Innenstadt von Rom
33
Daniele Varotto wartete gedankenverloren vor einer Ampel, als sein Handy klingelte. Er betrachtete es einige Sekunden und war zuerst entschlossen, das Gespräch nicht anzunehmen, überlegte es sich dann aber anders. Vielleicht war es ja Barberi, der ihm mitteilen wollte, dass sein Zwangsurlaub rückgängig gemacht wurde. Aber es war nicht Barberi.
»Hallo, Commissario, hier spricht Matthias. Ich bin mit Alicia im Archiv des ›Cortanero‹. Wir habe gerade eine interessante Entdeckung gemacht.«
Als Varotto nicht gleich antwortete, fragte Matthias: »Varotto? Sind Sie noch dran?«
»Ja, ich bin noch dran. Aber Sie müssen Tissone von Ihrer Entdeckung berichten. Mich geht das offiziell nichts mehr an …«
Wieder einen Moment Stille, dann: »Was heißt das, Sie geht das offiziell nichts mehr an?«
»Das heißt, dass man mich vom Dienst suspendiert hat. Acht Tote in sechs Tagen und noch kein Ergebnis, das verlangt nach einem Prügelknaben. Wenn Alicia bei Ihnen ist, fragen Sie sie nach der Titelseite ihres Schmierblatts, dann verstehen Sie mich.«
»Ich muss gestehen, ich bin etwas verwirrt, Commissario. Das ist …«
»Ja verdammt, das bin ich auch«, antwortete Varotto. »Hören Sie, ich muss auflegen, die Ampel springt gerade auf Grün um. Kommen Sie zu mir nach Hause, dort können Sie mir alles erzählen. Ich habe noch etwas zu erledigen und warte dann auf Sie. Und bringen Sie Alicia mit. Bis dann.«
Mit grimmigem Gesichtsausdruck beendete er das Gespräch und fuhr los. Der Anruf hatte dafür gesorgt, dass seine Gedanken nicht mehr ausschließlich um seine Beurlaubung kreisten, sondern sich wieder mit den Morden beschäftigten. Ob er nun beurlaubt war oder nicht, wenn Matthias tatsächlich herausgefunden hatte, was hinter der Sache steckte, wollte er es wissen. Zudem hatte er ein paar Takte mit Alicia zu reden. Er glaubte zwar nicht, dass sie direkt damit zu tun hatte, aber es war möglich, dass sie zumindest davon gewusst hatte, und sie würde ihm erklären müssen, warum sie ihn nicht wenigstens vorgewarnt hatte.
Fünfzig Meter vor ihm entdeckte er den Wegweiser. Er setzte den Blinker.
Eine Minute später stellte er den BMW auf dem Parkplatz vor dem Eingang des Friedhofs ab. Nur ein weiteres Fahrzeug parkte dort, ein uralter Alfa Romeo, dessen Lack an unzähligen Stellen rostige Blasen gebildet hatte. Varotto kannte den Wagen. Er gehörte Tommaso, dem Totengräber.
Durch das schmiedeeiserne Tor betrat Varotto einen ungepflasterten Weg, der schnurgerade zwischen den Grabreihen entlangführte. Auf manchen der Ruhestätten erhoben sich große steinerne Engel aus weißem Marmor oder der gekreuzigte, aus grauem Stein gehauene Gottessohn. Er bog nach links in einen schmalen Weg ein.
Wie jedes Mal, wenn er sich ihrem Grab näherte, spürte er auch in diesem Moment, wie eine schmerzliche Sehnsucht ihn durchströmte, die mit jedem Meter, den er zurücklegte, größer wurde. Seine Schritte wurden schneller. Er musste sich beherrschen, nicht einfach loszulaufen.
Endlich stand er davor und vergrub die Hände tief in den Hosentaschen. In der ersten Zeit hatte er sich einige Male dabei ertappt, wie er sich mit gefalteten Händen dem Schmerz hingab. Als ob er beten würde. Beten! Es gab niemanden mehr, zu dem er beten konnte.
In der Mitte der rötlichbraunen Marmorplatte, die das Grab bedeckte, stand in einer Vase ein Strauß weißer Nelken, in denen eine einzelne dunkelrote Rose leuchtete wie der Blutfleck auf einem Hochzeitskleid. Ihre Mutter stellte jede Woche frische Blumen auf das Grab. Immer die gleiche Zusammenstellung. Francesca hatte den Kontrast dieser Kombination geliebt. Das wusste er, obwohl er ihr selten Blumen geschenkt hatte. Viel zu selten. Eigentlich nie. Er hatte Blumen nicht für wichtig gehalten. Warum fielen einem die eigenen Fehler erst auf, wenn man sie nicht mehr ändern konnte? Langsam ging er in die Hocke und strich mit der Hand über die kalte Marmorplatte.
»Francesca«, flüsterte er, »Liebes, schau dir an, was aus mir geworden ist, seit du gegangen bist. Sie haben mich für unfähig erklärt, für psychisch krank. Was soll jetzt werden?« Er wartete einige Sekunden, so als wollte er ihr die Möglichkeit geben, zu antworten, bevor er weitersprach. »Alicia hat sich wieder bei mir gemeldet. Wegen dieser Mordserie, an der ich dran bin. Dran war, muss ich jetzt wohl besser sagen. Zuerst war es mir nicht recht, dass sie plötzlich wieder vor mir stand, aber dann …« Tief atmete er durch. »Ich weiß nicht, was es ist, Francesca. Es … ich freue mich, sie wiederzusehen. Ich meine, sie war unsere Freundin. Da ist es doch normal, dass ich …« Wieder atmete er tief durch. »Ich denke, ich brauche jemanden, der auch eine enge Bindung zu dir hatte. Sie ist …« Mit einem Ruck stand er auf und wischte sich mit beiden Handflächen über das Gesicht. »Ich glaube, du wärst damit einverstanden, dass deine Freundin mir hilft. Bei diesem fürchterlichen Fall und vor allem dabei, nicht ganz zu verzweifeln.«
Er hörte Schritte hinter sich, und als er sich umdrehte, blickte er in das faltige Gesicht einer alten Frau. Aus ihren Augen sprach tiefes Mitgefühl. Wortlos legte sie ihm die Hand auf den Arm, dann ging sie, den Oberkörper ein wenig nach vorne gebeugt, langsam in die Richtung weiter, aus der Varotto gekommen war. Er sah ihr nach und wandte sich dann wieder dem Grab zu.
»Ich werde diesen Fall lösen, Francesca. Auch ohne Kollegen. Ich habe jetzt nur noch diesen Deutschen. Und Alicia.«
Ein letztes Mal strich er ganz leicht mit den Fingerspitzen über den Marmor.
»Ich werde dich immer lieben, Francesca«, flüsterte er.
Ein paar Minuten später lenkte er seinen Wagen in Richtung Via Michele Pironti.