Vatikan. Palazzo Sant’ Ufficio
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Siegfried Kardinal Voigt legte den Brief vor sich auf den massiven Schreibtisch und sah Monsignore Bertoni nachdenklich an, der ihm gegenüber auf einem der schlichten Besucherstühle saß und gerade zum wiederholten Mal mit fahrigen Bewegungen seine Soutane über den Oberschenkeln glattstrich.
Der große schlanke Kardinal wirkte mit seinen kurzgeschorenen eisgrauen Haaren und der für seine 64 Jahre außergewöhnlich glatten, leicht gebräunten Haut wie ein erfolgreicher Manager, der als »Macher des Jahres« das Cover eines Wirtschaftsmagazins hätte zieren können. Böse Zungen behaupteten insgeheim, diese charismatische Ausstrahlung hätte ihm geholfen, bis in die höchsten Ebenen der kirchlichen Hierarchie aufzusteigen; wäre ihm dies je zu Ohren gekommen, hätte er es allerdings weit von sich gewiesen, sah er sich selbst doch nur als demutsvollen Diener Gottes und der Kirche.
Voigt war als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre gleichzeitig auch Präsident der Päpstlichen Bibelkommission und somit Bertonis Vorgesetzter. Der 79-jährige zartgliedrige Monsignore war schon vier Jahre als Sekretär der Kommission unter Voigt tätig. In dieser Zeit hatten sie viele Gespräche geführt, aber der Kardinal konnte sich nicht erinnern, Bertoni jemals so nervös erlebt zu haben. Auch hatte es noch nie ein so frühes Treffen gegeben. Als Voigt um Punkt sieben seine Büroräume betrat, wartete Bertoni schon im Vorzimmer auf ihn und verstieß damit klar gegen die Order des Kardinalpräfekten, ihn nicht vor halb acht zu behelligen. Normalerweise nutzte Voigt die halbe Stunde der Ruhe, um seinen Tag zu planen, manchmal lehnte er sich aber auch nur zurück und ließ den Blick über die Einrichtung seines Arbeitszimmers gleiten. Die meisten der schweren Möbelstücke waren schon sehr alt, und es schien, als ließen sie ihn in diesen morgendlichen Minuten ein wenig an der geheimnisumwitterten Vergangenheit der Kongregation teilhaben, die einst als Sanctum Officium die Menschen in Angst und Schrecken versetzt hatte, ja vor der sich sogar die Päpste gefürchtet hatten. In solchen Momenten kam Siegfried Voigt oft in den Sinn, welch schwere Verantwortung er trug, besonders in Anbetracht der jüngsten Vergangenheit: Sein Vorgänger im Amt des Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Kurt Kardinal Strenzler, hätte die katholische Kirche als neugewählter Papst beinahe in den Abgrund geführt, wenn nicht durch das beherzte Handeln von … Der Kardinal seufzte.
»Monsignore Bertoni, warum, glauben Sie, hat man Ihnen diesen Brief zukommen lassen?«, fragte er mit ruhiger Stimme.
Bertoni zog die Schultern hoch. »Vielleicht, weil der Verfasser sicher sein wollte, dass der Text gleich verstanden wird?« Bevor der Kardinal etwas entgegnen konnte, fügte er schnell hinzu: »Und weil er davon ausgehen konnte, dass ich den Brief natürlich sofort an Sie weitergeben werde.«
Voigt nickte bedächtig. »Und? Was denken Sie über den Inhalt?«
Statt einer Antwort deutete Bertoni auf den Brief und sagte: »Darf ich …?«
Der Kardinal schob das Papier über den Schreibtisch, und Bertoni las den einzigen Satz laut vor, der darauf geschrieben stand:
Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen, und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.
Bertoni ließ das Blatt sinken und wollte schon weitersprechen, doch kam ihm Voigt zuvor:
»Jesaja, Kapitel 53. Aber was hat das zu bedeuten?«
Bertoni zog ein blütenweißes Taschentuch aus seiner Soutane, mit dem er sich den kalten Schweiß von der Stirn wischte.
»Ich weiß es nicht, Eure Eminenz. Wie Sie wissen, beinhaltet das Kapitel 53 mehrere Prophezeiungen; darin geht es um Christi Geburt, sein Leben und seinen Tod. Und dieser Vers hier«, er deutete auf das Papier, »ist der zwölfte und letzte, der Jesu Tod beschreibt. Im Neuen Testament findet sich dazu ein Pendant bei Matthäus 27,38: ›Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken.‹«
Kardinal Voigt runzelte die Stirn. »Aber das erklärt nicht den Sinn der Botschaft. Sie sagten, man habe Ihnen das Schreiben in die Hand gedrückt, als Sie auf dem Weg ins Büro waren?«
Bertoni nickte eifrig. »Ja, Eure Eminenz. Als ich heute Morgen aus der Haustür trat, wartete ein Junge auf mich. Er sagte, eine Straße weiter hätte ihn ein Mann angesprochen und damit beauftragt, und er hätte fünf Euro dafür bekommen. Den Mann konnte er allerdings nicht näher beschreiben, weil er eine Mönchskutte trug mit einer Kapuze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte.«
Gedankenverloren blickte der Kardinal an Monsignore Bertoni vorbei auf das deckenhohe Regal an der gegenüberliegenden Wand. Einige Sekunden saß er so da und schien angestrengt nachzudenken, dann beugte er sich vor und verschränkte die Hände auf der Arbeitsplatte des Schreibtischs.
»Nun gut … Ich denke, wir sollten der Sache keine allzu große Beachtung schenken. Wahrscheinlich war es nur ein harmloser Irrer, der sich berufen fühlt, als Mahner die göttliche Wahrheit zu verkünden. Davon laufen in Rom viele herum.«
Ungläubig starrte Bertoni ihn an. »Aber Eure Eminenz, warum der letzte Vers, der Jesu Tod beschreibt? Und weshalb bekomme ausgerechnet ich diesen Brief? Ich habe da ein ganz ungutes Gefühl, ich …«
Der Kardinal winkte ungeduldig ab. Demonstrativ zog er einen Aktenordner zu sich heran und schlug ihn auf. »Lassen Sie es gut sein, Monsignore. Wir werden nichts mehr von diesem Menschen hören, da bin ich mir sicher.«
Selten hatte sich Siegfried Kardinal Voigt so geirrt.