25 Gewandet
Ich erblickte Nikolai lange vor Lena: eine dunkle Silhouette, gleich einem Vogel, fern am Himmel. Mit kräftigen Flügelschlägen kam er näher, und alles, was soeben noch an ihm dunkel gewesen war, färbte sich hell. Die Schwingen so nah am Weiß, wie das Grau der Sphäre es zuließ, die Haut in einem Grauton, von dem ich wusste, dass er in meiner Welt ein warmes Gold wäre, während sein Haar selbst in dieser Farblosigkeit glänzte. Seinem Äußeren nach war Nikolai eine Lichtgestalt, während in seinem Inneren Dunkelheit herrschte. Für einige kurze Momente ließ ich mich von diesem Gegensatz faszinieren, dann bemerkte ich seine Silberaugen auf mir und erstarrte.
Neben mir verschränkte Lena die Arme. »Immer eine große Show, wenn du auftauchst«, begrüßte sie ihn, als er behände auf einer Balustrade landete, deren Umrisse wir lediglich erahnten.
Nikolai beachtete sie wie gewöhnlich nicht. Nicht einmal ihre spöttischen Kommentare rangen ihm eine Reaktion ab. Für ihn war sie nur ein Anhängsel, von dem er nicht einmal nehmen konnte, weil sie unter seiner Berührung zerbrechen würde. Es war ohnehin ein Wunder, dass sie die Sphäre ertrug. Lena konnte schreien, schimpfen, drohen, für ihn war sie genauso unsichtbar wie das Material, aus dem er diesen Käfig geschaffen hatte.
Unsichtbar … Ich hatte ihn gefragt, ob dieser weitläufige Raum, der sich mit jeder Stunde mehr auszudehnen schien, deshalb aus Glas bestand, damit er jeden und alles in seinem Umkreis sofort bemerkte.
Daraufhin hatte Nikolai mich eine Weile starr angeschaut und schließlich mit gepresster Stimme gesagt: »Damit hat das nichts zu tun. Ich ertrage die Enge nicht mehr, seitdem wir der Pforte entkommen sind. Du etwa?«
Ich hatte mich ohne eine Antwort abgewandt. Solange ich vor ihm stand, konnte ich mir unmöglich eingestehen, dass ich genau wie er empfand. Ich ertrug eine solche Gemeinsamkeit kaum, nur brachte es wenig, zu leugnen, dass mir seit unserem albtraumhaften Wechsel in die Sphäre alles Einengende ein Graus war und sich in meinem Kopf in eine Todesfalle verwandelte. Sogar bei Lenas Umarmungen tauchte diese Angst auf und schnürte mir die Luft ab. Dass die Zerstörung der Pforte auch bei Nikolai Spuren hinterlassen hatte, verblüffte mich. Seine unumstößliche Selbstsicherheit, die mich auf dem Eiland dazu veranlasst hatte, klein beizugeben und ihm den fliegenden Pfeil auf seine Haut zu zeichnen, der nichts als sein Ziel kennt, war ins Schwanken geraten.
So beharrlich, wie Nikolai Lena ignorierte, sosehr zog ich seine Aufmerksamkeit an. Was uns beiden sichtlich zusetzte. Nikolai brauchte mich, mehr als je zuvor. Einerseits war es von Vorteil, dass er mich nicht mehr bloß als Mittel zum Zweck betrachtete. Andererseits verstörte mich die Art, mit der er mir nun begegnete. Dadurch war er viel unberechenbarer als zuvor.
Mühsam unterdrückte ich das Verlangen, vor ihm davonzulaufen. Das hatten wir ohnehin schon hinter uns. Für Nikolai war es so ärgerlich gewesen, mich in diesem weitläufigen Glasgebilde einzufangen, wie es für mich demütigend gewesen war. Ich konnte ihm nicht entkommen, genauso wenig, wie ich mich seiner erwehren konnte – auch das hatten wir bereits ausprobiert, obwohl ich es eigentlich besser hätte wissen sollen. Er hatte mich problemlos niedergerungen und mir eine schallende Ohrfeige versetzt, als wäre ich nichts als ein freches Blag. Dabei legte er es keineswegs darauf an, mich zu verletzen, nein, mein körperliches Wohlbefinden war ihm heilig. Das war an der Sorgsamkeit, mit der er meine Wunde an der Hand behandelt hatte, zu erkennen gewesen. Auf meinen eigenständigen Willen hingegen legte er deutlich weniger Wert.
Ich wischte sämtliche Regungen von meinem Gesicht, als ich Nikolai entgegentrat, obwohl mein Herz lautstark zu schlagen begann.
»Warum bist du so früh zurückgekehrt? Du kannst unmöglich schon wieder von mir nehmen.«
»Deshalb bin ich nicht hier. Ich habe euch etwas zu essen mitgebracht und neue Kleidung. Deine Freundin schmeißt ihre alten Sachen am besten gleich über die Brüstung ins Meer. Der Geruch ist nicht zu ertragen.«
Lena schnaubte aufgebracht. »Sag bloß, du kannst den Geruch von Feuer und Rauch nicht ausstehen. Dabei rieche ich doch nach der Pforte, durch die du mich gezerrt hast. Ach, fast hätte ich es vergessen! Die gibt es ja gar nicht mehr, die hat Kastor dir ja unterm Arsch weggezogen. Jetzt weckt der Geruch von erloschenem Feuer wohl keine warmen Gefühle mehr, was?«
Genüsslich bohrte sie in der Wunde, ohne zu bemerken, dass ich bei ihrer Bemerkung ebenfalls erblasste. Rauch, erkaltete Glut und Asche … unerträglich.
Hastig beugte ich mich über den Beutel, den Nikolai neben sich abgelegt hatte, und holte neben Früchten und Nüssen – offenbar hielt er uns für zwei Vögelchen, denn er brachte nie etwas anderes zu essen mit – auch ein Kleidungsstück heraus. Eine knöchellange Tunika, schlicht und schön zugleich.
»Hier ist nur ein Gewand.«
»Vorläufig muss deine Freundin damit auskommen«, klärte Nikolai mich auf.
Ich brachte es Lena, die die Nase rümpfte.
»Kannste behalten. Der Fetzen ist nicht mein Stil, da stinke ich lieber.«
»Anziehen«, befahl Nikolai, eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen er Lena direkt ansprach. Der Brandgeruch musste ihm wirklich zusetzen.
»Zieh den Fummel doch selber an, wenn du den so super findest. Hätte ich nix dagegen, deine freie Oberkörpernummer kotzt mich nämlich voll an. Unser Schönling mit dem schwarzen Herzen.«
Nikolai war derartig schnell über Lena, dass ich erst begriff, was sich abspielte, als er schon die Hälfte ihrer Kleider heruntergerissen hatte. Dann packte er die zeternde Lena und schleifte sie zu einem der Wasserläufe, in dem er sie untertauchte. Die Bernsteinkette spannte und die Fessel schnitt ihr ins Gelenk. Ich sprang hinterher, riss an seinen Armen, schlug auf seinen Rücken ein, doch ich richtete so viel aus wie eine Fliege gegen einen Elefanten.
Während Nikolai Lenas Kopf unter Wasser drückte, schnauzte er mich an: »Geh und schmeiß ihre stinkende Kleidung über die Brüstung. Sonst bleibt sie unter Wasser. Es reicht, wenn ich mir ihren Unsinn anhören muss, da muss sie nicht auch noch unentwegt meinen Geruchssinn belästigen.«
Ein Blick auf die Blasen, die aus Lenas Lunge zur Wasseroberfläche aufstiegen, gab den entscheidenden Ausschlag, und ich lief los. Wie von Sinnen raffte ich die zerrissene Kleidung hoch und entsorgte sie.
Im Wind flatternd, segelten die Stücke davon.
Als ich mich wieder umdrehte, hatte Nikolai bereits von Lena abgelassen, und sie plumpste hustend und nach Luft ringend auf den Boden. Obwohl ich mir wie eine Verräterin vorkam, hielt ich ihr die Tunika hin, die sie mit verkniffener Miene überstreifte. Nikolais unvermittelt ausgebrochene Rage hatte mir jedoch gezeigt, dass er Lena keineswegs übersah. Er verschonte sie, weil ich sie brauchte. Trotzdem gab es eine Grenze und die durfte nicht überschritten werden. Ich würde achtgeben müssen, damit Nikolai meine Freundin nicht Respekt lehrte, denn das würde sie wahrscheinlich nicht überleben.
»Arschloch«, fauchte Lena ihn an, als habe er sie soeben nicht fast ersäuft, sondern bloß geärgert. Typisch Lena: Sie würde lieber tot umfallen, als klein beizugeben. »In dem Lappen sehe ich aus, als wäre ich eine Nonne im Kloster.«
»Du kannst froh sein, dass ich dir nicht den Kopf schere. Diese Farben in deinem Haar sind die reinste Folter fürs Auge.«
Lena begnügte sich mit einem Schniefen. Entweder war sie zu mitgenommen, um weiter gegen Nikolai zu kämpfen, oder sie hatte endlich begriffen, dass Nikolai nicht davor zurückschrecken würde, seine Drohungen in die Tat umzusetzen. Mit dieser Vermutung hätte sie definitiv richtig gelegen: Nikolai sah aus, als brauchte es nicht mehr als ein Wimpernzucken von ihr, und er würde explodieren.
Ich überwand meinen Widerwillen und trat zwischen die beiden, obwohl ich Nikolai dabei so nah kam, dass ich die Wärme spürte, die sein vom Flug erhitzter Körper ausstrahlte. Genau so war es stets auch bei Sam gewesen … aber der Gedanke tat zu weh, um ihm nachzuhängen.
Augenblicklich gehörte Nikolais Aufmerksamkeit ganz mir, denn auch an ihm ging die Nähe meiner Haut nicht spurlos vorbei.
Es brauchte zwei Anläufe, bis ich einen Satz über meine Lippen brachte, aber ich musste die Situation entschärfen. »Soll ich das Tuch tragen, in das du die Sachen gewickelt hattest? Ansonsten war ja nichts dabei.«
Obwohl ich ihm unverwandt in die Augen blickte, wusste ich, dass seine Finger vor- und zurücktanzten, getrieben von dem Verlangen, mich zu fassen und zu berauben. Doch ich wich nicht zurück, sondern hielt stand. Es war Nikolai, der schließlich einige Schritte zurücksetzte, als könnte er der Versuchung ansonsten keinen Augenblick länger widerstehen.
»Das Tuch ist einfach nur ein Tuch«, erklärte er. »Für dich habe ich etwas Besonderes vorgesehen. Lass uns ein Stück höher steigen.«
Zuerst dachte ich, er wollte mich auf einen Flug mitnehmen, und verkrampfte zwangsläufig am ganzen Leib. Dann erst erkannte ich die Treppe, auf die er zeigte. War die zuvor etwa auch schon da gewesen? Ich tauschte noch einen raschen Blick mit Lena aus, die den Kopf schüttelte, obwohl uns beiden klar war, dass ich keine Wahl hatte. Wenn ich die Stufen nicht freiwillig erklomm, würde Nikolai mich hinaufstoßen – und darauf konnte ich wirklich verzichten.
Die Treppe entpuppte sich als großzügig angelegte Wendeltreppe, die direkt in die Wolken führte. Wie weißer Atem glitten sie an den durchsichtigen Wänden vorbei. Der Raum, in den Nikolai mich führte, hatte eine angenehme Größe, nicht zu klein und nicht zu weitläufig.
Doch das Zimmer kümmerte mich in diesem Augenblick wenig.
Ich starrte auf die Einrichtung: ein Bett. Ein einziges breites Bett, das direkt aus dem Boden zu wachsen schien und in dem sich Wasserdunst verfangen hatten. Duftendes Heu lag in seiner Mitte, über das Nikolai das Tuch ausbreitete.
Das Herz schlug mir bis zum Hals. Ich drehte mich gerade nach der Treppe um, in der festen Absicht, mich hinabzustürzen, als er zu lachen begann.
»Keine Sorge, ich hege nicht die Absicht, das Bett in deiner Gesellschaft einzuweihen. Es geht mir ausschließlich darum, dir einen Raum geben, in den du dich zurückziehen kannst. Ich verlange dir viel ab, und obwohl es noch bei Weitem nicht genug ist, um meine alte Kraft wiederzuerlangen, will ich mich nicht undankbar zeigen. Dieses Zimmer überlasse ich dir.«
»Bedeutet das, es gehört mir, und ich kann darin tun und lassen, was ich will?«
»Die Frage ist ein Widerspruch in sich, Mila. Du gehörst mir, wie könnte dir also etwas gehören und mir nicht? Aber ich werde dich hier, so weit es mir möglich ist, in Ruhe lassen. Höflich anfragen, bevor ich eintrete, wenn dich das glücklich macht.«
Als ob mich irgendetwas glücklich machen könnte, das Nikolai tat. Aber ich hielt meine Zunge im Zaum, denn dieses Zimmer war besser als nichts.
»Und Lena?«, fragte ich. »Du wirst ihre Kette verlängern müssen, damit sie bis nach oben gelangt. Oder du nimmst sie ihr ab, das wäre noch besser.«
Eine Zornesfalte grub sich zwischen Nikolais Augenbrauen, die jetzt deutlich markanter geschwungen waren als bei unserer ersten Begegnung, bei der er einem Jungen geglichen hatte. In der Zwischenzeit war er äußerlich gereift, seine Züge fielen kantiger aus und die Schultern waren deutlich kräftiger geworden. Daran konnte nicht einmal seine derzeitige Entkräftung etwas ändern. Er mochte geschwächt, verletzt und auf eine nie dagewesene Weise verändert sein, aber ich hielt ihn für gefährlicher denn je.
»Ist es wirklich notwendig, dass diese Person sich ebenfalls in deinem Quartier aufhält?«, fragte er missmutig.
»Unbedingt, denn ohne Lena werde ich mich hier auf keinen Fall aufhalten, womit deine Mühe umsonst gewesen wäre.«
Das Duell unserer Blicke dauerte noch einige Herzschläge an, dann lenkte Nikolai ein.
»Gut, aber ich werde mich erst später darum kümmern. Jetzt habe ich noch etwas anderes mit dir vor. Bitte entledige dich dieser übel riechenden Kleidung.«
Das verschlug mir die Sprache, und ich stand wie vom Donner gerührt da. Von Lena hatte er eben zwar das Gleiche gefordert, aber da hatte schon ein frisches Kleidungsstück bereitgelegen. Davon konnte jetzt nicht die Rede sein.
»Mila, mit meiner Aufforderung meinte ich sofort und nicht irgendwann. Wenn du also die Freundlichkeit hättest zu gehorchen. Ich würde nämlich nur ungern handgreiflich werden.«
Wäre es bei dieser Drohung rein um körperliche Gewalt gegangen, hätte ich es darauf ankommen lassen, aber die Vorstellung, Nikolais Hände auf mir zu spüren, selbst wenn es nur für die Dauer einer Ohrfeige wäre, ließ mich einknicken.
Unvermittelt lief ich rot an. »Würdest du dich vielleicht umdrehen, während ich mich …« Meine Stimme brach ab, doch zu meinem Unglück reagierte Nikolai nicht.
Nicht dass das eine große Überraschung war. Schattenschwingen hatten nicht das menschliche Schamgefühl, und ich verspürte wenig Lust, ihn aufzuklären. Also drehte ich ihm den Rücken zu und schlüpfte aus meinen Klamotten. Sofort breitete sich auf meinen Armen und Beinen eine Gänsehaut aus. Ich ließ die Sachen fallen, wo ich stand. Meine geringelten Strümpfe waren ohnehin an den Knien zerrissen und der Rest der Kleidung war mit Blut beschmiert. Hier in der Sphäre sahen die Blutspuren aus wie ein wildes Muster in Schwarz. Gar nicht so unschön … vielleicht sollte ich etwas Ähnliches malen, wenn ich eines Tages die Zeit dazu fand, mein Trauma aus der brennenden Halle zu verarbeiten.
»Und nun? Soll meine nackte Haut etwa das neue Gewand sein, das du für mich vorgesehen hast? Der Trick hat schon in Des Königs neue Kleider nicht wirklich überzeugt.«
»Dreh dich um«, forderte Nikolai.
Ja, sicher doch! Die richtig interessanten Dinge gab es schließlich an meiner Vorderseite zu sehen. »Das ist ein total krankes Spiel. Ich habe dir ja einiges zugetraut, aber Spannerei gehörte bislang nicht dazu.«
»Mila, wenn du nicht tust, was ich dir sage, werde ich dich eben gewaltsam umdrehen. Sobald meine Hände allerdings erst einmal auf dir liegen, kann ich für nichts garantieren. Das ist dir hoffentlich klar.«
In Sekundenschnelle drehte ich mich um und schlug mir umgehend die Hände vor die Augen, weil Nikolai seine Aura aufleuchten ließ. Eiskristalle tanzten vor meinen geschlossenen Lidern und schnitten schmerzhaft in sie hinein. Nikolai fluchte in einer Sprache, die verdächtig nach Russisch klang. Die Heimat des wahren Nikolai.
»Wie schön, dass du die Wurzeln deiner Hülle nicht vergisst«, stichelte ich, während ich meine tränenden Augen rieb.
»Es ist zum Schreien. Ich kann meine Aura immer noch nicht wieder richtig kontrollieren und diese verdammte Hülle will sich nicht von ihrer Vergangenheit trennen. Sie glaubt ungebrochen, diesem Schwächling zu gehören, der sich aus dem Staub gemacht hat. Es war keine gute Idee, sie anzunehmen. Ich werde mit ihr einfach nicht fertig.«
Verwundert blickte ich Nikolai durch den Tränenschleier an. Hatte er eben tatsächlich eine Schwäche eingestanden? Sein Kiefer mahlte und die Unzufriedenheit war ihm vom Gesicht abzulesen, während seine Aura nun in erträglichem Maße leuchtete. Es war der mir bereits vertraute Eiszapfenkranz, der einst jener Schattenschwinge gehört hatte, die in der Sphäre unter dem Namen »der Schatten« bekannt gewesen war. Drei Dinge hatte dieser einstige Kriegsherr in die Gegenwart gerettet: einen Teil seiner Aura, seine Pforte und seine Persönlichkeit. Letztere hatte ich auf dem verlassenen Eiland bestens kennengelernt und sie sogar in ein Symbol gegossen. Seitdem hatte sich allerdings einiges verändert, und damit war nicht nur die Tatsache gemeint, dass in der Tiefe des Eiszapfenkranzes jetzt nicht länger Aschepartikel schwammen, als wäre das Wasser verunreinigt worden. Denn mit der Aschepforte war auch die Aura desjenigen, der früher in diesem Körper gelebt hatte, ausgelöscht worden. Von dem echten Nikolai waren lediglich sein Äußeres, seine fast weißen Schwingen und sein Name übrig geblieben … aber das reichte offensichtlich aus, um Einfluss auf den Schatten zu nehmen.
»Muss ziemlich ungewohnt sein, dass nicht alles nach deinem Willen läuft. Aber es wäre ja noch schöner, wenn du einfach damit durchkämst, dir ohne Rücksicht auf Verluste zu nehmen, was du willst«, hielt ich Nikolai vor. »Im Übrigen war es ohnehin keine gute Idee, sich des Körpers eines anderen zu bemächtigen. Und eine noch viel schlechtere, seine Identität und sogar seinen Namen an sich zu reißen. Jetzt sucht er dich heim, und du kannst ihm nicht entkommen, es sei denn, du streifst diesen Körper wieder ab. Wäre nur gerecht.«
Nikolai schob stur das Kinn vor. »Ich habe mir all das genommen, weil ich es konnte. Es war mein Neuanfang.«
»Aber seinen Namen anzunehmen … wenigstens darauf hättest du verzichten können.«
»Unmöglich. Der Name steht für eine neue Ära. Meine Ära. Endlich.«
Obwohl es mir zuwider war, sah ich ihn mir genauer an, versuchte das zu erkennen, was sich hinter der Fassade verbarg. »Irgendwie ist es so, als gehörtest du jetzt dem Namen, nicht umgekehrt. Gib zu, du veränderst dich …«
Wenn ich mit einer zornigen Reaktion rechnete, so wurde ich enttäuscht. Vorsichtig betastete Nikolai den Pfeil unter seinem Herzen, der noch genau so aussah wie damals, als ich ihn hineingeschnitten hatte. Immer noch frisch, als wäre es ihm unmöglich zu verheilen.
»Dein Gewand«, erinnerte Nikolai mich. »Du solltest es anziehen. Es sei denn, du findest Gefallen an deinem jetzigen Auftritt.«
Entrüstet schüttelte ich den Kopf. »Ganz bestimmt nicht!«
»Dann kleide dich an.«
Gern. Nur gab es nirgendwo etwas, in das ich mich kleiden konnte. Frustriert ballte ich die Hände zu Fäusten. Es war also doch ein Spiel.
Nikolai seufzte. »Da gebe ich dir die Möglichkeit, mit meiner Aura etwas zu erschaffen – und was machst du? Mit glühendem Blick Löcher in die Luft brennen und die Fäuste schütteln. Vielleicht solltest du lieber mal nach dem greifen, was ich dir anbiete?«
Ich verstand kein Wort. Dann griff ich in der sicheren Überzeugung, mich an seinen Zacken zu schneiden, nach dem Strahlenkranz. Statt mich zu verletzen, umspielte sein Licht meine Finger und verdichtete sich, als wäre es feinste Seide. Ich hob meinen Arm in die Höhe und erkannte voller Verwunderung, dass ich ein blassgraues Seidentuch in der Hand hielt, das immer länger wurde. Während ich es fasziniert betrachtete, begann Nikolai um mich herumzugehen, wobei das Tuch mit jedem seiner Schritte länger wurde und mich schon bald umschmiegte.
»Wie fühlt es sich an?«
»Wie eine zweite Haut. Ganz leicht und wunderbar.«
»Es ist ein Geschenk, ein Ausgleich dafür, dass ich mehr nehme, als du zu geben hast. Von Stunde zu Stunde wirst du mehr zu einem Geschöpf der Sphäre und entsprechend solltest du auch aussehen. Ein Menschenkind, das an eine Schattenschwinge gebunden ist.«
Ich achtete nicht auf seine Worte, denn ich war wie gefangen von dem Kleid, das meinen Körper umhüllte. Alles an ihm war ein Traum, mein Traum, den ich gewebt hatte. Alles an ihm war perfekt, bis auf eine Ausnahme: Seine Farbe offenbarte sich mir nicht. Um welche Farbe mochte es sich handeln? Was war meine ganz persönliche Farbe? Blaugrün, dachte ich. Meeresblau, wie Sams Augen. Doch irgendwie sah mir das Grau nicht danach aus, es war zu hell, geradezu schimmernd.
»Ein Teil von mir an dir«, flüsterte Nikolai noch, dann ging er.
Ich bemerkte es nicht einmal.