14_Ryan
Was für ein Penner. Manchmal ist ein Schlag ins Gesicht genau das Richtige.
Er ist zu Boden gegangen, als ob ihn ein Profiboxer erwischt hätte.
Nicht schlecht.
Die anderen Jungs starrten mich an, zu geschockt, um etwas zu tun.
»Wer von euch Wichsern ihm auch immer den Zwanziger gegeben hat, ist beschissen worden. Er war nicht mal in ihrer Nähe. Sie hat ihn stehen lassen und ausgelacht.«
Ich beugte mich über den am Boden liegenden Jungen und er wich zurück. »Vollidiot!«
»Was ist hier los?« Der Typ, der den Autounfall verursacht hatte, kam nach draußen. »Wer ist das?«
»Er hat gerade Ed zu Boden geschlagen«, sagte einer der anderen Jungs.
»Was? Und ihr steht da und guckt zu?«
Sie scharrten mit den Füßen und warfen sich gegenseitig Blicke zu. Einer flüsterte Steven etwas zu, das ich nicht verstehen konnte. Steven schaute mich an und verzog dabei den Mund, als wäre er der absolute Obermacker. Er reichte Ed die Hand und half ihm auf die Füße.
Mann, du bist ja so was von super. Ein ganz toller Hecht. Ich musterte ihn genau so, wie er mich gemustert hatte. »Leck mich«, sagte ich, zeigte ihm den Finger und wandte ich mich ab, um wieder über das Geländer zu springen.
Hinter mir gab es ein Handgemenge.
»Steven, lass ihn. Er haut doch schon ab. Denk dran, du bist auf Bewährung.«
»Nein, was glaubt er verdammt noch mal, wer er ist?«
Ich setzte über das Geländer und ging einfach weg. Als ich meine Jacke holte, packte Sadie mich wieder am Arm. »Wag es bloß nicht, mich einfach so stehen zu lassen«, kreischte sie, bevor ich auch nur eine Chance hatte, ihr alles zu erklären. Ich erhaschte einen Blick auf Jennas Gesicht, die uns beobachtete.
»Ich bringe sie nach Hause. Du hast genug Freunde hier. Mit denen kannst du dich ja zusammentun.«
»Bist du völlig durchgeknallt? Sieh sie dir doch mal an, zum Teufel. Du wirst mich doch nicht allein lassen, um das da nach Hause zu bringen!«
Ich wirbelte herum und sie zuckte zusammen. »Du eingebildete Zicke!«
»Weißt du was, du kannst mich mal!«, brüllte sie und wich zurück. »Wenn du jetzt gehst, ist es aus. Und zwar so was von aus!«
»Und? Siehst du mich etwa heulen?«
In diesem Moment tauchte Steven auf, ein paar von seinen Kumpeln im Schlepptau. »Du gehst nirgendwohin. Ich hab mit dir zu reden. Ich weiß alles über dich, du Penner.«
Sadie hatte eine große Klappe. Natürlich hatte sie rumgeprahlt – das war genau ihr Stil.
Er stolzierte auf mich zu, seine Bodyguards blieben ein paar Meter von uns entfernt stehen. Sadie beobachtete alles. »Du Penner glaubst wohl, du könntest ungestraft in unseren Klub reinmarschieren und einen von uns angreifen. Doch da liegst du falsch, du Stück Scheiße.«
»Ach ja? Und interessiert es dich gar nicht, dass dieser Kerl es nicht anders verdient hat?« Ich verschränkte die Arme. Er war größer als ich, und er hatte seine Freunde dabei, aber ich war wütend wegen Jenna.
»Nein. Er war betrunken. Wie alle andern Jungs. Außerdem konnte er ja nicht ahnen, dass sie es spitzkriegt. Und überhaupt, was geht dich das Ganze an?«
»Sie ist eine Freundin von mir.« Na ja, das stimmte nicht so ganz, aber sie hatte sich nach dem Fahrradunfall um mich gekümmert, und ich fand sie in Ordnung.
Er lachte. »Und weiß ihr Vater Bescheid? Hast du ihn schon kennengelernt? Das interessiert ihn bestimmt. Ein herumziehender Penner direkt vor seiner Haustür, der auch noch mit seinem kleinen Liebling abhängt.«
Vielen Dank, Sadie.
»Ich wette, die Polizei wird sich auch für dich interessieren. Es kann doch keiner mehr ruhig schlafen, wenn sich in der Nähe solches Gesindel rumtreibt.«
Da war es mal wieder. Immer das Gleiche. Hast du eine Ahnung, wie oft ich schon Leute wie dich getroffen habe? Ich machte ein gelangweiltes Gesicht.
»Willst du den ganzen Abend so weiterlabern oder auf irgendwas hinaus?«
Das brachte ihn aus dem Konzept. Offensichtlich hatte er keine Antwort erwartet. Er wollte mich einschüchtern.
»Hau bloß ab! Wenn du noch mal mit einem von uns aneinandergerätst, kriegst du richtig Ärger mit mir …«
»Wenn ihr meine Freunde in Ruhe lasst, muss ich mich auch nicht mehr mit euch anlegen, okay?«
Er kam ein wenig näher und gab mir einen harten Stoß gegen die Schulter. »Diese kleine Schlampe hat es nicht anders verdient. Sie stachelt ihren Vater dazu an, das ganze Dorf gegen mich aufzuhetzen. Und was ist schon dabei, dass Ed gewettet hat? Sie kann doch froh sein, wenn sich überhaupt jemand Normales mit ihr abgibt. Ich würde es nicht tun, für kein Geld der Welt.«
Wut stieg in mir auf, so heftig, dass ich anfing zu zittern. Jenna musste alles mit anhören. »Du hältst dich wohl für ganz schön schlau, was? Du sagst, ich bekäme Ärger mit dir – hast du überhaupt drüber nachgedacht, welchen Ärger du wegen mir kriegen könntest? Ich kenne Leute, die dich einfach so auseinandernehmen, wenn ich sie darum bitte.«
Er trat einen Schritt zurück. Daran hatte er nicht gedacht und ich hatte offenbar gut genug geblufft. »Ich weiß nicht, was du an der Schlampe findest«, knurrte er. »Oder hast du irgendwas Krankes am Laufen, dass du gern mit hässlichen –«
Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden, weil ich mich auf ihn gestürzt und ihn zu Boden gerissen hatte.
Ich konnte nur ein paar Mal zuschlagen, bevor er sich wehrte und mich von sich stieß. Er war stärker als ich, und als seine Faust meinen Kiefer traf, war es, als wäre ich unter einen Zug geraten. Der Schmerz zuckte über mein Gesicht und blendete mich, sodass ich den nächsten Schlag nicht kommen sah. Seine Fingerknöchel landeten auf meiner Wange und mein Kopf schleuderte zur Seite.
Ich muss aufstehen oder er macht mich fertig.
Seine Freunde feuerten ihn an, sie brannten darauf, ihm falls nötig zu helfen.
»Jetzt nimmst du den Mund nicht mehr so voll, oder?«, sagte er lachend, während er mit seiner Faust wieder auf mein Gesicht zielte.
Doch diesmal hatte ich es erwartet und drehte mich weg. Seine Knöchel verfehlten ihr Ziel und krachten in den Kies. Der Schlag war sehr hart und ich sah den Schmerz in seinem Gesicht. Ich legte noch einen drauf und schlug zu.
Der Hieb war heftig genug, um ihn sauber von den Füßen zu holen, seine Freunde brüllten vor Wut und stürmten auf mich zu.
»Leute! Hört auf damit! Stopp!«, bellte eine Stimme hinter ihnen.
Carlisle rappelte sich hoch und umklammerte sein Gesicht. Mit gespaltener Lippe spuckte er Blut.
Ein Mann schob sich an Carlisles Freunden vorbei und stellte sich zwischen uns. Er packte ihn und hielt seine Arme fest. »Hör auf, Steven. Du kannst dir nicht noch mehr Ärger leisten.«
Er war ein großer Kerl – wahrscheinlich auch ein Rugbyspieler –, und Carlisle kannte ihn offenbar, denn er versuchte nicht länger, an mich ranzukommen.
Der Mann wandte sich um und sah mich an. »Und du, hau ab. Sofort. Bevor ich die Polizei rufe.« Der Rest der Typen hielt sich im Hintergrund und überließ ihm das Feld, deshalb nahm ich an, dass der Klub ihm für diesen Abend die Verantwortung übertragen hatte. Es war Zeit zu verschwinden. Als ich aufstand, knurrte mir Carlisle zu: »Wenn ich dich noch mal sehe, bist du erledigt.«
Ich überlegte kurz, ihm ein zweites Mal den Finger zu zeigen, doch dann fiel mir Jenna ein, die ich allein zurückgelassen hatte. Also ließ ich es bleiben, ging aber so provozierend langsam davon, dass alle sichtlich angepisst waren.