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34 Hinter Glas

Der Kampf unter den Schattenschwingen tobte und färbte den Himmel in den Farben eines mächtigen Gewitters, während sich irgendwo hinterm Horizont mit brennendem Rot ein neuer Tag ankündigte. Im Auge des Sturms, dort wo Blitze wie hinter Nebelschleiern zuckten und andere Lichtquellen explodierten, stand zweifelsohne Nikolais Festung. Beim Blick in die sich bedrohlich auftürmenden Wolken empfand ich einen übermächtigen Sog, als entspräche es der Natur jeder einzelnen Schattenschwinge, dort oben zu sein und sich der Auseinandersetzung zu stellen.

Nichts anderes hatte ich vor, als ich aus dem Meer auftauchte.

Ein lebloser Körper, ohne eine Spur von Aurenglanz, fiel aus den Wolken, drehte sich um die eigene Achse, die Schwingen weit geöffnet, zumindest das, was von ihnen übrig geblieben war. Grotesk flatterten sie im Zugwind wie gebrochene Rabenflügel, dann stürzte der Leichnam ins Wasser. Es war Gyula, das Gesicht vor Entsetzen verzerrt, während der Tod bereits begann, seine Hülle mit Blattgold zu überziehen. Kurz fragte ich mich, welche Pforte ihm wohl gedient hatte, dann zwang ich mich in die Luft.

Auf meinem Weg hinauf zur Spiegelfeste stürzten weitere im Kampf verwundete oder gar tödlich verletzte Schattenschwingen an mir vorbei – alte und junge, darin nahmen sie sich nichts. Ich registrierte ihren Fall, mehr nicht. Genauso hielt ich es mit den Kämpfenden, die sich voller Wut und Verzweiflung umkreisten, mit Waffen oder den nackten Fäusten nach ihren Gegner hieben und sie die Macht ihrer Aura spüren ließen. Ich sah Solveig, die wie eine Wahnsinnige mit Gyulas zerbrochenem Speer nach Asami schlug, der ihr geschickt auswich und ihr trotz ihres brutalen Angriffs keinen Streich mit dem Katana versetzte. Es war unmöglich zu sagen, ob er sie absichtlich verschonte oder ob ihre Verbissenheit ihn herausforderte und er den Kampf mit ihr genoss. Weiter weg von mir hielt eine zerbrechlich wirkende Schattenschwinge, deren ungewöhnlich kupferfarbenes Haar ich im Gegensatz zu ihrem Namen nicht vergessen hatte, gegen Jasons brutale Attacke an, der sie nicht mehr lange standhalten würde. Es drängte mich, ihr zur Hilfe zu eilen, weil auch ich schon einmal Jasons Rücksichtslosigkeit ausgeliefert gewesen war, aber stattdessen hielt ich auf die gut sichtbare Bruchstelle der Spiegelwand zu. Dort drin fand mein Kampf statt, nicht hier draußen. Und je eher es so weit war, umso besser für uns alle.

Die Silberfassade der Festung spiegelte auf wundersame Weise die Auseinandersetzung wider, ohne das Geschehen eins zu eins abzubilden, wie man es von einem Spiegel eigentlich erwarten würde. Vielmehr hatte es den Anschein, als nähme sie ihre Umgebung auf, um sie zu etwas Neuem zusammenzusetzen, sodass der Betrachter die Täuschung nicht bemerkte. Ich sah Wolken, kämpfende Schatten und leuchtende Auren. Aber Juna, die sich gerade einen Kampf mit zwei jüngeren Schattenschwingen lieferte und dabei trotz ihres Alters einen erstaunlich wehrhaften Eindruck machte, spiegelte sich nicht. Ohne die Macht des Katanas wäre es mir unmöglich gewesen, diesen geheimen Ort zu finden. Was auch immer Nikolai geschaffen hatte, es war mehr als eine Feste, die besonders raffiniert vor ihrer Umgebung verborgen lag. Wie viel mehr sie war, würde ich schon sehr bald herausfinden, schwante mir.

Vor mir erstreckte sich die Bruchstelle, die die Bernsteinklinge in das Spiegelglas geschlagen hatte, ein hoher Spalt, der sich noch einige Meter als Riss fortfraß. Als ich mich der Bruchnaht näherte, erspähte ich zu meiner Überraschung mein Spiegelbild, wie ich im Anflug war, der Körper gezeichnet von Prellungen und Schnitten und umgeben von einem Strahlenkranz, der mir selbst unwirklich erschien, so hell leuchtete er.

Es war allerdings nicht meine Aura, deretwegen ich mich spiegelte, sondern es lag an der Klinge, die Shirin sich aus ihrem Herzen gerissen hatte und die nun, einem Kurzschwert gleich, in meinem Obi steckte. Wo sie aus dem schwarzen Stoff hervorschaute, sah sie aus wie flüssiges Silber, das von einer durchsichtigen Phiole gehalten wurde. Ich trug ein Stück von Nikolai bei mir, und deshalb hieß die Festung mich willkommen. Für einige Herzschläge zeichnete sie sich in ihrer vollen Pracht vor meinem Auge ab, und ich fuhr zusammen, als ich ihre Ausmaße begriff: Sie dehnte sich wie eine Blase aus und war jetzt schon verwirrend groß. Dieses Gebilde aus Spiegelglas war mehr als der simple Versuch, den Feind abzuwehren. Sie wuchs und wuchs – doch was genau Nikolai mit ihr bezweckte, gab mir nach wie vor ein Rätsel auf.

Ich versuchte zu erkennen, was sich im Inneren abspielte, doch kaum war ich nah genug, prallte eine Schattenschwinge mit voller Wucht in meine Seite. Während mir schlagartig die Luft aus den Lungen wich, begriff ich, dass es eine Schulter war, die meinen Rippenbogen eindrückte. Ich packte in den schwarzen Haarschopf des Angreifers und riss ihn zurück.

Miled, eine der jungen Schattenschwingen, stierte mich zornig an. »Du wirst dort nicht noch einmal reingehen«, knurrte er mich an.

Ich brauchte einen Moment, um mich zu fangen. Dieser Ton passte genau so wenig zu Miled wie sein Angriff. Bei den Versammlungen hatte ich ihn als sanft und eher in sich gekehrt kennengelernt. Er war ein Junge, der sich auf die Kunst verstand, Instrumente zu schnitzen und auf ihnen zu spielen. Also das genaue Gegenteil von einem Krieger. Und doch bekam ich jetzt die Kraft seiner aufflammenden Aura zu spüren, als er mit dem Arm ausholte, um mir einen ellenlangen Bernsteindorn in den Leib zu rammen. Im letzten Augenblick blockte ich sein Handgelenk ab, sodass der Dorn lediglich meinen Hüftknochen streifte. Ich ignorierte den Schmerz und rammte Miled mein Knie in den Magen. Die gesamte Spannung wich aus seinem Körper und der Dorn fiel aus seiner Hand, dann öffnete er seine Schwingen, um sich von der Luftströmung hochziehen zu lassen. Seine Miene verriet mir, dass er trotzdem nicht gewillt war aufzugeben, deshalb setzte ich ihm nach. Miled trat nach mir, aber damit hatte ich gerechnet und wich ihm aus.

»Miled, auf mich wartet eine Aufgabe, ich kann mich jetzt nicht mit dir herumplagen. Wenn du nicht aufgibst, werde ich dich verletzen müssen und das will ich nicht.«

»Du bist genauso arrogant wie dieser Mistkerl Asami. Ihr habt euch wirklich gesucht und gefunden«, fauchte er mich an. »Aber wir werden uns nicht länger von euch unterdrücken lassen!«

Mit diesen Worten griff er erneut an, allerdings war er viel zu langsam für jemanden, der von dem arroganten Mistkerl Asami in der Kampfkunst unterrichtet worden war. Es war schockierend einfach, Miled mit einem Schlag gegen den Kehlkopf außer Gefecht zu setzen. Als ich seinen Fall abfing, erschrak ich, wie leicht er sich in meinen Armen anfühlte. Er war kein ebenbürtiger Gegner gewesen und trotzdem hatte er sich mir für seine Sache entgegengestellt. Nikolai hatte die jungen Schattenschwingen angestachelt, um sie für seine Zwecke zu missbrauchen, aber es war mehr als das. Seine Worte hatten so viel ausgerichtet, weil sie auf überaus fruchtbaren Boden gefallen waren. Die jungen Schattenschwingen sehnten sich nach einer Veränderung, für sie führte kein Weg zurück, genau wie damals für mich. Wenn dieser Kampf überstanden war, würde ich mich auf die Seite der Jungen schlagen, so viel stand fest.

∞∞

Im Inneren der Festung herrschte Ruhe. Das Kampfgetümmel fand unter freiem Himmel statt, was eher der Natur der Schattenschwingen entsprach, denn dort hatten ihre Schwingen ausreichend Platz.

Ich legte Miled in sicherem Abstand zum Spalt ab, damit er sich ungestört von seiner Verletzung erholen konnte. Röchelnd kam er wieder zu sich und spuckte einen Schwall Blut auf den gläsernen Grund, unter dem gerade eine Handvoll junger Schattenschwingen Jagd auf einen bewaffneten Wächter machte.

»Versuch, ruhig zu atmen, und beweg dich möglichst wenig. Der Schlag gegen den Kehlkopf schmerzt zwar höllisch, aber es wird bald besser werden. Versprochen.«

Miled blickte mich aus tränenden Augen an. Warum hast du mich nicht abstürzen lassen, nachdem du mich besiegt hast?

»Weil es für mich nur einen Feind unter den Schattenschwingen gibt, und das bist nicht du.«

Ich klopfte Miled auf den Rücken, dann machte ich mich auf die Suche nach Ranuken, der sich irgendwo in der Festung mit Rufus befinden musste. Draußen auf dem Schlachtfeld waren sie jedenfalls nicht auszumachen gewesen.

Wo steckst du?

Wie gewöhnlich kam von Ranuken keine mentale Antwort zurück, sondern der entfernte Hall seines Rufs »Ich hasse das!«, der eindeutig von der Wendeltreppe am Ende der Halle kam. Dort oben musste er sein. Ich eilte die Treppe hinauf, die Hand am Griff des Katanas. Die Stufen schienen kein Ende zu nehmen, und dann stand ich so unvermittelt vor Ranuken, dass ich ihn fast über den Haufen rannte. Er taumelte durch den kleinen Raum, in dem die Wendeltreppe endete.

»Alter, mal schön langsam. Oder willst du Mus aus mir machen?«

»’tschuldigung«, brachte ich atemlos hervor.

Als ich in Ranukens von Sommersprossen übersätes Gesicht blickte, das trotz der Lage keineswegs angespannt wirkte, wurde mir klar, dass er noch nichts von Shirins Ende wusste. Wie ihre äußere Hülle zu Sand zerfallen war, den die Meeresströmung wegspülte, während sie als Lichtwandlerin neugeboren wurde. Die gläserne Wand hatte die Nachricht von ihm ferngehalten. Ich würde es Ranuken sagen müssen, ihm vor allen anderen, denn er war Shirins Schützling und enger Freund gewesen. Erst Kastor, jetzt Shirin … es schien mir unmöglich, es auszusprechen.

»Warum bist du nicht einfach zur Seite getreten, du unnützeste aller Schattenschwingen?«, schnauzte Rufus ihn unterdessen an. »Bei dem Speed, den Sam draufhatte, wäre er bestimmt durch diese Panzerwand gerast und wir wären unser Problem los. Du weißt schon: das Problem, das deine Wenigkeit nicht aus der Welt schaffen kann.«

Rufus schlug mit der Faust gegen eine für die Festung typische Glaswand, in der sich Wasserdunst verfangen hatte und sie milchig färbte. Als ich neben ihn trat, erkannte ich, warum er die Wand unbedingt überwinden wollte: Auf der anderen Seite zeichnete sich durch den Nebel hindurch Lenas Gesicht ab. Sie lebte!

»Wir haben alles Mögliche versucht, um zu ihr durchzudringen. Diese Glaswand ist schlimmer als Beton und Stahl zusammen. Ich habe mich sogar von diesem Perversling betatschen lassen, aber gebracht hat es nichts, außer dass er vor Verzückung fast eingegangen ist, während Lena sich die Handkanten blutig schlug.« Rufus deutete auf blassrosa Schlieren. Für einen Moment sah es so aus, als kämen ihm die Tränen, doch dann schob er das Kinn vor. So schnell gab Rufus Levander nicht klein bei. »Du hast doch vorhin gezeigt, wie super du darin bist, Dinge mit deinem Heldenschwert aufzubrechen. Jetzt mach mal hinne, ich will zu Lena.«

»Eine Sekunde noch.« Ich nahm mir ein Herz und wandte mich Ranuken zu … um dann doch zu schweigen. Wenn ich es laut aussprach, würde wahr sein, was mir bislang mehr wie ein böser Traum erschien, obwohl ich die Kälte der Klinge, die Shirin mir als Waffe gegen Nikolai überlassen hatte, auf meiner Haut spürte. Noch immer hatte sie nicht die Wärme meines Körpers angenommen.

Ranuken musterte mich nachdenklich. »Was dir auch auf der Seele liegt, es muss noch ein Weilchen warten, mein Bester. Das mit Lena ist jetzt echt wichtig, die ist nämlich regelrecht eingemauert. Die muss da raus, sonst wird sie noch wahnsinnig. Falls sie es nicht schon ist.«

Erleichtert über diesen Aufschub nickte ich, dann bedeutete ich Rufus, beiseitezutreten, für den Fall, dass die Scheibe unter der Berührung des Katanas zersprang. Zu Lena konnte ich nicht durchdringen, das Glas zwischen uns fing jeden Laut ab. Als sie jedoch die rot aufleuchtende Klinge sah, trat sie von allein zurück. Schlaues Mädchen.

Dieses Mal durchschlug das Schwert das Glas nicht, sondern sank hinein, als wäre es nicht fest, sondern so geschmeidig wie Butter. Fast glaubte ich, der Bernstein würde sich mit der transparenten Materie verbinden.

Während die Magie der Klinge sich entfaltete, leuchtete der Name des Schwerts vor meinem geistigen Auge auf. Er umkreiste mich, bis es keine Zeichen mehr waren, sondern eine Stimme, die den Namen sang. Es war Milas Stimme. Sie hatte mir dabei geholfen, dem Katana eine Seele zu geben, und jetzt fühlte es sich an, als wäre sie da und wirke auf die Barriere ein, bis diese schmolz. Wie konnte das sein? Es gab nur eine Erklärung: Das gläserne Gebäude in den Wolken mit seiner silbernen Außenschicht war von Nikolai geschaffen worden – diese eine Wand jedoch nicht, denn alles, was von Nikolai stammte, würde unter der Schneide des Katanas zerbrechen. Diese Wand hingegen zog sich auf den Ruf des Schwertes hin zurück. Es ist Mila gewesen, die ihre Freundin eingesperrt hat, begriff ich. Das Gefängnis, in dem Lena festsaß, war von ihr geschaffen worden.

Diese Erkenntnis setzte mir derartig zu, dass ich nicht einmal reagierte, als die Glaswand verschwunden war und Rufus vorstürzte, um Lena in seine Arme zu schließen. Erst als Ranuken mich in die Seite knuffte, gelang es mir, mich zu fassen. Ich musste akzeptieren, dass Mila unter Nikolais Händen eine andere geworden war, denn das Mädchen, das ich kannte, hätte ihre Freundin niemals eingeschlossen und vergessen.

»Coole Nummer.« Ranukens Daumen schnellte in die Höhe. »Meinst du, ich könnte Asami auch so eine Wunderwaffe aus den Rippen leiern? Allerdings müsste meine gerade sein, so ein verbogenes Ding will ich nicht.«

Wider Willen musste ich lächeln. Ranuken war kein sonderlich großer Krieger, auf der mentalen Ebene war er so mitteilsam wie ein Kieselstein, und seine Aura hatte trotz Rufus’ Hilfe nicht einmal eine Delle in der Glaswand hinterlassen. Trotzdem war seine Hilfe unverzichtbar, so viel stand fest.

»Mann, hören die beiden vielleicht langsam mit der Knuddelei auf? Ich will auch mal ran, schließlich bin ich ebenfalls ein Freund von Lena«, begann Ranuken zu maulen, als Rufus Lena immer noch umfangen hielt, als hinge sein Leben davon ab.

»Es besteht kein Grund zur Eifersucht«, beschwichtigte ich ihn. »Du bist weiterhin ihr Buddy Nr. 1, den Rang will Rufus dir bestimmt nicht streitig machen.«

»Meinst du?« Bevor ich etwas erwidern konnte, stieß Ranuken ein schrilles Quietschen aus. »Ihhh, die knutschen ja! Okay, nun hab ich’s kapiert, Rufus hat Vortritt. Hätte mir ja ruhig einer sagen können, was zwischen den beiden läuft.« Ranukens Ohren stachen knallrot aus seinem Haarwust hervor.

»Das wussten Lena und Rufus bis eben wohl selber nicht so genau.«

Als sich das junge Glück voneinander löste, bekam ich endlich die Chance, mir Lena genauer anzuschauen: Sie wirkte erschreckend gebeugt in der schlichten Tunika, und unter ihren verweinten Augen zeichneten sich tiefe Schatten ab. Um ihren wunden Fußknöchel lag ein Bernsteinschloss, an dem ein Stück Kette befestigt war.

Lena bemerkte meinen Blick. »Ein besonders hübsches Geschenk von Niki, damit ich keine Flugstunden unternehme. Die Kette wurde allerdings durchtrennt, als Mila die Tür zu diesem Zimmer geschaffen hat. Zack – und durch war das Mistding.« Dann biss sie sich auf die Unterlippe. »Hast du Mila bereits gesehen?«

Ein Beben durchfuhr meinen Körper. »Ja, ich habe Mila nicht nur gesehen, sondern auch kurz mit ihr gesprochen. Sie weiß nicht, wer ich bin, und sie weiß nicht, wer sie in Wirklichkeit ist. Sie hält sich für Nikolais Gefährtin.«

Rufus fluchte, woraufhin Lena seine Hand nahm, ohne den Blick von mir zu nehmen.

»Mila hält sich nicht bloß dafür, sie ist es. Nikolai hat sie unablässig berührt. Anfangs, um von ihr zu nehmen, weil die Flucht durch die Aschepforte ihn sehr geschwächt hatte. Aber seine anfängliche Abneigung hat sich schnell gewandelt, wenn du mich fragst. Er braucht sie und nach einiger Zeit brauchte sie ihn ebenfalls. Es war ein Geben und Nehmen, nur dass Mila sich dabei verloren hat und als Ausgleich gab es nur Nikolai.«

Ein tiefes Grollen entfuhr meiner Kehle, voller Wut und Trauer.

Lena wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. »Es tut mir leid, Sam. Ich weiß, dass dich das sehr verletzt, aber wenn du sie zurückholen willst, musst du doch die Wahrheit wissen, oder?«

»Je mehr ich weiß, desto besser. Ich würde gern in deine Erinnerung blicken.«

Unter ihrer geröteten Haut wurde Lena schneeweiß. »Das geht nicht. Wirklich. Damals an den Wellenbrechern, als Nikolai mich berührt hat … Ich kann das unmöglich zulassen, das würde ich nicht schaffen. Ich …« Ihr Atem begann verräterisch zu rasen.

»Ganz ruhig.« Ich widerstand dem Bedürfnis, ihr durchs zerzauste Haar zu streicheln. »Wir finden einen anderen Weg, damit ich alles Notwendige erfahre, ohne dich einer direkten Berührung auszusetzen. Rufus?«

Rufus stand dermaßen schnell zur Stelle, dass mir ein »Wow« entfuhr.

»Was soll ich machen?«

»Da weitermachen, wo du eben aufgehört hast.« Als er mich verständnislos ansah, grinste ich ihn an. »Du sollst dich mit Lena verbinden, dich voll auf sie einlassen, damit ich über dich an sie herantreten kann.«

»Und das soll funktionieren?« Rufus sah nicht sonderlich überzeugt aus, obwohl er Lena bereits an sich zog.

»Der Grund, warum Nikolai unbedingt mich und Mila gemeinsam in seine Gewalt bringen wollte, bestand darin, dass ich als Medium zwischen den beiden dienen sollte. Auf diese Weise hätte Nikolai Zugriff auf sie gehabt, ohne sich den Nebenwirkungen einer solchen Berührung auszusetzen. Wir können von euch nicht nur nehmen, wir geben jedes Mal auch ein Stück von uns.«

»Klingt heiß.« Dabei sah Rufus ordentlich abgeturnt aus, sogar Lena in seinem Arm schien vergessen.

»Nun stell dich mal nicht so an, du großer Liebhaber«, knurrte Ranuken, woraufhin Rufus ihm prompt den Mittelfinger zeigte.

Hastig stellte ich mich zwischen die beiden Streithähne. »Entspann dich, Rufus. Wenn’s klappt, ist es keine große Sache, schließlich will ich nur einen Blick in Lenas Zeit als Nikolais Gefangene werfen. Und falls du dich trotzdem peinlich berührt fühlst durch meine mentale Nähe, lösche ich die Erinnerung später.«

»Auf keinen Fall! Ich kenne mich aus mit deinen Löschaktionen, das lässt du mal schön bleiben, verstanden?«

Ich grinste nur.

»Alter, Bristol. Solange du mir das nicht versicherst, dass du …«

»Lass es gut sein«, unterbrach ihn Lena, die unserem Austausch mit sichtlicher Ungeduld gefolgt war. »Nikolai wird mit Mila nicht ewig fort sein, er führt irgendetwas im Schilde, obwohl ich keine Ahnung habe, was es sein könnte. Aber wenn er wiederkommt, sollten wir besser einen Plan haben, anstatt herumkaspernd beisammenzustehen. Wenn Sie also die Freundlichkeit hätten, mich zu küssen, Herr Levander?«

Mehr Aufforderung brauchte Rufus nicht. Liebevoll beugte er sich zu Lena hinab, um ihre Lippen zu finden, und hatte Sekunden später bereits vergessen, dass ich in seinem Rücken stand. Als Lena sich ebenfalls unter seinen Küssen entspannte, fuhr ich unter die Locken, die Rufus’ Nacken bedeckten, und legte meine Hand auf. Es war ein Kinderspiel, über ihn an Lena zu gelangen, zwischen den beiden herrschte wirklich eine innige Verbindung. Was ich allerdings auf diese Weise erfuhr, war alles andere als rosarot.

Aus erster Hand erfuhr ich, wie tapfer Lena gegen ihre Furcht, den Verstand zu verlieren, angekämpft, wie sie Nikolai bei jeder Gelegenheit die Stirn geboten und wie sie ihren Kummer und ihr Heimweh für sich behalten hatte, um Mila beizustehen. Ich wurde Zeuge, wie Mila Nikolais Berührung ertrug und sich immer mehr verlor, wie sie sich wandelte, bis sie Nikolais Gefährtin war. Ich begriff, was geschehen war, und es half mir. Zugleich brachte es mich jedoch fast um. Es musste schrecklich für sie gewesen sein, diesen Prozess durchzumachen. So gesehen war es beinahe eine Erlösung, dass sie sich am Ende vergessen hatte.

Ich hatte meine Hand schon eine ganze Weile zurückgezogen, als Rufus und Lena voneinander abließen, beide sichtlich neben der Spur.

Ranuken stand mit verschränkten Armen vor mir und stierte mich gedankenverloren an, nachdem ich ihm gezeigt hatte, wie Mila sich unter Nikolais Einfluss nach und nach abhandengekommen war. »Mila ist nicht verloren«, erklärte er mit fester Stimme, als wäre Milas Verwandlung nicht mehr als eine vorübergehende geistige Umnachtung. »He, was ist, Sam, sprichst du nicht mehr mit mir? Was hast du?«

»Gib mal Ruhe.« Als plötzlich Asamis Gegenwart auf meinem inneren Radar aufleuchtete, biss ich die Zähne fest aufeinander. Offenbar betrat er gerade die Feste durch den Spalt. Dabei hätte ich einiges dafür gegeben, wenn er ferngeblieben wäre, denn ich wollte seine Einschätzung der Lage lieber nicht hören. Asami galt nicht für umsonst als unerbittlich. Als spürte er meinen Widerwillen, rief er erst gar nicht nach mir, sondern benutzte den Ring wie einen Kompass, dessen Norden ich war, und schon wenige Augenblicke später hörte ich seine Schritte auf der Wendeltreppe.

Ranuken hingegen bekam von Asamis Nahen nichts mit. »Sam, du darfst jetzt nicht aufgeben. Du bekommst deine Mila zurück, ganz bestimmt. Das Dreckschwein hat sie bloß plattgemacht, weil er zu gierig war. Die ist nun quasi ein Nikolai-Klon, so was wie seine weibliche Ausgabe. Sobald wir dem die Lichter auspusten, kommt Mila bestimmt zu sich. Dann seid ihr wieder das glücklichste Liebespaar hier und auf Erden, und ihr … ups, Asami. Was machst du denn für ein finsteres Gesicht?«

Langsam drehte ich mich um.

Asami stand einen Schritt hinter mir und rang um Luft, das befleckte Katana noch in der Hand. Über seine Brust und das Schlüsselbein verlief ein blutender Schnitt, genau wie über seinen Unterarm. Dunkle Prellungen zeichneten sich unter seiner weißen Haut ab und sein Zopf hatte sich aufgelöst, sodass überall auf seinem verschwitzten Oberkörper Strähnen ein Rankenmuster bildeten. Seine schwarze Aura verdrängte das einfallende Tageslicht. Er sah mitgenommen und zugleich schockierend lebendig aus, als wäre das Schlachtfeld das reinste Paradies für ihn.

»Gut möglich, dass Ranuken recht hat und die alte Mila zurückkehrt, wenn alles ausgemerzt wurde, das Nikolai ausmacht«, sagte er. »Allerdings wird es nicht reichen, Nikolai zu töten. Du wirst anschließend noch ausreichend Kraft brauchen, um das Mädchen zu retten. Denn du wirst sie retten müssen, wenn er nicht mehr ist. Ansonsten wird er sie mit sich reißen, schließlich ist sie seine Gefährtin, er erfüllt sie mit seinem Sein.«

»Nikolais Tod würde Mila gefährden?« Daran hatte ich bislang noch gar nicht gedacht.

»Sie ist wie ein Gefäß, das durch seinen Inhalt zusammengehalten wird. Wenn Nikolai aus ihr weicht, kann sie die Leere unmöglich sofort selbst füllen. Ich bezweifle allerdings, dass du dazu in der Lage bist, dich ihrer anzunehmen, nachdem du ihn überwunden hast. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob deine Kraft ausreicht, um ihn ernsthaft zu attackieren.«

Schweigend holte ich die silberne Klinge hervor, die Shirin mir überlassen hatte, und zeigte sie ihm. Ranuken gab einen klagenden Laut von sich, stellte jedoch keine Frage. Er hatte Shirin zu gut gekannt, um nicht zu wissen, wie diese Klinge in meinen Besitz gelangt war.

»Ich kann gar nicht sagen, wie leid es mir tut, aber Shirin hat es so gewollt, sie hat sich nicht von ihrer Entscheidung abbringen lassen«, flüsterte ich.

Während Asami mit den Fingerspitzen die Klinge streifte und zurückzuckte, als hätte sie ihn gebissen, schniefte Ranuken zweimal, dann drückte er seinen Rücken durch, als würde Shirins Entschlossenheit auf ihn abfärben.

»Dieses Weibsbild war einzigartig, vor allem in Hinblick auf ihr Durchsetzungsvermögen. Du wirst Nikolai seine Klinge zurückgeben, Sam, genau wie er es verdient hat, ja?«

Dieses Versprechen hatte Shirin ebenfalls von mir gefordert und ich hatte es ihr gegeben. Dieses Mal zögerte ich jedoch. »Das kann ich nur tun, wenn ich weiß, dass sich unterdessen jemand um Mila kümmert.« Ich suchte Asamis Blick, doch der hielt den Kopf gesenkt. »Du bist der Einzige, dessen Aura stark genug ist und den ich um einen solchen Gefallen bitten kann.«

»Es ist also ein Gefallen, um den du mich bittest, und kein Befehl?«

Ich versuchte zu ergründen, was sich hinter dieser Frage verbarg, doch Asami blockierte äußerst geschickt meinen mentalen Annäherungsversuch ab, während er weiterhin den Kopf gesenkt hielt.

»Du würdest mir nicht freiwillig helfen, Mila zu retten?«

Endlich erwiderte Asami meinen Blick, und was sich in seinen schwarzen Augen spiegelte, ließ mich meine Hoffnung begraben. »Du kannst mir jede denkbare Aufgabe auferlegen, nur nicht, dass ich dieses Menschenmädchen berühre und sie halte. Das kannst du nicht von mir verlangen.«

»Asami, wenn du mir diese Bitte abschlägst, kann ich Nikolai nicht gegenübertreten, denn ich werde Mila um keinen Preis einer solchen Gefahr aussetzen.«

»Dir wird gar nichts anderes übrig bleiben, du hast es Shirin versprochen. Die Klinge hat es verraten«, erwiderte Asami mit einer tonlosen Stimme, die mich an seine alten Zeiten als Wächter erinnerte, als er noch über mich herrschte: unnahbar und unter keinen Umständen zum Nachgeben bereit.

»Ich könnte es dir befehlen.«

»Ja, das könntest du. In dem Fall würde ich jedoch den einzig möglichen Weg gehen. Du weißt, was Seppuku bedeutet, du hast es selbst bereits in Erwägung gezogen.« Asami deutete auf den Schnitt oberhalb meines Bauchs, den ich mir selbst mit dem Katana beigebracht hatte. »Wer nicht in Ehre leben kann, der muss in Ehre sterben.«

»Du drohst mir mit Selbstmord?«

»Ich drohe dir nicht, nein. Ich sage dir nur, wie ich mich verhalten werde.«

Verbittert wendete ich mich von Asami ab. »Ranuken, schaffst du es, Lena und Rufus zurück aufs Festland zu bringen?«

Rufus versetzte mir einen Schlag gegen die Brust. »Ich bin nicht hergekommen, um vor dem alles entscheidenden Kampf mit Nikolai in Sicherheit gebracht zu werden, sondern um meine Schwester zu retten. Außerdem hast du gesagt, du würdest meine Hilfe brauchen. Und jetzt soll ich abhauen, ausgerechnet jetzt, wo dieser Möchtegernsamurai sich vom Acker macht?«

»Es wäre dir also lieber, wenn Ranuken Lena allein durchs Schlachtfeld da draußen schafft? Soll er vielleicht von ihr nehmen, wenn ihn die Kräfte verlassen?«, fragte ich zurück. »Lena hat genug Angst ausgestanden, und Mila erreichen kann keiner von euch beiden.«

Hin und her gerissen stand Rufus zwischen Lena und mir. »Ich will Mila helfen«, sagte er, wobei deutlich wurde, dass er nicht wusste, worin diese Hilfe bestehen sollte.

Lena half ihm bei der Entscheidung. »Solltest du nicht mitgehen, werde ich auch bleiben, obwohl mir die Vorstellung, mich Nikolai entgegenzustellen, ziemlich Schiss macht. Er ist echt erbarmungslos, wenn man sich seinem Willen widersetzt, und Mila ist es an seiner Seite auch.«

»Sie ist meine kleine Schwester«, hielt Rufus schwach dagegen.

»Im Augenblick ist sie Nikolais Gefährtin und nichts anderes. Wenn du ihr gegenübertrittst, wirst du ein Fremder für sie sein, mit dem sie nichts verbindet. Mila ist an eine Schattenschwinge gebunden und nur eine Schattenschwinge kann sie erlösen.« Lena streckte die Hand aus und nach einem kurzen Zögern nahm Rufus sie. »Glaub mir, eigentlich würde ich lieber meine Zunge runterschlucken, als es zuzugeben, aber ich pack es nicht, Mila gegenüberzutreten, wenn sie nicht sie selbst ist. Das macht mich noch viel verrückter als diese schreckliche Sphäre oder die Angst vor Nikolai. Ich habe nicht mehr die Kraft dazu.«

»Das brauchst du auch nicht«, erklärte Rufus liebevoll. »Du hast genug getan, mehr als irgendwer von dir erwarten konnte.« Dann wendete er sich mir zu. »Ich wünschte, ich könnte so etwas Lässiges sagen wie ›Bring mir meine Schwester heile zurück‹, aber das wäre wohl übertrieben angesichts der Tatsache, dass dieser Nikolai dir vermutlich den Kopf von den Schultern schlagen wird und Mila lächelnd dabei zusieht. Wie wäre es also mit ›Lass dich nicht umbringen, Kumpel‹?«

Zu meiner Überraschung gelang mir tatsächlich ein Lächeln, das sogar noch anhielt, als Ranuken mich mit großer Geste umarmte.

»Ich werde ihnen bis hinter die Kampfzone Geleitschutz geben«, sagte Asami.

Ich nickte nur, ohne ihn weiter zu beachten. Es war mir unmöglich, ihm dafür zu danken. Nicht nachdem er mir den größten Freundschaftsdienst, den ich mir überhaupt vorstellen konnte, verweigert hatte.

Schattenschwingen - Zeit der Geheimnisse - Heitmann, T: Schattenschwingen - Zeit der Geheimnisse
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