12 Brückenschlag
Als ich die Hand von den Augen nahm, war vom Kristall nichts als ein schwaches Abbild übrig geblieben – als habe sein Anblick sich lediglich auf meiner Netzhaut eingeprägt, während er sich in Wirklichkeit aufgelöst hatte.
Benommen schaute ich mich um. Es brauchte einen Augenblick, bis ich begriff, dass ich mich weiterhin in der Halle befand, allerdings in einem durch schwere Tücher abgetrennten Teil. Die Kammer wirkte überraschend schlicht, als böte sie die Chance, durchzuatmen und bei sich zu sein. Als ich das Summen vieler Stimmen hinter dem Vorhang bemerkte, begriff ich, dass der Raum tatsächlich für den Rückzug, als Hort der Ruhe gedacht war.
Den konnte der junge Mann, der mit stockgeradem Rücken auf einer Bank saß, offenbar gerade gut gebrauchen, denn das Zittern seiner Hände und die hektischen Flecken an seinem Hals waren nicht zu übersehen. Seine Kleidung ließ sich weder einer Zeit noch einem Land eindeutig zuordnen: Hosen und Tunika wirkten leicht orientalisch, aber weder seine hellbraunen Haare noch die grünen Augen passten in die dortige Gegend. Meine Versuche, seine Gedanken zu lesen, scheiterten. Offenbar stand mir diese Fähigkeit in der Vergangenheit nicht zur Verfügung. Versuchsweise bewegte ich meine Schwingen, die zu meiner Erleichterung jedoch einwandfrei funktionierten.
Ich stand höchstens drei Schritte von dem jungen Mann entfernt, und obwohl ich mich mit meinem wild klopfenden Herzen ausgesprochen real fühlte, bemerkte er mich nicht. Erst als hinter mir Schritte erklangen, blickte er in meine Richtung … und sah geradewegs durch mich hindurch. Seine gesamte Aufmerksamkeit richtete sich auf die Person, die gerade eintrat. Sogar den Atem hielt er an.
Neugierig drehte ich mich um, und genau in diesem Moment ging eine wunderschöne Schattenschwinge, die in eine Art Sari gekleidet war, hauchnah an mir vorbei. Während sie mich nicht wahrnahm, entging mir ihre beeindruckende Aura nicht, die weit mehr als ein Energiefeld war. Diese Schattenschwinge war sich ihrer selbst vollkommen bewusst, ihre innere Quelle lag so offen, als wäre sie nie verborgen gewesen. Ich ahnte, mit wem ich es zu tun hatte: Asami hatte von Sora gesprochen, der ersten Erbauerin einer festen Brücke zwischen den Welten.
Sora setzte sich zu dem Jungen auf die Bank, sorgfältig darauf bedacht, ihn nicht zu berühren – wohl deshalb, weil Berührungen zwischen Mensch und Schattenschwinge in der Sphäre eine ganz eigene Magie entfalteten, die wir allein aus uns zu gebären nicht imstande waren. Darum fühlte sich jedes auch noch so flüchtige Streifen von Haut überwältigend für uns an. Mit einem Schaudern dachte ich daran, wie Mila mich zum ersten Mal berührt hatte, wie ihre Hand meine Schwinge streifte. Diese Art der Berührung bedeutete uns unsagbar viel, und ich hatte dabei noch nicht einmal ansatzweise ausprobiert, wie weit die Magie wirklich ging. Wenn diese Schattenschwinge hier jegliche Berührung mied, obwohl sie sich sichtlich zu dem Jungen hingezogen fühlte, dann waren sie vermutlich noch viel weitreichender, als ich bislang geglaubt hatte.
»Es tut mir leid, dich an solch einem freudigen Tag so angespannt zu erleben, Mael. Ich wünschte, ich könnte den Druck von dir nehmen.«
Soras Worte drangen wie ein fernes Echo zu mir, leicht zeitverzögert, was vermutlich mit dem Sprachzauber zusammenhing, aufgrund dessen sich in der Sphäre alle, gleich welcher Herkunft, verstanden.
Mael schüttelte den Kopf. »Selbst wenn es möglich wäre, würde ich es nicht zulassen. Ich bin aufgeregt, aber ich genieße es. Wenn der Gong erklingt, werde ich hinausgehen, um ein anderer zu werden, Sora.«
»Nicht ein anderer«, korrigierte Sora ihn sanft. Ich beobachtete, wie ihre Finger zuckten. Sie wollte seine Hand nehmen, aber sie wagte es nicht. »Du wirst der Mensch sein, der mit mir dank der Macht des Bernsteins verbunden ist. Mensch und Schattenschwinge, durch den Bernstein verbunden. So wie es sein soll.«
»Für die kurze Zeit, die meine Lebensspanne uns zugesteht.«
»Sie wird uns ausreichen, vertraue mir.«
»Natürlich vertraue ich dir aus ganzem Herzen, aber ich befürchte, dass du zu große Sorge um mich hast. Ich bin nicht annähernd so zerbrechlich, wie du befürchtest. Wir könnten es versuchen.«
Sora schüttelte kaum merklich den Kopf.
Auch wenn ich keine Ahnung hatte, was genau Mael versuchen wollte, ahnte ich zumindest, dass es sich um eine Diskussion handelte, die die beiden schon oftmals geführt hatten. So vertraut sie miteinander wirkten, so deutlich trat auch ihre Verschiedenheit zutage: Mael war nicht älter als zwanzig Jahre, während Sora die gleiche Alterslosigkeit ausstrahlte wie Shirin. Sie sah jung aus und doch ganz wie eine Frau, die schon viele Jahre erlebt hatte.
»Sora, verschließ dich nicht«, bat Mael leise. »Ich weiß, worauf du verzichtest, indem du dich an mich bindest. Wir Menschen sind nicht mehr als ein für wenige Sekunden aufleuchtendes Feuerwerk am Nachthimmel. Sobald ich erloschen bin, wird dir nur die Dunkelheit bleiben.«
»Mehr als dieses Feuerwerk kann ich nicht wollen.«
»Du verdienst mehr.«
Die Art, mit der Sora ihn ansah, verriet, dass er ihr unendlich viel bedeutete. Sie nahm sein Wesen als Ganzes wahr, während er in seinen wenigen Lebensjahren sicherlich noch nicht einmal einen Bruchteil von ihrer Reife erlangt hatte. Maels Liebe mochte stürmisch und voller Leidenschaft sein, ihre dagegen war tief, so tief, dass sie ihm seine Bitte abschlug.
»Ich weiß, der Gedanke, eines Tages zu sterben, während ich für die Unendlichkeit geschaffen bin, ist dir unerträglich. Doch das Risiko, dass du dich und deine Persönlichkeit verlierst, wenn ich versuche, dich so an mich zu binden, damit du an meiner Unsterblichkeit teilhast, ist zu groß. Meine Macht würde dich überfluten und all das auslöschen, was dich als Mensch ausmacht. Du wärst nur noch ein Abbild von mir.«
»Denk an das, was wir gewinnen würden: Du wärst niemals mehr einsam.«
Nun konnte Sora nicht länger widerstehen und strich dem Jungen über die Wange. Auf ihrem edel geschnittenen Gesicht bereitete sich ein Entzücken aus, das ich nur zu gut kannte. Es gab nichts Berauschenderes als das Gefühl, einen geliebten Menschen in der Sphäre zu berühren. »Ich würde aber nicht länger von dir geliebt werden, weil du gar nicht mehr wüsstest, was Liebe bedeutet. Ich bitte dich, lass uns die gemeinsame Zeit genießen, die uns gegeben ist.«
»Und dann?«
»Dann werde ich mich deiner erinnern und dabei glücklich sein.«
Mael sah sie wissend an, neigte seinen Kopf, um ihr einen Kuss auf ihre Finger zu hauchen.
»Du unterschätzt, was du mir zu geben vermagst. Das ist dein einziger Fehler«, sagte Sora, deren Aura jetzt so hell aufleuchtete, dass ihre Strahlen den Raum und gewiss auch die hinter den Tüchern liegenden Räume, Plätze oder was auch immer erleuchteten.
Ich wandte mich ab, als sich ihre Lippen Maels näherten. Vor dem Vorhang, durch den sie getreten war, blieb ich stehen, da ich mir nicht sicher war, ob ich den Stoff berühren oder einfach durch ihn hindurchtreten konnte. Durfte ich mich überhaupt aus der Reichweite des Kristalls begeben, dessen schwaches Abbild sich weiterhin auf dem Boden abzeichnete? Mit dem Unterarm schob ich den Vorhang beiseite, der sich schwer und zugleich durchlässig anfühlte. Als könnte er sich nicht recht entscheiden, ob ich nun da war oder nicht.
Amüsiert trat ich vor, um sogleich wieder einen Schritt zurückzusetzen. Das, was ich hier sah, war absolutes Lieder-für-die-Ewigkeit-Material. »Wahnsinn«, flüsterte ich, während die Eindrücke nur so auf mich einstürzten, als ich den Vorhof zu Soras Pforte erblickte. Zuerst dachte ich, in den Steinboden sei ein filigranes Muster eingeritzt, das von innen beleuchtet wurde. Dann begriff ich, dass es sich um einzelne Steine und Felsen handelte, die sich zu einem sich stets wandelnden Gemälde zusammenfügten. Durch die Spalten zwischen ihnen fiel Licht, warm und golden. Und die Wände der Halle waren keine Wände, sondern Sternenstaub, der wasserfallartig über eine unsichtbare Kante rieselte. Der gesamte Vorhof schwebte, und sogar die Marmorsäulen, die den Eingang zu Soras Pforte markierten, tanzten schwerelos im Raum. Die Halle war das reinste Zauberwerk. Asami hatte nicht übertrieben.
Allerdings beeindruckte mich fast in gleichem Maße die anwesende Gesellschaft. Überall standen, flogen und lagerten Schattenschwingen – und zwar gemeinsam mit Menschen, die keinerlei Zweifel daran erkennen ließen, dass sie sich in der Sphäre heimisch fühlten. Obwohl ihr Anblick für mich fremd und faszinierend war, richtete sich meine Aufmerksamkeit auf die Schattenschwingen. Genau wie ich legten sie keinen Wert auf Schuhwerk und achteten darauf, dass ihre Schwingen sich ungehindert öffnen und schließen konnten. Ansonsten zeigten sie jedoch nur wenig Gemeinsamkeiten mit den heutigen Schattenschwingen, denen ihr Äußeres genauso gleichgültig war wie ihre Umgebung. Sie gestalteten nichts und erschufen noch weniger.
In der Vergangenheit hingegen zeichnete sich jede von ihnen durch ein höchst individuelles Auftreten aus, ob es nun in einem besonders schönen Körper bestand, den nichts anderes als perlmuttener Schimmer bedecken durfte, oder kunstvoller Schmuck und noch kunstvollere Garderoben. Ich konnte mich an ihrem Anblick gar nicht sattsehen, denn bei der Aufmachung ging es nie ums Protzen, sondern sie war ein Ausdruck der Person, die sie trug – so wie Sora, deren sari-artiges Gewand sie regelrecht umfloss. Schattenschwingen brauchten keine Kleidung, um sich vor den Widrigkeiten der Elemente zu schützen, sie benutzten sie, um sich auszudrücken. Plötzlich fühlte es sich bitter an, dass wir in der Gegenwart keinerlei Wert auf Kleidung legten, denn damit ignorierten wir, wer wir waren, weil wir uns taub gemacht hatten gegenüber unseren Fähigkeiten.
Eine angenehme, männliche Stimme lenkte mich von meinen trüben Gedanken ab. »Es heißt, Soras künftiger Gefährte verfüge über die seltene Gabe, das Ganze hinter den vielen Splittern, aus denen sich die Gegenwart zusammenfügt, zu erkennen. Wenn er diese Gabe unter ihrer schützenden Hand entwickelt, dürfte es interessant sein, was er herausfindet über den Zustand der Welt. Wer vermag heutzutage mehr als einen Bruchteil der gesamten Geschehnisse zu erfassen, und zu begreifen, wie sie zusammengehören?«
Die Stimme gehörte einer Schattenschwinge, deren Erscheinung an einen Pfau erinnerte, so ausstaffiert und anmutig war sie. Sie beugte sich vor, um die Antwort ihres Gesprächspartners besser zu verstehen, der auf einer der Decken lagerte und von dem ich nicht mehr als seine ausgestreckten Beine zu sehen bekam, die in schlichten Hosen steckten. Dabei war seine Stimme so durchdringend, dass sie einem unmöglich entging. Sie hatte etwas Zwingendes, sie dominierte alle anderen Gespräche, obwohl es sich keiner der Umstehenden anmerken ließ.
»Es wird sich zeigen, ob es wirklich ein Segen für den Jungen ist, die Geschehnisse unserer Zeit als Ganzes zu erfassen. Wenn Sora vor Liebe nicht gänzlich verblendet wäre, würde sie von ihm nehmen und sich seine Gabe zu eigen machen, anstatt sie mit ihm sterben zu lassen.«
»Nun, Sora ist eine der mächtigsten und erfahrensten unter uns. Vielleicht gelingt es ihr ja, den Jungen dahingehend zu unterstützen, dass er seine Gabe in den wenigen Jahren, die ihm bleiben, ausreichend entwickelt. Obwohl … sie liebt ihn so sehr, dass sie es kaum wagt, ihn zu berühren und dadurch einen Austausch ihrer Gedanken und Empfindungen durchzuführen.«
Der Pfau lehnte sich zur Seite, um nach einem Trinkkelch zu greifen. Ich erkannte Ask sofort – sein im Tod erstarrtes Gesicht flackerte immer wieder in meiner Erinnerung auf. Dass er noch Ask und noch nicht der Schatten war, verriet seine unversehrte Haut. Er hatte noch nicht herausgefunden, wie man anderen Schattenschwingen ihre Macht raubte. Trotzdem war er auch damals schon eine der eindrucksvollsten Schattenschwingen. Seine Gesichtszüge wurden hart, als er zum Reden ansetzte.
»Entweder fürchtet sich Sora tatsächlich davor, auch nur die geringste Veränderung an ihrem Jungen herbeizuführen, oder sie hat Angst vor dem, was seine Gabe ans Licht bringen könnte.«
»Warum sollte sie sich davor fürchten?«, fragte der Pfau verständnislos.
Ask antwortete nicht, aber ich ahnte, was ihm durch den Sinn ging: Sora vermutete, dass seine Gabe Mael möglicherweise in Schwierigkeiten bringen würde. Jemand wie Ask, der im Hintergrund heimlich seine Macht zementierte, hatte nicht das geringste Interesse daran, dass ein Sterblicher seinen sorgsam aufgebauten Plan durchschaute. Nachdenklich wanderte sein Blick über die Gästeschar, die das Paar erwartete, das heute durch den Austausch der Bernsteinringe seinen Bund besiegeln wollte. Dabei kreuzte sein Blick auch meinen, und einen unerträglichen Moment lang sah ich in seine Augen. Trotz der Distanz zwischen uns spiegelte ich mich in ihnen: Ich starrte in mein Gesicht, in meine vor Schreck und Unglauben weit aufgerissenen Augen, bevor sie von den unsichtbaren Kanten des Kristalls zerschnitten wurden. In immer kleinere Teile, bis sie sich auflösten.
∞∞
Ich fand mich in derselben Haltung wieder, mit der ich mich zuvor vor den Kristall gekniet hatte. Mein Kopf schwirrte, als ich meine Hand ausstreckte, um den Kristall zu bedecken. Er bewegte sich zwar nicht mehr, aber allein die Vorstellung, dass er es plötzlich wieder tun könnte, setzte mir zu. Erstaunlich leicht erhob ich mich.
»Wie lange war ich fort?«, fragte ich Asami, der in meiner unmittelbaren Nähe kauerte.
»Du warst nicht fort, jedenfalls nicht für mich. Und der Kristall … der hat sich nicht länger als ein paar Sekunden gedreht.« Eine steile Falte zeichnete sich zwischen seinen Brauen ab. »Hast du eine Ahnung, was der Kristall sich aus deiner Gegenwart genommen hat, um dir die Vergangenheit zu zeigen?«
In Gedanken ging ich meine Unterhaltung mit Asami durch: Er hatte sich über mich geärgert, weil ich außerstande war, den Kristall zu aktivieren, und darum hatte er seine Aura mit den kläglichen Resten meines Strahlens verbunden. Wie war das genau gewesen, wie hatte sich das angefühlt? Ich wusste es nicht mehr, an dieser Stelle riss meine Erinnerung. Ich zuckte mit den Schultern. »Wird schon nichts Wichtiges gewesen sein. Wenn du mich einlässt, zeige ich dir, was ich gesehen habe.«
Asami zögerte kurz, dann nickte er, wobei ihm sein Widerwille, mir Zutritt zu seinem Inneren zu gewähren, anzusehen war.
»Keine Sorge, ich habe nicht vor, mich bei dir umzusehen«, beschwichtigte ich ihn.
Mehr als ein abfälliges Schnauben hatte er nicht für mich übrig. Was er dann allerdings zu sehen bekam, brachte ihn sichtlich ins Wanken.
»Ich war auch ziemlich von den Socken. Die feste Pforte, die Menschen in der Sphäre, die öffentlich gefeierte Verbindung zwischen Mensch und Schattenschwinge …«
Asami unterbrach mich harsch. »Dieses Fest endete mit der vollständigen Vernichtung von Soras Pforte, und zwar in dem Moment, als die Verbindung zwischen ihr und Mael geschlossen wurde … Man hat später vermutet, dass jemand ein Zeichen in die Ringe geritzt hatte. Es gab kaum Zeugen des Unglücks, verstehst du? Sie sind fast alle umgekommen in dem Moment, als Sora Maels Hand in ihre genommen hat. Der Vorhof, die Pforte, alles wurde unter den herabstürzenden Steinen begraben. Die Halle, in der wir jetzt stehen, ist ein Ort der Trauer, ein stilles Gedenken an die Vergangenheit, an unsere Welt, bevor der Schatten sich über sie gelegt hat.«