36 Die Traumpforte
Ich fliege.
Vollkommen frei von allen Zwängen, sämtlichen Regeln enthoben, fliege ich durch den weiten Himmel.
Wunderschön und paradiesisch anmutend ist das Blau, das mich mit der gleichen Mühelosigkeit trägt wie auch die Wolken unter mir. Es ist leicht zu fliegen, so überraschend leicht, dass ich zu lachen beginne. Über die Freude am Fliegen, aber auch über meine Dummheit. Warum war mir zuvor nie bewusst, dass das Fliegen ein Kinderspiel ist? Nichts und niemand hält mich auf der Erde gefangen, die Schwerkraft ist eine Illusion, der wir Menschen unsinnigerweise anhängen. Hier bin ich, der lebende Beweis, dass es keiner Schwingen bedarf, um die Luft im Flug zu durchschneiden. Ich bin keine Schattenschwinge, sondern … ich …
Wer bin ich?
Der Himmel beginnt sich zu drehen, schnell und immer schneller, bis mir so schwindelig ist, dass ich das Oben nicht mehr von dem Unten unterscheiden kann. Die Kraft, die mich eben noch in der Luft hielt, verlässt mich schlagartig, und ich sacke in die Tiefe, stürze kopfüber, überschlage mich, bis ich plötzlich hart auf dem Grund aufkomme. Ganz ohne Schmerz, als hätte mein Flug niemals stattgefunden. Aber das hat er. Ich weiß jetzt, dass ich die Freiheit in mir trage. Sie ist ein weiter Himmel, ich sehe ihn deutlich, obwohl ich am Boden liege.
∞∞
Verwirrt schlug ich die Augen auf und blickte durch einen silbrigen Schleier in Nikolais Gesicht, der über mir lag. Sogleich begannen seine Empfindungen auf mich einzuströmen, aber der Traum vom weiten Himmel war stärker. Was er mir gezeigt hatte, versetzte mich zu gleichen Teilen in Unruhe und Freude: Es gab einen Raum in meinem Inneren, der ganz allein mir gehörte und von niemand anders betreten werden konnte. Er schenkte mir Freiheit, unabhängig von dem, was mir zustieß. Diese Erkenntnis war ungeheuer wichtig und sie änderte die Lage vollkommen. Was hatte ich zu Nikolai gesagt? Meine Gabe sei es eben, den Dingen einen Ausdruck zu verleihen. Nur in einer Hinsicht hatte ich versagt, denn ich wusste jetzt zwar, dass ich tief in meinem Innersten frei war, aber wer ich war, dass wusste ich nicht. Ich hatte meinen Namen verloren.
Nikolais Mundwinkel sanken herab und verliehen ihm einen unzufriedenen Ausdruck. »Warum bist du aufgewacht, meine Schöne? Dieser kurze Traum hat lediglich ausgereicht, um die Pforte zu öffnen. Um sie ausdehnen, braucht es weit mehr.«
Mit dem Kopf deutete er in Richtung Turm, dessen Silberglas durchsichtig geworden war, sodass ich den blauen Himmel dahinter sah. Dann begriff ich, dass es nicht der Himmel war, den ich erblickte, sondern meinen Traum von der Freiheit. Nikolai benutzte ihn, um seiner Traumpforte eine feste Form zu verleihen. Meine Freiheit war zu seiner Freiheit geworden. Aus einem unerklärlichen Grund setzte mir das zu.
»Ich wollte auch träumen, aber es ging nicht. Die Frage nach meinem Namen lässt mich nicht los.«
Ein Lächeln breitete sich auf Nikolais Zügen aus. Es geriet einen Tick zu selbstgefällig. »Das braucht dich nicht zu bedrücken, ich hab doch einen Namen für dich ausgesucht. Nimm ihn.«
»Ich will deinen Namen aber nicht.« Mein Ausbruch geriet heftiger, als Nikolai erwartet hatte, und auch ich schnappte verblüfft nach Luft. Woher kam nur diese plötzliche Distanz zwischen uns? »Ich kann meinen Namen nicht aufgeben, nicht einmal für dich, es tut mir leid. Wie immer er auch gelautet haben mag, ich möchte ihn zurück.«
Zuerst dachte ich, Nikolai wollte sich auf den Knien aufrichten und damit seine schwere Last von mir nehmen. In diesem Augenblick frischte der Wind auf und verscheuchte die Klebrigkeit, die in der Luft gelegen hatte. Die Körperlosen waren fort, stellte ich erleichtert fest. Sie waren gegangen, Gott sei Dank.
Während ich befreit durchatmete, gab Nikolai ein wütendes Schnauben von sich. »Du willst meinen Namen also nicht«, sagte er leise, wie zu sich selbst, dann drückte er mich hart nieder. »Ich habe meine Pforte auf deinem Traum gegründet, dadurch sind wir miteinander verwoben. Du gehörst jetzt zu mir, für alle Ewigkeit. Weist du mich etwa zurück, willst du dich von mir lossagen, jetzt, da ich dich zu einem Teil von mir gemacht habe? Sag es mir!«
Auf der Suche nach einer Antwort blickte ich tief in Nikolais Silberaugen und sah mein eigenes Spiegelbild in ihnen: ein verstörtes, verängstigtes Mädchen, nicht mehr als ein Schatten, dessen Umrisse sich immer weiter auflösten. »Ich kann dich nicht zurückweisen, denn es gibt mich ja gar nicht mehr wirklich, bis auf diesen winzigen Teil. Und sogar den hast du an dich gerissen und für deine Pforte genutzt«, sprach ich aus, was ich in seinen Augen erkannte. Wer auch immer ich einst gewesen war, davon war kaum mehr übriggeblieben als das Abbild meiner äußeren Hülle, alles andere hatte ich aufgegeben oder verloren, ich wusste es nicht. Und dieses Begreifen veränderte meinen Blick, er wurde scharf und durchdringend: Ich mochte sein klägliches Abbild sein, aber wir waren trotzdem nicht eins. Aus diesem Grund konnte ich seinen Namen nicht tragen, weil ich trotz allem mir gehörte, unabhängig von seiner Macht über mich. In diesem Moment fand ich die Stärke, ihn zurückzudrängen.
»Du sperrst dich vor mir.« Anklage mischte sich mit Verwunderung, mit einer solchen Reaktion hatte Nikolai offensichtlich nicht gerechnet.
»Ich sehe nur den Unterschied zwischen uns, schließlich kann ich nicht vollständig in dir aufgehen. Bitte erwarte das nicht von mir, schließlich bedeutet Liebe nicht, dass man vollkommen eins ist.« Der Gedanke kam mir spontan, aber er fühlte sich richtig an. »Egal wie eng man mit seinem Gefährten verbunden ist, man bleibt trotzdem noch man selbst. Du brauchst dich nicht davor zu fürchten, wenn ich meinen Kern bewahren will.«
Als ginge von meiner Berührung plötzlich eine unerträgliche Kälte aus, wich Nikolai zurück. Unsicher richtete ich mich auf, griff nach dem Ausschnitt meines Kleides und zog ihn über meine Schultern. Der wunderschöne Stoff glitt zu Boden, dabei schillerte er zuerst silbern, dann färbte er sich blutrot. Nur ein winziger weißer Zipfel ragte hervor. Es gelang mir kaum, den Blick von ihm zu nehmen, aber ich wollte nicht, dass Nikolai das Stück Papier ebenfalls bemerkte.
»Dein Kleid …« Nikolai brach ab, als wüsste er nicht weiter.
Fast musste ich lachen, denn nun klang er mindestens so verwirrt, wie ich es bereits war. »Ich brauche weder einen Namen noch dieses Kleid. Der Wind fühlt sich wunderbar an. Ich wünschte, ich wäre so leicht, dass er mich mitnimmt.«
Nikolai streckte die Hand aus und zog sie wieder zurück, als fürchtete er sich davor, mich zu berühren. Das Wirrwarr seiner Gedanken und Gefühle schlug mir entgegen, ich wehrte mich nicht dagegen, aber es kümmerte mich auch nicht. Das war er. Ich empfand anders.
»Ich könnte in den Himmel steigen, dich tragen, wenn du das wünschst«, bot Nikolai an. Schwermut schlich sich in seine Stimme, eine gänzlich unbekannte Seite an ihm. Und doch … sie passte zu seinen schön geformten Augen, in denen nur das kalte Silber verkehrt schien. Für einen Augenblick war er ein Junge, eine einsame Schattenschwinge, die sich nach Halt sehnte. Ja, er war weit mehr als der Pfeil unter seiner Brust, auch wenn er das vor sich selbst am liebsten leugnen wollte. »Wenn du mir versprichst, mich nicht länger auszusperren, dann würde ich mein ganzes Ansinnen aufgeben und nur bei dir sein«, bot er an.
»Dadurch würde sich nur deine Zielrichtung ändern, aber nichts an deinem Verlangen nach Absolutheit. Wir wären im Handumdrehen wieder da, wo wir jetzt schon stehen.« Es verblüffte mich, mit welcher Klarheit ich auf einmal Nikolais verändertes Wesen erfasste. Er war nicht mehr in der Lage, seine Gefühle vor mir zu verbergen, ungeachtet, ob es seinem Willen entsprach oder nicht. Ich hingegen lernte gerade, meinen innersten Wesenskern zu schützen, auch wenn er bloß der Größe eines Sandkorns entsprach. Ein Sandkorn, in dem ein ganzer Himmel existierte.
Nikolai musterte mich eingehend, während der Sturm in seinem Inneren sich legte und einem Gefühl von Trauer wich. »Was ist geschehen? Wieso bekomme ich dich nicht zu fassen, obwohl es nichts Wichtigeres für mich gibt? Wenn du anfängst, dich vor mir zu versperren, werde ich mein Ziel nicht erreichen, ganz gleich, wie sehr ich es auch will. In meinem früheren Leben ist mir das nie passiert. Es muss an dieser verdammten Hülle liegen, sie raubt mir meine Entschlossenheit, es ist wie ein Fluch.«
Ich wagte es kaum, meinen Wunsch auszusprechen. »Und wenn du mich gehen lässt? Dann wären wir beide frei.«
Für einige Herzschläge sah es danach aus, als würde er mir tatsächlich zustimmen, mich freilassen, damit ich herausfand, wer ich war, und Nikolai die Gelegenheit bekam, sich mit sich selbst zu versöhnen. Aber ich täuschte mich: Sein Arm fuhr vor und er packte mich hart am Oberarm.
»Niemals«, sagte Nikolai.
∞∞
Von Schmerz und Enttäuschung getrieben, wandte ich den Kopf ab, und da erblickte ich ihn, die Schattenschwinge mit dem Schwert an ihrer Seite, die Nikolai mitten ins Gesicht geschlagen hatte. Den Jungen, wegen dem Nikolai mit mir geflohen war. Lautlos stieg er hinter der Brüstung der Turmspitze auf, die Schwingen durch den Schein seines inneren Lichts fast weiß gefärbt.
Ich sah ihn an, sah seine Lippen ein Wort formen. Er sagte einen Namen … meinen Namen?
Dann nahm Nikolai von mir und wischte den flüchtigen Eindruck davon. Doch allzu lange nahm er nicht, denn er wurde gewaltsam fortgerissen, und ich stolperte rückwärts, bis die Innenwand des Turms mir Halt gewährte. Die Schattenschwinge mit den meerfarbenen Augen hielt Nikolai an der Kehle gepackt und riss ihn mit sich in die Höhe, während ihre Hand zu dem schwarzen Gürtel um ihre Hüften wanderte, als suchte sie nach etwas Bestimmtem. So weit kam der Junge jedoch nicht, denn Nikolai verpasste ihm mit beiden Händen einen Stoß, der ihn mehrere Meter fortschleuderte.
»Du!«, brüllte Nikolai und zeigte mich dem Zeigefinger auf mich. »Ich will, dass du einschläfst und träumst. Sofort.«
In rasantem Flug hielt Nikolai auf mich zu, und je näher er kam, desto eindringlicher wurde die Schwärze in meinem Inneren, gegen die ich verzweifelt ankämpfte. Er wollte mich hinabzwingen ins Reich der Träume, das sich mir verführerisch weich anbot, doch das strahlende Licht der anderen Schattenschwinge hielt mich gebannt. Es war nicht die Zeit für Träume, wenn die Sonne am Himmel stand.
Die fremde Schattenschwinge hatte sich wieder gefangen und setzte Nikolai nach, der jedoch schneller war. »Wag es nicht noch einmal, Mila anzufassen«, rief er ihm aufgebracht hinterher.
Sowohl seine Stimme als auch der Name lösten eine ungeahnte Wärme in meiner Brust aus, die von einer anderen Art war als der Schlaf, dessen Sog weiterhin an mir zerrte. »Mila«, wiederholte ich den Namen gleich einer Losung, während meine Knie, übermannt von der Müdigkeit, nachzugeben drohten.
Mitten im Flug verharrte Nikolai, machte dann eine Kehrtwende und versetzte der heranbrausenden Schattenschwinge einen Fausthieb, der diese ins Trudeln brachte.
»Du bist ein Narr, Samuel. Warum bist du nicht gegangen, als du begriffen hast, dass sie jetzt mir gehört? Du bist ein Fremder für sie, akzeptier das endlich. Du hast deine Chance gehabt, ein Teil von uns zu sein, und du hast sie verstreichen lassen.«
»Ich kann mich immer noch als Medium zwischen euch stellen«, bot die Schattenschwinge namens Samuel an, während er sich das Blut aus dem Gesicht wischte. Seine Augenbraue war aufgesprungen. Langsam näherte er sich Nikolai, der ihn aufmerksam beäugte, so aufmerksam, dass der Sog des Schlafs nachließ. Er konnte sich unmöglich auf beides konzentrieren.
Ich stolperte zur Brüstung und betrachtete die beiden einander umkreisenden Schattenschwingen, erstaunt über ihre Gegensätzlichkeit: An Nikolais Erscheinungsbild war alles hell und golden, von seinem Haar bis hin zum Ton seiner Haut, während der Eiskranz seiner Aura kalt und schneidend war. Samuels Äußeres hingegen konnte gegen Nikolais Schönheit zwar nicht bestehen, dafür war er zu geschunden und von Verletzungen gezeichnet, aber er strahlte eine Wärme aus, die mich noch mehr anzog als der Glanz seiner Aura. Er war Nikolais Gegenspieler, sein Herausforderer, und trotzdem machte ich mir Sorgen um ihn, denn es war deutlich zu erkennen, dass die Kraft seiner Aura nicht an Nikolais heranreichte. Samuel würde im Kampf unterliegen, daran herrschte kein Zweifel.
»Du bietest dich mir an?« Nikolai machte eine Pause, wartete ab, bis Samuel in seiner Reichweite war. Er deutete auf ein Symbol, das in die Haut des Fremden geritzt war. »Beweis es. Du brauchst nur da weiterzumachen, wo du das letzte Mal aufgehört hast. Na, los.«
Trotz der Entfernung machte ich die schwarzen Linien auf Samuels Brust aus, ein hässliches Zeichen, das einem gefangenen Stern glich. Ich fragte mich, wofür es wohl stand. Samuels Finger tasteten nach dem Symbol, während er auf Nikolai zuhielt. Nun trennte sie lediglich ein kurzes Stück Luftlinie.
»Es ist nach wie vor eine verlockende Vorstellung, dich zu versklaven«, höhnte Nikolai. Der gezackte Umriss seines Strahlenkranzes zeichnete sich gestochen scharf ab, als er seine ganze Kraft in ihn legte. »Aber ehrlich gesagt löst allein die Vorstellung, du könntest dich zwischen meine Schöne und mich drängen, Mordgelüste in mir aus. Ich denke, ich werde ihnen nachgeben.« Dann griff er so unvermittelt an, dass Samuel nicht mehr als abblocken konnte. Nikolai war ihm überlegen, der Kampf würde nicht lange dauern, so viel stand fest.
Unschlüssig stand ich auf der Turmspitze, zerrissen zwischen dem festen Glauben, Nikolai müsse gewinnen, weil er nach wie vor mein Gefährte war, und der Hoffnung, dieser Samuel möge noch einen Weg finden, lebend aus dem Kampf herauszukommen.