Il Castello

57

Das große Holzkreuz lag auf dem sauberen Betonboden. Der massive Längsbalken musste um die drei Meter lang sein. Der junge Mann darauf war nackt, lediglich um die Hüfte trug er einen Lendenschurz. Eine Art Dornenkrone war ihm auf den Kopf gedrückt worden, die langen Haare waren von Blut verklebt. Der linke Arm des Mannes lag auf dem Querbalken, aus seiner blutigen Handfläche ragte ein eckiger Nagel. Auch in die übereinandergelegten Füße war ein dicker Nagel eingeschlagen worden. Der rechte Arm des Mannes dagegen hing schlaff vom Holzbalken herab. Auf dem Boden daneben lag ein großer, eiserner Hammer und ein weiterer, etwa zwanzig Zentimeter langer Nagel.

Der Tote befand sich in einer Art Käfig. In der Mitte des Gitters gab es eine Tür mit einem großen Schloss. Zusätzlich war sie noch mit einer schweren Eisenkette gesichert.

»Wer ist zu so etwas fähig?«, flüsterte Gaetani tonlos. Jegliche Selbstsicherheit schien von ihm abgefallen zu sein.

Matthias merkte, dass Varotto ihn von der Seite ansah. Seine Gedanken begannen zu rasen. Bisher waren alle Toten in Rom gefunden worden. Warum machten diese Wahnsinnigen hier draußen weiter? Die gleichen Gedanken schienen den Commissario zu beschäftigen, der sich nun an den Maggiore wandte.

»Könnten Ihre Leute bitte die Tür aufbrechen?«

Der Maggiore nickte und sagte leise etwas zu dem Carabiniere neben ihm, woraufhin der den Raum verließ. Matthias und Varotto traten ans Gitter.

»Ist dir der Geruch aufgefallen?«, fragte Varotto. »Man hat sich offensichtlich die Mühe gemacht, den Raum mit Kalkmilch zu desinfizieren, bevor man den armen Kerl hier abgelegt hat.«

Matthias antwortete nicht, sondern starrte weiter stumm auf die Szene des Gekreuzigten. Der Geruch war ihm auch aufgefallen. Er war noch nie in der Pathologie gewesen, aber das Ambiente musste dort ganz ähnlich sein. Das kalte Neonlicht hämmerte jedes Detail dieses Todes in seine Seele.

»Eigentlich wäre jetzt die siebte Station an der Reihe«, fuhr Varotto fort. »Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz. Aber das hier ist ja schon beinahe das Ende …«

Endlich riss sich der Deutsche von dem furchtbaren Bild los und sah den Commissario an. »Ja, Daniele, das ist die elfte Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt.«

Mit gerunzelter Stirn starrte der Commissario in den Käfig.

»Bisher ging es immer der Reihe nach. Wenn das hier wirklich die elfte Station ist, dann würde das bedeuten, dass …«Er verstummte, als weigerte er sich, die Ungeheuerlichkeit auszusprechen.

»Das würde bedeuten«, sagte Matthias, »dass es in Rom in dieser Nacht mindestens vier Mordopfer gegeben haben muss … Und dass spätestens morgen die zwölfte Station ansteht.«

»Daniele! Matthias! Was …«

Der spitze Schrei ließ alle erschrocken herumfahren.

»Wer sind Sie?«, blaffte Gaetani.

»Das … das sind die … Kollegen aus Rom«, erklärte der Carabiniere, der hinter Alicia, Tissone und Barberi in den Raum gekommen war und nun wie die drei bleich vor Entsetzen auf den Gekreuzigten starrte.

»Commissario Capo Barberi«, erklärte Barberi und streckte Gaetani die Hand hin. »Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe.«

»Maggiore Gaetani. Solche Einsätze gehören zwar normalerweise nicht zu unseren Aufgaben, aber natürlich helfen wir einem Kollegen aus der Stadt gern aus der Patsche. Und wenn wir so was hier vorfinden«, er deutete auf die Szene hinter dem Gitter, »dann hat sich der Aufwand ja gelohnt. Ich sehe schon die Schlagzeile in den Tageszeitungen: ›Carabinieri von Terni leisten entscheidenden Beitrag bei der Aufklärung der Kreuzwegmorde.‹«

Barberi schnappte nach Luft. Auf seinen Wangen zeigten sich rote Flecken, doch er schaffte es, über die selbstgefällige Bemerkung hinwegzugehen. »Haben Sie den Besitzer des Gebäudes schon verhört?«

»Auf dem Land sind wir zwar schnell und effizient, aber zaubern können auch wir nicht. Hier ist niemand mehr. Die Männer, die hier gehaust und den Sicherheitsdienst engagiert haben, sind spurlos verschwunden, Commissario.«

»Commissario Capo«, berichtigte Barberi und wandte sich an Varotto, der zu Alicia gegangen war, die ihren Kopf an seiner Schulter barg, um die Szene hinter dem Gitter nicht mehr zu sehen.

»Mit dir habe ich noch ein Wörtchen zu reden, Daniele. Glaub ja nicht, dass du mir so davonkommst, auch wenn wir das jetzt auf später verschieben. Und das Gleiche gilt für Sie, Matthias. Ich wundere mich, Sie hier anzutreffen.« Dann deutete Barberi mit dem Kopf zu dem Gitter. »Denkt ihr, das waren dieselben?«

Varotto nickte. »Ich gehe davon aus.«

»Sicher wissen wir es erst, wenn wir seinen Nacken gesehen haben«, sagte Matthias. »Wir haben den Maggiore schon vor einer ganzen Weile gebeten, das Gitterschloss aufzubrechen.«

»Halten Sie sich aus meinen Ermittlungen heraus!«, schnauzte Gaetani ihn an. »Zivilisten haben mir gar nichts zu sagen!«

Varotto bemerkte aus den Augenwinkeln, wie Barberis Wangen sich schlagartig dunkelrot färbten, und wusste in diesem Moment, was nun passieren würde.

»Ihre Ermittlungen?«, schrie Barberi den Maggiore an. »Jetzt habe ich aber die Nase voll. Was denken Sie aufgeblasenes Landei eigentlich, mit wem Sie es hier zu tun haben? Ich bin der verantwortliche Leiter der Sonderkommission, die direkt dem Justizministerium unterstellt ist. Ich berichte dem Minister persönlich! Ich bin Ihnen und Ihren Männern wirklich dankbar, dass Sie mitten in der Nacht hierhergefahren sind, um meinem Kollegen zu helfen, aber das war’s auch schon. Nicht Sie sind den Tätern auf der Spur, sondern wir, meine römischen Kollegen hier und ich. Wenn Sie damit ein Problem haben, können Sie es schriftlich formulieren und bei Ihrem Vorgesetzten einreichen. Ich überlege mir derweil, ob ich den Justizminister von Ihrem Verhalten in Kenntnis setze. Und jetzt lassen Sie endlich dieses verdammte Schloss aufbrechen. Außerdem brauchen wir Polizisten, die hier nicht wie eine Elefantenherde sämtliche Spuren zertrampeln. Sonst noch irgendwelche Fragen, Maggiore?«

Sie starrten sich an, der kleine, bullig wirkende Mann aus Rom mit dem hochroten Gesicht und der glatzköpfige Maggiore aus Terni, und es schien, als fochten sie mit den Augen einen Kampf aus. Es dauerte jedoch nicht lange, bis Gaetani sich abrupt abwandte und zu seinen Männern mit gepresster Stimme sagte: »Wo bleibt das verdammte Brecheisen?«

Barberi atmete durch und sagte zu Tissone, nun wieder völlig ruhig: »Du bleibst hier. Wenn die Tür geöffnet ist, schaust du nach, ob er tätowiert ist. Und achte darauf, dass sonst niemand den Toten anfasst, bis die Spurensicherung hier ist.« Dann verließ er den Raum, gefolgt von Matthias und Varotto, der die immer noch leichenblasse Alicia sanft vor sich herschob.

 

Vor dem Gebäude atmeten alle vier tief die kalte Nachtluft ein. Barberi wandte sich zu Alicia, die leicht schwankend hinter ihnen stehen geblieben war und aussah, als müsste sie sich jeden Moment übergeben.

»Alles in Ordnung?«

Sie nickte wortlos.

Varotto wandte sich an seinen Chef. »Wie haben Sie uns gefunden? Und wieso befinde ich mich in Gefahr?«

»Dazu kommen wir gleich. Jetzt möchte ich zuerst ganz genau wissen, was hier los ist.«

»Also gut.« Varotto zögerte. »Eins muss ich vorher aber noch loswerden: Sie erwähnten eben, dass Ihre römischen Kollegen …«

»Stopp!« Barberi hob die Hand, und Varotto verstummte tatsächlich augenblicklich. »Ich werde mich gleich morgen dafür einsetzen, dass deine Beurlaubung aufgehoben wird. Ich habe zu schnell auf den Druck von oben nachgegeben. Das war ein Fehler. Es tut mir leid. Noch bist du aber offiziell vom Dienst suspendiert. Vergiss das nicht, vor allem, wenn du mit diesem … diesem Maggiore zu tun hast.«

»Danke, Barberi«, antwortete Varotto. »Aber das war nicht, was ich sagen wollte. Ich wollte Sie nur darauf hinweisen, dass es Matthias war, der die entscheidende Entdeckung gemacht und daraus die richtigen Schlussfolgerungen gezogen hat.«

»Nun, Signore Matthias gehört ja ebenfalls zu meinem Team«, wandte Barberi trocken ein. »Was ich sagte, war also korrekt. Und jetzt erzähl mir endlich, was hier passiert ist.«

Varotto hielt seinen Bericht so kurz wie möglich, achtete aber darauf, nichts Wesentliches zu vergessen. Nach knapp zehn Minuten war Barberi im Bilde.

»Bleibt die Frage, warum man eine der Kreuzwegstationen plötzlich in dieses alte Gebäude verlagert hat. Konntest du etwas über den Besitzer in Erfahrung bringen?«

Varotto hob die Schultern. »Nein, bisher noch nicht, doch das sollte mit Hilfe des Maggiore kein Problem sein. Da ist aber noch etwas anderes. Diese Kreuzwegstation … Wenn sie wirklich zu der Serie gehört, haben wir ein Problem.« Varotto warf einen kurzen Blick zu Matthias und bemerkte dabei aus den Augenwinkeln, dass Alicia ein paar Schritte näher gekommen war. »Das ist hier …«

Eine leise klassische Melodie drang aus Barberis Jacke. Mit einem Griff zog er das Handy heraus und hielt es sich ans Ohr.

»Pronto?«

Das Telefonat dauerte nur eine knappe Minute und wurde von Barberi lediglich mit einem Fluch und einem »Wo?« kommentiert, dann verschwand das Telefon wieder im Inneren der Jacke. Varotto hatte das Gesicht seines Vorgesetzten beobachtet. Ihm schwante nichts Gutes.

»Das war Commissario Cileras. Sie haben noch eine Station gefunden, die zweite in dieser Nacht. Drei Tote, ein junger Mann mit der Tätowierung im Nacken und als schmückendes Beiwerk zwei Frauen mit Taschentüchern in den Händen, in einer Seitengasse des Trevi-Brunnens. Die beiden Frauen sind den Kollegen von diversen Razzien auf dem Straßenstrich bekannt. Die Mörder haben die Presse vorher informiert und ihnen gesagt, wo die Toten liegen. Als die Kollegen am Tatort eintrafen, war dort schon die Hölle los. Jetzt hat sich der Polizeipräsident eingeschaltet. Na prima. Wir können also hierbleiben.«

»Nummer acht«, murmelte Matthias. »Jesus begegnet den weinenden Frauen.«

Eine endlos scheinende Weile standen sie da, zu keiner Reaktion fähig. Alicia hatte die Hände vor den Mund gepresst und schluchzte leise.

»Welche Station hat Tissone eigentlich beim letzten Tatort vorgefunden?«, sagte Varotto auf einmal und sah seinen Chef an.

Barberi atmete schnaubend aus und erzählte dem Commissario von dem kleinen Holzkreuz mit seinem Namen und Tissones Vermutung, er könnte in Lebensgefahr sein. Als er damit fertig war, fuhr sich Varotto nervös durch die Haare. Er war leichenblass geworden. »O Mann. Und das hier ist wahrscheinlich die elfte Station.«

Barberi riss die Augen auf. »Die elfte schon? Darauf habe ich überhaupt nicht geachtet. Was haben diese Irren vor?«

»Das weiß ich nicht, aber wir müssen damit rechnen, dass vielleicht nicht erst in fünf Tagen, sondern schon morgen das große Finale stattfinden soll.«

»Wenn wir Glück haben, und nicht schon heute Nacht …«, warf Matthias ein.

»Was meinst du damit?«, fragte Alicia mit zitternder Stimme.

Matthias sah einen nach dem anderen ernst an und zeigte dann hinter sich auf das Gebäude. »Wenn das hier tatsächlich die elfte Station ist, woran ich mittlerweile nicht mehr zweifle, kann es sein, dass auch die zwölfte schon realisiert worden ist.«

»Verdammt! Verdammt!«, platzte es da aus dem Commissario heraus. In seiner Stimme lag ohnmächtige Wut. Mit kleinen schnellen Schritten begann er, vor ihnen auf und ab zu gehen. »Diese elenden Schweine führen uns an der Nase herum, wie es ihnen gerade beliebt. Und wir lassen uns wie die Trottel vorführen und rennen brav überall hin, wo sie uns haben möchten. Wahrscheinlich lachen sie sich gerade halb tot über uns Deppen.« Er war außer sich. »Es ist ja auch zum Totlachen. Während wir wie aufgeregte Hühner in der Gegend herumrennen, um einen Massenmord zu verhindern, der in wenigen Tagen stattfinden soll, bringen diese Schweine gleich heute alle auserwählten Opfer um.«

»Aber vorher fehlen noch zwei Stationen!«, bemerkte Barberi. Es klang wie der trotzige Widerspruch eines Kindes und wollte so gar nicht zu dem stämmigen Mann passen.

Alicia ging zu Varotto und legte ihm die Arme um die Hüfte. Sie wirkte schon wieder viel gefasster. Ruhig sah sie ihn an. »Er hat recht. Noch können wir hoffen, Daniele. Wir haben noch eine Chance.«

Der Commissario stieß ein humorloses Lachen aus. »Ja, ja, die Hoffnung stirbt zuletzt. Im Hoffen bin ich doch ein wahrer Meister.« Mit einem Ruck befreite er sich aus ihrer Umarmung und wandte sich seinem Chef zu. »Wie geht es jetzt weiter?«

»Lasst uns schauen, ob sie unten mittlerweile den Käfig aufgebrochen haben.«

»Ich warte hier«, erklärte Alicia. »Ich möchte das nicht noch mal sehen.«

Matthias, der mit Barberi und Varotto schon ein paar Schritte auf das Gebäude zugegangen war, blieb stehen und wandte sich zu ihr um. »Soll ich bei dir bleiben?«

Die Antwort erübrigte sich, denn in diesem Moment kam Tissone die Sandsteintreppe herauf, dicht gefolgt von dem Maggiore aus Terni.

»Er hat die Tätowierung«, sagte er müde und frustriert, bevor jemand danach fragen konnte. »Verblasst und verwachsen wie bei den anderen.«

»Meine Männer haben sich das Zimmer, in dem das Telefon steht, etwas näher angesehen und dabei einige vielleicht interessante Dinge gefunden.« Gaetani zeigte auf das große Gebäude schräg vor ihnen. »Möchte der Commissario Capo aus Rom diese Dinge vielleicht selbst begutachten, bevor einer von uns Landeiern etwas falsch macht? Die Spurensicherung ist übrigens unterwegs. Der Leichenbeschauer für den armen Kerl da unten ebenso.«

»Es würde mir niemals einfallen, Ihre Carabinieri als Landeier zu bezeichnen«, sagte Barberi. Er machte eine Pause, in der er den Maggiore ansah und dann den Kopf schüttelte. »Maggiore Gaetani, was halten Sie davon, wenn wir das Kriegsbeil begraben? Wir alle haben nicht viel geschlafen und wahrlich Grauenvolles gesehen. Da benimmt man sich manchmal anders, als man es unter normalen Umständen tun würde. Lassen Sie uns konstruktiv zusammenarbeiten.«

Gaetani warf ihm einen nicht zu deutenden Blick zu, nickte dann aber. »Also gut. Vergessen wir’s.«

Matthias sah seine Augen und war sicher, dass der glatzköpfige Mann nichts vergessen würde.

Barberi gab Tissone die Anweisung, mithilfe von Gaetanis Männern die gesamte Sicherheitsmannschaft erst einmal festzunehmen und den Chef zu verhören. Dass er und seine Männer allerdings etwas von der Kreuzwegszene in dem Kellerraum gewusst hatten, hielt Barberi eher für unwahrscheinlich. Danach ging er gemeinsam mit Varotto, Alicia, Matthias und dem Maggiore zum Hauptgebäude.

Das Zimmer war mit etwa vierzig Quadratmetern recht geräumig. Die anderen Schlafräume, an denen sie vorbeikamen, hatten wie Zellen gewirkt, gerade einmal groß genug, dass ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl und eine schnörkellose Kommode darin Platz fanden. Dieser Raum unterschied sich auch in der Einrichtung, denn hier gab es zusätzlich einen massiven Holzschrank, einen schweren Ledersessel, der wuchtig eine Ecke beherrschte, und einen hüfthohen gusseisernen Ofen, dessen Rohr hinter ihm in der Wand verschwand. Er schien Hals über Kopf verlassen worden zu sein: Das Bett war zerwühlt, ein sackartiges dunkelbraunes Kleidungsstück lag auf dem Boden, als wäre es hastig ausgezogen worden, und auf der Kommode flackerten die Flammen zweier dicker Kerzen, die bis auf wenige Zentimeter heruntergebrannt waren.

Varotto, Matthias, Alicia und Barberi waren an der Tür stehen geblieben und sahen sich um. Hinter dem Ledersessel hing ein kleines Gemälde, das Matthias’ Aufmerksamkeit auf sich zog. Ohne den Blick davon abzuwenden, ging er langsam darauf zu.

»Das ist eine der interessanten Entdeckungen, von denen ich eben sprach«, sagte Gaetani. »Sehen Sie sich das Bild einmal genauer an.«

Das Gemälde zeigte die Kreuzigungsszene aus einer sehr ungewöhnlichen Perspektive. Man stand als Betrachter auf einem Berg und sah auf den dornengekrönten Jesus herab, dessen Kreuz einige Meter den Hang abwärts in den Boden gerammt war. Im Hintergrund schimmerte die blaugrüne Wasserfläche eines Sees, an dessen gegenüberliegendem Ufer zwischen üppiger Vegetation winzig klein einzelne Häuser zu erkennen waren. Noch merkwürdiger als die Perspektive der Szene war allerdings die Gestalt am etwas kleineren Holzkreuz, das links neben dem des Gottessohnes aufgestellt war. Aus den Händen und Füßen des Gekreuzigten ragten ebenfalls große Nägel – und er trug die weiße Robe des Papstes.

»Seltsam, was?«, sagte der Maggiore, der hinter Matthias getreten war und das Bild ebenfalls betrachtete.

»Ja«, antwortete der einsilbig.

»Dieser Longa hat Mut. Für so einen Mist sollte man sich besser nicht zu erkennen geben.«

Matthias antwortete nicht. Jetzt erst fiel ihm die Signatur auf, die in der unteren rechten Ecke angebracht war. A. Longa, 20 / 10 / 12 / 00.

Matthias kannte sich mit Malerei wenig aus, war aber trotzdem sicher, den Namen Longa von irgendwoher zu kennen. Hatte er vielleicht schon einmal ein Bild von ihm oder ihr gesehen? Das konnte wichtig sein. Mit der Zahlenkombination, die hinter dem Namen stand, ging es ihm ähnlich. Er spürte ganz deutlich, dass er wusste, was sie bedeutete, aber dieses Wissen schaffte es nicht bis an die Oberfläche seines Bewusstseins. Es würde ihm sicher bald einfallen, aber … Er konnte den Gedanken nicht weiter verfolgen, weil Varotto in diesem Moment aufgeregt rief: »Matthias, sieh dir das hier bitte mal an.«

Er saß auf der Kante des Bettes und hatte ein Blatt Papier in der Hand.

»Das haben meine Männer unter dem Bett gefunden«, erklärte Gaetani. »Sieht aus, als wäre es jemandem heruntergefallen, vor Kurzem erst, denn es lag kein Staub darauf.«

Matthias nahm das Blatt und betrachtete es. Es handelte sich um die Kopie eines alten Schriftstücks mit unregelmäßigen Rändern. Der Text war in einer fremden Sprache geschrieben. Was ihm allerdings zuerst ins Auge sprang, war die kleine Zeichnung in der Mitte des Dokuments. Es handelte sich eindeutig um eine Darstellung der Nackentätowierung.

»Weißt du, welche Sprache das ist und wie alt das Dokument sein könnte?«, fragte Alicia, die zu ihm getreten war.

Matthias starrte fasziniert auf das Papier. Er bekam kein Wort heraus.

»Matthias?«, fragte Varotto nach einigen Sekunden.

Der Deutsche zuckte ein wenig zusammen. »Ähm, ja … Die Sprache. Wahrscheinlich Aramäisch, vielleicht auch Hebräisch. Ich beschäftige mich erst seit Kurzem mit Handschriften, aber ich denke, das Dokument ist in Aramäisch verfasst. Komisch ist jedenfalls, dass die Zeichnung und die Worte unmittelbar darum herum«, er fuhr mit dem Finger einen imaginären Kreis um die Zeichnung nach, »offenbar nachträglich eingefügt wurden.«

Varotto runzelte die Stirn. »Woran siehst du das? Ich kann da überhaupt keinen Unterschied feststellen.«

»Wie gesagt, so gut kenne ich mich mit Handschriften noch nicht aus. Aber die Schrift sieht hier sehr gequetscht aus. Ich kann mich natürlich auch täuschen, aber warum sollte jemand das tun, wenn es während des Schreibens noch genug Platz gab?«

»Hm. Und was steht da?«

»Das kann ich leider nicht übersetzen.«

»Können Sie zumindest abschätzen, wie alt diese Schrift ist?«, wollte Barberi wissen.

»Hm …« Matthias hielt sich das Blatt dichter vor die Augen. »Soweit man es auf dieser Kopie erkennen kann, scheint es sich bei dem Original nicht um Papier, sondern um Leder oder ein ähnliches Material zu handeln, was dafür sprechen würde, dass es schon sehr alt ist. Aber für eine genaue Datierung müsste natürlich das Originaldokument untersucht werden. Eins ist jedenfalls interessant.« Er warf einen kurzen Blick auf das seltsame Gemälde an der Wand und sah dann Varotto an. »Aramäisch ist die Sprache, die Jesus gesprochen hat.«

Bevor der Commissario etwas dazu sagen konnte, war Gaetani neben ihnen und hielt Varotto ein durchsichtiges Tütchen hin, in dem ein etwa fünf Zentimeter breiter hellbrauner Fetzen steckte. An zwei Seiten waren die ungleichmäßigen Ränder verkohlt. Varotto sah es an, nahm es aber nicht in die Hand.

»Was ist das? Sieht aus, als wäre das der Rest von etwas, das verbrannt worden ist.«

Der Maggiore grinste. »Ja, das scheint mir auch so. Wir haben es aus dem Ofen gefischt.« Er deutete hinter sich. »Es lag neben einem Haufen Asche. Der Ofen war übrigens noch leicht erwärmt. Frisch verbrannt also.« Er zeigte mit der freien Hand auf das Blatt in Varottos Hand. »Halten Sie das doch mal mit der Schrift nach oben, waagerecht, so dass ich das Tütchen darauflegen kann.«

Varotto verstand zwar nicht, was das sollte, aber er tat es trotzdem und sah zu, wie Gaetani das Tütchen auf die linke untere Ecke platzierte.

»Fällt Ihnen etwas auf?«, fragte er grinsend.

Matthias, Varotto und Alicia brauchten nur einen Augenblick, um zu verstehen, was der Maggiore meinte. Auch Barberi hatte es sofort gesehen.

»Die Ecke hat genau die gleiche Form wie die des Schriftstücks, das hier abgebildet ist«, sagte er. »Das hier könnte ein Stück des Originalschriftstücks sein.«

Matthias nahm das Tütchen in die Hand und hielt es sich vor die Augen. »Hm … es könnte aus Leder sein. Aber zur Altersbestimmung muss es in ein Labor.« Damit streckte er Barberi das Fragment entgegen. Der nickte und nahm es an sich.

Anschließend wandte Barberi sich an Maggiore Gaetani und bedankte sich, so freundlich er konnte. Er erklärte ihm, dass er sich mit Varotto und Matthias noch ein wenig in dem Zimmer umsehen wolle, und bat Gaetani, in der Zwischenzeit Tissone bei der Vernehmung des Sicherheitschefs zu unterstützen. Als Gaetani zögerte, fügte Barberi hinzu: »Commissario Tissone ist ein fähiger Mann, aber er hat mit Verhören sicher nicht Ihre Erfahrung. Ich denke, dass Sie eher etwas aus dem Mann herausbekommen werden.«

Der Maggiore nickte selbstgefällig. »Darauf können Sie wetten.« Mit zackigen Schritten verließ er den Raum, während Barberi, Varotto, Matthias und Alicia weiter das Zimmer durchsuchten. Es dauerte nicht lange, bis Barberi einen Pfiff ausstieß. »Nun seht euch das mal an …«

Er stand vor dem massiven Schrank und hielt ein kleines stark abgenutztes Ledermäppchen in der Hand, das er in einer der Schubladen gefunden hatte. Auf der Vorderseite waren die Worte Comune di Molochio aufgestempelt. Die Schrift war schon stark verblasst. Darunter stand, deutlich besser lesbar, Carta d’identità und eine vierstellige, handschriftlich hinzugefügte Zahl. Barberi zog den alten Ausweis vorsichtig heraus und klappte ihn auf.

Auf dem vergilbten Schwarzweißfoto lächelte ein gut aussehender junger Mann mit glatt zurückgekämmten schwarzen Haaren über einem sympathischen Gesicht. Darunter befand sich eine krakelige Unterschrift. Deutlich lesbar war das Datum: 3. 4. 1953. Ebenso deutlich waren die meisten der offensichtlich mit Tinte geschriebenen Daten zu lesen, mit denen die linke Seite des alten Passes ausgefüllt war. Zuoberst stand der Nachname Gatto und darunter Niccolò. Die weiteren Zeilen sah Barberi sich gar nicht mehr näher an.

»Sieht so aus, als ob ihr recht hattet.«

»Alle Achtung, Matthias!«, sagte Varotto anerkennend. »Ich gebe zu, ich hatte zwischenzeitlich meine Zweifel, aber jetzt …«

Matthias hörte kaum zu. Er starrte auf den Ausweis, und seine Gedanken kreisten um einen alten Mann in Rom, dessen schlimmste Befürchtungen sich hiermit bestätigten. Er versuchte, den Gedanken abzuschütteln, aber es wollte ihm nicht recht gelingen.

»Warum hat er wohl seinen Ausweis hier zurückgelassen?«, fragte er nachdenklich.

»Er hat mit Sicherheit einen neuen, denn der hier ist schon ewig nicht mehr gültig.«

»Das ist mir klar, aber warum lässt er etwas zurück, das ihn identifiziert?«

»Vielleicht, weil er möchte, dass er identifiziert wird, dass man weiß, wer diese Gräueltaten vollbracht hat?«

Matthias setzte sich auf die Bettkante, stützte die Ellbogen auf den Oberschenkeln ab und verbarg sein Gesicht in den Händen. Lange saß er so da, bis Varotto sich neben ihn setzte.

»Was ist? Worüber denkst du nach?«

Langsam hob Matthias den Kopf und sah ihn gequält an. »Ich dachte bisher, durch meine Vergangenheit hätte ich alle sonderbaren Verhaltensweisen kennengelernt, zu denen Menschen fähig sind, ihre Motivationen. In den letzten Tagen musste ich aber erkennen, dass ich an meine Grenzen stoße.«

»Was meinen Sie damit?«, wollte Barberi wissen. Er griff sich den Stuhl, stellte ihn vor die beiden und setzte sich verkehrt herum darauf.

»Ich verstehe dieses Verhalten einfach nicht«, erklärte Matthias. »Mir fehlt die Logik in dem ganzen. Eine Gruppe entführt fast fünfzig Kinder in einem Zeitraum von rund zwei Jahren. Diese Jungen sind alle am gleichen Tag geboren und haben auch sonst noch einige Gemeinsamkeiten. Schon sie zu finden, muss ein wahnsinniger Aufwand gewesen sein. Dann werden diese Kinder zwanzig Jahre lang gefangen gehalten. Wieder ein enormer organisatorischer und auch finanzieller Aufwand. Und das alles mit dem Ziel, sich mit einem spektakulären Massenmord an Gott oder der Kirche zu rächen. Nun dieser mehr als deutliche Hinweis darauf, wer hinter der Sache steckt. Warum? Wo kommt dieser unbändige Hass her? Nur weil Gatto vor langer Zeit wegen der Schwangerschaft seiner Freundin die Kirche verlassen musste? Reicht diese Verbitterung wirklich aus für all das, was im Moment geschieht? Ich kann es mir einfach nicht vorstellen.« Er atmete einige Male tief durch. »Es gibt auch noch andere Dinge, die ich merkwürdig finde. Warum engagiert er einen privaten Sicherheitsdienst, um das Gebäude bewachen zu lassen? Wenn wir die Szene im Keller finden sollten – und das wollte man mit Sicherheit –, warum dann die Wachen? Und warum ist er mit seinen Helfershelfern so kurzfristig geflohen, wie es den Anschein hat? Warum haben sie die Szene inszeniert, dann aber gewartet, bis wir hier tatsächlich auftauchten, bevor sie flohen? Warum der Ausweis? Warum, warum, warum.«

»Also, was ist dein Fazit, Matthias?«, wollte Varotto wissen.

Bevor Matthias antworten konnte, betrat einer der Carabinieri aus Terni das Zimmer.

»Wir haben gerade einen Anruf von unserer Dienststelle erhalten. Ihre Kollegen aus Rom haben schon ein paar Mal versucht, Sie zu erreichen. Sie möchten sich bitte sofort dort melden.«

»Hier drin haben wir wahrscheinlich keinen Empfang«, sagte Barberi. Er zog das Telefon aus der Hosentasche und warf einen Blick auf die Anzeige, wo ihm ein Symbol zeigte, dass er tatsächlich keine Netzverbindung hatte. Bei der Gelegenheit sah er auch, dass es schon fast halb sechs am Morgen war. Er verließ den Raum und ging nach draußen.

Knappe zwei Minuten später war er zurück. Sein Gesicht war bleich. Wortlos ging er zu dem Bett und setzte sich auf die Kante.

»Was ist los?«, fragte Varotto. »Sie sehen aus, als wäre Ihnen ein Geist begegnet.«

»Schlimmer als das. Wir müssen sofort nach Rom zurück. Ein Hubschrauber ist schon unterwegs.«

Varotto brauchte nur einen Moment, bis ihm klar wurde, was das zu bedeuten hatte.

»Eine weitere Station?«, fragte er.

Barberi sah zu dem Carabiniere hinüber, der ihm die Nachricht von dem Anruf aus Rom überbracht hatte. »Würden Sie uns bitte alleine lassen?«

Es klang so, als würde ihm jedes Wort schwerfallen. Der Mann nickte kurz, machte zackig kehrt und verschwand. Sowohl Matthias als auch Varotto sahen Barberi an.

Seine Stimme war so leise, als er schließlich sprach, dass er fast nicht zu verstehen war.

»Der Papst. Er ist seit vier Uhr spurlos verschwunden.«

Castello Cristo
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