12 Uhr 36. Rom
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Matthias hatte den Weg durch die Stadt gut gefunden. An der Ecke Via Borgo Vittorio/Via di Porta Angelica sprang er aus dem Wagen. Es war allerhöchste Zeit, 45 Minuten waren fast um.
Er hatte sich noch keine fünf Schritte von dem BMW entfernt, als eine kräftige Stimme ihn veranlasste, stehen zu bleiben und sich umzudrehen. Ein schon älterer untersetzter Carabiniere lief etwa zwanzig Meter hinter ihm von der anderen Straßenseite aus auf ihn zu und gestikulierte wild mit den Armen. Matthias verstand über die Entfernung kein Wort, aber die Tatsache, dass der Polizist immer wieder auf Varottos BMW zeigte, ließ kaum einen Zweifel daran, was er Matthias klarmachen wollte.
»Was denken Sie sich, wo Sie hier sind?«, blaffte er, als er Matthias fast erreicht hatte. »Fahren Sie sofort den Wagen da weg.«
Matthias ließ den Blick zwischen dem Polizisten und der Porta di Sant’Anna hin und her wandern. Seine Gedanken rasten. Er konnte sich keine Minute Verzögerung leisten. Entschlossen griff er in seine Hosentasche und hielt dem Mann den Autoschlüssel hin.
»Bitte, ich bin im Auftrag der Justizbehörde unterwegs und muss sofort in den Vatikan. Es hat mit dem Verschwinden des Papstes zu tun. Dieser Wagen gehört Commissario Daniele Varotto. Setzen Sie sich mit ihm in Verbindung, er wird Ihnen alles erklären.«
Der Carabiniere war so überrascht, dass er den Schlüssel wortlos entgegennahm. Matthias kam jedoch nicht weit, da ein wütendes »Stopp« in seinem Rücken ihn erneut innehalten ließ.
Bevor er sich umdrehte, registrierte Matthias den Schweizergardisten, der einige Schritte an der Schranke vorbei nach vorne getreten war und die Szene nun interessiert beobachtete, während er gleichzeitig telefonierte.
»Sie fahren jetzt sofort Ihren Wagen da weg«, zischte der Polizist. Auf seinen schlaffen Wangen hatten sich große rote Flecken gebildet. Mit zwei entschlossenen Schritten stand er vor Matthias und drückte ihm den Schlüssel in die Hand. »Es ist mir egal, wer Sie sind und …«
»Signore, bitte, kommen Sie. Man erwartet Sie schon dringend.« Bevor er sich umdrehen konnte, war der seltsame Schweizergardist schon neben ihm aufgetaucht und sah erst ihn und dann den Carabiniere an.
»Was ist los?«, wollte dieser wissen. Die Wut in seinem Gesicht wich einer deutlichen Verunsicherung. Der Gardist warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und sagte streng: »Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Voigt, erwartet den Signore seit einer halben Stunde. Sie wissen doch wohl, dass der Heilige Vater entführt worden ist. Soll ich dem Kardinal sagen, die Suche nach dem Heiligen Vater müsse warten, weil ein Verkehrspolizist ein falsch geparktes Auto für wichtiger hält?«
Noch bevor der mittlerweile völlig verunsicherte Carabiniere etwas entgegnen konnte, wandte Matthias sich ab und ging mit schnellen Schritten durch die Zufahrt. An der herabgelassenen Schranke vorbei betrat er den Vatikan.
»Gehen Sie zum Petersdom«, hörte er hinter sich die Stimme des Mannes, der zwar die Uniform der Schweizergarde trug, der aber – das ahnte Matthias – bestimmt nicht zu der persönlichen Schutztruppe des Papstes gehörte. Er musste ihm auf dem Fuß gefolgt sein. »Man erwartet Sie.«
Einem ersten Impuls folgend wollte Matthias sich zu ihm umdrehen, doch dann dachte er an den Papst und ging zügig weiter.
Von dieser Seite aus hatte er den Vatikan noch nie betreten, aber die Kuppel des gewaltigen Doms, die er hinter einigen langgezogenen Gebäuden aufragen sah, wies ihm die Richtung.
Eines der schmalen Kirchenportale stand weit offen. Matthias ging darauf zu und betrat dann, ohne zu zögern, den Petersdom.