8 Uhr 25. Rom. Redaktionsgebäude des ›Il Cortanero‹
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»Das ist ja wirklich unglaublich! Auch wenn die Story jetzt schon auf allen Kanälen läuft – wir bringen das morgen auf der ersten Seite. Es ist nicht zu fassen. Da krebst man wochenlang herum und hat keine vernünftige Geschichte für die Titelseite, und plötzlich kommt eine, die hat den Stoff für zehn. Ich möchte, dass du an dieser Sache dranbleibst. Recherchiere die Hintergründe. Das ist der absolute Knaller. Ich seh schon die Schlagzeilen! Wir werden garantiert doppelte Auflage fahren.«
Alicia drückte ihre Zigarette aus und betrachtete ernst das ebenmäßige, leicht gebräunte Gesicht ihres Chefs.
»Ich werde keinen Zirkus daraus machen, Vincenzo.«
Azzani, der es nach vielen erfolglosen Versuchen aufgegeben hatte, mit Alicia zu flirten, beugte sich nach vorne. »Alicia, nur wir haben diese Story aus erster Hand, weil du als einzige Reporterin in diesem Castello warst. Das ist ein Glücksfall und gleichzeitig deine Chance für eine ganze Serie von Titelseiten. Mach das jetzt nicht kaputt.«
Sie verdrehte die Augen und blickte sich in dem Büro um, als würde sie sich langweilen. Ihr Blick wanderte an den geöffneten Schränken vorbei, in denen ein unvorstellbares Chaos aus Zeitungen und Dokumenten herrschte, streifte kurz das Familienbild im gebürsteten Aluminiumrahmen und kehrte dann wieder zu den braunen Augen zurück, die sie die ganze Zeit über musterten.
»Bevor du mir nicht erzählst, wie dieser bescheuerte Artikel über Commissario Varotto zustande gekommen ist, bekommst du keine Story. Und fang mir jetzt nicht wieder damit an, du wüsstest nichts. Wer aus dem Vatikan hat angerufen?«
Er hob die Schultern. »Wieso aus dem Vatikan? Das habe ich nie gesagt.«
»Nun hör schon auf. Du sagtest, ein einflussreicher Mann hätte angerufen, und du sagtest auch, Signore Manieri hätte sich gewundert, was alles im Namen Gottes geschehe.«
Azzani ließ sich in seinem Sessel zurückfallen und verschränkte die Hände vor dem Bauch.
»Also gut. Ich erfülle gerne die Wünsche von schönen Frauen, wenn es mir möglich ist.«
Alicia hielt sich die Hand vor den Mund und tat so, als würde sie gähnen, wovon ihr Gegenüber sich aber nicht beeindrucken ließ.
»Du hast recht, ich weiß, warum Manieri den Artikel haben wollte. Nicht weil er es mir gesagt hat, sondern weil ich einige Hintergründe kenne, die dich wahrscheinlich überraschen werden. Ich habe es dir nicht gesagt, weil ich ihr Andenken nicht beschädigen wollte, aber du hast andererseits auch ein Recht darauf, es zu erfahren. Es geht um deine verstorbene Freundin und Kollegin Francesca.«
Francesca? Alicia horchte in sich hinein. Sie wusste nicht, welche Reaktion sie erwartet hatte, aber dass sie nichts fühlte, außer dass ihr Herzschlag sich ein wenig beschleunigte, wunderte sie doch.
Azzani sah sie eine Weile an, als versuchte er abzuschätzen, ob sie verkraften würde, was er ihr zu sagen hatte, dann fuhr er fort: »Es ist schwer zu erklären; Alicia … Francesca war vielleicht nicht immer so, wie du sie gekannt hast. Weißt du, sie hatte wohl das Bedürfnis …«
»Komm zum Punkt, Vincenzo«, unterbrach Alicia ihn mit unbewegtem Gesicht.
»Also … sie hatte ein Verhältnis mit Signore Manieri, bevor sie und Varotto sich kennengelernt haben. Sie hat Manieri erst verlassen, als sie den Commissario schon einige Zeit kannte.«
Das überraschte Alicia lange nicht so sehr, wie ihr Chef das vermutet hatte. Sie sah ihn einfach nur weiter an.
»Soll ich weiterreden? Es wird nicht schön.«
Sie nickte wortlos.
»Vor Manieri hatte sie schon mit anderen Männern aus der Redaktion …«
»Auch mit dir, Vincenzo?«
Er senkte den Kopf. Sekundenlang, dann redete er weiter, sah Alicia dabei aber nicht mehr an. »Manieri war stinksauer, als sie ihn wegen Varotto verlassen hat. Als dann dieser Unfall passierte, hat er dem Commissario die Schuld an ihrem Tod gegeben. Ich weiß das aus verschiedenen Gesprächen, in denen er anklingen ließ, dass ›dieser Versager‹ den Tod seiner schönen Francesca zu verantworten hätte, weil er nicht in der Lage gewesen sei, auf sie aufzupassen. Er hat ihn die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen, und als dann diese Kreuzwegmorde begannen und Varotto nach ein paar Tagen noch immer nichts vorzuweisen hatte, sah Manieri seine Chance gekommen, ihm eins auszuwischen.«
»Das heißt, der Artikel hatte überhaupt nichts mit den Ermittlungen zu tun und auch nichts mit dem Vatikan. Es war die billige Rache eines Mannes, der sich am schönen Körper einer Frau bedient hat und sauer war, dass dieser Körper ihm nicht mehr zur Verfügung stand.«
»Hm … ja, so ähnlich.«
»Und du hast da mitgemacht und den Artikel geschrieben. Du hast dafür gesorgt, dass ein Mann, der verzweifelt dagegen ankämpft, am Tod seiner geliebten Frau zu zerbrechen, auch noch das Einzige verliert, das ihn aufrecht hält: seinen Beruf.«
Azzani wand sich. »Was sollte ich denn machen? Er ist mein Boss.«
Alicia erhob sich. »Du bist ein elendes, feiges Schwein, Vincenzo.«
Auch der Chefredakteur sprang nun auf. »So redest du nicht mit mir, Alicia. Ich bin noch immer dein Chef!«
»Wirf mich doch raus«, sagte sie und verließ das Büro.