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3 Startschwierigkeiten

Mila

Ich blicke von meinem gläsernen Käfig aus hinab aufs Meer, das mich trotz seines wild gehenden Wellengangs nicht ängstigt. Nicht etwa weil der Boden, auf dem ich kaure, zwar transparent, aber dennoch unnachgiebig ist und deshalb kein Sturz in die Tiefe zu befürchten steht, sondern weil diese blau-grüne Endlosigkeit mir vertraut ist. Ich kenne sie, als wäre sie ein Stück meiner Selbst. Sie hat nichts gemein mit jener Kraft, die mich vor knapp zwei Wochen unter sich begraben hielt, nachdem ich ins Meer gesprungen bin, unnachgiebig und kalt. Wenn ich jetzt fiele und in die von weißem Schaum gekrönten Wellen eintauchte, dann wäre die Berührung weich, und der Schauer, den sie mir über die Haut schickte, stammte nicht von der Kälte. Nur dass ich nicht fallen werde.

Ich bin durch eine undurchdringbare Grenze getrennt vom Meer, werde hoch über ihm im Nirgendwo gehalten. Wenn ich den Kopf in den Nacken lege, sehe ich bloß diesiges Blau, ansonsten sehe ich nichts. Dieser Ort kennt keine Sonne.

Langsam richte ich mich auf. Dabei bemerke ich den blutroten Saum, der über meine Füße fällt.

Ich trage ein Kleid, ein wunderschönes Kleid. Trotzdem will ich es abstreifen, grabe meine Finger in den seidigen Stoff, doch er gibt nicht nach, lässt sich nicht einmal verrücken. Es ist, als krallten sich meine Fingernägel direkt in meinen Oberarm. Als der Schmerz zunimmt, gebe ich auf.

Ich bin verwachsen mit diesem Kleid, ob ich will oder nicht.

Ein Schatten fällt von hinten auf mich, bannt das Tageslicht, raubt dem Meer seine Lebendigkeit, indem es sein Funkeln verdeckt. Alle Farbe ist mit einem Streich verloren und zurück bleibt nur graue Einöde. Einzig der Saum meines Kleides leuchtet weiterhin blutrot.

Erschrocken hebe ich meine linke Hand, voller Hoffnung, von dem warmen Bernsteinton getröstet zu werden. Denn wenn etwas dem Schatten standhält, dann ja wohl mein Ring. Doch er ist fort.

»Möchtest du tanzen?«, fragt mich der Schatten.

Ich warte darauf, dass endlich Widerwille in mir auflodert, wenn sich schon kein Hass bemerkbar macht. Während ich noch dastehe und auf eine innere Regung hoffe, reagiert mein Körper von allein, als brauchte er meine Zustimmung nicht. Ich drehe mich um die eigene Achse und strecke meine blass-graue Hand aus. »Wenn du es wünschst«, formulieren meine Lippen Worte, die ich nie auszusprechen vorgehabt habe.

Dann überlasse ich mich der Dunkelheit, die sich in mir auszubreiten beginnt.

∞∞

Was für ein grauenhafter Albtraum!

Zwar verklang er bereits, aber ich lag immer noch zusammengerollt in meinem Bett, die Decke über den Kopf gezogen, und unterdrückte nach Leibeskräften das Verlangen zu schreien. Nach wie vor gaukelte der Traum mir vor, die Realität unter meiner Bettdecke könnte jeden Moment Risse bekommen, hinter denen sich ein gläserner Käfig am Himmel offenbaren würde. Diese Vorstellung, egal wie abstrus sie war, fühlte sich um vieles realer an als der tickende Wecker auf dem Nachttisch oder die Stimme meiner Mutter, die gerade einen Radiosong mit ihrem Gesang übertönte. Immer wieder aufs Neue zwang der Traum mir seine Bilder auf: das Meer, eine einzige Spiegelung von Sams Augen, unerreichbar für mich; der fehlende Ring an meinem Finger; der Schatten, der auf mich fällt; mein verdammter Körper, der dem Willen eines anderen gehorcht und mich verrät.

Am schlimmsten war jedoch die Leere, die sich in meinem Inneren ausgebreitet hatte. Als wäre ich, Mila Levander, eine andere. Ein Mädchen in einem blutroten Kleid. Was für ein Kleid war das nur gewesen, das so viel mehr über mich aussagte als jeder Gedanke und jede Gefühlsregung in diesem Traum?

Das Klingeln meines Handys riss mich aus den Gedanken. Eine SMS war reingekommen. Blind tastete ich nach dem Gerät und zog es unter die Decke.

Die Nachricht war von Sam.

Bist du schon wach?

Nachdenklich starrte ich das Display an und knabberte an meinem Daumennagel. Dann tippte ich ein unverbindliches Nicht wirklich.

Die Reaktion erfolgte prompt: Du hast schlecht geträumt, nicht wahr?

Ich warf dem Ring an meiner Hand einen bösen Blick zu. Dieser Verräter hatte Sam also brühwarm mitgeteilt, wie es mir ging. Dabei hatte ich keineswegs vor, ihm von meinem Traum zu erzählen. Nicht bloß, weil ich ihn nicht beunruhigen wollte, sondern weil ich mich auch schämte. Die Willenlosigkeit, mit der ich mich dem Schatten überlassen hatte, steckte mir tief unter der Haut.

Kann mich nicht erinnern. War’s schön mit den Surfern?

Ich wartete und wartete, aber dieses Mal ließ Sam sich mit seiner Antwort Zeit. Bestimmt grübelte er darüber, ob er mir die Sache mit der Vergesslichkeit abkaufte.

Erzähl ich dir, wenn ich dich von der Schule abhole. Heute Nachmittag ist Ebbe.

Ebbe, ich liebte die Ebbe, weil sie dafür sorgte, dass Surfen unmöglich war. Während dieser Stunden gehörte Sam mir, falls keine anderen Arbeiten an der Surfschule anfielen. Endlich fand ich die Kraft, mich aufzurichten und die Decke von mir zu werfen. Meine Katze Pingpong, die offenbar am Fußende geschlafen hatte, purzelte dabei auf den Boden, noch zu benommen, um sich zu beschweren. Als ich die Arme nach ihr ausstreckte, torkelte sie jedoch aus dem Zimmer. Ups, da war wohl jemand beleidigt.

Draußen auf dem Flur traf Pingpong direkt auf Rufus.

»Na, du Brocken. Ist das schon dein Winterfell oder wirst du wirklich immer mopsiger?«, begrüßte er sie, um eine Sekunde später zu schimpfen: »Lass das Gekratze, ich wollte dich doch bloß knuddeln. Mensch, Pingpong, ist ja schon gut!«

»Ärgere die Katze nicht!« Reza hatte den Nahkampf unten in der Küche ebenfalls mitbekommen. »Hat er dich beleidigt, du süßes Ding? Komm, friss dein Leckerli und hör nicht auf den bösen Rufus, du bist nämlich keinen Tick zu mopsig, sondern perfekt plüschig. Lass dir von dem nichts einreden.«

Rufus polterte so laut die Treppe runter, dass ich fast aus dem Bett fiel.

»Du bist echt eine Übermutter. Stopfst die Kugel auf vier Pfoten voll, anstatt mir beim Desinfizieren der Kratzwunden zu helfen. Vielen Dank, ich blute dann mal woanders weiter.«

Was folgte, war ein Türknall.

Bei meinem Bruder ging rein gar nichts leise. »Elender Poltergeist«, murmelte ich, allerdings mit einem Schmunzeln, das ich vor wenigen Sekunden noch für unmöglich gehalten hatte. Das war die Welt, wie ich sie haben wollte. Familiär und ein wenig schräg. Mit Lärm und Neckereien, die von dem Wissen geprägt waren, dass man zusammengehörte und sich solche kleinen Ausfälle problemlos leisten konnte. Dass Rufus allerdings so ohne Weiteres das Haus verlassen hatte, gab mir zu denken. Der bestand doch selbst dann auf seinem Guten-Morgen-Kaffee, wenn sein Leben davon abhing, dass er endlich aufbrach.

Ein Blick auf die Uhr bewies: Mir blieben exakt sieben Minuten plus der knappen Viertelstunde, die ich mit dem Fahrrad zur Schule brauchte, falls ich nicht zu spät kommen wollte.

Und das wollte ich auf gar keinen Fall!

Gemeinsam mit Sam hatte ich gestern sämtliche Matheaufgaben gelöst und wollte es mir mit Frau Olsens Gunst nicht sofort wieder verscherzen, indem ich zu spät in ihren Unterricht platzte.

In neuem Rekordtempo schlüpfte ich unter die Dusche und noch halb nass in irgendwelche Klamotten, griff meine Tasche in der Hoffnung, dass schon alles Notwendige drin sein würde, und war schneller an Reza sowie der schnurrenden Pingpong vorbei, als meine Mutter ein »Guten Morgen, Schatz« herausbringen konnte. Laut nach Luft schnappend, schaffte ich es kurz darauf, gerade noch rechtzeitig hinter Frau Olsen ins Schulzimmer zu schlüpfen. Na, bitte, geht doch!

»Ist alles in Ordnung bei Ihnen?«, fragte meine Mathelehrerin mich, während sie die Tür zuzog. Zuvor schaute sie noch einmal nach, ob nicht ein weiterer Schüler im Spalt auftauchte.

Weil mir zum Sprechen schlicht der Atem fehlte, holte ich mein Aufgabenheft hervor und zeigte ihr die tipptopp gelösten Aufgaben.

Frau Olsens Mundwinkel fielen nach unten, nicht ganz die Reaktion, mit der ich gerechnet hatte.

»Ah, wie ich sehe, ist es wenigstens in einer Hinsicht zu begrüßen, dass Samuel Bristol nach St. Martin zurückgefunden hat. Sie können uns ja sicherlich nicht nur die Lösungen vorführen, sondern auch den Rechenweg dorthin erklären, Mila. Nicht dass sich noch der Verdacht auftut, Sie wären nur gut im Zahlen-Notieren und nicht im Rechnen.«

Nun fehlte mir nicht nur die Luft zum Reden, sondern ich wusste schlicht nicht, was ich zu einer solchen Unterstellung sagen sollte. Natürlich hatte Sam mir nicht einfach die Lösungen diktiert, dass würde er niemals tun. Dass ich die Aufgaben hinbekommen hatte, war meine Leistung – er hatte mir lediglich mit seiner Technik, Mathe gegenständlich darzustellen, auf die Sprünge geholfen. Aber nur mit so viel Hilfestellung, wie unbedingt nötig gewesen war.

Frau Olsen nahm mein Schweigen allerdings als Bestätigung für ihre Vermutung. »Habe ich mir schon gedacht, dass Sie sich für solche Tricks nicht zu schade sind. Richten Sie Samuel aus, dass ich zwar verstehe, wenn er Zeit mit Ihnen verbringen will, aber Ihre Aufgaben müssen Sie trotzdem selbst erledigen. Damit Sie sich das merken, werde ich Ihnen heute null Punkte eintragen.«

»Ich kann das rechnen«, brachte ich bestürzt hervor.

»Machen Sie sich nicht lächerlich, ich kenne Ihre Fähigkeiten auf diesem Gebiet. Und ich kenne Samuel, er war der beste Schüler in meinem Mathe-LK. Nun setzen Sie sich endlich.«

In den Reihen hinter mir wurde gehässig gekichert, aber ich konnte es keiner Person zuordnen. Vermutlich weil es mehrere zugleich waren.

Unter den Blicken der anderen setzte ich mich an meinen Platz und versuchte, aus dem eben Geschehenen schlau zu werden. Sam waren solche Aktionen, bei denen er von der Seite angegangen wurde, bislang nicht untergekommen – zumindest hatte er es mir gegenüber mit keinem einzigen Wort erwähnt. Bis auf den lästigen Kraachten vom »Treibgut« und Sams Schwester Sina, die keinen Kontakt mehr wünschte, hatten die Leute sich verständnisvoll gezeigt und waren sehr froh gewesen, dass er unbeschadet wieder aufgetaucht war. Mit mir wurde allerdings nicht annähernd so zurückhaltend umgesprungen. Gerade in der Schule bekam ich die Neugier meiner Mitschüler und auch einiger Lehrer zu spüren. Jede Pause war ein Spießrutenlauf, weil ich von allen Seiten gemustert wurde. Ich war schließlich das Mädchen, wegen dem Sam Bristol aus dem Nichts zurückgekehrt war.

»Ist doch nicht schwer zu verstehen«, hatte Pia aus meiner Handballmannschaft erklärt, nachdem ich bei einem Freundschaftsspiel gegen das Team einer Nachbarschule von einer Gegenspielerin mit den Worten »Und was genau soll an der Braut bitte schön das Besondere sein? Sieht jedenfalls nicht nach viel aus« empfangen worden war.

Pia gehörte zu der Sorte Mädchen, die kein Blatt vor den Mund nahm, und genau das hatte ich nach dieser Giftspritze gebraucht. Kein Trösten um jeden Preis wie bei Lena, sondern die nackte Wahrheit.

»Die meisten Mädels haben Sam schon vergöttert, als er nur ein einfacher Schüler gewesen ist«, hatte Pia geradeheraus verkündet. »Jetzt umgibt ihn auch noch so eine geheimnisvolle Aura. Wie der Kraachten geschrieben hat: Man fragt sich, was sich hinter seiner Geschichte verbirgt. Durch sein Schweigen bringt er die Fantasie der Leute erst richtig zum Blühen, ich habe schon die wildesten Theorien gehört. Mein Favorit ist die, bei der er einige Monate lang in einem Spezialcamp à la Alex Rider gewesen ist und zum Geheimagenten ausgebildet wurde. Bleibt nur die Frage, welcher Auftrag ihn in unser verschnarchtes Nest geführt hat: ein irrer Meeresbiologe, der die Welt mit grünem Schleim überziehen will? Kleiner Scherz.« Pia hatte breit gegrinst, aber ich war zu geplättet gewesen, um mitzuziehen. Ihr verging das Grinsen ohnehin ziemlich schnell wieder. »Die Story, in der sein Vater ihn wegen seiner Saufschulden an irgendwelche Menschenhändler vertickt hat und Sam aus Scham schweigt, fand ich hingegen ziemlich krass. Das haben einige ziemlich eklig ausgemalt, sollte man gar nicht für möglich halten, was der einen oder anderen Nase so alles Krankes durch den Kopf geht. Egal, jedenfalls vermutet alle Welt richtig irre Dinge hinter Sams Verschwinden, und das macht die Frage natürlich doppelt so spannend, warum er in Wirklichkeit zurückgekehrt ist. Dass nur du der Grund dafür sein sollst, reicht den meisten als Erklärung schlicht nicht aus. Na ja, und eine ordentliche Portion Eifersucht ist bestimmt ebenfalls mit dabei. Bist halt die Auserwählte, da musst du jetzt durch.«

Ja, daran führte allem Anschein nach kein Weg vorbei, in der Hinsicht lag Pia richtig. Es lohnte sich nicht einmal, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, denn vermutlich würde sich die Aufregung in ein paar Wochen ohnehin legen. Zumindest redete ich mir das tapfer ein, wenn ich wieder einmal den Gemeinschaftsraum der Oberstufe betrat und dabei eine Gänsehaut bekam von der Kälte, die mir entgegenschlug. Fairerweise muss gesagt werden, dass sich nicht alle so verhielten, einige zeigten sogar bewusst Solidarität. Nicht nur Lena, sondern auch Leute wie Bernhard, mit dem ich bei einer Strandparty einmal einige Sätze getauscht hatte. Bei jeder Gelegenheit grüßte er mich überschwänglich und wurde nicht müde, laut und deutlich zu betonen, wie sehr er sich für mich freue. Trotzdem überkam mich immer häufiger das Bedürfnis, mich unsichtbar zu machen.

∞∞

Nach meinem Erlebnis mit Frau Olsen und den fiesen Lachern fühlte ich mich wenig berufen, meine Freistunde in Gesellschaft der halben Oberstufe zu verbringen, und verzog mich stattdessen ins Requisitenlager unter dem Schuldach. Dank Lena wusste ich, wo eine Kopie des Schlüssels versteckt wurde, denn der Hausmeister verspürte in der Regel wenig Lust, mit seinem Schlüsselbund danebenzustehen, wenn Mein-Gott-Walter, unser Lehrer, und sein wildes Theatervolk bis in die späten Abendstunden »Was ihr wollt« auf die Bühne zauberten.

Der Fundus war gar nicht so übel für einen Unterschlupf: ein großer Raum, dessen Dach von Holzpfählen gestützt wurde und der randvoll war mit den ausrangierten Möbeln, Stellwänden und dem Kostümlager. Hier roch es nach Staub und alter Farbe, während das diesige Licht, das durch die mit Moos besetzten Dachfenster fiel, dem ganzen einen unwirklichen Anstrich gaben.

Während Lena das Theaterleben mit ihrer Bühne und der Schauspielerei liebte, sprach mich die Welt dahinter an. In aller Ruhe aß ich eine Banane und begutachtete die im Laufe der Zeit schräg und buckelig gewordenen Kulissen, Spanplatten, die Schüler mit Acrylfarbe in venezianische Paläste und Wüstenoasen verwandelt hatten. Eine Weile fesselte der Schminkkoffer meine Aufmerksamkeit, in dem die Schminkstifte wild durcheinanderlagen. Nur mit Mühe konnte ich dem Verlangen widerstehen, mein Gesicht anzumalen und mich in einen traurigen Harlekin zu verwandeln. Einen, über dessen Wange eine blutrote Träne lief.

Der Gedanke an die Farbe Blutrot ließ mich erschaudern, und ich setzte mich auf einen Stapel alter Teppiche, der zweifelsohne das Zuhause einiger Krabbeltiere war. Trotzdem war es hier gemütlich und vor allem still.

Ich zog meine Knie unters Kinn und versuchte, den Kopf frei zu bekommen. Es gab einfach zu viele Dinge, die sich mir aufdrängten und das Alltagsleben, das ich dringender denn je führen wollte, überlagerten: Nikolais Übergriff und sein Ende … Die Frage, wie es in der Sphäre weitergehen mochte, nun, da der Schatten gebannt und die jungen Schattenschwingen eine Ahnung von ihren Fähigkeiten bekommen hatten … Was aus Shirin geworden war, über die Rufus lediglich angedeutet hatte, dass Nikolai sie verletzt hatte, bevor Sam ihn ziemlich rabiat zum Schweigen gebracht hatte … Lauter Dinge, mit denen ich mich früher oder später auseinandersetzen musste, aber im Moment fehlte mir dazu nicht nur der Wille, sondern auch die Kraft. Die Ereignisse waren zu überwältigend gewesen. Sobald ich eine klare Ordnung in das Geschehen der letzten Wochen bringen wollte, breitete sich hinter meiner Stirn ein Wirbelsturm aus, der alles so kräftig durcheinanderwirbelte, bis mir ganz schwindlig war.

In manchen Momenten fühlte ich mich sogar von meinen Gefühlen für Sam überwältigt. Wie sehr sich unsere Beziehung doch auf diesem Eiland der Sphäre vertieft hatte. Diese neue Verbundenheit war berauschend und unheimlich zugleich. Wenn Sam nicht bei mir war, überfiel mich manchmal die Angst, ich könnte daran ersticken, weil er mir trotzdem so dermaßen nah war. Ein Widerspruch, den ich mir nicht einmal selbst erklären konnte: als reichte mein menschliches Ich nicht aus für eine solche Bindung. Sobald er dann vor mir stand und ich die Wärme seiner Aura spürte, die ich selbst in seinem geschwächten Zustand mehr als deutlich wahrnahm, war diese Empfindung vorbei, und ich verspürte auch nicht den Wunsch, Sam davon zu berichten. Im Allgemeinen blendete ich in seiner Gegenwart alles Belastende aus und überließ mich stattdessen unserem »Wir sind ein gaaanz normales Pärchen«-Spiel. Nach der Unruhe der letzten Monate war es Balsam für meine geschundene Seele, mit ihm auf dem Sofa herumzulungern und Musik zu hören oder im Garten Pässewerfen fürs nächste Handballspiel zu üben. Ich fand sogar, dass ich einen Anspruch darauf hatte, unser Zusammensein unbeschwert zu genießen … und trotzdem war da unterschwellig ein schlechtes Gewissen, von dem ich nicht genau wusste, woraus es sich speiste. Dir geht es gut, flüsterte es mir zu. Aber wie geht es den anderen, denjenigen, die du vergessen willst, obwohl sie deine Freunde waren?

Draußen im Hof läutete die Pausenglocke. Hier oben in den Theaterfundus drang lediglich ein gedämpftes Schrillen, als gehörte das Geräusch zu einer anderen Welt, die nichts mit mir zu tun hatte. Genau wie das Wirrwarr aus schreienden, johlenden und lachenden Schülern. Sie waren da unten, ich hier oben in meinem Asyl mit der Aussicht auf eine weitere Stunde Totstellen.

Oder auch nicht.

Jemand rüttelte an der Türklinke.

Ich konnte es nicht sehen, sondern lediglich hören. Dann verrieten mir die quietschenden Angeln und das Tapsen von schwerem Schuhwerk, dass jemand eingetreten war.

Ich blieb sitzen und wartete ab.

Als Lenas bunter Haarschopf über dem Perückenregal auftauchte, lachte ich laut auf, weil es aussah, als hätte sich eine von den Clownsperücken selbstständig gemacht und ginge spazieren.

»Müsstest du jetzt nicht in Kunst sitzen?«, begrüßte ich sie.

»Dieser Töpferkrams, den wir gerade machen, kann ruhig ohne mich stattfinden. Außerdem bekommt Frau Kramer bestimmt nicht mit, dass ich fehle. Die muss die Kerle davon abhalten, ihren triebgeleiteten Humor am Ton auszuleben. Du kannst dir sicherlich mühelos vorstellen, was diese Schweine sich da zusammenkneten.« Dann zeigte Lena mit dem Finger auf mich, als wollte sie mich ausschimpfen. »Aber jetzt lenk nicht von meinem Geniestreich ab: Hab ich’s doch geahnt, dass du dich in diese Staubhölle verkrümelt hast. Zuerst dachte ich, du hättest einen kleinen Abstecher zur Surfschule unternommen, aber ein fixer Blick auf den Gezeitenplan hat mich eines Besseren belehrt. Bei Ebbe seid ihr zusammen, bei Flut getrennt. Du und Sam, ihr seid ordentlich vorhersehbar geworden.«

»Ganz im Gegensatz zu dir und Rufus.«

Lena zuckte lässig mit der Schulter. »Ich weiß nicht, was du meinst. Ich bin doch ein offenes Buch.«

»Aber sicher doch.«

Eigentlich war es Lenas gutes Recht, mich erst dann aufzuklären, wenn ihr danach zumute war. Über das Stadium, in dem man seiner Freundin jedes intimste Detail brühwarm mitteilt, waren wir mittlerweile hinaus. Uns war bewusst, dass jede von uns ihre Geheimnisse hatte, was nichts an der Tatsache änderte, dass wir deshalb kein Stück weniger eng miteinander befreundet waren. Es fühlte sich sogar besser an, freier. Und trotzdem …

»Willst du mir wirklich nichts erzählen, Lena? Mich quält die Neugier. Falls du echt eine Rufus-Bändigerin bist, dann muss du mir dein Rezept verraten. Sind Drogen im Spiel oder hast du herausgefunden, auf welche Stelle seines Sturschädels man schlagen muss, damit er richtig funktioniert?«

Lena freute sich merklich an meiner Neugier. Sie setzte sich im Schneidersitz neben mich, was wegen der unterschiedlich hoch gelagerten Teppichrollen gar nicht so einfach war, und kramte ausgiebig in ihrer Beuteltasche. Erst als sie eine Tüte Saure Heringe herausgeholt und mir welche aufgenötigt hatte, bekam ich meine heiß ersehnte Antwort.

»Das klingt jetzt komplett banal, aber ich bin in Rufus’ Gegenwart einfach ich selbst. Ich versuche weder, ihn zu beeindrucken, indem ich supercool tue oder eine noch größere Klappe habe als er, noch will ich ihn davon überzeugen, dass er meine Nähe sucht, weil ich so eine tolle Frau bin. Ich denke nicht länger darüber nach, wie er irgendwas an mir finden könnte, wie meine Reaktionen bei ihm ankommen und dieser ganze Krams, mit dem man eh nur von sich ablenkt. Als er mich im Krankenhaus besucht hat, war ich viel zu erledigt und verstört, um ihm etwas vorzuspielen. Ging ihm übrigens genauso. Jetzt bin ich durchweg Lena, schräg, gelegentlich etwas überdreht, aber eigentlich ganz okay. Und das scheint ihm zu gefallen.«

Sei ganz du selbst … das Motto kam mir verdächtig bekannt vor. Hastig schlang ich einen Sauren Hering hinunter, bei dem sich mir ohnehin die Zunge zusammenkrumpelte.

»Du meinst, du gibst die Reza, um meinen Bruder rumzukriegen?«

Lena dachte einen Moment darüber nach, dann verzog sie das Gesicht zu einer Grimasse. »Aus der Perspektive habe ich das noch nicht betrachtet. Rufus steht auf mich, weil er seine Mama in mir wiedererkennt. Das ist krank. Igitt.«

»Überhaupt nicht! Psychologisch gesehen ist das einwandfrei. Ich habe neulich erst in einer Zeitschrift gelesen, dass wir immer unsere Eltern heiraten. Also im übertragenen Sinn.«

Vor meinem geistigen Auge stellte ich Sam neben Daniel. Die beiden waren sich auf eine gewisse Art ziemlich ähnlich, mit ihrem Hang zur Verantwortung und der Leidenschaft, mit der sie eine Beziehung führten. Auch in ihrer Ernsthaftigkeit, der natürlichen Autorität, die sie ausstrahlten, ihrer beeindruckenden Silhouette … Oh, das passte ja. Für meinen Geschmack eindeutig einen Tick zu gut. Ich wünschte mir inständig, dieses Thema niemals aufgebracht zu haben. »Lass uns über etwas anderes reden«, schlug ich vor.

Lena nickte eifrig. »Pia aus der Handballtruppe hat sich tätowieren lassen, einen schwarzen Blitz entlang ihrer Handkante. Wenn sie an den Ball kommt, folgt dem Blitz ab jetzt immer der Donner. Saugute Idee, oder?«

»Ich bin begeistert«, sagte ich und schob dann schleunigst ein »Nur weil Pia so ein Tattoo hat, brauchst du es aber definitiv nicht nachzumachen« hinterher.

»Eigentlich wollte ich das eher als Pflichtaufgabe für unser gesamtes Team vorschlagen. Unsere Gegner wären bestimmt schwer beeindruckt.«

»Wir können ja mit einem Edding Blitze aufmalen.«

Lena winkte ab. »Das hätte nicht die gleiche Wirkung. Am coolsten wäre es natürlich, einen magischen Blitz zu haben: Eben noch sieht er aus wie eine besonders kunstvolle Tätowierung, im nächsten Moment wird er lebendig und – bäng! Genau wie bei den Zeichnungen auf dem Rücken der Schattenschwingen.«

Bei der Erwähnung der Schattenschwingen zuckte ich derart heftig zusammen, dass Lena mich bei der Schulter packte, als befürchte sie, ich würde ansonsten abstürzen. Innerlich fühlte ich mich tatsächlich so: als wäre ich gefallen und hart aufgeschlagen.

»Erneuter Themenwechsel?«, fragte Lena reuevoll. »Es tut mir leid, ich weiß nicht, warum ich sie überhaupt erwähnt habe. Vor allem weil ich sie die ganze Zeit zu vergessen versuche. Ich will nicht an sie denken und tue es trotzdem ständig. Vermutlich war der Eindruck, den sie auf mich gemacht haben, zu stark. Und dass sie jetzt schon wieder weg sind und nicht zurückkehren werden … das zu akzeptieren fällt mir irgendwie schwer, obwohl es vollkommen abstrus ist, nachdem mich einer von ihnen beinahe umgebracht hat. Rufus geht es übrigens ähnlich. Er vermisst sie auch …«

Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. »Rufus hat gesagt, dass er die Schattenschwingen vermisst?«

Lena zog einen der Heringe lang. Der Appetit war ihr wohl vergangen. »Idiotisch, aber wahr.«

Schattenschwingen - Zeit der Geheimnisse - Heitmann, T: Schattenschwingen - Zeit der Geheimnisse
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