Rom. Questura, Via San Vitale 15

29

»Ja, Daniele, ich werde es ihm ausrichten«, sagte Francesco Tissone und nickte dabei bekräftigend, als könnte Varotto ihn durch den Hörer sehen. Als er aufgelegt hatte, sah er zuerst den Beamten an, der entdeckt hatte, dass die beiden Toten am gleichen Tag geboren waren, und dann den blonden Deutschen.

»Commissario Varotto bittet Sie, herauszufinden, was für eine Bewandtnis es mit diesem 4. März hat. Er möchte wissen, ob dieser Tag eine wichtige Rolle im Kirchenjahr spielt.«

»Hat er das so gesagt?«, fragte Matthias, wobei er sich das Lachen kaum verkneifen konnte.

Tissone zögerte einen Moment, dann schüttelte er verlegen den Kopf. »Nein, nicht genau so.«

Matthias sah Tissone auffordernd an, bis der schließlich murmelte: »Sag diesem von Gott gesandten ›Experten‹, dass er mir bei meiner Rückkehr erklären soll, was es mit dem Datum auf sich hat. Wenn er das nicht kann, soll ihn der Teufel holen.«

Zu Tissones Überraschung wurde Matthias nicht wütend. Er nickte einfach nur, als hätte er gerade die Bestätigung für etwas bekommen, das er schon lange wusste, und sagte: »Spontan fällt mir nichts dazu ein, aber ich mache mich sofort auf den Weg in die Vatikanische Bibliothek. Richten Sie Commissario Varotto bitte aus, dass ich ihn anrufen werde.«

Damit wandte er sich ab und verließ den Einsatzraum der »Sonderkommission Judas«.

Noch während er die Marmortreppe hinunter ins Erdgeschoss ging, zog er sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und wählte die Nummer von Alicia Egostina. Als die Reporterin abhob, trat er gerade ins Freie und sah sich nach einem Taxi um.

»Hallo Alicia. Hier spricht Matthias. Störe ich?«

»Nein, ich bin gerade in der Redaktion und versuche im Internet etwas über diese seltsame Tätowierung herauszufinden. Gibt es etwas Neues?«

»Das kann man wohl sagen«, antwortete er und erzählte in wenigen Sätzen, was er Minuten zuvor erfahren hatte. Er konnte deutlich hören, wie sie die Luft einsog, als er das Geburtsdatum der beiden Männer erwähnte.

Als er seinen Bericht beendet hatte, sagte sie sachlich: »Die Mörder haben also ganz bewusst den Hinweis gegeben und spielen mit der Polizei.«

»Oder mit der Kirche«, vervollständigte Matthias, während er auf der anderen Seite der Leitung das typische Klicken einer Computertastatur vernahm. Offensichtlich gab sie etwas ein.

Nach einer kurzen Pause las sie leise vor: »U2-Konzert in Philadelphia, Internationales Abkommen Costa Rica, Attaché für Arbeitsangelegenheiten in Paris ermordet …«

»Was zählen Sie da auf?«, fragte Matthias, der sich das freie Ohr zugehalten hatte, weil er sie fast nicht verstehen konnte.

»Ich habe das Datum in eine Suchmaschine eingegeben«, erklärte sie. »Aber was ich hier sehe, hat sicher nichts mit der Mordserie zu tun. Was haben Sie jetzt vor?«

»Ich fahre mit dem Taxi wieder in den Vatikan. Dort werde ich in der Bibliothek versuchen, etwas über den 4. März herauszubekommen.«

»Wenn Sie ein paar Minuten warten, hole ich Sie ab«, schlug Alicia vor. »Dann können wir gemeinsam die Bücher wälzen. Das erhöht unsere Chancen auf Erfolg.«

Matthias zögerte einen Moment. »Ich weiß nicht, ob …«

»Das ist überhaupt kein Problem«, unterbrach sie ihn. »Ich war schon öfter in der Vatikanischen Bibliothek. Ich habe dort freien Zugang.«

»Wenn das so ist, warte ich hier auf Sie.«

Nachdem die Reporterin versichert hatte, nur wenige Minuten bis zur Questura zu benötigen, beendeten sie das Gespräch. Während Matthias das Telefon in der Hosentasche verstaute, wunderte er sich über die guten Kontakte, die die junge Frau im Vatikan haben musste. Seine Gedanken blieben jedoch nur kurz bei Alicia, dann wanderten sie weiter zu Varotto. Matthias konnte sich selbst nicht erklären, warum, aber er mochte den Commissario. Obwohl der sich wieder einmal missbilligend über ihn geäußert hatte. Der Mann hatte anscheinend wirklich ein ernsthaftes Problem mit Gott, dass er seinen Groll auf jeden ausdehnte, der irgendeine besondere Beziehung zur Kirche hatte. Alicia hatte ihm erzählt, dass Varotto früher sehr gläubig war. Was aber geschah mit einem menschlichen Geist, der mit einem Mal das hassen musste, was sein ganzes vorheriges Leben, seine Wertvorstellungen geprägt hatte? Konnte sein Verstand gesund bleiben? Das brachte Matthias vom Commissario weg und zu den Morden hin. Er fühlte sich hilflos. Es war so gänzlich anders als damals. Damals wusste er genau, wer der Täter war, und sein Antrieb war sein Hass auf ihn gewesen. Damals kannte er dessen nächste Schritte, er brauchte ihm nur zuvorzukommen. Einen kurzen Moment schienen seine Gedanken gänzlich auszusetzen, wie in einem Funkloch. Was wusste er bisher? Nichts, außer dass zwei der Toten am gleichen Tag geboren waren. Waren es die einzigen, die …?

Matthias drehte sich um und betrat noch einmal die Questura. Einige Minuten hatte er sicher noch Zeit, bis Alicia kam.

In der Einsatzzentrale stand Tissone noch immer bei dem Polizisten, der die übereinstimmenden Geburtsdaten entdeckt hatte. Mit schnellen Schritten war Matthias bei den beiden.

»Sie müssen die Daten der Vermissten noch einmal auswerten.« Als die Männer ihn verständnislos ansahen, erklärte er: »Ich bin mir fast sicher, dass alle Toten das gleiche Geburtsdatum haben. Und ich glaube, dass man möchte, dass wir das wissen, wenn ich auch noch nicht verstehe, warum. Suchen Sie bitte nach vermissten Jungen römisch-katholischen Glaubens mit dem Geburtsdatum 4. März 1981. Wann sie entführt wurden, ist vorerst egal.«

Tissones Augen leuchteten nur kurz auf, er schien Zweifel zu haben. »Wir wollten mit den Datenbankrecherchen eigentlich warten, bis wir das Ergebnis der DNA-Probe haben, die Daniele mitbringt. Um sicher zu gehen. Was, wenn sich herausstellen sollte, dass der Tote gar nicht der damals entführte Junge ist und nur durch Zufall ein ähnliches Muttermal hat?«

Matthias betrachtete ihn ruhig. »Zufall? Er wurde am gleichen Tag geboren wie das andere Opfer und hat das gleiche außergewöhnliche Muttermal wie ein Junge, der vor etwa zwanzig Jahren entführt wurde.«

Tissone schwankte kurz, dann nickte er. »Also gut. Und Sie denken, das Entführungsdatum spielt keine Rolle?«

Matthias nickte. »Das vermute ich jedenfalls. Wenn sich herausstellt, dass noch andere der getöteten Männer am gleichen Tag geboren wurden, wissen wir definitiv, dass das Kriterium nicht das Jahr der Entführung ist, sondern der Tag ihrer Geburt. Aber jetzt muss ich los.«

 

Alicia steckte entweder irgendwo im Verkehr fest, oder aber sie war noch eine Runde um die Questura gefahren, weil die wenigen Parkplätze vor dem Gebäude alle besetzt waren. Matthias lehnte sich mit dem Rücken gegen die Hauswand.

Als hätte sie darauf gewartet, fuhr die Journalistin nur Sekunden später vor und hupte zweimal.

»Entschuldigen Sie«, sagte sie, als er einstieg, »es hat doch ein paar Minuten länger gedauert.«

»Das macht nichts, mir war auch noch was eingefallen, was ich mit Commissario Tissone besprechen musste; ich bin eben erst wieder herausgekommen.«

Während sie ihren kleinen Wagen geschickt in den Verkehr auf der Via Nazionale einfädelte, erzählte Matthias ihr von seinem zweiten Besuch bei der Sonderkommission an diesem Vormittag.

»Sie glauben also«, sagte sie, als Matthias geendet hatte, »dass das Geburtsdatum eine besondere Bedeutung hat?«

»Wäre der Tote mit dem Muttermal am gleichen Tag, aber nicht im selben Jahr geboren, käme es vielleicht nur auf den Tag und Monat an«, antwortete er, »so aber … Alicia, irgendwas sagt mir, dass sich alles um genau diesen Tag im Jahr 1981 drehen muss.«

Sie nickte, warf einen Blick in den Rückspiegel und bog dann so abrupt in eine kleine Seitenstraße ein, dass Matthias mit dem Kopf gegen die Seitenscheibe knallte. Es kam jedoch kein Fluch über seine Lippen.

»Wo fahren Sie hin, Alicia?«, wollte er nur wissen.

Die Journalistin wunderte sich einmal mehr darüber, dass es offenbar nichts gab, was diesen Mann aus der Ruhe brachte.

»Ich verspreche Ihnen«, sagte sie in einem Ton, der bestimmend klang, »wenn ich falsch liege, bringe ich Sie in die Vatikanische Bibliothek und bleibe mit Ihnen so lange dort, bis wir etwas gefunden haben. Aber begleiten Sie mich bitte zuerst in die Redaktion.«

»In die Redaktion? Warum?«

»Weil der 4. März 1981 gerade mal gute 24 Jahre her ist. Und was damals war, erfährt man nicht aus den staubigen Büchern der Vatikanbibliothek, sondern aus dem Archiv einer Tageszeitung.«

Matthias’ Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. »Gut, also dann in die Redaktion«, sagte er und blickte sie anerkennend an. »Das ist eine gute Idee.«

Dann richtete er den Blick wieder nach vorne, und noch während er den Kopf drehte, verschwand jede Spur dieses Lächelns aus seinen Zügen. Der oder die Täter hatten zwei Jungen, die am gleichen Tag geboren worden waren, entführt und zig Jahre später dann getötet. Warum? Er hätte nicht erklären können, wie die Assoziation zustande kam, aber vor seinem geistigen Auge tauchte auf einmal eine der Schlüsselstellen des Neuen Testaments auf. Matthäus 2,16: »Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte.«

Die beiden Jungen waren zwar bei ihrer Entführung älter als zwei gewesen, aber Matthias hatte sich angewöhnt, solche Eingebungen ernst zu nehmen. Da sie in diesem Moment aber auf den Parkplatz des Zeitungsverlags einbogen, kam er nicht dazu, gründlich darüber nachzudenken.

Es sollte lange dauern, bis er wieder die Ruhe dazu haben würde.

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