Wo beantworten“, gab Gregor zurück.
Bernard nickte wissend. Da schaltete auch Sandrine.
„Augenblick. Sie haben deinen Suchtrupp angefordert! Der Wanderer verschwand in unserer Region! Das ist ja aufregend! Warum habt ihr mit der Suche noch nicht begonnen?“
„Nach unseren Berechnungen müsste er sich in ziemlich unwegsames Gelände verlaufen haben. Wir bekamen aber eine üble Unwetterwarnung rein. Ein Start mit dem Helikopter wäre der reine Selbstmord gewesen.“
„Also habt ihr die Suche bis nach dem Unwetter verschoben? Und du sitzt hier und trinkst?“ Gregors Tadel war nicht von der Hand zu weisen, aber Bernard winkte ab.
„Ich flieg die Maschine ja nicht!“ Er klopfte auf den Tisch und lachte laut heraus. „Nein Junge, mach dir keine Sorgen, es ist alles organisiert.“
„Aber“, Sandrine zögerte, „wo ist denn dieses Unwetter? Müsste das nicht auch uns erreichen?“
„Wenn, dann hätte es euch bereits getroffen, aber es sieht ganz danach aus, als hättet ihr Glück gehabt!“
Martin hatte sich längst ins Haus verzogen, begleitet von der Unterhaltung der anderen. Er hatte das Fenster in seinem Zimmer geöffnet, um die milde Nachluft hereinzulassen. Mit ihr wehten auch die Stimmen in den Raum. Bernards Bericht wirkte wie eine spannende Gutenachtgeschichte.
Das war das letzte, was Martin Emma aus eigener Erfahrung berichten konnte. Über Peters Verbleib konnte er ihr anvertrauen, was auch er nur von Dritten wusste. Und das war wenig. Es gab wilde Spekulationen, die Martin teilweise auch an Emma weitergab. Sicher wusste man aber nur, dass Peter nicht an das Fest kam, weil er eine andere Verpflichtung wahrnahm. Er folgte der Einladung von Gevatter Tod.
Und wie es dazu kam, wusste nur einer. Sein Mörder.