58

Ben spürte, wie sein Körper schwer wurde. Die Bilder auf den Monitoren liefen weiter. Ein Gang durch Lillians Wohnung. Ihr Schlafzimmer. Der elegante Nachttisch aus Glas und Stahl, der ihm gleich aufgefallen war. Der Stuhl mit der hohen Lehne, der an der Wand stand und auf dem ihre Unterwäsche lag. Der tiefe, weiße Teppich, der mindestens einmal die Woche gereinigt worden sein musste, so frisch und angenehm war er gewesen.

»Nein, der Nachbar«, sagte die Frau, die vor den Bildschirmen hockte, in ihr Handy. »Was?«

Sie warf ihrem Kollegen einen fragenden Blick zu, während sie weitersprach. »Er hat gesehen, dass die Wohnungstür offen stand und uns angerufen.«

Das Bild bewegte sich weiter. Das Bett, der Pfosten …

»Ich nehme an, durch die Schnittwunde«, hörte Ben die Frau fortfahren und registrierte gleichzeitig, dass er in die Augen des Schirmmützenmanns starrte.

»Hey!« Der Mann wirkte riesig, er musste sich umgedreht haben, ohne dass Ben es bemerkt hatte. Er stand auf der Ladefläche des Vans in der geöffneten Tür und überragte Ben um gut einen Meter. »Hier gibt’s nichts zu gucken!«

Ben wich zur Seite, wollte sehen, wie es auf den Monitoren weiterging, aber der Blick auf die Bildschirme war ihm versperrt. »Warte mal – hier ist grad –«, sagte die Frau mit dem Handy am Ohr.

»Achtung!« Etwas Hartes schlug heftig gegen Bens Schulter. Der Schirmmützentyp hatte die Wagentür kraftvoll herumgeschwungen und ihn dabei getroffen. Ben taumelte nach rechts, versuchte sich zu halten, nur Millimeter vor seinem Kopf wischte die andere Tür vorbei, um ein Haar hätte sie hart gegen seinen Schädel geschlagen. Die Türen knallten ins Schloss. Dahinter waren aufgebrachte Stimmen zu vernehmen.

Ben war in die Hocke gegangen, richtete sich benommen auf.

Was waren das für Leute? Warum waren sie in Lillians Wohnung gewesen?

Wie betäubt lief er den Bürgersteig entlang, auf den Eingang ihres Wohnhauses zu.

Dort!

Sie stand an der Theke – kaufte ein.

»Lillian!«

Er riss die Glastür zu dem Backshop neben dem Hauseingang auf.

»Lillian, was ist denn los?« Mit zwei Schritten war Ben bei ihr. Sie trug einen beigen Regenmantel, ihr Haar lag offen auf den Schultern. Er berührte ihren Arm, spürte, wie sie nachgab, sich umdrehte, öffnete die Arme, wollte sie auf den Mund küssen …

Er hörte nicht, was die Frau sagte, die zu ihm heraufsah, bemerkte nur, dass sich ihre Lippen bewegten. Ein feines Säuseln hinter ihm, das musste die Verkäuferin sein, die ihm etwas zurief. Nur mühsam gelang es Ben, die Bewegung seines Kopfes abzubremsen, bevor sich seine Lippen auf die der Frau vor ihm drückten. Einer Frau, deren eingefallene Gesichtszüge wirkten, als hätte jemand ihre Haut erst in alle Richtungen gezogen und dann losgelassen.

Unwillkürlich schlug er die Hand vor den Mund. Stolperte nach hinten, knallte gegen das Regal mit den Snacks. Ein paar Tüten fielen herunter. Er trat darauf, spürte, wie eine luftgefüllte Chipspackung zerplatzte, riss sich herum. Ein Schritt bis zur Glastür, heraus aus dem Laden, ins Freie. Im Kopf ein Rauschen. Er hörte die Glastür des Backshops hinter sich ins Schloss fallen.

Was waren das für Leute in dem Van gewesen?

»Ben!«

Sie kam aus dem Eingang des Mietshauses, trug einen Morgenmantel und war unendlich schön.

Der Van stand noch immer an seinem Platz.

Sie breitete die Arme aus.

Das schwere, weiße Frotteetuch des Morgenmantels faltete sich auf, darunter kam ihr Körper zum Vorschein. Sie trug nichts außer dem schwarzen Slip, den er gerade auf dem Bildschirm gesehen hatte. Aber das war es nicht, was ihm am meisten zusetzte. Es war der schwarze, zähe Saft, der in dicken Bahnen über ihre Brust und ihre Hüfte bis auf die Innenseite der Schenkel hinablief.

Sie stürzte aufs Pflaster. Ben war bei ihr, drehte sie um. Der Schnitt musste beängstigend tief sein. Er zog sich rings um ihren Hals, und als Ben ihren Kopf auffing, damit er nicht auf das Pflaster schlug, sah er, dass er bis in die Luftröhre hineinschauen konnte. Es pfiff daraus, Blasen traten hervor, und immer neues Blut pulsierte in Schüben heraus.

Er hielt sie in seinen Armen, ihr Haar floss über seine Hände, die Augen waren auf ihn gerichtet.

Ben hörte, wie hinter ihm die Frau und der Mann aus dem Van stiegen und um das Fahrzeug herumliefen. Wie die Kundin aus dem Backshop trat und der Verkäuferin über die Schulter etwas zurief. Er achtete darauf, Lillians Kopf so zu halten, dass der klaffende Spalt in ihrem Hals geschlossen war, und als er in ihre Augen blickte, sah er, dass die linke Pupille fast doppelt so groß war wie die rechte.

Ein Wagen fuhr so dicht an ihm vorbei, dass der Seitenspiegel gegen Bens Mantel schlug.

Sein Auge begann wieder anzuschwellen. Ben fühlte, wie das Lid andickte, wie es sich über die Pupille zu schieben begann. Er sprang auf, um vom nächsten Fahrzeug nicht überfahren zu werden. Die Kundin aus dem Backshop kam über den Bürgersteig auf ihn zu, sah ihn an und wandte sich hastig wieder ab. Sein Blick stieß hinab auf den Asphalt.

Wo war sie?

Lillian!

Er taumelte, hatte für einen Augenblick die Orientierung verloren.

Die Straße lag vollkommen ruhig da. Der Van in zweiter Reihe. Eben noch hatte Lillian auf dem Asphalt vor ihm gelegen, jetzt war die Straße leer. Es kribbelte unter seiner Haut, als würde dort ein ganzer Ameisenstamm wimmeln.

Ben schob den Ärmel seines Mantels hoch, um den Unterarm zu entblößen. Er war übersät mit kleinen roten Punkten, die vor seinen Augen aufzuglühen schienen. Das Rauschen zwischen seinen Augen hatte sich zu einem Toben gesteigert.

Jemand kam auf ihn zu. Ben fuhr herum. Der Mann mit der Schirmmütze ging an den parkenden Autos entlang, sah ihn kurz an, wollte weiter, aber Ben hielt ihn auf, erkannte das Logo eines Berliner Lokalsenders auf der Mütze des Typen.

»Die Wohnung, in der Sie gefilmt haben, entschuldigen Sie, dass ich frage, aber …« Ben schwankte, stützte sich an dem Auto ab, an dem er stand.

Die Augen des Mannes verengten sich, in seiner Rechten hielt er eine schwere Kamera am Tragegriff.

»Ich kenne Frau Behringer und dachte … Ich meine, was ist denn passiert?«

»Sie kennen sie?«

»Ja. Deshalb ja …«

Der Mann schien einen Moment lang zu überlegen.

Ben schob den Mantel über seinen Arm zurück, spürte, dass er verwirrt wirken musste. »Mein Name ist Ben Lindenberger«, stotterte er, um endlich Klarheit zu bekommen, aber da wuchtete der Mann vor ihm schon seine Kamera auf die Schulter, und eine rote Leuchtdiode glomm auf.

Plötzlich hatte Ben kein menschliches Gesicht mehr vor sich, sondern nur noch den schwarzen Schlund einer Maschine.

»Wer sind Sie?«, hörte er die Stimme des Mannes dahinter hervorkommen.

Ben wandte sich ab und rannte.

Der Architekt
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