Rom. Via Michele Pironti
40
Es war bereits später Nachmittag, als Matthias vor Varottos Wohnhaus aus dem Taxi stieg. Während der Fahrt durch die Innenstadt hatte er sich den Kopf darüber zerbrochen, wie er sich dem Commissario und Alicia gegenüber verhalten sollte. So gerne er es getan hätte, so wichtig es vielleicht gewesen wäre – er durfte ihnen nichts von dem Gespräch erzählen, das er mit dem Papst geführt hatte. Er stand bei Papst Alexander IX. im Wort, der Unheil von der Kirche und vor allem von seinem Amt als Papst fernhalten wollte. Aber es brachte Matthias in eine sehr schwierige Situation.
Alicia und Varotto saßen im Wohnzimmer inmitten eines Wustes von Papier und sahen nur kurz auf, als er den Raum betrat. Offensichtlich hatten sie von Tissone die Unterlagen zu den 49 Jungen erhalten.
»Haben Sie schon etwas gefunden?«, fragte Matthias, während er drei Aktenordner von einem Sessel räumte, in dem er sich dann niederließ.
»Das kann man durchaus behaupten«, sagte Varotto, bevor die Journalistin antworten konnte. »Alicia hat etwas entdeckt, das mir niemals aufgefallen wäre, weil ich im Leben nicht daran gedacht hätte, das Geburtsdatum der Jungen mit den Hochzeitsdaten der Eltern abzugleichen. Die Eltern sind alle erst vor den Traualtar getreten, als die Frauen schon schwanger waren. Wir haben bisher zwar erst rund zwanzig überprüft, aber ich schätze, bei den anderen wird es genauso sein.«
»Welch ein organisatorischer Aufwand«, überlegte Matthias laut.
»Was meinen Sie?«, wollte Varotto wissen.
»Nun, allein von allen Geburten eines Tages in ganz Italien die Daten inklusive Hintergrundinformationen zu den Eltern zu beschaffen, muss doch wahnsinnig aufwendig gewesen sein. Stellen Sie sich das vor. Quer durch ganz Italien. Was man da alles in Erfahrung bringen musste. Ich bin mir absolut sicher – je länger wir forschen, desto mehr Zusammenhänge werden sich herausstellen. Dass es für alle diese Frauen das erste Kind war zum Beispiel. Und das aus Rache? Kann man so sehr hassen, um all das minutiös zu planen und bis zum bitteren Ende durchzuführen? Über einen Zeitraum von so vielen Jahren?«
»Moment!« Varotto hatte die Hand gehoben. »Sagten Sie gerade Rache? Wofür? Und vor allem: wessen Rache?«
»Nun, welchen Grund sollte es sonst dafür geben, wenn nicht Rache an der Kirche oder vielleicht sogar an Gott?« Er hoffte dabei, dass man seiner Stimme nicht anhörte, wie unwohl er sich fühlte. »Denken Sie an den Stern von Bethlehem. Was, wenn tatsächlich jemand diese Jungen entführt hat, weil er davon überzeugt ist, dass ein ganz besonderer Junge unter ihnen ist? Jemand, der so besonders ist, dass man sich an seinem göttlichen Vater rächen kann, wenn man sich seiner bemächtigt?«
Varotto rümpfte verächtlich die Nase. »Ist das im Vatikan herausgekommen? Denkt man dort, es wolle sich jemand an der Kirche rächen? Oder an Gott? Allen Ernstes?«
»Nun, was denken Sie, Commissario?«, fragte Matthias. »Könnte es nicht sein, dass diese Kreuzwegmorde wirklich ein Racheakt sind? Versuchen Sie beiseitezulassen, was Sie über Gott und die Kirche denken. Ist es möglich, dass bei jemandem der Hass auf die Kirche oder auf Gott so groß sein kann, dass er dazu fähig wäre?«
Die Unterarme auf den Oberschenkeln, faltete Varotto die Hände und starrte vor sich hin. »Es kann durchaus Ereignisse im Leben geben, die einen gläubigen Menschen dazu bringen, die Existenz Gottes in Frage zu stellen. So wie es mir erging. Der Gott, an den man mir beigebracht hat zu glauben, war ein Gott der Liebe und Güte. Eine Macht, die schützend die Hand über uns hält und so verhindert, dass schlimme Dinge passieren. Wenn ich mir nun aber vorstelle, mein Glaube an diesen Gott wäre so fest verankert, dass ich seine Existenz niemals in Frage stellen könnte, was auch immer geschieht, und dieser Gott würde mir Dinge antun, die so furchtbar sind, dass ich darüber fast den Verstand verliere …«, die Stimme versagte ihm fast, »dann kann ich durchaus nachvollziehen, dass man auf diesen Gott einen tiefen Hass entwickelt für das, was er einem angetan hat …« Er biss einige Sekunden auf seiner Unterlippe, bevor er fortfuhr. »Um Ihre Frage also zu beantworten: Ich weiß nicht, ob jemand so geistesgestört sein kann, dass er ernsthaft glaubt, den Sohn Gottes entführt zu haben, aber ich kann mir grundsätzlich schon vorstellen, dass jemand mit dieser Sache zu tun hat, der voller Hass ist und sich für etwas rächen möchte.«
»Heilige Maria!«, rief Alicia aus. »Ihr denkt, wer immer diese Jungen damals entführt hat, bringt sie jetzt alle um, weil er Jesus Christus töten möchte!?«
Die beiden Männer schwiegen, sahen sie nur an. Alicia hatte das Ungeheuerliche ausgesprochen.
»Eins verstehe ich allerdings nicht.« Alicia bemühte sich, mit fester Stimme fortzufahren, aber sie klang deutlich zittriger als zuvor. »Wenn diese Verbrecherbande tatsächlich glaubt, dass unter diesen Jungen der …« Sie stockte und rieb sich mit beiden Händen mehrmals über das Gesicht, bevor sie weitersprach: »Mein Gott, das ist so ungeheuerlich, dass ich es fast nicht auszusprechen wage … Wenn sie wirklich glauben, dass am 4. März 1981 der Sohn Gottes wiedergeboren wurde – warum dann ausgerechnet in Italien? Warum nicht im Westjordanland, in Bethlehem? Wäre das nicht viel naheliegender? Wie passt das zu der Akribie, mit der sie alles geplant und durchgeführt haben? Das verstößt gegen alle Logik.«
»Darüber habe ich auch schon nachgedacht«, erklärte Matthias, »und ich glaube, es ist nicht unlogisch. Rom ist inzwischen das Zentrum des katholischen Christentums. Diese Wahnsinnigen gehen wahrscheinlich davon aus, dass Gott, sollte er seinen Sohn noch einmal auf die Erde schicken, dies in Italien tun wird. Hier sitzt sein Stellvertreter.«
»Ein von Menschen ernannter Stellvertreter für einen Gott, der …«, brauste Varotto auf, doch Matthias ließ ihn nicht ausreden.
»Commissario, könnten Sie bitte Ihre abfälligen Bemerkungen über Gott sein lassen und sich auf unsere Hypothesen zu dem Motiv der Mörder konzentrieren?«
Varotto verzog das Gesicht zu einer Grimasse und nickte stumm.
»Eine Frage habe ich aber noch. Gab es diese seltsame Sternenkonstellation nur dieses eine Mal 1981?«
»Nein, es gab sie schon einige Male zuvor. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube irgendwo gelesen zu haben, dass sie etwa einmal pro Jahrhundert auftritt.«
Alicia runzelte die Stirn. »Und warum soll dann ausgerechnet im Jahr 1981 der … Sie wissen schon …«
»Das könnte damit zusammenhängen, dass viele religiöse Bruderschaften, Geheimbünde und Sekten aufgrund alter Schriften und Weissagungen mit dem Übergang zum dritten Jahrtausend eine gravierende Veränderung unserer Zivilisation einhergehen sehen. Eine solche Gemeinschaft könnte der Meinung sein, dass Gott seinen Sohn nochmals auf die Erde schickt.«
Matthias rechnete mit weiterem Widerspruch des Commissario. Als der sich aber mit der Erklärung zufriedengab, sagte er: »Ich fahre jetzt zum Polizeipräsidium und versuche unauffällig herauszufinden, wie weit Commissario Tissone inzwischen gekommen ist.«
»Sie wollen ihn aushorchen?«, fragte Varotto. »Warum erzählen Sie ihm oder Barberi nicht von unseren neuesten Erkenntnissen?«
Matthias hätte sich für die Unachtsamkeit ohrfeigen können. »Weil ich nicht weiß, ob ich im Polizeipräsidium wirklich von meiner Vermutung bezüglich des Motivs erzählen kann. Nichts gegen Ihren Chef, Commissario, aber die Tatsache, dass er Sie auf Anweisung von oben sofort beurlaubt hat, lässt mich vermuten, dass er seine Vorgesetzten schnellstens davon in Kenntnis setzen würde. Und wie wir gesehen haben, fühlen die sich von der Presse so unter Druck gesetzt, dass sie sicher gleich eine Pressekonferenz einberufen. Was würde geschehen, wenn die Öffentlichkeit erfährt, dass wir vermuten, jemand hätte vor über zwanzig Jahren Gottes Sohn entführt, um sich nach so langer Zeit an der Kirche oder an Gott zu rächen, indem er ihn tötet? Können Sie sich vorstellen, was man daraus machen würde? Nein, diese Überlegungen dürfen auf keinen Fall an die Öffentlichkeit dringen, solange wir keine eindeutigen Beweise dafür haben.«
»Aber wie soll es nun weitergehen?«, fragte Alicia.
»Ich werde auf jeden Fall an der Sache dranbleiben«, antwortete Varotto entschlosssen und sah Matthias an. »Ich hatte gehofft, Sie würden zu mir stehen.«
»Das würde ich gerne tun, Commissario, aber Kardinal Voigt wird wahrscheinlich darauf bestehen, dass ich die offiziellen Stellen, also Ihren Chef Barberi und Ihren Kollegen Tissone, unterstütze.«
Man hörte seiner Stimme deutlich an, dass Matthias alles andere als wohl war bei dem Gedanken.
»Ich muss Ihnen noch etwas sagen, das Kardinal Voigt betrifft und Ihre Haltung vielleicht beeinflusst«, warf Alicia ein. Matthias sah sie überrascht an. »Ich war auf dem Rückweg von der Questura noch kurz in der Redaktion und habe Azzani, den Chefredakteur, zu seinem hetzerischen Leitartikel über Daniele befragt. Die Sache ist wirklich sonderbar. Der Zeitungsverleger des ›Cortanero‹, Signore Manieri, habe einen Anruf von einer sehr einflussreichen Person bekommen, die es beklagt habe, dass die Polizei in Bezug auf diese Kreuzwegmorde noch keinen Schritt weitergekommen sei und dass der ›Cortanero‹ offenbar nicht in der Lage sei, der Polizei Druck zu machen. Der Anrufer habe ihm unmissverständlich klargemacht, dass künftig alle wichtigen Informationsquellen für unsere Zeitung versiegen würden, wenn nicht sofort ein Artikel erscheint, der dafür sorgt, dass Daniele abgelöst wird. Ich habe natürlich gefragt, wer dieser Anrufer war, aber das hat Manieri auch meinem Chef nicht gesagt. Er hat wohl nur erwähnt, dass es ein sehr einflussreicher Mann war, der tatsächlich in der Lage wäre, die Zeitung in den Ruin zu treiben. Zum Schluss sagte Manieri aber einen Satz, den mein Chef als deutlichen Hinweis darauf sieht, aus welchen Kreisen der Anrufer kam. Er sagte: ›Es ist schon verwunderlich, was im Namen unseres Herrn alles geschieht.‹«
»Ich hätte es mir denken können!«, brauste Varotto auf und fuhr aus seinem Sessel hoch. »Was zum Teufel geht es den Vatikan an, wer den Fall leitet?! Das ist einzig und allein Sache der italienischen Polizei.« Mit zwei großen Schritten war er beim Telefon. »Ich rufe Barberi an. Wenn der hört, wie der Artikel zustande gekommen ist, wird er mir die Ermittlungen sofort wieder übertragen. Das wäre doch …«
»Daniele, lass es sein.«
Varottos Kopf fuhr herum. »Den Teufel werde ich tun, Alicia. Barberi soll wissen, dass die Pfaffen dahinterstecken.«
»Und dann? Was, denkst du, wird das ändern? Dein Chef hat dich beurlaubt, weil man ihn von ganz oben dazu gedrängt hat. Und warum hat man das getan? Weil Politiker grundsätzlich Angst vor einer öffentlichen Meinung haben, die ihnen bei der nächsten Wahl schaden könnte. Diese Tatsache ändert sich nicht, ganz egal, wer diesen Artikel veranlasst hat. Lass es, Daniele, es hat keinen Zweck.«
Während Varotto langsam die Hand mit dem Telefonhörer sinken ließ, sagte Matthias: »Nehmen wir an, der Anrufer war wirklich jemand aus dem Vatikan: Wer hat dort so viel Macht, dass er dem ›Cortanero‹ die Schlinge um den Hals legen kann?«
»Das ist es, was ich Ihnen sagen wollte«, antwortete die Journalistin. »Manieri hat keinen Namen genannt, aber es gibt nur ganz wenige Männer im Vatikan, die über so viel Einfluss verfügen. Einer davon ist Kardinal Voigt. Wenn es mir auch persönlich sehr schwerfällt, das zu glauben.«
»Egal, wer aus diesem Verein angerufen hat«, funkte Varotto dazwischen. »Dass der Vatikan sich solcher Methoden bedient, um mich aus dem Weg zu räumen, ist ein Armutszeugnis, passt aber ins Bild, das ich mittlerweile von diesen Herren habe. Alicia, wie wäre es, wenn du einen Artikel darüber schreibst, mit welchen Mafiamethoden die Mitglieder der Kurie arbeiten?«
Die Journalistin stieß ein humorloses Lachen aus. »Du hast vielleicht Ideen. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass man beim ›Cortanero‹ einen Artikel drucken würde, der gegen den Vatikan gerichtet ist. Und in dem zugegeben wird, dass der Bericht über dich aus den Reihen der Kurie initiiert war?«
Matthias hob beschwichtigend die Hände. »Moment! Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist es lediglich eine Vermutung Ihres Chefredakteurs, dass der Anruf aus dem Vatikan kam. Und das aufgrund eines Ausspruches, der auch ganz anders gemeint sein konnte.«
Niemand sagte mehr etwas. Varotto dachte darüber nach, was er nun tun konnte. Natürlich war ihm klar, dass Alicia keine Möglichkeit hatte, ihn zu rehabilitieren. Ebenso wusste er, dass Barberi seine Beurlaubung nicht rückgängig machen konnte, wenn er seinen eigenen Job behalten wollte. Tissone hatte den Fall nun übernommen, ein Kollege, den er mochte, dem er aber in Bezug auf diese Morde nicht viel zutraute. Er war ein Mann für den Innendienst, gewohnt, Entscheidungen erst zu treffen, wenn alle Möglichkeiten genauestens durchdacht waren. Varotto kannte keinen ordnungsfanatischeren Polizisten als ihn. Ihm fehlte schlicht das, was nach Varottos Überzeugung einen guten Kriminalisten ausmachte: Intuition und die Fähigkeit, schnelle und manchmal auch unkonventionelle Entscheidungen zu treffen. Was aber bedeutete das? Das bedeutete, dass er, Daniele Varotto, etwas unternehmen musste. Und der Einzige, der ihm dabei würde helfen können, war der blonde Deutsche.
Auch Matthias fasste alle Fakten in Gedanken zusammen und das Bild, das sich ihm dabei bot, war nicht sehr ermutigend. Möglicherweise war Gatto, der mit dem Papst aufgewachsen war, in die Sache verstrickt. Einiges, das Kardinal Voigt betraf, erschien ihm so merkwürdig, dass er es schnellstens klären musste. Und auch das Verhalten des Commissario Capo fand Matthias höchst seltsam. Welcher Vorgesetzte zog einen Beamten, mit dem er schon viele Jahre zusammenarbeitete, einfach so aus dem Verkehr, ohne dass dieser sich wirklich etwas hatte zuschulden kommen lassen? Und wer war der Anrufer von oben, der Varottos Beurlaubung verlangt hatte? Kardinal Voigt? Überhaupt, dieser Artikel. Selbst wenn wirklich Voigt bei diesem Signore Manieri angerufen hatte – was trieb einen bis dahin unbeugsamen Zeitungsverleger dazu, einen solchen Hetzartikel zu drucken? Oder hatte es diesen Anruf am Ende gar nicht gegeben? Andererseits, warum sollte Manieri lügen? Auch das ergab keinen Sinn.
Damit nicht genug, er musste Siegfried Kardinal Voigt dringend einige nicht sonderlich angenehme Fragen stellen. Dabei konnte es gut sein, dass er, Matthias, durch die Geschichte, die der Papst ihm anvertraut hatte, den Schlüssel zur Aufklärung der Morde in Händen hielt. Was aber nützte ihnen sein Wissen, wenn er diese brisanten Details niemandem anvertrauen konnte? Wie sollte er …
»Helfen Sie mir?«, fragte der Commissario unvermittelt und riss Matthias damit aus seinen Gedanken.
»Ihnen helfen, Commissario? Wobei?«
»Ich will diesen Fall aufklären, ganz egal, ob die Kurie oder irgendwelche Politiker damit einverstanden sind oder nicht. Ich muss beweisen, dass ich es kann. Das ist für mich die einzige Möglichkeit, mich zu rehabilitieren. Mit Ihrer und mit Alicias Hilfe habe ich eine kleine Chance, die Täter ausfindig zu machen, bevor etwas noch viel Schrecklicheres geschieht. Tissone ist ein netter Kerl, aber nicht sonderlich helle; er wird es nicht schaffen, diesen Fall zu lösen.«
»Was noch viel Schrecklicheres soll Ihrer Meinung nach passieren?«, wollte Matthias wissen, obwohl er sicher war, die Antwort schon zu kennen.
»Der Tod aller Entführten am Tag der zwölften Kreuzwegstation. Ich bin sicher, dass es auch in den kommenden Tagen jeweils ein Mordopfer geben wird. Sobald die zwölfte Station erreicht ist, die, an der Jesus am Kreuz starb, wird man, befürchte ich, die Leichen der restlichen damals entführten Kinder finden, wenn wir nichts dagegen unternehmen.« Und nach einer Pause fügte er hinzu: »Das wären 38 Tote.«
Matthias zögerte einen Moment, dann sah er Varotto in die Augen und sagte: »Gut, Commissario. Ich werde Ihnen helfen. Allerdings möchte ich noch jemanden dabeihaben.«
»Und wer soll das sein?«
»Monsignore Bertoni, der Sekretär der Päpstlichen Bibelkommission. Er ist ein sehr kluger Kopf. Er war früher mit einem Mann befreundet, dem er zutraut, dass er zumindest wissen könnte, was es mit dieser schrecklichen Sache auf sich hat.«
Die Reaktion des Commissario fiel weniger heftig aus, als Matthias befürchtet hatte. Er verengte die Augen nur ein wenig und sagte mit einigermaßen ruhiger Stimme: »Ich wundere mich, dass Sie das erst jetzt erwähnen, aber gut. Einer der Herren also, die vielleicht dafür gesorgt haben, dass ich den Fall und vielleicht sogar meinen Job verloren habe? Sind Sie sicher, dass das eine gute Idee ist?«
»Ja, ich bin sicher. Und ich bitte Sie, mir zu vertrauen.«
»Gut. Aber das setzt voraus, dass Sie auch mir vertrauen. Alicia hat mir erzählt, dass Sie von Francesca wissen. Das ist in Ordnung. Wenn ich Ihnen aber vertrauen soll, möchte ich auch wissen, was Ihr großes Geheimnis ist, Signore.«
Sekundenlang sahen sie sich an, bis Matthias den Kopf senkte, so dass die blonden Haare wie ein Vorhang vor sein Gesicht fielen. In seinem Inneren tobte augenblicklich ein heftiger Kampf. Er wusste, welch hohes Risiko er einging, wenn er seine ungeheuerliche Tat preisgab! Er wusste auch, dass er sein Geheimnis nicht länger für sich behalten konnte, wenn er den Tod weiterer junger Männer verhindern wollte. Ihm war, als zerrisse es ihm die Brust. Varotto sah kurz zu Alicia hinüber, die ebenso gespannt auf Matthias’ Reaktion wartete.
»Ich war es, der vor vier Jahren den Papst getötet hat«, flüsterte Matthias schließlich. Als er wieder aufsah, blickte er in zwei Gesichter, aus denen alle Farbe gewichen war.
»Sie haben …? Himmel, das kann nicht sein, das würde ja bedeuten, Sie sind …«
»Hermann von Keipen«, fiel Matthias ihm ins Wort.
»Aber das ist doch nicht möglich!«, rief Alicia. »Hermann von Keipen ist tot. Er wurde im Gefängnis gelyncht. Ich selbst habe damals einen langen Artikel darüber geschrieben.«
»Die Meldung war eine Finte«, erklärte Matthias mit rauer Stimme, »ist in gewisser Weise aber doch wahr. Es gibt keinen Hermann von Keipen mehr. Er hörte auf zu existieren, als die Kurie mit der italienischen Justiz ein geheimes Abkommen traf. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurde ich aus dem Gefängnis in ein abgeschiedenes sizilianisches Kloster gebracht. Wenn Sie so wollen, war es der Dank dafür, dass ich mit dem Tod dieses Papstes nicht nur die Kirche, sondern die ganze Welt vor einer großen Katastrophe bewahrt habe. An jenem Tag wurde aus Hermann von Keipen – dem Mörder des neugewählten Papstes und Sohn des Magus der Simonischen Bruderschaft – Matthias.«
Varottos Körper hatte sich sichtbar angespannt.
»Ist Ihnen klar, dass es mir meine Ehre als Polizist gebietet, Sie sofort zu verhaften, wenn stimmt, was Sie gerade erzählt haben? Egal, welcher Kuhhandel da geschlossen worden ist, Sie sind ein Mörder, der lebenslang hinter Gitter gehört.«
»Mir ist Ihre Position durchaus klar, Commissario«, antwortete Matthias ernst. »Aber erstens ist dieser Kuhhandel, wie Sie es nennen, vom italienischen Justizminister mit der Römischen Kurie vereinbart worden, und zweitens sollten Sie sich zumindest meine Geschichte anhören, bevor Sie voreilig handeln.«
»Ich finde, wir sollten ihm zuhören, Daniele«, mischte sich Alicia nun ein. »Die Tatsache, dass Herr von … Matthias der Polizei von der Römischen Kurie als Sachverständiger zur Verfügung gestellt wurde, zeigt doch, dass stimmt, was er gesagt hat.«
Varotto nickte zögernd. »Du hast recht, das erklärt die Anweisung des Questore. Also gut, erzählen Sie, Matthias. Oder soll ich Sie Herr von Keipen nennen?«
Matthias schüttelte den Kopf. »Wie ich eben schon sagte, Commissario, Hermann von Keipen ist tot.«
Dann erzählte er zum ersten Mal seit vier Jahren seine Geschichte.
Sie begann mit einem ranghohen SS-Offizier, dessen Familie in Südafrika ein Vermögen mit dem Diamantenhandel verdient hatte und in Kimberley ein großes Anwesen besaß. Dort gründete dieser Mann, Hermann von Settler, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine Bruderschaft mit dem Ziel, die katholische Kirche zu infiltrieren, um so an deren finanzielle Mittel und vor allem an ihre politische Macht zu gelangen. Dazu wurden Hunderte von Jungen im Alter zwischen zwölf und vierzehn Jahren aus Deutschland nach Südafrika gebracht, wo sie in einem eigens zu diesem Zweck gegründeten Internat ideologisch geschult wurden, um anschließend Theologie zu studieren und als Geistliche in den Dienst der katholischen Kirche zu treten. Einer dieser Jungen war Friedrich von Keipen, Hermanns Vater. Mit seiner überdurchschnittlichen Intelligenz und einer rücksichtslosen Willensstärke schaffte Friedrich es, persönlicher Assistent von Hermann von Settler zu werden und nach dessen frühem Tod das Oberhaupt der Simonischen Bruderschaft, der Magus.
Mit derselben Gefühlskälte, mit der er die Bruderschaft führte, tyrannisierte Friedrich auch seine Frau Evelyn und die beiden Söhne Hermann und Franz. Bei einem der Gewaltmärsche, die Friedrich von Keipen seinen Söhnen regelmäßig abverlangte, schikanierte er den zarten Franz derart, dass der Achtjährige an den Folgen der Überanstrengung starb. Als kurz danach auch noch seine Mutter spurlos verschwand, hatte Hermann nur noch ein Ziel: Er wollte seinen Vater und dessen Bruderschaft zerstören.
Es dauerte rund dreißig Jahre, bis es soweit war. Dreißig Jahre, in denen die Bruderschaft stetig gewachsen war und ranghohe Politiker und Wirtschaftsbosse aus aller Welt für sich gewinnen konnte. Nachdem es etlichen Mitgliedern der Simonischen Bruderschaft gelungen war, höchste Ämter der Kurie zu übernehmen, war für Friedrich von Keipen der Zeitpunkt gekommen, den amtierenden Papst aus dem Weg zu räumen. Schon am ersten Tag des Konklaves wurde einer der Simoner zum Papst gewählt. Friedrich von Keipen sah sich am Ziel. Doch auch für seinen Sohn Hermann war der Moment gekommen: Als der neugewählte Heilige Vater auf der Loggia des Petersdoms erschien, um den Gläubigen seinen ersten päpstlichen Segen zu geben, erschoss er ihn und bewahrte damit die Kirche vor einer Katastrophe von nicht absehbarem Ausmaß.
Danach ließ er sich bereitwillig festnehmen und spielte Bischof Corsetti die Tagebücher seines Vaters zu, in denen die ganze Geschichte der Bruderschaft sowie die Namen aller Mitglieder niedergeschrieben waren. Damit war die Simonische Bruderschaft vernichtet. Friedrich von Keipen verlor über diese Geschehnisse vollends den Verstand und starb kurze Zeit später.
Hermann wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Der Justizminister setzte aber durch, dass Hermann offiziell für tot erklärt wurde, damit die italienische Justiz ihr Gesicht wahren konnte. Weiterhin verlangte er von der Kirche die Zusage, dass Hermann jederzeit zur Unterstützung angefordert werden konnte, wenn es um Verbrechen ging, in die möglicherweise eine Sekte oder ein Geheimbund verwickelt war. Denn Hermann, der sein ganzes Leben in unmittelbarer Nähe zum Führer einer mächtigen Bruderschaft zugebracht hatte, verfügte über ein enormes Wissen, das wenigstens der italienischen Justiz zugute kommen sollte.
Die Kirche erklärte sich damit einverstanden und Hermann wurde in ein Kloster nach Sizilien gebracht, während offiziell seine Ermordung im Gefängnis bekannt gegeben wurde.