Rom. Questura, Via San Vitale 15
17
Das Büro im ersten Stock des Polizeipräsidiums maß gute hundertfünfzig Quadratmeter und diente normalerweise als Unterrichtsraum für junge Polizeibeamte. An den beiden Längsseiten reihten sich voll ausgestattete Arbeitsplätze für jeweils fünf Mitarbeiter aneinander, in der Mitte stand ein langer Konferenztisch.
Als Varotto kurz nach elf das Dienstzimmer betrat, war er versucht gewesen, über das frisch angebrachte Türschild »Sonderkommission Judas« eine spöttische Bemerkung zu machen, verkniff sie sich aber, als er Barberis Miene sah, der mit einem missbilligenden Blick auf die Armbanduhr stumm auf einen Stuhl deutete. Rasch setzte er sich hin. Bis halb elf hatte er in seiner Wohnung Alicia alles erzählt, was er über die Kreuzwegmorde wusste, ihr aber das Versprechen abgenommen, dass sie nichts veröffentlichte, ohne es vorher mit ihm abgesprochen zu haben. Die Reporterin wollte ihre Kontakte im Vatikan nutzen und sehen, was sie dort an hilfreichen Informationen sammeln konnte.
Ihm gegenüber ließ Francesco Tissone, ganz in sich zusammengesunken, den rechten Arm auf der Tischplatte neben einem Stapel Akten liegend, immer wieder einen Kugelschreiber zwischen Daumen und Zeigefinger hindurchrutschen, bis die Spitze mit einem Klick auf der Tischplatte aufschlug. Varotto sah seinen Kollegen verwundert an. Normalerweise saß Tissone bei Besprechungen aufmerksam und kerzengerade am Tisch, den er vorher auf seine Sauberkeit überprüft hatte. Auch Barberi beobachtete Tissone und das mit einem Gesichtsausdruck, der vermuten ließ, dass es nur noch Sekunden dauern konnte, bis eine genervte Bemerkung von ihm kam.
»Warum fangen wir nicht an?«, fragte Varotto.
Der Commissario Capo schüttelte den Kopf. »Du wirst dich schon noch einen Moment gedulden müssen, Daniele. Er wird sicher in wenigen Minuten hier sein.«
Varotto gab noch nicht auf. »Aber wir könnten doch wenigstens schon mal die Dinge besprechen, die der Schwarzrock nicht unbedingt wissen muss.«
»Daniele, er ist kein Priester, das habe ich dir bereits gestern erklärt. Und er muss über alles Bescheid wissen. Das ist ein Befehl des Polizeipräsidenten, und ich erwarte, dass ihr ihn befolgt. Ihr wisst, dass ich den Druck, den ich von oben bekomme, ohne Zögern an euch weitergebe.«
Wieder herrschte Stille, nur unterbrochen vom gleichmäßigen Klicken von Tissones Kugelschreiber.
Zwei Minuten später öffnete sich endlich die Tür, und ein Uniformierter streckte den Kopf durch den Spalt.
»Entschuldigen Sie«, sagte er zögernd, »hier ist ein Signore Matthias für Sie.«
Barberi erhob sich mit Schwung von seinem Platz und ging auf die Tür zu. »Ja, bitte. Wir warten schon auf ihn.«
Auch Varotto war aufgestanden und musterte überrascht den Mann, der in diesem Augenblick den Raum betrat. Er hatte mit einem hageren, vergeistigten älteren Herrn gerechnet, doch der Mann, gekleidet in Jeans, T-Shirt und Sakko, war höchstens Ende vierzig, also etwa in seinem Alter, und sah aus wie ein athletischer Holzfäller. Er selbst war mit seinen 1 Meter 78 schon nicht klein, aber dieser Matthias war noch gute zehn Zentimeter größer als er und hatte hellblonde schulterlange Haare und strahlend blaue Augen.
»Benvenuto, Signore Matthias«, begrüßte Barberi ihn nach Varottos Geschmack ein wenig zu freundlich. »Ich bin Commissario Capo Pasquale Barberi. Wir sind Ihnen äußerst dankbar, dass Sie uns helfen wollen.«
Dann stellte Barberi ihm seine beiden Mitarbeiter vor und forderte ihn auf, an dem großen Tisch Platz zu nehmen.
»Lassen Sie uns keine Zeit verlieren«, begann Barberi. »Nach unserer Besprechung wird die ›Sonderkommission Judas‹ sofort mit der Arbeit beginnen.«
Matthias hob kurz die Brauen, sagte aber nichts dazu.
»Commissario Varotto wird sie leiten«, fuhr Barberi fort. »Der Innendienst untersteht Commissario Tissone. Sie, Signore Matthias, werden sich mit Commissario Varotto zusammentun. Stimmt es, dass Sie uns rund um die Uhr zur Verfügung stehen?… Signore Matthias?«
Matthias zuckte zusammen. Er war mit seinen Gedanken abgeschweift. Die Privataudienz beim Papst ging ihm nicht aus dem Kopf, die Fragen, die der Papst ihm gestellt hatte … Er musste sich davon befreien, sich ganz auf die Aufgabe konzentrieren, die vor ihm lag. Er nickte wortlos.
»Sehr gut. Commissario Tissone, bitte klären Sie Signore Matthias nun über den Stand der Ermittlungen auf.«
Varottos Kollege legte den Kugelschreiber neben den Stapel Akten und setzte sich aufrecht hin.
»Ich gehe davon aus, dass Sie wissen, wie wir die Mordopfer vorgefunden haben. Der Obduktionsbefund der Toten der fünften Station liegt uns inzwischen vor. Dem Jesusdarsteller auf dem Boden wurde mit einer Spritze eine letale Dosis aus Tubocurarinchlorid und Kaliumchlorid injiziert, wie man sie in den USA bei Hinrichtungen verwendet. Bei dem Libyer hat man hingegen viele Einstichstellen gefunden, unter anderem an den Armen, den Beinen, am Hals und am Rücken. Allem Anschein nach hat man ihm eine chemische Substanz in die Venen gespritzt, die, nachdem sie sich im ganzen Körper bis in die letzten Blutgefäße verteilt hat, mit dem Blut wie ein Zweikomponentenkleber ausgehärtet ist und den Toten quasi in eine Statue verwandelt hat.«
»Hat man ihn mit dem gleichen Gift getötet?«, wollte Barberi wissen.
»Dazu wollte ich gerade kommen, Chef«, sagte Tissone. »Ja, das hat man, allerdings muss man ihm wohl vorher noch diese Substanz gespritzt haben. Hätte man ihm zuerst das Gift verabreicht, hätte sein Herz das Zeug nicht mehr im ganzen Körper verteilen können. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie qualvoll der Mann gestorben ist.«
»Er ist also lebend und noch vor dem völligen ›Aushärten‹ in die gewünschte Position gebracht worden …«, murmelte Varotto nachdenklich.
Einen Moment herrschte Stille. Den Männern lief bei dem Gedanken ein Schauer über den Rücken.
»Gänzlich bizarr wurde die Mordserie«, fuhr Tissone schließlich fort, »als Signora Costali gestern dann behauptete, dass das Mordopfer der vierten Kreuzwegstation ihr Sohn sei, der 1989 im Alter von acht Jahren entführt wurde. Das Ergebnis der DNA-Analyse liegt uns mittlerweile vor und hat bestätigt, dass es sich bei dem Toten tatsächlich um Stefano Costali handelt.« Tissone warf Varotto einen kurzen Blick zu und nahm dann ein Blatt von dem Papierstapel neben sich. »Im Durchschnitt werden in Italien pro Jahr etwa dreißigtausend Kinder als vermisst gemeldet. Viele laufen weg, weil sie etwas angestellt haben. Oder sie trauen sich wegen schlechter Schulnoten nicht nach Hause. Die meisten davon tauchen nach kurzer Zeit zum Glück wieder auf. Die Zahl derer, die man gar nicht oder erst sehr viel später findet, liegt bei etwa sechs-bis siebenhundert pro Jahr. Bei einem Teil davon stellt sich heraus, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind. Jedes Jahr bleiben aber auch einige Fälle ungeklärt. Wir haben in unseren Datenbanken und Archiven nachgeforscht, wie viele der 1989 verschwundenen Kinder bis heute nicht wiederaufgetaucht sind und damals etwa sechs bis acht Jahre alt waren. Es waren 71.« Tissone sah von dem Dokument auf. »44 davon waren Mädchen, und sieben Jungen waren dunkelhäutig. Das heißt, es bleiben zwanzig entführte Jungen im entsprechenden Alter. Ich habe hier eine Liste mit den Namen und Adressen der Eltern.« Er griff wieder zum Stapel und reichte Barberi mehrere Bogen Papier. »Wir werden versuchen, die übrigen Opfer mittels DNA-Analyse zu identifizieren.«
»Warum haben Sie nur die Jungen herausgefiltert, die zum Zeitpunkt der Entführung zwischen sechs und acht Jahre alt waren?«, ergriff Matthias zum ersten Mal das Wort.
»Weil die getöteten Männer laut Obduktionsbericht alle etwa gleich alt sind«, erklärte Tissone.
Matthias nickte. »Und gibt es unter den zwanzig entführten Kindern welche, die nicht katholisch waren?«
Tissone sah ihn überrascht an. »Ich … das weiß ich nicht. Darauf haben wir nicht geachtet.«
»Das sollten Sie aber, denn ich glaube, dass die Täter ausschließlich Katholiken für die Rolle Jesu ausgewählt haben.«
»Das ist ja alles schön und gut, aber was ist mit der Tätowierung?«, mischte sich Varotto nun ein, der aufgestanden war und begonnen hatte, im Raum auf und ab zu gehen. »Da kann Bruder Matthias uns dummen Polizisten doch sicher auch weiterhelfen.«
Er warf dem Deutschen einen herausfordernden Blick zu.
»Ein Symbol in der Art, wie Sie es bei diesen Männern gefunden haben, ist mir bei meinen Studien bisher noch nicht untergekommen«, erklärte der nach kurzem Zögern.
Varotto blieb stehen und schüttelte abschätzig den Kopf. »Sie als Experte können uns nichts dazu sagen? Rein gar nichts?«
Matthias sah ihn einige Sekunden mit einem undefinierbaren Blick an, bevor er schließlich erklärte: »Natürlich kann ich Ihnen etwas zu dem Fisch erzählen, der seinen festen Platz in der christlichen Ikonographie hat. Das griechische Wort für Fisch, Ich ThyS, enthält für die Christen eine Art Glaubensbekenntnis: Iesoûs Christós Theoú Hyiós Sÿtér: Jesus der Gesalbte, Gottes Sohn und Erlöser. Man hört immer wieder, dass dieses Bildmotiv bereits von den Urchristen als christliches Erkennungszeichen verwendet worden sein soll, was jedoch historisch nicht belegt ist. Eine weitere Verbindung zum christlichen Glauben findet sich durch sein Element, das Wasser, in der Taufe und der Neugeburt. Auf Taufsteinen, aber auch auf Sarkophagen begegnet man oft dem großen Fisch, in dem Jona drei Tage und drei Nächte verbrachte, bevor er wieder ausgespien wurde und dann in Ninive seine Umkehrpredigt hielt: Jonas Verschlingung und Rettung ist für die Christenheit ein Symbol für den Tod und die Auferstehung Christi.«
Einen Moment herrschte Stille, dann sagte Varotto verächtlich: »Schön doziert, aber wir sind keine Erstsemestler in einem Hörsaal der Gregorianischen Universität, sondern ermitteln in einer Mordserie. Wenn Sie dies berücksichtigen wollen.«
»Das werde ich gerne tun, Commissario«, gab Matthias ungerührt zurück, »wenn Sie bitte berücksichtigen wollen, dass ich kein allwissender Computer bin, der Ihnen beim Drücken der Enter-Taste die gewünschten Informationen und daraus resultierenden Schlussfolgerungen liefert. Ich bin lediglich Ihrer Aufforderung nachgekommen, Ihnen zu erzählen, was mir zu den Symbolen der Tätowierung einfällt. Der Fisch ist ein Teil davon. Mehr nicht. Ich denke, wir sollten unsere Zusammenarbeit mit realistischen Erwartungen und unter fairen Bedingungen angehen. Ich für meinen Teil bin gerne dazu bereit.« Damit streckte er Varotto die Hand hin und sah ihm in die Augen.
Varotto war zu verblüfft, um reagieren zu können. Wie angewurzelt stand er mitten im Raum und starrte auf die hingehaltene Hand. Endlich gab er sich einen Ruck. Fest war ihr Händedruck, und Varotto wurde dabei von einem Gefühl durchströmt, das er nicht recht deuten konnte.
»Sie haben recht«, sagte er beschämt. »Entschuldigen Sie bitte.«
»Nun, ich schlage vor, Sie machen sich an die Arbeit, meine Herren«, mischte sich Barberi ein und stand auf. »Ich werde …«
In diesem Moment klopfte es kurz, und ein junger uniformierter Polizist stürmte herein. Er reichte Varotto ein gefaltetes Blatt Papier.
»Commissario, das ist gerade für Sie abgegeben worden. Vice Commissario Brunetti …«
»Was fällt Ihnen ein, hier einfach so hereinzuplatzen?«, herrschte Barberi den Mann an.
»Entschuldigen Sie bitte«, entgegnete der Polizist nervös. Auf seiner Stirn hatten sich kleine Schweißperlen gebildet, und man sah ihm deutlich an, dass er sich alles andere als wohl in seiner Haut fühlte. »Aber der Text auf dem Blatt … Der Vice Commissario meinte, Commissario Varotto sollte das schnellstens bekommen.«
Varotto hatte die Nachricht schon überflogen und las sie nun laut vor: »Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.«
Matthias atmete hörbar aus. »Denn sie werden Gott schauen: Diese Stelle stammt aus dem Matthäusevangelium. Sie wird gerne in Bezug auf die sechste Station des Kreuzweges zitiert: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch.«
»Jetzt schicken diese Irren mir schon eine persönliche Benachrichtigung! Wo ist der Kerl, der das abgegeben hat?«, herrschte Varotto den Polizisten an.
Der junge Uniformierte nestelte nervös an den Nähten seiner Uniformhose.
»Er ist … weg«, stotterte er. »Wir konnten doch nicht ahnen …«
»Wie?« Varottos Gesicht lief rot an. »Sie lassen sich die erste und einzige Chance, einen Hinweis auf diese Verrückten zu bekommen, entgehen? Sind Sie von allen guten Geistern verlassen? Und wieso drücken Sie mir dieses Beweisstück einfach so in die Hand? Schon mal was von Fingerabdrücken gehört?«
»Es ist gut, Sie können gehen«, mischte sich nun Barberi ein. Erleichtert nickte der junge Mann ihm zu und war mit wenigen Schritten aus dem Büro verschwunden.
»Setz dich, Daniele«, forderte Barberi Varotto nun mit ruhiger Stimme auf. »Passiert ist passiert, auch wenn du hier wie ein Berserker wütest. Darf ich die Nachricht bitte sehen?«
Unverständliche Worte grummelnd legte Varotto das Blatt mit spitzen Fingern vor seinem Vorgesetzten auf den Tisch und ließ sich auf seinen Stuhl sinken. Barberi überflog die Zeilen, dann wandte er sich an Matthias.
»Fällt Ihnen noch etwas dazu ein, Signore Matthias?«
Der schüttelte ratlos den Kopf. »Nein. Es bestätigt nur einmal mehr, dass hinter den Taten eine geheime Organisation stecken muss, die ein bestimmtes Ziel verfolgt. Ein Ziel, das diesen enormen Aufwand über die Jahre hinweg rechtfertigt …«
Es trat ein bedrücktes Schweigen ein. Francesco Tissone begann wieder sein Spiel mit dem Kugelschreiber. Nach dem fünften Klick schlug Varotto mit der Hand auf die Tischplatte.
»Was ist mit der Frau, der Mutter dieses Stefano Costali? Ist sie mittlerweile vernehmungsfähig?«
Tissone hob die Schultern. »Ich kann’s mir kaum vorstellen. Aber ich ruf gleich mal in der Klinik an und …«
»Lass es, ich fahre hin«, unterbrach ihn Varotto, und nach einem kurzen Blick zu seinem Vorgesetzten wandte er sich an Matthias. »Kommen Sie mit?«
»Er wird dich von nun an überallhin begleiten, Daniele«, antwortete Barberi an Stelle des blonden Deutschen. »So lange, bis diese Mordserie gestoppt und aufgeklärt ist.«