Vatikan. Apostolischer Palast

37

»Der Heilige Vater will alleine mit Ihnen sprechen.« Kardinal Voigt sah Matthias mit sorgenvollem Blick an. »Es geht um etwas sehr Persönliches. Etwas von großer Brisanz.«

Als Matthias stumm nickte, sah der Kardinal ihm noch zwei, drei Sekunden in die Augen, dann klopfte er an die hohe Tür.

Der Papst saß auf einem mit rotem Samt bezogenen Stuhl vor einem der meterhohen Fenster. Ihm gegenüber hatte sein Privatsekretär gesessen, der sich nun erhob, Matthias freundlich zunickte und wortlos den Raum verließ.

»Bitte, nehmen Sie Platz«, sagte Alexander IX. und deutete auf den Stuhl neben sich.

Matthias küsste den Siegelring des Papstes und setzte sich. Der Papst schloss die Augen und senkte den Kopf, so dass sein Kinn die Brust berührte. So saßen sie sich eine Zeit lang gegenüber. Das Oberhaupt der katholischen Kirche war offensichtlich in ein stummes Gebet vertieft, und da er keine Anstalten machte, das Gespräch zu beginnen, sah Matthias sich in dem Raum um. Staatsmänner aus aller Welt mussten hier schon gesessen haben. Päpste, die Bedeutendes vollbracht hatten. Hatte der Vorgänger von Alexander IX. nach seiner Wahl dieses Zimmer des Apostolischen Palastes noch betreten, bevor er hinaus auf die Benediktionsloggia getreten war, um den tausenden auf dem Petersplatz wartenden Gläubigen zuzuwinken? Bevor er, Matthias, der damals noch den Namen …

»Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind, Bruder Matthias«, unterbrach ihn die Stimme des Papstes, die sich in diesem Moment so brüchig wie die eines Greises anhörte.

Matthias wunderte sich, dass der Papst ihn mit Bruder ansprach, obwohl er besser als jeder andere wusste, dass Matthias nur ein Dauergast in dem Kloster auf Sizilien war.

»Sie erinnern sich noch daran, was ich Ihnen vor zwei Tagen erzählt habe?«, wollte sein Gegenüber wissen.

Matthias nickte. »Ja, Eure Heiligkeit. Sie erzählten mir, dass sich ein Ihnen nahestehender Mensch vor vielen Jahren von der Kirche abgewandt und damit gedroht hat, sich einer Vereinigung anzuschließen, die die katholische Kirche zu Fall bringen würde. Sie wollten von mir wissen, ob ich mir vorstellen kann, dass er sich der Bruderschaft der Simoner angeschlossen hat, die mein …«

Alexander IX. nickte. »Die Erkenntnisse der letzten Tage haben mich zu der Einsicht gebracht, dass ich Ihnen mehr darüber erzählen muss, denn ich kann nicht mehr ausschließen, dass es eine Verbindung zu diesen schrecklichen Ereignissen gibt.«

Matthias spürte, wie sich ihm etwas Dumpfes, Schweres in den Magen legte. Der Papst sah ihm in die Augen und es schien, als wollte er ein letztes Mal darüber nachdenken, ob er sich ihm anvertrauen konnte oder nicht. Dann wandte er den Blick von Matthias ab und starrte aus dem Fenster, vor dem sie saßen.

»Ich bin in Molochio geboren und aufgewachsen, einem kleinen Dorf in Kalabrien. Ich hatte drei Schwestern und einen Verwandten, der bei uns wohnte. Er hieß Niccolò Gatto und war der Sohn einer Cousine meiner Mutter. Seine Eltern waren beide bei einem Unfall ums Leben gekommen und meine Eltern hatten den damals Dreijährigen aufgenommen. Niccolò wuchs mit uns zusammen auf, hatte aber immer das Gefühl, von unseren Eltern nicht so geliebt zu werden, wie sie ihre eigenen Kinder liebten.

Zwei meiner Schwestern starben früh, eine an einem Blinddarmdurchbruch, die älteste ein Jahr später an einer Lungenentzündung. Meine Eltern waren sehr religiös und sahen es als eine Warnung Gottes, dass zwei ihrer Kinder so früh sterben mussten, als einen Hinweis darauf, dass ihre noch lebenden Kinder in den Dienst der Kirche treten sollten, um ihre Seelen zu retten. Zu diesem Zeitpunkt war Niccolò sechs, ich war drei und meine jüngste Schwester anderthalb Jahre alt.

Unsere Eltern taten ab diesem Moment alles dafür, uns für ein Leben im Dienste der Kirche vorzubereiten. Sie zwangen uns zu nichts, aber sie verstanden es trotzdem, uns die Gewissheit zu geben, dass Gott uns dazu berufen hatte, ihm zu dienen. Je älter wir wurden, umso selbstverständlicher wurde das Bedürfnis in uns, unser Leben Gott zu weihen. Niccolò, den wir immer nur Nico nannten, trat als Erster in das Priesterseminar in Cittanova ein, zwei Jahre später folgte ich. Fast zur gleichen Zeit ging meine Schwester Giulia ins Kloster. Der Wunsch unserer Eltern hatte sich erfüllt.«

Der Papst blickte Matthias kurz an, um gleich darauf wieder gedankenverloren zum Fenster hinauszuschauen.

»Lange Zeit verliefen Niccolòs Weg und meiner ganz ähnlich. Ich tat es ihm in allem gleich, als wäre es meine Bestimmung, immer in seine Fußstapfen zu treten. Sogar die Pfarreien, in denen wir anfangs tätig waren, lagen direkt nebeneinander. So verloren wir während der ganzen Zeit nie den Kontakt zueinander, wir sahen uns regelmäßig, zeitweise sogar täglich.

Bis zu dem Abend – mittlerweile waren wir 22 und 25 Jahre alt –, der alles verändern sollte. Es war im Frühling 1949. Nico war einige Monate zuvor zum Priester geweiht worden, und mich hatte man gerade zum Studium an der Gregorianischen Universität zugelassen. Nach all den Jahren, in denen wir den gleichen Weg gegangen waren, stand uns erstmals eine Trennung bevor.

An jenem Abend kam Nico zu mir. Er sah schlimm aus, und ich weiß noch, wie ich gleich dachte, dass etwas Dramatisches passiert sein musste. Noch bevor ich dazu kam, ihn zu fragen, sagte er mir, dass er etwas Unverzeihliches getan habe. Er hatte ein Mädchen kennengelernt und sich in sie verliebt. Nico beteuerte mir, dass er gegen sein Verlangen angekämpft und sich kasteit hätte, letztendlich aber doch verloren hatte. An diesem Tag hatte sie ihm eröffnet, dass sie von ihm schwanger war.« Der Papst schluckte mehrmals, bevor er weitersprach. »Nico wirkte so hilflos, wie ich ihn noch nie zuvor erlebt hatte. Ich hatte das Gefühl, als wäre plötzlich ich der Ältere, der ihn beschützen und ihm helfen musste. Er wollte von mir einen Rat, wie er sich nun verhalten solle.«

Wieder sah Papst Alexander IX. Matthias an, so als wollte er sehen, welche Reaktion seine Worte hervorriefen. Der bemühte sich, ruhig zu wirken. Man sah dem Gesicht des Papstes an, dass das, was er nun zu erzählen hatte, sehr schmerzhaft für ihn war.

 

Sie sitzen sich an dem grob gezimmerten Holztisch gegenüber. Über ihnen eine Hängelampe, deren Licht sich zu den Wänden des kleinen Raumes hin in diffusem Halbdunkel verliert. Nur das monotone Ticken der Wanduhr ist zu hören. In einer Ecke ist mit einem dünnen Vorhang das Bett vom Rest des Zimmers abgetrennt. Eine Kochgelegenheit gibt es nicht, aber das ist auch nicht nötig, denn Massimos Vermieterin, die Witwe Collecci, verpflegt den jungen Geistlichen.

Massimo steht kopfschüttelnd auf und geht zu einem Vitrinenschrank. Die Bodendielen knarren bei jedem seiner Schritte.

»Nico, Nico, was hast du dir nur dabei gedacht!«, sagt Massimo, während er sich bückt und aus dem unteren Teil der Vitrine eine Flasche Landwein hervorholt. Der Korken ist nur leicht angedrückt und fällt herunter, als Massimo sich mit der halb vollen Flasche in der Hand aufrichtet. Er lässt ihn liegen.

»Wie, was habe ich mir dabei gedacht«, erwidert Niccolò Gatto, und seine Stimme klingt verärgert. »Nichts natürlich. Hätte ich meinen Verstand eingeschaltet, wäre es nicht passiert. Aber die Frage ist nicht, was warum geschehen ist, sondern, was ich jetzt tun soll.«

Massimo hat zwei einfache Wassergläser aus der Vitrine geholt und stellt sie nun auf den Tisch, um sie mit dem roten Wein zu füllen. Eines der Gläser schiebt er zu Niccolò hinüber, dann setzt er sich und sieht ihn ernst an.

»Du musst es Bischof Agostinelli beichten, Nico. Das ist die einzige Möglichkeit, deine Seele zu retten.«

Niccolò reißt die Augen auf. »Niemals!« Er beugt den Oberkörper über die Tischplatte. »Massimo! Ich habe das Zölibat gebrochen. Er wird mich exkommunizieren, wenn er davon erfährt.«

Niccolò ergreift das Glas, setzt es an die Lippen und trinkt es aus. Massimo hebt die Schultern. »Das ist nicht sicher. Was du getan hast, ist eine schlimme Sünde, aber ebenso gut kann es sein, dass dir vergeben wird. Eins aber ist sicher: Wenn du es ihm nicht sagst, hast du nicht nur das Zölibat gebrochen, sondern lebst dauerhaft in Sünde und mit der Lüge, denn das Kind wird heranwachsen und du wirst immer wieder in Situationen kommen, in denen du nicht die Wahrheit sagen kannst. Möchtest du das wirklich, Nico?«

Die Augen des Älteren füllen sich mit Tränen, er beginnt zu schluchzen. Mit einer schnellen Bewegung legt er den Arm auf die Tischplatte und verbirgt sein Gesicht darin.

Massimo wartet geduldig, bis das Schluchzen leiser wird.

»Liebst du das Mädchen?«, fragt er dann.

Langsam hebt Niccolò den Kopf und schaut ihn verständnislos an. »Wie kannst du das fragen, Massimo? Glaubst du, ich würde das Gelübde brechen, das ich vor Gott abgelegt habe, wenn ich das Mädchen nicht liebe?«

Massimo nickt. »Dann bleibt nur eins: Du musst aus dem Dienst der Kirche austreten und sie heiraten.«

Niccolò schüttelt energisch den Kopf. »Nein, das kommt nicht in Frage. Mein ganzes Leben lang wollte ich Priester sein!« Er schüttelt mehrmals heftig den Kopf. »Nein, Massimo, es muss auch anders gehen. Ich habe einen Freund, einen ehemaligen Kommilitonen, dessen Eltern haben auf Sizilien einen Bauernhof, sehr einsam gelegen, weit weg vom nächsten Dorf. Ich war einmal für ein paar Tage mit ihm dort. Ich werde sie dort hinbringen. Sie kann mein Kind zur Welt bringen und«

»Nico«, unterbricht ihn Massimo mit sanfter Stimme. »Nico, du hast mir noch nicht einmal gesagt, wie das Mädchen heißt, das dir so viel bedeutet. Warum nicht? Hätte das nicht das Erste sein sollen, das du mir erzählen willst? Ihren Namen?«

»Was redest du? Ich habe es eben vergessen, weil ich durcheinander bin.«

In dem Blick, mit dem Massimo seinen Freund betrachtet, liegt ebenso viel Nachsichtigkeit wie zuvor in seinen Worten.

»Bist du sicher? Oder ist es vielleicht so, dass es gar nicht so sehr das Mädchen ist, auf das es dir ankommt, sondern vielmehr dein Kind?«

Niccolò möchte aufbrausen, hat schon Luft geholt, undbläst sie wieder aus, als er Massimos Blick sieht. Wieder füllen sich seine Augen mit Tränen. Dieses Mal jedoch legt er den Kopf nicht in die Armbeuge, sondern sieht Massimo unverwandt an.

»Ich denke so oft an Lucia, deine, unsere kleine Schwester, die in meinen Armen gestorben ist. Zwei Jahre war sie, gerade mal zwei Jahre jünger als du damals, fast noch ein Baby. Sie hat so fürchterliche Bauchkrämpfe gehabt. Weinend hat sie sich an mich geklammert, weil sie dachte, ich könnte ihr helfen. Aber ich war doch selbst erst sieben, Massimo. Was hätte ich denn tun sollen? Ich war mit euch Kleinen allein zu Hause, deine älteste Schwester Maria war mit euren Eltern auf dem Feld. Lucia starb qualvoll in meinen Armen, erinnerst du dich? Ich werde ihren Blick niemals vergessen, den Blick, bevor sie die Augen geschlossen hat.«

Es bricht Massimo fast das Herz, ihn so verzweifelt zu sehen. Am liebsten würde er ihn jetzt umarmen, doch er weiß, dass Nico das niemals zulassen würde. Nie wieder hatte ihn jemand aus der Familie in den Arm nehmen dürfen seit damals.

»Sie hat so sehr geweint, Massimo. Sie dachte, ich könnte ihr helfen«, flüsterte er noch einmal unter Tränen.

Massimo nickt. »Aber du konntest doch nichts dafür, Nico. Wenn überhaupt jemanden die Schuld traf, dann noch eher meine Eltern, weil sie dich mit uns Kleinen alleine zu Hause gelassen haben. Es geht darum, dass du, ein katholischer Priester, ein Kind gezeugt hast, aus welchen Gründen auch immer. Und dass es keinen anderen Weg für dich geben kann, als dich dem Bischof anzuvertrauen und auf seine Gnade zu hoffen.«

Niccolò springt mit einem Satz auf. So heftig, dass der Stuhl laut polternd umkippt. »Hast du mir nicht zugehört? Hast du nicht verstanden, dass ich das Kind in meinen Armen wissen muss? Für deine Schwester Lucia? Der Bischof würde mir im günstigsten Fall nur verbieten, das Kind und seine Mutter zu sehen. Das geht nicht, Massimo. Es ist mein Kind.«

Als Massimo ihn mit gequältem Blick ansieht, wendet er sich zum Gehen und schlägt die Tür hinter sich zu.

 

»An diesem Abend gingen wir zum ersten Mal in unserem Leben im Zorn auseinander.«

Mit diesen Worten erhob sich der Papst schwerfällig von seinem Stuhl und ging mit staksigen Schritten zu seinem Schreibtisch. Matthias sah ihm die Schmerzen an, die die Bewegungen ihm bereiten mussten. Erst wenige Wochen zuvor hatte er seinen 78. Geburtstag gefeiert, und Matthias hatte gehört, dass er an Arthritis litt.

»Sie haben sicherlich nichts gegen eine Erfrischung einzuwenden«, sagte der Heilige Vater, während er den Telefonhörer abhob und jemanden bat, ihnen Saft zu bringen. Die Glaskaraffe mit der goldgelben Flüssigkeit musste schon bereitgestanden haben, denn Alexander IX. war noch nicht wieder an seinem Stuhl angelangt, als sich schon die Tür öffnete. Der Privatsekretär stellte das Tablett auf dem Schreibtisch ab und rückte dann einen kleinen Beistelltisch vor das Fenster, wo er zwei hohe Gläser füllte, um sich danach mit einem leichten Kopfnicken zurückzuziehen.

Alexander IX. nahm einen kleinen Schluck und stellte das Glas vorsichtig wieder ab.

»Ich habe in jener Nacht kein Auge zugetan. Ich habe hin und her überlegt, habe alle nur erdenklichen Möglichkeiten in Erwägung gezogen, bis ich schließlich gegen Morgen zu einem folgenschweren Entschluss gelangt bin. Vielleicht hätte ich die Entscheidung Nico überlassen sollen. Aber damals sah ich das anders. Ich glaubte, dass Nico nicht dazu in der Lage war, zu sehr quälte ihn wieder sein Schuldgefühl wegen Lucia. Ich sah nur, dass Nico Gefahr lief, sich noch mehr zu versündigen. An der Kirche und vor allem an Gott, dem er doch sein Leben geweiht hatte. Weil er mit einer großen Lüge leben wollte, die zwangsläufig weitere Lügen nach sich gezogen hätte. Und das war für einen Diener Gottes undenkbar.«

Matthias dachte über diese letzten Sätze nach, und ihm war schnell klar, dass sie nur eins bedeuten konnten.

»Sie haben es dem Bischof erzählt, nicht wahr?«, fragte er zaghaft.

Das Kirchenoberhaupt sah ihn an; es schien fast, als hätten die Gedanken an die Geschehnisse von damals die Furchen noch tiefer in sein Gesicht gegraben. »Ja, das habe ich«, sagte er leise. »Und Nico hat mir das nie verziehen.«

Der Papst starrte wieder zum Fenster hinaus. An seinem Gesicht war abzulesen, wie sehr ihn die Schatten der Vergangenheit quälten. Es vergingen lange Minuten, bis er sich in der Lage fühlte, weiterzureden.

»Ich hatte damit gerechnet, dass Bischof Agostinelli nicht begeistert sein würde. Aber niemals hätte ich gedacht, dass er so reagieren würde, wie er es tat.« Er hielt wieder inne und wischte sich mit den Handrücken eine Träne ab, die über die Wange gelaufen war und sich in der tiefen Falte neben dem Mundwinkel verloren hatte. »Er hat Nico suspendiert. Nicht weil er sein Zölibat gebrochen hatte, sondern weil er nicht selbst zu ihm gekommen war.«

Er wartete einen Moment ab, ob Matthias etwas dazu sagen wollte, und fuhr fort, als der ihn nur stumm ansah.

»Sie müssen wissen, dass damals vieles noch strenger gehandhabt wurde als heute. Aber trotzdem – diese Strenge wäre auch zur damaligen Zeit nicht zwingend nötig gewesen. Die Suspendierung noch vor der Priesterweihe war praktisch gleichzusetzen mit dem Ende seines Dienstes in der kirchlichen Laufbahn. Es war klar, dass Nico danach niemals zum Priester geweiht werden würde.«

Der Papst richtete den Blick wieder gegen das Fenster, und Matthias spürte, dass der alte Mann noch seinen bitteren Gedanken nachhing. Mittlerweile faszinierte die Geschichte ihn so sehr, dass er es kaum erwarten konnte, zu erfahren, was aus Niccolò Gatto geworden war. Und was das alles mit den Morden zu tun hatte.

Innerlich aufgewühlt, nach außen hin jedoch völlig ruhig, wartete er, bis der Papst weitererzählte.

»Ich habe Nico danach nur noch ein einziges Mal gesehen, kurz nach seiner Suspendierung. Er hat mir schlimme Vorwürfe gemacht. Ich habe ihm klarzumachen versucht, dass ich ihm nur helfen wollte und dass er auf mich zählen könnte, aber es hatte keinen Zweck. Wir haben uns fürchterlich gestritten. Das Ganze endete damit, dass er mir erklärte, ich existiere ab diesem Tag nicht mehr für ihn. Es sei besser, keinen Freund zu haben, als in der Gewissheit zu leben, dass der Mensch, der ihm fast ein Bruder gewesen war, ein Denunziant sei.« Der Heilige Vater seufzte. »Was dann kam, ist schnell erzählt, denn ich weiß davon nur aus dem Munde Dritter. Nico und das Mädchen, von dem ich bis heute den Namen nicht kenne, zogen nach Sizilien. Nico ist noch vor der Geburt seines Sohnes aus der Kirche ausgetreten, voller Erbitterung über die Ungerechtigkeit, die ihm seiner Meinung nach widerfahren war. Viele, viele Jahre hörte ich nichts mehr von ihm. Dann kamen zwei Briefe. Der erste nach etwa 25 Jahren. Anfang November 1973 – ich war damals Sekretär der Kongregation für den Klerus. Er war hier in Rom aufgegeben worden, der Absender lautete schlicht N. G. Er war mit Schreibmaschine geschrieben, wohl um auch noch den letzten Rest einer persönlichen Bindung zu lösen, und es war der schrecklichste Brief, den ich in meinem ganzen Leben bekommen habe. Nico teilte mir darin mit, dass man seinen Sohn ermordet hatte. Ich sehe seine Zeilen noch vor mir, denn ich habe sie wohl tausendmal gelesen, kenne sie in-und auswendig.«

Er schloss die Augen und atmete einige Male tief durch, bevor er weitersprach.

»›Nachdem Du, Verräter, dafür gesorgt hast, dass man mir meinen Lebensinhalt nahm und die katholische Kirche mich verstieß wie einen Aussätzigen, ist meine Frau bei der Geburt unseres Kindes gestorben. Eurem sadistischen Gott war das jedoch noch immer nicht genug. Nun hat er das Werk vollendet und mir auch noch das Einzige genommen, das mir geblieben war: meinen Sohn. Nachts, im Schlaf, hat ein Handlanger Deines elenden Gottes ihn mit einem Stein erschlagen. Seid Ihr nun zufrieden, Du, Deine Kirche und Euer Gott, der schlimmer ist als alle Teufel, die von Deinesgleichen jemals beschrieben worden sind? Aber ich sage Dir hier und jetzt: Ich werde meinen Sohn rächen, und das allein wird fortan der Inhalt meines Lebens sein. Du, Deine Kirche und Euer sadistischer Gott werdet meine Rache zu spüren bekommen. Auge um Auge, Zahn um Zahn.‹«

Matthias zog eine Augenbraue hoch. »Und der zweite Brief?«

Wieder atmete der Papst tief ein, und es schien, als würde ihm die Beantwortung dieser Frage ganz besonders viel Mühe bereiten.

»Der kam kurz nach meiner Wahl vor vier Jahren. Er enthielt nur zwei Sätze, wieder mit Schreibmaschine geschrieben.

 

Papst! Bist Du Deinem allgütigen Gott nun nahe genug? So wirst Du denn als sein Stellvertreter mit ihm zusammen untergehen.

N. G.

 

Ich wollte, ich könnte Ihnen sagen, was genau er damit gemeint hat. Aber eines weiß ich sicher, und das bereitet mir panische Angst.«

Die Gedanken rasten in Matthias’ Kopf und es fiel ihm schwer, sich auf die Worte des Papstes zu konzentrieren. Zusammenhänge schienen sich herauszubilden und lösten sich wieder auf, bevor sie so klar waren, dass sein Verstand sie fassen konnte. Er sah den Papst fragend an, der nun den Blick senkte und leise sagte:

»Sein Sohn ist am 24. Oktober 1973 ermordet worden. Und in fünf Tagen haben wir den 24. Oktober. Wenn diese furchtbare Mordserie so weitergeht, wird an seinem Todestag die zwölfte Station erreicht sein: Jesus stirbt am Kreuz.«

Matthias rechnete nach.

»Eure Heiligkeit, wie alt genau war Niccolò Gattos Sohn, als er starb?«, fragte er, obwohl er glaubte, die Antwort zu kennen.

»Er muss 24 Jahre alt gewesen sein«, erwiderte der Heilige Vater betrübt.

Matthias schwindelte der Kopf. Die Zusammenhänge lagen klar vor ihm. Er sah den Papst an und konnte in dessen Gesicht die stumme Frage lesen, die er nun beantworten musste, auch wenn sich alles in ihm dagegen sträubte.

»Mindestens zwei der Männer, die für diese Kreuzwegstationen ermordet wurden, waren 24 Jahre alt, Euer Heiligkeit«, erklärte er und bemühte sich dabei, mit fester Stimme zu sprechen. »Und ich fürchte, die anderen werden genauso alt sein, denn die beiden schon identifizierten Opfer sind am gleichen Tag geboren. Am 4. März 1981, an dem es eine große Sternenkonjunktion gab. An …«

»Der Stern von Bethlehem«, unterbrach ihn der Papst und schlug entsetzt die Hände vors Gesicht, als ihm die Zusammenhänge klar wurden. »Allmächtiger, steh uns bei!«, flüsterte er mit tonloser Stimme.

»Eure Heiligkeit«, sagte Matthias so behutsam, wie es ihm möglich war, »könnten Sie mir bitte alles erzählen, was Sie über Niccolò Gatto wissen?«

»Ich weiß nicht viel mehr als das, was ich Ihnen bereits geschildert habe«, antwortete der Papst, und seine Hände zitterten. »Ein Freund aus Kindertagen hatte noch längere Zeit Kontakt zu ihm. In den ersten Jahren hat er offensichtlich auf einem Bauernhof gearbeitet. Was er tat, weiß auch dieser Mann nicht. Die Woche über war er verschwunden und niemand weiß, wohin. Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann.«

»Dieser Bekannte, Eure Heiligkeit, wissen Sie, wo man ihn erreichen kann?«

»Oh, ja, natürlich«, sagte der Papst. »Er lebt sogar hier in Rom. Er heißt Salvatore Bertoni und ist der Sekretär der Päpstlichen Bibelkommission. Er stammt aus Messignadi, einem Nachbarort von Molochio. Nico und er haben als Kinder oft zusammen gespielt und auch während des Studiums viel Zeit miteinander verbracht.«

Matthias war überrascht. »Monsignore Bertoni? Der Mann, dem man die beiden seltsamen Briefe zugesteckt hat?«

»Ja, das ist er.« Der Papst nickte nachdenklich. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht.«

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