Rom. Questura, Via San Vitale 15
24
Daniele Varotto schob die Computertastatur zur Seite und lehnte sich mit einem tiefen Seufzer zurück. Er warf einen Blick auf die Uhr. 18 Uhr 30. Vielleicht hatte Alicia inzwischen etwas in Erfahrung gebracht, das ihnen weiterhalf. Sie konnten es dringend gebrauchen. Doch noch bevor er zum Hörer greifen konnte, um ihr zu sagen, dass sie sich in einer Stunde bei ihm zu Hause treffen könnten, klopfte es, und Matthias betrat das Büro.
»Herein«, sagte der Commissario, als der Deutsche sich bereits auf den Stuhl ihm gegenüber gesetzt hatte. Matthias reagierte jedoch nicht.
»Na, Bruder Matthias? Darf ich den Fall mit Gottes Hilfe bald als gelöst betrachten?«, fragte Varotto voller Spott. »Hatte einer Ihrer Kirchenfürsten eine göttliche Erleuchtung?«
Wie schon einmal an diesem Tag spürte Matthias Ärger in sich hochsteigen. Dieses Mal jedoch ignorierte er das Gefühl nicht.
»Commissario, ich weiß nicht, was Ihnen in Ihrem Leben passiert ist, aber ich denke, es muss etwas sehr Schlimmes gewesen sein, was Sie so zynisch hat werden lassen. Im Grunde genommen kann es mir egal sein, denn ich sehe es ganz bestimmt nicht als meine Aufgabe an, einen an Zynismus krankenden Polizisten in die Arme der Kirche zurückzubringen.«
»Ach …«, setzte Varotto an, doch Matthias blitzende blaue Augen ließen ihn gleich wieder verstummen.
»Ich bin noch nicht fertig, Commissario. Es ist mir ziemlich egal, ob Sie an Gott, an Ihren Polizeiausweis oder an gar nichts glauben. Problematisch wird die Situation alleine dadurch, dass ich dazu verdammt bin, Ihnen beizustehen, bis diese Mordserie aufgeklärt ist. Da Sie und Ihre Kollegen aber offensichtlich seit Tagen nichts anderes tun, als von einem Tatort zum nächsten zu hetzen und seitenlange Berichte darüber zu schreiben, hege ich ernsthafte Zweifel daran, dass dies bald geschehen wird. Deshalb bitte ich Sie inständig, sich zusammenzureißen; denn ganz egal, wie tief Ihre seelischen Wunden sind, es berechtigt Sie nicht, sich über das lustig zu machen, was mir wichtig ist und woran ich glaube.«
Nach den letzten Sätzen des Deutschen senkte Varotto zerknirscht den Kopf.
»Commissario, ich mache Ihnen einen Vorschlag«, erklärte Matthias daraufhin mit milder Stimme. »Erzählen Sie mir, wie es dazu kam, dass Sie kein Gottvertrauen mehr haben, reden Sie es sich von der Seele. Hinterher wird es sicher nicht mehr so furchtbar schmerzen, wie es das jetzt noch tut. Wenn diese schlimme Sache durchgestanden ist, werden wir uns gewiss nie wiedersehen. Ihr Geheimnis wird bei mir gut aufgehoben sein, das verspreche ich Ihnen.«
Nun hob Varotto den Kopf und sah ihn an. »Vielleicht werde ich das sogar irgendwann tun. Jedenfalls danke für die kleine Standpauke eben. Sie haben recht, ich habe ein Problem mit Gott und der Kirche, aber Sie können in der Tat nichts dafür. Entschuldigen Sie bitte. Was die Berichte angeht, so gehört das leider wirklich zu meinen Aufgaben, aber es soll uns nicht daran hindern, an dem Fall weiterzuarbeiten. Ich wollte gerade die Vatikanreporterin des ›Cortanero‹ anrufen, eine alte Bekannte. Sie hat heute ihre Quellen angezapft. Vielleicht hat sie etwas Brauchbares herausgefunden. Wir wollten uns bei mir treffen. Kommen Sie mit?«
Matthias’ Gesicht verzog sich zum ersten Mal an diesem Tag zu einem leichten Lächeln.
»Gerne.«