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23 Silberstaub

Die psychiatrische Klinik von St. Martin war in einem Bauwerk aus dem letzten Jahrhundert untergebracht, das eher nach einem Herrensitz aussah als nach einem Gebäudekomplex, in dem neben der medizinischen Fakultät auch verschiedene Kliniken beheimatet waren. Es maß drei Stockwerke, war cremefarben getüncht und hatte weiße Sprossenfenster.

Richtig edel, dachte ich, als ich Rufus’ Wagen auf dem Besucherparkplatz abstellte. Von innen sah es da schon ganz anders auch, obwohl man sich selbst auf der geschlossenen Abteilung, wo mein Vater untergebracht war, um eine freundliche Atmosphäre bemühte. Aber geschlossen war eben geschlossen, da änderten auch die netten Landschaftsbilder auf den Fluren nichts. Zu einem Teil lag das gewiss an meiner überempfindlichen Wahrnehmung als Schattenschwinge, dank derer ich die Atmosphäre und Bestimmung eines Ortes genauso deutlich wahrnahm wie die sonnengelb gestrichenen Wände. Nein, die geschlossene Abteilung der Psychiatrie war kein angenehmer Ort, mit oder ohne Jonas Bristol.

»Also, hier läuft es folgendermaßen ab: Ich muss meinen Besuch erst anmelden. Es kann also sein, dass ich eine Zeit lang warten muss. Willst du währenddessen im Wagen bleiben und Musik hören?«

Asami bedachte mich mit einem Blick, als hätte ich gefragt, ob er sich nicht ein Ballettkleid anziehen und ein paar Pirouetten auf dem Parkplatz drehen wolle. »Selbstverständlich werde ich dich begleiten. Schon deshalb, weil wir keine Zeit haben, auf irgendeine Erlaubnis zu warten. Ich werde sie uns besorgen, weil du, wie ich dich kenne, zu viele Skrupel hast, um die notwendige Beeinflussung vorzunehmen. Außerdem solltest du deine Kraft besser schonen, auch wenn deine Aura sich weitgehend erholt hat. Sie glüht beinahe wieder so stark wie nach deinem ersten Eintritt in die Sphäre. Nicht schlecht.«

Verlegen zupfte ich an meinem T-Shirt herum. Über meine glühende Aura zu sprechen, war so ziemlich das Letzte, worauf ich erpicht war. Dank Asami hatte ich sie zwar erstaunlich schnell wiedererlangt, für meinen Geschmack jedoch auf viel zu vertrauliche Weise.

»Du willst dem Arzt meines Vaters im Kopf herumspuken?«

»Selbstverständlich – falls es notwendig ist.«

Unter anderen Umständen wäre die Idee originell gewesen, ausgerechnet den Geist eines Psychiaters zu beeinflussen. Mit dem ins gebatikte Tuch eingeschlagenen Katana und dem todernsten Asami an meiner Seite, der lediglich mein Karohemd und einen Hakama trug, erschien mir Geistesbeeinflussung als so ziemlich die einzige Möglichkeit, um schleunigst in Jonas’ Nähe zu gelangen.

Tatsächlich schafften wir es mit ein wenig Mühe bis auf die geschlossene Station, wo die schweren Fälle untergebracht waren. Inzwischen war ich heilfroh darüber, dass Asami mit von der Partie war. Ansonsten wäre ich bereits an dem Pförtner gescheitert, der stur auf die Besuchszeiten verwiesen und sich geweigert hatte, den behandelnden Arzt ans Telefon zu bitten. Er schaltete so lange auf Durchzug, bis Asami ihm eiskalt die Idee einpflanzte, dass wir den Termin schon längst vereinbart hätten.

Den menschlichen Geist zu beeinflussen, war leicht. Eine meiner ersten Taten als Schattenschwinge war es gewesen, Rufus’ Erinnerung zu löschen. Allerdings fand ich diese Vorgehensweise nach wie vor unangemessen. Nur weil man es konnte, war es lange noch nicht okay, mit der Gedankenwelt eines Menschen herumzuspielen. Es war respektlos und fühlte sich falsch an. Zumindest für mich. Asami hingegen schien diesbezüglich nicht die geringsten Bedenken zu haben, vermutlich, weil er sein weltliches Gegenüber nach wie vor nicht als gleichwertig wahrnahm. Als den Menschen haushoch überlegene Schattenschwinge durfte man seiner Meinung nach ruhig ein wenig Pingpong mit den Gedankengängen der Sterblichen spielen. Obwohl ich keinen anderen Weg sah, möglichst umgehend zu Jonas zu gelangen, nahm ich mir fest vor, bei passender Gelegenheit für diese Eingriffe Buße zu tun und ein klärendes Gespräch mit Asami darüber zu führen, dass diese Gabe wirklich nur in äußersten Notfällen eingesetzt werden durfte.

»Wirklich hervorragend, dass Sie direkt im Anschluss an meine Sitzung mit Ihrem Vater kommen konnten, Samuel. Wie schön.« Dr. Felsenbruck erwartete uns im Empfangsbereich der geschlossenen Abteilung, zu dem uns ein Sicherheitsmann begleitet hatte.

Jonas’ behandelnder Arzt war ein drahtiger Mann mit grauem Haarkranz, der mich bei unserem letzten Treffen mit seiner Zentriertheit beeindruckt hatte. Nicht viele Menschen waren in der Lage, sich vollkommen einer Sache zu verschreiben. Bei Dr. Felsenbruck brauchte ich nicht einmal meine spezielle Schattenschwingen-Sicht, um zu erkennen, dass dieser Mann für seinen Job lebte. Umso beeindruckter war ich, dass Asami nicht nur den Pförtner blitzschnell auf unsere Pläne einschwor, sondern auch diesen Mann, der nun felsenfest davon überzeugt war, uns bereits sehnsüchtig erwartet zu haben.

»Guten Tag.« Die Begrüßung kam mir etwas steif über die Lippen. Ein paar Stunden in Asamis Gesellschaft, und schon fiel es mir schwer, mich wie Sam Bristol aus dem Küstenstädtchen St. Martin zu benehmen. Das Klicken, das die Tür in meinem Rücken beim Schließen von sich gab, war dem nicht gerade förderlich. Eingesperrt! Eingesperrt!, hämmerte es irrsinnigerweise hinter meiner Stirn. »Das ist übrigens mein …« Ich stockte, weil ich nicht wusste, wie ich Asami vorstellen sollte. Dann setzte ich noch einmal an. »Das ist Miyamoto Asami, er begleitet mich.«

Dr. Felsenbruck reichte Asami seine Hand, und zu meiner Überraschung nahm dieser sie mit einer Gelassenheit, als würde er unentwegt Hände schütteln.

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Herr Asami«, sagte Dr. Felsenbruck, bevor er sich wieder mir zuwandte. »Normalerweise würde ich es nicht gutheißen, dass eine Person, die dem Patienten unbekannt ist, einem Besuch beiwohnt, aber in diesem speziellen Fall sollte die Rücksicht auf Ihre Situation überwiegen. Schließlich haben Sie ja sehr unter den Auswirkungen der Erkrankung Ihres Vaters leiden müssen, Samuel. Nun, Herr Asami, Sie werden Ihrem Freund sicherlich eine große Stütze sein, aber bitte halten Sie sich, wie in unserem Vorgespräch vereinbart, zurück.«

Asami nickte gelassen. »Selbstverständlich.« Während ich verdutzt dastand, ermahnte er mich auf mentalem Wege: Sieh zu, dass du deine Gesichtszüge unter Kontrolle bekommst. Diesen Mann zu lenken, ist auch so schon schwierig genug, ohne dass du seine immer wieder aufblühende Skepsis durch deinen offen stehenden Mund befeuerst.

Ich heftete meinen Blick auf Dr. Felsenbruck, der gerade zu einer Abhandlung ansetzte über die paranoide Psychose, unter der mein Vater seiner Ansicht nach litt. Wobei Jonas ein besonders interessanter Fall sei, weil sein Krankheitsbild so viele Abweichungen von der Norm aufweise.

Mir schlug das Herz bis zur Kehle, als Dr. Felsenbruck uns in einen hellen Raum führte, dessen Fenster ebenfalls Sprossen zierten. Allerdings waren diese hier nicht aus Holz, sondern aus weiß lackiertem Metall gearbeitet: Fenstergitter, die nicht wie welche aussahen. Man konnte glatt meinen, einen ganz normalen Klinikraum zu betreten, abgesehen von den Alarmschaltern, dem aufs Nötigste reduzierten Mobiliar und der schweren Sicherheitstür mit ihrem Tastenfeld anstelle eines Schlüssels. Und natürlich dem Sicherheitsmann, der uns seit dem Betreten der Geschlossenen an den Fersen heftete und sich nun unauffällig im Hintergrund positionierte.

Gespielte Entspanntheit war das, und die beunruhigte mich mehr, als wenn man mich in eine Gummizelle aus einem Kinofilm geführt hätte. Es fühlte sich an, als würden sie Jonas Bristol unterschätzen – etwas, was mir nicht passieren würde, egal in welcher Verfassung er war und von welchen Medikamenten er ruhiggestellt wurde.

Jonas saß auf einem Stuhl, in ein geflüstertes Selbstgespräch versunken. Unser Eintreten bemerkte er nicht. Er war genauso massig wie eh und je, aber seine Körperhaltung hatte sich verändert: Die ehemals aggressive Spannung, die seine Muskeln hatte hervortreten lassen, sodass er immerzu wie auf dem Sprung wirkte, war einem schlaffen Sich-irgendwie-Aufrechthalten gewichen. Sogar seine Gesichtszüge hingen durch, als brächte er nicht die nötige Energie für ein Mimikspiel auf. Seine Haare standen an den Seiten wirr ab, als wäre er einmal zu oft mit den Händen durchgefahren. Ein Getriebener, der nicht länger die Kraft aufbrachte, sich durch den Tag zu schleppen.

Da saß er also, mein Vater. Der Mann, den ich von klein auf gefürchtet hatte, der meine Kindheit mit einer Spur von Gewalt und Demütigungen durchzogen und dessen Brutalität mir die Mutter geraubt hatte. Ich horchte in mich hinein, auf die Reaktion wartend, die sein Anblick in mir auslöste. Doch da war nichts außer Abscheu. Die Verbindung, die es früher allen Umständen zum Trotz zwischen uns gegeben haben mochte, war spätestens seit meinem ersten Wechsel in die Sphäre gekappt. Für mich war Jonas ein Fremder, mehr Schatten als Mensch. War er überhaupt jemals mein Vater gewesen?

Es dauerte eine Weile, bis ich bemerkte, dass Dr. Felsenbruck seinen Vortrag unterbrochen hatte, allerdings nicht, um zu ein paar Worten anzusetzen, die Vater und Sohn einander wieder annäherten. Vielmehr stand er stocksteif neben mir, die Lider auf Halbmast.

Hast du den Mann abgeschaltet?

Asami zuckte mit der Schulter. Das ahnungslose Gerede war nicht eine Sekunde länger zu ertragen. Paranoide Psychose – auf so etwas können auch wirklich nur Menschen kommen. Mach dir um den Herrn Doktor keine Sorgen, der nutzt seine Auszeit, um sich mit einem Thema zu beschäftigen, das ihm schon lange auf der Seele liegt: ob die dunkelhaarige Nachtschwester sich auf eine Verabredung einlassen würde? Wenn ich den Strom seiner Gedanken richtig lese, wird er damit noch eine ganze Weile beschäftigt sein.

Erneut blickte ich zu Jonas – und setzte vor Schreck einen Schritt zurück, als unsere Blicke sich kreuzten.

»Du«, sagte Jonas.

Ich schwieg, unfähig zu reagieren.

»Du bist falsch«, redete Jonas weiter. Raunend, nicht für unsere Ohren bestimmt. »Du sollst nicht du sein. Du bist nur eine Hülle, du gehörst IHM. Dich gibt es nicht mehr. Dich darf es nicht mehr geben, ER hat dich genommen. Du bist SEIN. Ich habe dich für IHN gezeichnet. Habe das Tor geöffnet, damit ER mit seinen Schatten in dich fließt, dich ausfüllt, anschwillt, die Dämme niederreißt und mit ihr diese verfluchte Stadt. Die ganze verfluchte Welt! Du bist falsch, du warst es von Anfang an. Deine Augen, ich habe es an deinen Augen gesehen, Engelsbrut.«

»Engelsbrut?« Meine Hände schlossen sich unwillkürlich zu Fäusten. »Du hast nicht die geringste Ahnung, wer ich bin. Nicht, dass es mich überrascht, schließlich hast du die ja ohnehin nie gehabt.«

»Ich weiß genau, mit wem ich es zu tun habe. Viel mehr noch, ich weiß, was du sein wirst: ausgelöscht. Endlich. Dann ist es vorbei.«

Jonas’ Hände umklammerten die Stuhlkante so fest, dass sich die Muskelstränge seiner Unterarme deutlich abzeichneten. Trotz der Monate, die er voller Apathie verbracht hatte, waren sie immer noch beeindruckend. Ich musste unwillkürlich schnaufen. Zumindest diese eine Ähnlichkeit ließ sich nicht leugnen: Meine Kämpferstatur hatte ich eindeutig von ihm mitbekommen.

Ruckartig beugte Jonas sich vor, um mich besser ins Visier zu nehmen.

Sofort lief vor meinem geistigen Auge ein Film ab, echter als die Wirklichkeit: In meiner Vorstellung sprang Jonas auf, schnappte sich den Stuhl und riss ihn mit der Absicht in die Höhe, ihn auf mich niedergehen zu lassen. Mir damit den Schädel zu spalten, den Rücken zu brechen oder was auch immer, Hauptsache, ich stand anschließend nicht mehr auf. Der Film war derart real, dass ich sogar die Zugluft des hochgestemmten Stuhls spürte, obwohl mein Vater keinerlei Anstalten machte, überhaupt aufzustehen.

Zu guter Letzt hatte ich also doch etwas gefunden, das an unsere gemeinsame Vergangenheit anschloss: Für mein Gehirn war Jonas nach wie vor eine wandelnde Gefahrenquelle, weshalb es sofort anfing, mich auf mögliche Schreckensszenarien hinzuweisen. Er wird dich töten, wisperte es immerzu, er wird dir etwas Schreckliches antun, dich vernichten. Er kann das, er ist stärker als du. Lauf weg!

Genau das würde ich bestimmt nicht tun, ganz im Gegenteil.

Wut stieg in mir hoch. Wenn ich eine Sache hinter mir gelassen hatte, nachdem ich zum ersten Mal meine Schwingen geöffnet hatte, dann war das meine Unterlegenheit. Keinen Moment länger würde ich zulassen, dass dieser Mann Gewalt über mich ausübte.

»Halt den Mund, Jonas«, fuhr ich ihn an. »Dass du es überhaupt wagst, mich anzusprechen, nach allem, was du angerichtet hast! Ich habe deinen ganzen Dreck dermaßen über, deine Gewalttätigkeit, deinen Hass, deine Dummheit. Ich will kein einziges Wort mehr von dir hören! Halt dich dran oder es wird dir leid tun.«

Ob es meine Drohung oder der Ton in meiner Stimme war, wusste ich nicht zu sagen, auf jeden Fall gelang es mir, zu Jonas durchzudringen. Anders konnte ich mir sein abruptes Schweigen nicht erklären. Und nicht nur das – auch Asami sah mich mit vor Erstaunen hochgezogenen Augenbrauen an.

Was?, fragte ich gereizt.

Deine Aura hat sich eben auf geradezu erstaunliche Weise erholt. Asami lächelte schief. Dir kommt der einzige Vorteil zugute, den die Verbindung zu den Menschen mit sich bringt: Die intensiven Gefühle, die sie in uns wecken, stärken unsere Aura.

Jonas etwas zu verdanken, steht nicht gerade auf meiner Agenda, blaffte ich Asami an, der meine Reaktion gleichmütig hinnahm.

Allerdings passte sein Hinweis exakt zu Milas Behauptung, meine Aura würde aufleuchten, wenn wir miteinander schliefen. Ihre Erklärung hatte mir gefallen, sehr sogar. Mila … Obwohl ich dagegen ankämpfte, leuchtete ihr Gesicht vor mir auf. Und mit ihm das wunderschöne Lächeln, das sie mir zugeworfen hatte, während sie ihre verletzte Hand verbarg. Ich biss die Zähne aufeinander, bis mein Kiefer zu brechen drohte. Meine Verzweiflung und Furcht um sie standen kurz davor, sich den Weg in mein Inneres freizusprengen, doch das durfte ich nicht zulassen. Wenn ich Mila finden wollte, dann musste ich mir jeden Gedanken an sie untersagen. Ansonsten wäre ich unfähig zu handeln – und genau das war es, worauf es jetzt ankam.

Entschlossen befreite ich das Katana von Stoff und Scheide, nicht auf das tollwütige Knurren achtend, das Jonas beim Anblick der Waffe von sich gab.

»Deshalb bist du also gekommen: Du willst mich richten. Weil ER mir die Augen für dein wahres Wesen geöffnet hat, weil ich IHM gehorcht habe. Nun bist du hier mit einem Schwert in der Hand, aber ich werde meinen Kopf nicht demütig vor dir senken. Du bist nicht mein Richter, Bursche. Dafür habe ich dich nicht in die Welt gesetzt!«

Ich begrüßte die Klinge, die mir mit ihrem Gesang antwortete, dann erst wandte ich mich Jonas zu. »Du nimmst dich zu wichtig. Ich verspüre keinen Hass auf dich, nur Abscheu. Außerdem … wozu sollte ich einen Mann richten, der sich selbst bereits in die Hölle gebracht hat? Du bist ein Gefangener, nicht nur auf dieser Station, sondern auch in deinem Kopf. Nachdem du jahrelang ein Sklave der Sauferei warst, bist du nun der willige Sklave einer Stimme. Schwer zu sagen, was von beidem idiotischer ist.«

Mit einem donnergleichen Schrei sprang Jonas auf mich zu.

Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie Asami vorpreschen wollte, um mich zu schützen. Halt dich zurück, wies ich ihn an, um im nächsten Moment den Aufprall meines Vaters abzuwehren.

Jonas’ Gewicht riss mich fast von den Füßen, weil ich mich zur Seite drehen musste, damit er mir nicht geradewegs in die Klinge lief. Sein Angriff glich einem Selbstmordkommando, denn das auf ihn ausgerichtete Katana konnte er unmöglich übersehen haben. Jonas selbst hielt sich nach unserem Zusammenprall nur deshalb auf den Beinen, weil er an Dr. Felsenbruck Halt fand, in dessen Gesicht es aufzuckte, dann hatte Asami ihn bereits wieder unter Kontrolle. Während Jonas sich schwer keuchend in Stellung brachte und seine Fäuste hob, gab ich Asami mein Katana. Sicher war sicher. Gerade noch rechtzeitig wich ich Jonas’ Schlägen aus, die zwar viel zu langsam kamen, aber hinter denen dennoch eine ungeheure Kraft steckte. Jonas torkelte, der Schweiß brach ihm aus und er begann erneut mit seinem wirren Selbstgespräch. Doch all das konnte ihn nicht davon abhalten, mich wieder anzugreifen. Er handelte wie unter Zwang, als wäre er ein Stier und ich das berühmte rote Tuch.

Unvermittelt verspürte ich einen Stich.

Dieser Wahnsinnige war mein Vater, gleichgültig was ich empfand. Es ließ sich nicht leugnen, er gehörte mit zu meinem Weg – einem Weg, von dem er erlöst werden wollte. Sein Hass auf mich war das Einzige, das ihn noch auf den Beinen hielt. »Du irrst dich. Ich werde dich nicht richten, sondern dich von deinem Schicksal erlösen«, sagte ich, als er gerade Atem für den nächsten Angriff nahm.

Jonas fixierte mich mit seinen blutunterlaufenen Augen, mehr ein wildes Tier als je zuvor, dann holte er zu einem Schlag aus, in den er seine gesamten Kraftreserven steckte. Ich sah seine Faust näher kommen, ahnte, dass sie mir den Schädel zerschlagen würde, wenn sie ihr Ziel fand. Doch in der letzten Sekunde wich ich aus, war schneller an Jonas’ Seite, als der reagieren konnte, stieß ihm mein Knie in den Magen, sodass er auf alle viere sank, und rammte ihm dann meinen Ellbogen in den Nacken. Bevor er endgültig in sich zusammensackte, packte ich sein zerzaustes Haar und riss seinen Kopf nach hinten, sodass die Kehle freilag.

»Mein Katana«, bat ich Asami und streckte blind die Hand aus.

Ohne das geringste Zögern legte Asami den Griff des Schwertes auf meinen Handteller und ich schloss die Finger um ihn.

Dir sollte klar sein, dass unsere Spur in dem Moment, in dem du seine Kehle durchschneidest, verloren ist. Darauf wollte ich dich hinweisen, bevor du tust, was du tun musst.

Asami konnte wirklich gnadenlos sein.

»Keine Sorge, diese Spur gehört uns. Ich werde den Weg zu Nikolai finden und Jonas zugleich die Erlösung zukommen lassen, die ich ihm versprochen habe.«

»Mach schon, bringen wir es hinter uns«, krächzte Jonas.

Das hatte ich definitiv vor, nur auf eine gänzlich andere Weise, als sie Asami und Jonas vorschwebte.

Ich schloss die Augen und konzentrierte mich.

Vor gar nicht allzu langer Zeit war ich im Haus meines Vaters bereits einmal auf den Silberstaub gestoßen, der mit der Pforte des Schattens – dem Reich der Träume – einherging. Ein solcher Hauch von Silberstaub musste auch jetzt in Jonas stecken; ich musste ihn nur hervorlocken. Während Jonas’ Keuchen stetig zunahm, ließ ich meine Aura aufleuchten, genoss einen kurzen Moment lang, wie sie mich umschmiegte und wärmte, als hätte ich viel zu lange in der Kälte gestanden. Allerdings fühlte sie sich anders an als sonst, sie kam nicht so leicht aus mir hervor, und die Ausläufer des Strahlenkranzes hatten sich schwärzlich verfärbt – ein Zeichen dafür, dass ein Teil meiner Kraft eigentlich Asami gehörte. Ich fragte mich, ob jede Schattenschwinge fähig war, einer anderen ein solches Geschenk zu machen, aber ich glaubte es nicht. Zwischen Asami und mir bestand eine besondere Verbindung – wir waren Licht und Dunkelheit. Kein Wunder, dass der Bernsteinring sich von ihm tragen ließ.

Meine aufleuchtende Aura tanzte über die blankgezogene Klinge des Katanas und wurde zurückgeworfen. Ein Netz aus Lichtstrahlen bildete sich, und in diesem Netz verfing sich der Silberstaub, der mit Jonas’ Atem aufstieg. Hauchfein setzte er sich auf der Bernsteinklinge fest und wies mir den Weg, den ich nehmen musste, um zu Nikolai zu gelangen. Die Flucht aus der einstürzenden Aschepforte war ihm also geglückt, und wenn sie ihm gelungen war, dann gewiss auch Mila. So musste es einfach sein: Mila lebte! Erleichterung machte sich in mir breit, dicht gefolgt von der Furcht, was Nikolai ihr wohl antun mochte. Ich musste mich beeilen.

Ich ließ das Katana sinken und zerschnitt auf diese Weise das Netz. Zugleich gab ich Jonas’ Hinterkopf frei und er fiel der Länge nach auf den Boden, wo er sich mühsam auf den Rücken drehte.

»War das etwa alles? Du mieser Dreckskerl! Tust so, als ob du mir die Kehle durchsäbeln willst, und dann … Willst dich wohl über mich lustig machen. Na warte, ich werde es dir zeigen. Werde dich zum Krüppel schlagen, werde dir …«

Schlagartig verstummte Jonas und streckte Arme und Beine von sich, als ich ein schwarzes Tuch über seine gesamte Vergangenheit legte. Nicht einmal die Erinnerung an seinen eigenen Namen ließ ich ihm. Er sollte frei sein, und dadurch würde auch ich es endlich sein. Als er die Augen öffnete und verträumt ins Leere blickte, wendete ich mich ab, denn ich wollte nicht, dass das Erste, was er in seinem neuen Leben sah, mein Gesicht war.

Komm, lass uns gehen.

Kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende geführt, war Asami auch schon an meiner Seite, die Scheide des Katanas und den Stoff bereithaltend.

Genauso hätte ich es mit meiner Familie und vielleicht sogar mit meinem ganzen Volk getan, wenn ich damals schon meine Pforte gekannt hätte, erklärte er mir. Ich wäre zu ihnen gegangen und hätte sie mich und ihr ganzes sinnloses Leben vergessen lassen. Du hast die richtige Entscheidung getroffen, sowohl für dich als auch für ihn. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, heißt es.

Ich nickte bloß und atmete erst wieder, als sich die Sicherheitstür hinter uns schloss. Der leichteste Schritt zu Mila hin war genommen, nun würden die schweren folgen.

Schattenschwingen - Zeit der Geheimnisse - Heitmann, T: Schattenschwingen - Zeit der Geheimnisse
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