18 Brandopfer
Es war trotz aller Umstände ein überwältigender Anblick, wie Kastor die meterhoch emporzüngelnde Feuerwand durchteilte, als wäre sie lediglich ein Vorhang aus roter Seide. Das Brennen in seinen Augen übertraf das Flammenspiel bei Weitem, seine Iris glich einem brennenden Rad, und seine Haut schimmerte wie polierte Bronze. In der Hand hielt er Sams Katana, dessen Bernsteinklinge leuchtete, als wäre sie frisch aus der Glut gezogenes Eisen. Mit einem raschen Schritt trat er neben Sam und riss ihm die schwarze Klinge aus der Hand. Als Sam, der sich vor Erschöpfung kaum noch aufrecht halten konnte, danach greifen wollte, betrachtete Kastor ihn mit einem unlesbaren Ausdruck, dann schlug er ihn nieder.
»Was tust du da?«, schrie ich, während Sam ohnmächtig zu Boden fiel. Zugleich verebbte auch das Pulsieren des Rings, oder es lag an meinem Schock, denn ich war fassungslos ob dieses Gewaltakts.
Kastor war Sams Freund – wie konnte er ihn niederschlagen? So heftig, dass mein Ring erstarb?
Ich wimmerte in meiner Hilflosigkeit auf, Kastor jedoch beachtete mich nicht, sondern fixierte Nikolai, der in meinem Rücken stocksteif geworden war.
»Ich habe damit gerechnet, dass wir einander wiedersehen würden«, sagte Nikolai. »Allerdings ist der Zeitpunkt denkbar ungünstig. Könntest du mich vielleicht ein anderes Mal mit deinem Rachebedürfnis heimsuchen?«
Statt einer Antwort brachte Kastor sich mit dem Katana in der einen und der Obsidianklinge in der anderen Hand in Angriffshaltung.
»Das ist übrigens meine Klinge, es würde dir bestimmt nicht gut bekommen, sie gegen mich einzusetzen. Vor allem da du nicht die geringste Ahnung hast, wie mit der zerstörerischen Energie umzugehen ist, die sie in sich bündelt. Als Waffe ist sie eine Nummer zu groß für dich, mein alter Freund. Und außerdem … du hast bestimmt schon bemerkt, dass ich das Mädchen in meiner Gewalt habe, für das dein Freund alles aufzugeben bereit ist?«
»Mila interessiert mich nicht«, sagte Kastor mit tonloser Stimme. »Wenn du sie als Schutzschild benutzt, werde ich sie ohne zu zögern töten, um an dich zu gelangen, du armseliger Mörder. Nichts steht zwischen mir und meiner Rache.«
Dann griff er an.
Mit einem Fluchen stieß Nikolai mich beiseite, als ihm klar wurde, dass ich als Pfand nutzlos geworden war. Überaus geschickt wich er Kastors Schwertstreichen aus. Zuerst dachte ich, der unbewaffnete Nikolai würde sich des Angriffs nicht lang erwehren können, doch offenbar brachte ihm seine stärkere Aura den entscheidenden Vorteil. Es gelang ihm stets im letzten Moment auszuweichen.
So oder so, der Kampf war für mich nebensächlich.
Ich krabbelte zu Sam und drehte ihn auf die Seite, wobei mir sein lebloser schwerer Körper Probleme bereitete. Von ihm ging nicht das leichteste Lebenszeichen aus, kein Zucken der Lider, kein Hauch, der über die Lippen ging. Stattdessen stieg nur der Geruch von verdorbenem Fleisch auf, der mir Übelkeit verursachte. Die Schnitte auf seiner Brust waren schwarze aufgeworfene Gräben, in denen eine Entzündung schwelte. Das unvollendete Zeichen vergiftete ihn. Panisch suchte ich seinen Puls, der viel zu schwach war, so schwach, dass er mir fast entgangen wäre, genau wie ich das Pochen des Rings kaum mehr wahrnahm. Ich wollte seinen Namen rufen, ihn anflehen, bei mir zu bleiben, doch meine Stimme versagte.
Hinter mir hörte ich Kastors Schmerzensschrei und warf einen hastigen Blick über die Schulter. Irgendwie war es Nikolai gelungen, ihm das Katana aus der Hand zu schlagen, sodass es in einem hohen Bogen davonflog und in meiner Nähe aufschlug. Am ganzen Leib zitternd, taumelte Nikolai zurück, seinen rechten Arm umklammernd, in dem ein großer Schnitt klaffte. Offenbar hatte er mit dem Unterarm einen Schwerthieb abgewehrt, und nur der Strahlkranz seiner Aura hatte ihn davor bewahrt, den Arm zu verlieren. Sein Blick huschte zu der wirbelnden Aschewolke, in der seine Pforte lag. Falls er die Flucht in die Sphäre in Erwägung zog, so fehlte ihm schlicht die Gelegenheit dazu.
Drohend trat Kastor auf ihn zu, die Obsidianklinge auf ihn gerichtet. »Ich habe zwei Rechnungen mit dir offen: eine als Freund des wahren Nikolais, den du auf dem Gewissen hast, und eine als Schattenschwinge. Leider kann ich dich nur einmal töten – und das werde ich dafür tun, dass du es wagst, die Aschepforte zu benutzen. Du wirst Nikolais Pforte kein weiteres Mal mit deiner Anwesenheit beschmutzen, dafür werde ich sorgen.«
»Tut mir leid, aber nicht einmal das wird dir gelingen.«
In letzter Sekunde rettete Nikolai sich mit einem Ausfallschritt vor der niedergehenden Klinge, rollte sich über dem Boden ab und kam unweit von mir auf die Füße.
Unsere Blicke trafen sich.
»Setz den Ring ein, sonst stirbt Samuel!«, wies Nikolai mich an, dann wehrte er den nach vorn schnellenden Kastor mit einem Tritt ab.
Der Ring! Meine letzte Chance, Sam in seinem Zustand zu erreichen. Nur wie? Wie sollte ich ihn – um Himmels wil-len – einsetzen?
Sam beherrschte die Fähigkeit, über unsere Ringe zu mir durchzudringen, um Welten besser als ich. Und selbst wenn ich genauso gut darin wäre wie er, konnte ich mich unmöglich auf diese Kunst einlassen, während er immer weiter davonglitt. Er war nicht einfach bewusstlos, es war spürbar, dass das Leben aus ihm wich. Das konnte unmöglich bloß an dem Schlag liegen, den Kastor ihm verpasst hatte. Nein, es war das unvollendete Symbol, es vergiftete ihn, brachte ihn allmählich um … falls es das nicht schon getan hatte. Der schwache Widerhall seines Pulses konnte in Wirklichkeit auch reine, verzweifelte Einbildung sein.
Du musst etwas tun, etwas, das so stark ist, dass es Sam zurückholt, sagte ich mir. Du musst ihn aufrütteln, ihn durch den Ring etwas fühlen lassen, das ihn in seinen Körper zurückzwingt.
Was bedeutete Sam am meisten auf dieser Welt?
Kaum hatte ich diese Frage formuliert, begriff ich, was zu tun war. Unsere Liebe bedeutete ihm mehr als alles andere, das hatte er bereits unter Beweis gestellt. Hierin lag meine einzige Chance.
Widerstrebend ließ ich von Sam ab und griff nach dem Katana, das sogleich für mich zu singen begann. Ich konzentrierte mich auf den Ring, sendete ein »Ich liebe dich«, auch wenn es ungehört verklang. Dann setzte ich die messerscharfe Klinge über meinem Fingerknöchel an, um mich von dem Ring zu befreien. Es brauchte nicht mehr als einen entschlossenen Schnitt, so scharf war die Klinge, und der Ring versank samt meinem Finger in der dichten Ascheschicht, die den Boden bedeckte.
Die Verbindung zwischen Sam und mir war zerschnit-ten.
Wenn selbst das ihn nicht erreichte, dann erreichte ihn gar nichts mehr.
Während der Schmerz nach meiner Selbstverstümmelung mich fast ohnmächtig werden ließ, schlug Sam die Augen auf.
Ich wollte auflachen, ihm zurufen, dass ich ihn liebte, auch wenn der Ring nicht länger an meiner Hand steckte. Dass es nur ein Trick gewesen war, um ihn zu erreichen.
Dazu kam ich jedoch nicht.
Der Schmerz fror jede meiner Regungen ein und ich brachte kaum noch die Kraft auf, mich aufrecht zu halten. Während die Geräusche gedämpft zu mir durchdrangen, verschwamm alles vor meinen Augen, wurde verzerrt, sodass ich nur mit Mühe erkannte, wie Sam sich auf den Unterarm stützte. Mir war, als würden seine Lippen Worte formen, die mich jedoch nicht erreichten. Ich brauchte sie nicht zu verstehen, ich erkannte auch so sein nacktes Entsetzen.
Schau, wollte ich sagen. Der Schnitt ist nicht schlimm, er blutet nicht einmal, die Hitze der Klinge hat ihn sofort geschlossen. Doch so weit kam ich nicht, ich sackte in mich zusammen und spürte im nächsten Moment einen eisernen Griff um meinen Brustkorb. Jemand hielt mich umfangen.
»So ist es richtig: schlaf«, sagte Nikolai, und ich wurde gegen meinen Willen in den schwarzen Tunnel der Bewusstlosigkeit gerissen.
∞∞
Sam
Nein!
Ich erwachte aus einem schrecklichen Traum, nur um zu erkennen, dass er Wirklichkeit war: Mila hatte unsere Verbindung durchtrennt und lächelte mich zugleich liebevoll an. Wie war das möglich? Da stößt sie mich mit aller Macht zurück, dass es mich bis ins Mark erschüttert, und lächelt dabei? Ich bekam es einfach nicht zusammen. Einen Moment lang glaubte ich sogar, den Verstand verloren zu haben, weil das, was ich fühlte und dachte, das Gegenteil der Realität war: Der Bernsteinring steckte nicht länger an Milas Hand, was nichts anderes bedeutete, als dass sie mich nicht mehr liebte.
Dann erst sah ich Milas verletzte Hand, die sie vor ihre Brust hielt. Ich starrte und starrte, und erst jetzt begriff ich, was sie offenbar mit meinem Katana getan hatte. Vollkommen unmöglich.
Und doch … wir waren getrennt. Oder richtiger: Die Verbindung, die die Bernsteinringe zwischen uns gestiftet hatten, war durch mein eigenes Katana gewaltsam durchschnitten worden. Die Ringe sind nur eine Spielerei aus der Sphäre, hielt ich mir vor Augen, während es mir vor lauter Schwäche kaum gelang, mich aufzurichten. Es half jedoch nichts, mir kam es trotzdem so vor, als hätte Mila aufgehört, mich zu lieben. Allein die Vorstellung war so grauenhaft, dass ich dachte, mein Herz müsste stehen bleiben. Aber das tat es nicht. Verdammt noch einmal, es tat es einfach nicht! Ganz im Gegenteil, es schlug schmerzhaft schnell gegen meine Rippen, als wollte es sie durchbrechen.
Eben noch hatte Stille geherrscht, weich und mild, nichts hatte mich berührt, Vergangenheit und Gegenwart waren ausgelöscht gewesen. Einen wunderbaren Augenblick lang hatten sich Schwarz und Weiß vor meinen Augen vereint, mich befriedet … bis die Stille einen grausamen Beiklang bekommen hatte. Es dröhnte, als wäre eine mächtige Glocke geschlagen worden. Es war mein Ring gewesen, der ein Zeichen der Verzweiflung aussendete, weil er von seinem Gegenstück keinen Widerhall mehr erfuhr. Mila … ich hatte mich nach ihr gesehnt und in die Gegenwart zurückgefunden, als fiele ich aus einem Traum. Hinein in den schlimmsten Albtraum von allen, in dem ich geschwächt am Boden lag und es nicht einmal schaffte, ihren Namen laut auszusprechen.
Bevor ich erneut dazu ansetzte, tauchte Nikolai im von Ascheflocken durchwirkten Rauch auf, der so dick in der Luft lag, dass meine Lungen sich zusammenkrampften.
Unter Qualen zwang ich mich ein Stück in die Höhe, für mehr reichte meine Kraft nicht aus.
Nikolais Gesicht war wutverzerrt, als er die zusammengesunkene Mila an sich riss.
Ich konnte nichts anderes tun, als zuschauen, gefesselt an meinen nutzlosen Körper. Verzweifelt streckte ich mich, erreichte das blutbesudelte Katana mit den Fingerspitzen, nahm meine ganze Kraft zusammen, um seinen Griff zu umfassen, und zog es an mich.
»Nikolai, warte!«
Ascheschwaden wirbelten um Nikolai auf – ein grauweißer Schleier, Teil einer anderen Welt – und raubten mir fast die Sicht. Trotzdem fand sich unser Blick. Er lächelte.
Komm du zu mir, Samuel.
Dann leuchtete seine Aura auf, ein gräulicher Eiszapfenkranz, während er, lediglich ein paar Armlängen von mir entfernt, die Aschepforte durchschritt.
Rühr dich nicht von der Stelle, du bist viel zu stark verletzt, um ihm zu folgen. Kastors Gedankenstimme zerschnitt meine Qualen. Ich werde dafür sorgen, dass dieser verfluchte Dieb Nikolais Pforte nicht lebend verlässt. Und wenn es das Letzte ist, das ich tue.
Wen interessiert diese Pforte? Kümmere dich um Mila!
Doch es war zu spät. Die Umrisse von Nikolai und seiner Gefangenen begannen bereits, sich in feinste Ascheflocken aufzulösen.
Mit ausgebreiteten Schwingen stürzte Kastor in die sich atemberaubend schnell verdichtende Wolke. Das Letzte, was ich mitbekam, war ein Schmerzensschrei, der nach Nikolai klang. Kastor hatte seine Rache offenbar bekommen. Dort, wo sich eben noch die Öffnung der Pforte abgezeichnet hatte, sah ich jetzt ein so helles Licht, als starrte ich in reines Weiß. Es schmerzte, und nach einem Blinzeln erkannte ich ein schwarzes Loch, wo vorher das Weiß gewesen war. Die Pforte, die einst Nikolai gehörte, hatte sich in ein Nichts verwandelt.
Dann breitete sich eine Schallwelle aus und ließ die eben noch meterhoch züngelnden und undurchdringlichen Feuerwände von einer Sekunde auf die andere verschwinden. Sie erloschen nicht einfach, sondern es war, als hätte es sie nie gegeben. Dann setzte sich die Welle im Umkreis der geöffneten Pforte fort, als wollte sie auch den kleinsten Partikel aus Asche oder andere Spuren des Feuers tilgen. Sie fräste sich durch meine rauchgefüllten Lungen, schabte den Ruß von meiner Haut und vernichtete jede einzelne Ascheflocke, die sich in meinem Haar verfangen hatte. Es war ein grausamer Reinigungsprozess, dem ich kaum etwas entgegensetzen konnte, während das Katana hell erstrahlte. Dann war die Welle durch mich hindurch und ließ mich am Boden liegend zurück.
Kein Feuer, keine Asche, nicht die schwächste Spur von Rauch waren in der Luft zurückgeblieben. Selbst die schwarzen Schlieren waren von meiner Haut verschwunden. Ich atmete klare Nachtluft, in ihr lagen Salz und Tang, ein tröstlicher Gruß vom Meer.
Endlich gelang es mir aufzublicken, obwohl mir vor dem graute, was da war. Oder vielmehr nicht da war.
Und tatsächlich. Mila war verschwunden, gemeinsam mit Nikolai. Wohin auch immer, ich wusste es nicht, und dieses Mal würde mir auch kein Ring den Weg zu ihr zeigen.
Dafür war jemand anderes zurückgeblieben: Kastor. Der Länge nach ausgestreckt lag er auf dem Betonboden der Halle, als wäre er so gestürzt, wie er Nikolai entgegengesprungen war. Von seinen Schwingen, die eben noch weit ausgebreitet gewesen waren, fehlte jede Spur, genau wie seine Aura wie weggewischt war. Offenbar hatte beides die Zerstörung der Aschepforte nicht überstanden. Was auch immer er getan hatte, um seine Rache zu nehmen, es hatte ihn das gekostet, was ihn zu einer Schattenschwinge machte. Das, und noch viel mehr, so reglos, wie er dalag.
Unter Aufbietung all meiner Kräfte gelang es mir, mich zu ihm zu schleppen. Kastors Haut war pechschwarz angelaufen, und als ich sein Gesicht zu mir wendete, erschreckte mich die Kälte, die von ihm ausging. Als würde ich das Gesicht eines längst Verstorbenen berühren.
Ich habe versagt, erreichte mich Kastors Gedankenstimme wie ein fernes Echo. Ich konnte ihn nicht töten, ansonsten wäre auch Mila gestorben. Zumindest ist es mir gelungen, ihn zu verletzen und die Aschepforte zu zerstören. Um Nikolais Hülle und denjenigen, der in ihr Zuflucht gefunden hat, musst du dich kümmern, Samuel.
Das werde ich, das verspreche ich dir.
Voller Erleichterung antwortete ich ihm auf mentalem Wege. Vielleicht war doch noch ein Rest Schattenschwinge in ihm. Vielleicht gab es noch Hoffnung … Aber dann öffnete Kastor die Augen und meine Hoffnung erstarb. Seine Iris hatte sich ebenfalls verdunkelt, nicht mehr als ein schwaches Glimmen war geblieben. Nur noch wenige Sekunden, dann würde es vollends erlöschen.
Ich hätte ihm in diesem Moment gerne vieles gesagt, darüber, wie dankbar ich war, ihn getroffen zu haben, und was für ein großartiger Freund er war. Stattdessen konnte ich eine Frage nicht zurückhalten: Hat Mila den Wechsel überlebt?
Als ich sagte, notfalls würde ich das Mädchen töten, um meine Rache zu bekommen, habe ich ihn getäuscht. Dazu wäre ich niemals imstande gewesen. Mila lebt, aber sie ist bei ihm. Es tut mir leid.
Leid.
Leid.
Leid …
Wie ein Hall, der sich immer weiter entfernt, wanderte dieses Wort durch mein Innerstes. Dann erstarb es und mit ihm das rötliche Glimmen in Kastors Augen.
Ich hielt sein erkaltetes Gesicht in meinen fiebrigen Händen und widerstand dem Verlangen, ihm zu folgen. Dorthin, wo Schwarz und Weiß sich miteinander vereinten und einen alles vergessen ließen. Es war schwer, es nicht zu tun. Mein Körper kämpfte gegen die Vergiftung durch das unvollendete Sklavenzeichen an, jeder Knochen, jeder Muskel, jeder Flecken Haut war zum Kriegsschauplatz geworden. Noch schlimmer waren jedoch die Trauer und Hoffnungslosigkeit, die mich überkam, während ich neben meinem toten Freund kauerte, dessen schwarze Hülle von feinen Rissen, Spinnfäden gleich, durchzogen wurde.
Schwarz und Weiß. Dazu also wurden wir, wenn das Leben uns verließ.
Ich hatte es gesehen, für einen kurzen Augenblick.
Rasch breiteten die weißen Fäden sich aus, feine Risse, die sich rasch durch den Beton fraßen, Spalten gruben, bis die Bodenplatte aufplatzte, als hätte ein Erdbeben sie heimgesucht.
Unvermittelt erklangen Schritte neben mir und mit ihnen kehrten die Welt und ihre Geräusche zurück: Schreie und Wehklagen der vom Feuer Verletzten, ein bedrohliches Ächzen und Knarren im Dachgebälk, als fügte die plötzliche Abkühlung den Stahlträgern den entscheidenden Schaden zu, der sie zum Einsturz bringen würde, aber auch Sirenengeheul. Wir würden nicht mehr lange allein sein.
Ranuken ließ sich neben mir zu Boden fallen, die Nase laut hochziehend.
»Ich habe versucht, zu euch durchzudringen. Wirklich! Aber es war unmöglich, ich hätte mich in eine lebende Fackel verwandelt. Die Feuerwände haben sich auf ihrer Suche nach Nahrung immer weiter ausgebreitet, die gesamte Halle hatte sich in ein einziges Inferno verwandelt. Ich kam nicht zu euch durch. Ich musste warten, bis die Flammen verschwunden waren. Dabei war die Warterei fast genauso schlimm, wie zu verbrennen. Glaubst du mir, Sam? Ich bin kein beschissener Feigling, der seine Freunde im Stich lässt und erst aufkreuzt, wenn das Schlimmste vorbei ist.«
Das weiß ich doch, wollte ich ihm versichern, aber es gelang mir nicht. Meine Stimme verlor sich irgendwo auf dem Weg zu meinen Lippen.
Als Ranuken zu Kastors leblosem Körper hinüberblickte, erstarrte er. »Kastor ist … erloschen?«
Ich nickte, dann zog ich meine Hände zurück und musste zusehen, wie Kastors Gestalt zu Staub zerfiel. Denn aus Staub bist du gemacht, dachte ich bitter. Die Risse im Boden sprangen zentimeterweit auf, verschlangen die Asche, breiteten sich gierig weiter aus, während Ranuken sichtlich um sein Gleichgewicht kämpfte.
»Dieser sture Grieche und seine Rache. Jesses, was liebe ich ihn dafür, dass er solche Nummern durchzieht. Durchgezogen hat …« Ranuken stockte, dann wisperte er mit tränenerstickter Stimme: »Wir müssen hier raus, die verfluchte Decke wird gleich runterkommen, die Hitze hat alles mürbe gemacht.«
Obwohl ich wusste, dass er recht hatte, rührte ich mich nicht von der Stelle. Mir fehlte die Kraft, mich zu erheben. Das Fieber wütete in mir, brannte schwarze Flecken in mein Blickfeld. Beinah war es zum Lachen, dass ich Nikolais Feuer entkommen war und nun an einem zugrunde ging, das ich selbst entzündet hatte.
Ranukens Finger glitten durch den Staub, der von Kastor zurückgeblieben war. Voll stillem Kummer berührte er seine Stirn, wo drei hellgraue Punkte zurückblieben. Dann straffte er seine Gestalt.
»Die Trauer muss warten, so schwer es auch fällt. Los, komm auf die Beine, mach schon.«
Zwecklos, dachte ich. Ich würde am liebsten hier sitzen bleiben und es Kastor gleichtun, für den nichts mehr eine Rolle spielt.
Ranuken hingegen begann, an meinem Arm zu zerren. Schließlich gelang es ihm, mich in die Höhe zu stemmen, und ich taumelte einige Schritte vorwärts. Hinter mir spürte ich einen mächtigen Luftzug, dann bebte die Erde, als der Deckenpfeiler krachend auf dem Boden aufschlug. Fast fiel ich vornüber, aber Ranuken hielt mich.
»Reiß dich zusammen«, fuhr er mich ungewohnt scharf an. »Wenn du keinen Wert auf dein Leben legst, dann lass dich wenigstens von Nikolai bei dem Versuch umbringen, Mila zu befreien, anstatt in dieser Halle zu sterben. Das wäre doch totaler Unsinn.«
Unter Qualen gelang es mir, einige Schritte zu tun, indem ich mich an der Vorstellung festhielt, Mila nur ein Stück von mir entfernt stehen zu sehen. Dort musste ich hin, dorthin … Dann fraß das Fieber ihre Erscheinung genauso rasch auf wie die Dämmerung eine Fata Morgana. Um mich herum wurde alles schwarz.
Ranuken breitete seine Schwingen aus. »Scheiß drauf, ob das jetzt einer sieht.«
Wie er mich umfasste und wir in die Luft stiegen, bekam ich nicht mehr mit, denn ich fühlte mich bereits schwerelos.