Rom. Questura, Via San Vitale 15

44

Barberi befand sich noch im Einsatzraum der »Sonderkommission Judas« in der ersten Etage. Commissario Tissone ließ sich auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch des Commissario Capo nieder. Er wollte versuchen, seinen Chef dazu zu bewegen, Daniele zurückzuholen. Realistisch betrachtet, hatte er, Tissone, nämlich nicht den Hauch einer Chance, die Täter zu schnappen. Ihm fehlte die Erfahrung – die er nun ausgerechnet mit dieser schrecklichen Mordserie sammeln sollte. Die Ermittlungsarbeiten standen im Blickpunkt der Öffentlichkeit, und der Druck wuchs stündlich.

Tissone kannte Daniele Varotto lang genug, um beurteilen zu können, wie sehr Francescas Tod ihn aus der Bahn geworfen hatte. Seit Daniele wieder im Dienst war, hatte er oft genug miterlebt, wie sein Kollege urplötzlich von Panik erfasst wurde und nicht mehr in der Lage war, angemessen zu reagieren. Er wusste von seinen Schlafproblemen und den Albträumen, die ihn fast jede Nacht quälten. Und trotzdem war Daniele der beste Polizist, den die Abteilung Kapitalverbrechen hatte. Er hatte einen ausgeprägten kriminalistischen Spürsinn, der ihn kritische Situationen intuitiv richtig einschätzen und Spuren erahnen ließ, die sonst keiner sah.

Tissone warf einen Blick zur geöffneten Tür. Er war nervös. Hoffentlich kam Barberi bald. Der Tag ging dem Ende zu, und sie waren noch keinen Schritt weitergekommen. Sie hatten aber auch noch keinen Hinweis auf eine neue Station des Kreuzwegs erhalten. War die Mordserie zu Ende? Oder warteten die Täter erst einmal ab? Wahrscheinlich haben sie mitbekommen, dass ich die Ermittlungen übernommen habe, und sind deshalb vorsichtiger geworden, dachte er in einem Anflug von Galgenhumor, schüttelte aber gleich den Kopf über sich selbst.

Seine Augen wanderten zur Wand hinter dem Schreibtisch, wo Barberis Ernennungsurkunde zum Commissario Capo in einem mattsilbernen, schnörkellosen Rahmen hing, der so gar nicht zu dem kitschig-goldenen Rahmen der Bildes daneben passte, das schon älteren Datums war. Es zeigte Barberi mit stolzgeschwellter Brust als jungen agente in Uniform. Gleich darunter war das obligatorische Familienfoto zu sehen. I signori Barberi, glücklich lächelnd, vor sich die beiden hübschen, acht und zehn Jahre alten Töchter in ihren schönsten Kleidern, herausgeputzt wie zum sonntäglichen Kirchenbesuch. Francesco verzog das Gesicht. Er war Junggeselle. Anfänglich dachte er, dass er einfach noch nicht die passende Frau gefunden hatte. Mittlerweile aber pflegte er diesen Status aus Überzeugung. Jedes Mal, wenn er in der Vergangenheit eine Frau kennengelernt hatte, stellte sie sich entweder als verschwenderisch oder – was noch viel schlimmer war – als schlampig heraus. Er dachte an Simona, seine letzte Bekanntschaft. Anfang vierzig, bildhübsch, reich geschieden, keine Kinder. Doch schon in der ersten Nacht, die sie mit ihm verbrachte, stellte sich seine Hoffnung, endlich das große Los gezogen zu haben, wieder einmal als großer Trugschluss heraus. Bevor sie sich wieder anzog, hatte sie seine Dusche benutzt. Als er nach ihr das Badezimmer betrat, hatte ihn fast der Schlag getroffen. Das Badetuch lag auf dem Boden, direkt daneben waren noch die Abdrücke ihrer Füße auf den dunklen Fliesen zu sehen. Unzählige Tropfen liefen langsam die Glaswände der Duschkabine hinab, obwohl der Gummiabstreifer deutlich sichtbar in der Kabine hing. Tropfen, die Kalkstreifen hinterlassen würden, die man nur mit allergrößter Mühe wieder wegbekam. Wutschnaubend hatte er sie zur Rede gestellt und gefragt, ob sie immer so schlampig sei. Ungläubig hatte sie ihn angestarrt, dann wortlos ihre Tasche gepackt und die Tür hinter sich zugeschlagen. Nein, die Frauen und Francesco Tissone schienen nicht zusammenpassen zu wollen. Obwohl es sicher wunderbar war, Kinder zu …

»Entschuldige, es ging nicht schneller.«

Tissone schrak zusammen. Sein Chef war mit schnellen Schritten hereingekommen und ließ sich nun auf seinen Schreibtischstuhl fallen.

»Lass es uns kurz machen, Francesco. Ich weiß, warum du hier bist. Und glaub mir, ich wünschte wirklich, ich könnte Daniele zurückholen. Aber mir sind in diesem Fall die Hände gebunden.«

»Nur weil eine Zeitung diesen an den Haaren herbeigezogenen Mist über ihn verzapft hat? Es steht doch wohl außer Frage, dass Daniele einer unserer besten Männer ist, der sich nichts, aber auch rein gar nichts zuschulden hat kommen lassen! Ich kann nicht verstehen, warum Sie ihn nicht einfach weiterermitteln lassen.«

Barberi schnaufte. »Du verstehst es offensichtlich wirklich nicht. Ich habe den Befehl, ihn vom Dienst zu suspendieren, von ganz oben bekommen. Da ist kein Raum für Diskussionen.«

»Aber …«

»Nein, Francesco, Schluss damit. Kümmere dich lieber um diese verdammte Mordserie, bevor noch ein weiterer Journalist auf die Idee kommt, über dich oder mich herzuziehen.«

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