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19 Böses Erwachen

Das Erste, was zu mir durchdrang, war das Geräusch von stetigem Tropfen. Nach und nach baute sich das Bild auf, wie sich ein einzelner, reiner Wassertropfen mitten im endlosen Blau bildete und schließlich fiel. Ganz langsam, als hätte er alle Zeit der Welt, ehe er auf eine Wasserfläche schlug, die zuvor unsichtbar gewesen war, weil sie das Blau perfekt spiegelte. Der Tropfen schlug in den Wasserspiegel ein, verdrängte erst das Wasser und verschmolz dann mit ihm, während sich bereits ein weiterer Tropfen bildete. So ging es immerfort, ein ewiger Kreislauf.

Zumindest dachte ich das so lange, bis ich auch etwas anderes wahrnahm: flüsternde Stimmen. Ich verstand nicht, worüber sie sprachen, und wollte es lange Zeit auch nicht wissen. Mir reichte es vollauf, die Tropfen zu beobachten, ihrem Aufschlag zu lauschen. In dieser Zwischenwelt gefangen zu sein, war die reinste Wohltat. Dort draußen erwartete mich gewiss nichts, das an diese Reinheit und Gelassenheit heranreichte.

Die Stimmen wurden kräftiger, aus dem Rauschen bildeten sich allmählich Worte heraus. »Sein Fieber … gesenkt« hörte ich und »schwarzes Brandmal«. Für mich stand fest, dass ich mit der Welt außerhalb von mir nichts zu tun haben wollte, doch der Schutzwall löste sich stetig weiter auf und immer mehr drang zu mir hindurch, während das Geräusch von fallenden Tropfen zwar blieb, das Bild sich jedoch auflöste, geradezu verdampfte.

Und dann fiel die Frage, der ich mich nicht entziehen konnte.

»Ob er weiß, wo Mila ist?«

Ich wusste nicht, wer sie aussprach, aber das war unwichtig. Sie blies meine Müdigkeit mit einem Streich fort.

Wo war Mila?

∞∞

Ich kam im Krankenhaus zu mir.

Reza und Daniel Levander saßen neben meinem Bett, Reza hielt behutsam meine Hand, in deren Rücken eine Kanüle steckte, durch die unentwegt eine klare Flüssigkeit rann. Tropfen für Tropfen. In dem Zimmer waren noch drei weitere Betten untergebracht, und ich nahm die Verbrennungen und Atemprobleme der in ihnen Liegenden so deutlich wahr, als wäre ihre Krankenakte mit feuerroten Lettern in die Luft geschrieben. Noch deutlicher hing nur der Kummer der Levanders über mir.

Mühsam bewegte ich meine Lippen, um eine Antwort auf die Frage zu geben, die weiter durch meinen Geist hallte. Doch ich wusste weder, was ich sagen sollte, noch gelang es mir, mehr als ein Krächzen hervorzubringen. Mein Mund war ausgetrocknet und meine Kehle schmerzte, als wäre sie verbrannt.

»Sam, da bist du ja wieder«, sagte Reza. Von der Lebensfreude, die sie ansonsten stets verströmte, war nicht ein Funken übrig geblieben. Selbst über ihrem Kupferhaar lag ein Grauschleier. »Wir haben uns schreckliche Sorgen um dich gemacht. Du wärst fast gestorben, erst vor ein paar Stunden haben sie dich von der Intensivstation hierher verlegt. Was ist nur geschehen?«

Erneut versuchte ich, etwas hervorzubringen.

Erneut scheiterte ich.

Daniel Levander stand auf und goss mir ein Glas Wasser ein. »Es ist gut, überanstreng dich nicht.«

Bei dem mühsamen Versuch, mich aufzusetzen, verlor ich fast die Besinnung. Ich war viel zu schwach dafür, außerdem fraß sich ein widerwärtiger Schmerz durch meinen Brustkorb, sobald ich mich regte. Mein Körper mochte die Vergiftung durch das unvollendet gebliebene Sklavenzeichen überstanden haben, aber die war noch nicht ausgeheilt. Deshalb musste ich akzeptieren, dass Herr Levander mir aufhalf und mir sogar das Glas anreichte.

Brennend und wohltuend zugleich glitt das Wasser meine Speiseröhre hinab. Dabei kapierte ich allmählich, dass Milas Eltern sich meinetwegen Sorgen machten – und das, während ihre Tochter spurlos verschwunden war. Es war mir allem Anschein nach tatsächlich gelungen, Teil dieser Familie zu werden. Diese Verbundenheit würde in dem Moment zerbrechen, in dem ich meine Stimme wiederfand und ihnen erzählte, wer ich in Wirklichkeit war und weshalb ihr Kind nicht länger bei ihnen war.

Wie schnell sich das Blatt doch wenden konnte. Gerade noch war alles perfekt erschienen, dann zerfiel binnen einiger Stunden mein Leben zu einem Scherbenhaufen, und jetzt war ich gezwungen, das Letzte, das auf dem Schlachtfeld heil geblieben war, gleichfalls zu zerschlagen.

»Mila …«, brachte ich hervor.

»Lass uns darüber sprechen, wenn du dich ein wenig erholt hast.« Daniel Levanders Gesicht bestand nur aus Furchen und Schatten, als wäre seit der Nacht, in der ein Flammenmeer auf nacktem Beton ausgebrochen war, ein halbes Leben vergangen.

Ich sammelte mich. »Mila ist fort.«

Reza sprang auf und riss meine Hand mit nach oben, was mir wegen der Kanüle einen peinigenden Stich versetzte.

»Das wissen wir nicht! Die Bergungsarbeiten bei der eingestürzten Halle sind noch im vollen Gange. Bestimmt sind Lena und sie in einem Hohlraum unter dem herabgestürzten Hallendach gefangen und warten gemeinsam auf ihre Rettung. Wahrscheinlich haben sie ein paar Verbrennungen und Hautabschürfungen, so wie die anderen Partygäste. Zum Glück gab es keine Toten …« Ihre Stimme brach.

»Sie ist nicht in der Halle«, zwang ich mich zu sagen, obwohl sich die weiche Schwärze in mir ausbreitete, so verlockend, dass ich ihr nicht lange würde widerstehen können. »Mila wurde verschleppt. Nikolai hat sie mitgenommen.«

»Wer ist Nikolai? Wohin hat er sie mitgenommen?«, stellte Daniel Levander die alles entscheidenden Fragen.

Ja, wohin? Falls er nach Kastors Angriff nicht ebenfalls erloschen war und Mila mit ihm. Mit seinen letzten Worten hatte Kastor zwar versichert, er hätte Nikolai ihretwegen verschont, aber hatte sie die Zerstörung der Pforte wirklich überstanden?

Der übermächtige Wunsch, darauf eine Antwort zu finden, nahm mich gefangen und riss mich mit. Dann wurde alles schwarz.

∞∞

Als ich zu mir kam, war es Nacht. Es war dunkel bis auf das Licht, das unter der Tür vom Flur hereinfiel. Um mich herum wurde geschnarcht und im Traum gestöhnt.

Ich hasste das Krankenhaus von St. Martin. Schließlich hatte ich dank Jonas und seiner Gewaltattacken meine halbe Kindheit in dieser nach scharfen Putzmitteln und der Verzweiflung kranker Menschen riechenden Umgebung verbracht. All ihre traurigen Geschichten hatten sich vor meinen Augen abgespielt, während ich mit meinem eigenen Elend zu kämpfen hatte. Wie oft hatte ich befürchtet, gleich zerspringen zu müssen? Dieser Ort war zweifelsohne nicht der richtige für mich.

Ich brauchte mehrere Anläufe, um mich im Bett aufzusetzen. Während ich gegen den Schwindel ankämpfte, bemerkte ich eine vornübergebeugte Gestalt, deren Kopf auf meinem Bettzeug ruhte. Rufus. Er schlief tief und fest, wie ich erleichtert feststellte. Seine dunklen Locken hingen ihm ins Gesicht und in der geballten Hand hielt er etwas, das verdächtig nach einer Fotografie aussah. Ich verdrängte die Überlegung, wer darauf abgebildet sein mochte, ansonsten würde mich meine Tatkraft verlassen. Jetzt war nicht der Augenblick, um nachzudenken oder gar meinen Gefühlen Raum zu geben, denn sie würden mich nur niederdrücken vor lauter Kummer.

Ich musste handeln. Sofort!

Eine kurze Inspektion ergab, dass mein Oberkörper bandagiert war, dass über dem Schnitt an meinem Hals ein dickes Pflaster klebte und verschiedene Kanülen in mir steckten, eine unangenehmer als die andere. Die mussten als Erstes raus. Im Schneckentempo hob ich meine Beine aus dem Bett, sorgsam darauf bedacht, bloß keinen Laut zu verursachen, der Rufus oder einen meiner Zimmergenossen aufweckte. Dabei brannten meine Fußsohlen höllisch von den Schnitten, die mir das zerbrochene Glas auf dem Hallenboden zugefügt hatte. Zu meiner Erleichterung gab Rufus lediglich ein Grunzen von sich, als die Matratze wackelte. Er musste wirklich k.o. sein. Als ich mich endlich aufrecht hielt, war ich dankbar für den Ständer, an dem der Tropf hing. Ich klammerte mich so lange an ihm fest, bis das Bedürfnis, einfach umzufallen, nachließ. Dann klemmte ich den Infusionsschlauch ab. Mit Müh und Not erreichte ich das Badezimmer, der kalte Schweiß stand mir auf der Stirn.

Im Spiegel erblickte ich eine Person, die mich nur entfernt an mich selbst erinnerte: die Wangen eingefallen, die Lippen aufgesprungen und blutverkrustet, Monsteraugenringe und das Haar dunkel geschwitzt vom Fieber. Ich sah aus, als wäre ich gestorben und durch einen Zauber wieder zum Leben erweckt worden. Einen bösen Zauber.

Mit weichen Knien zog ich die Kanülen heraus, was mir mit der linken Hand alles andere als leichtfiel und ausgesprochen schmerzhaft war. Dann löste ich das Pflaster an meinem Hals, unter dem ein mit mehreren Stichen genähter Schnitt zum Vorschein kam. Schließlich wickelte ich die Bandagen ab, die um meinen Oberkörper verliefen. Mit zitternden Fingern riss ich die Mullkompresse runter. Dabei entstand ein ekelhaft klebriges Geräusch, das noch unerträglicher war als der Schmerz, der von den Schnitten ausging, die ich mir mit der Obsidianklinge beigebracht hatte. Die Wunde zog schwarze Fäden.

Nur einen Moment lang hielt ich den Anblick aus, dann bückte ich mich über die Toilettenschüssel und spuckte, obwohl sich außer Galle nichts in meinem Magen befand.

Am ganzen Leib zitternd, stellte ich mich vor den Spiegel und betrachtete erneut das unvollendete Zeichen. Es sah aus wie ein doppelt gezeichneter Stern, dem ein Zacken weggebrochen war. Bei dem Gedanken, was geschehen wäre, wenn Kastor mich nicht zum Abbruch gezwungen hätte, lief es mir eiskalt den Rücken hinab. Der zerbrochene Stern bestand aus Furchen in meiner Haut, schwarz und entzündet, als wäre das Fleisch verdorben. Zu meiner Erleichterung stellte ich fest, dass das Zeichen zwar die Entzündung hervorrief, die mich fast das Leben gekostet hatte; darüber hinaus besaß es aber keinerlei magische Wirkung – im Gegensatz zu den vernarbten Schnitten auf meinem Unterarm, deren Zauber ansatzweise funktionierte. Der Stern auf meiner Brust würde lediglich eine weitere Narbe sein, genau wie der sorgfältig vernähte Schnitt des Katanas.

An der Badezimmertür ertönte ein leises Klopfen.

Ich fuhr zusammen, reagierte jedoch nicht.

Eine Pause entstand, dann schob sich ein weißer Stab durch den Türspalt, angelte nach dem Haken, und bevor ich mich versah, trat Ranuken ein. Die Haut auf seinem Gesicht pellte sich an den Stellen, wo zuvor Brandblasen gewesen waren, und sein Haar stand noch wirrer ab als sonst. In der Hand hielt er den verbogenen Stiel eines Lutschers.

»Himbeere«, sagte er anklagend. »Ausgerechnet meine Lieblingssorte.«

Ich hielt mich wie ein Betrunkener am Waschbeckenrand fest, bis der Boden unter meinen Füßen sich wieder stabil anfühlte. »So was aber auch«, krächzte ich.

»Wie ich sehe, hast du dich vom Katheter, diesem echt üblen Folterinstrument, befreit. Hast du deshalb gekotzt?« Ranuken schüttelte sich, dass seine Zottelhaare wippten. »Das war bestimmt ekliger, als sich diese Verzierung auf deiner schmucken Brust anzusehen. Wenn du so weitermachst, bestehst du bald nur noch aus Narbengewebe.«

»Egal. Erzähl mir, was passiert ist.«

Ranuken wickelte den Lutscher aus und hielt ihn mir hin. »Du brauchst dringend Zucker, mein Freund. Außerdem erwarte ich, dass du dich brav auf den Toilettendeckel setzt. Ich habe absolut keine Lust, dich aufzufangen, wenn du plötzlich besinnungslos wirst und wie ein gefällter Baum umkippst. Mir tut nämlich noch immer jeder einzelne Knochen weh von meiner letzten Sam-Rettungsaktion. Also mal ehrlich: Ein Ticken weniger Muskelmasse würde dir bestimmt nicht schaden, vor allem nicht, weil du doch eh schon so ein Riese bist. Voll der Brocken.«

Während Ranuken sich weiter darüber ereiferte, wie unhandlich mein Körperbau doch sei, schaffte ich es mehr schlecht als recht, mich hinzusetzen. Erschöpft lehnte ich mich gegen die Fliesen in meinem Rücken, während mein Puls raste, als hätte ich gerade im Steilflug die Wolkendecke durchstoßen. Dann steckte ich mir den Lutscher in den Mund. Ich musste zwar nicht essen, seit ich eine Schattenschwinge war, aber der Himbeergeschmack tat mir trotzdem gut. Er überdeckte den metallischen Belag auf meiner Zunge.

Schließlich suchte ich Ranukens Blick. »Erzähl mir, was passiert ist, nachdem ich in der Halle zusammengeklappt bin. Nachdem der Deckenbalken runtergekommen ist, kann ich mich nämlich an so gut wie nichts erinnern.«

Ranuken nickte. »Ja, das war echt scheißknapp. Gleich nachdem ich mit dir ins Freie geflogen bin, ist die komplette Halle eingekracht. Wumms, ein Höllengetöse. Als hätten diese Monsterrisse im Boden nicht gereicht.« Er schien fast erleichtert, das Schreckensszenario beschreiben zu können. Vermutlich setzte ihm der Gedanke an das, was nur wenige Minuten davor geschehen war, entscheidend mehr zu: Kastors erstarrender Leib, der zu Staub zerfiel und damit jede Hoffnung zerschlug, es möge eine Rettung für ihn geben. Es war zu früh, um darüber zu sprechen. Kastor war tot, Mila verschollen. Ich konnte nicht einmal den Gedanken daran zulassen, ohne dass mein Körper mir drohte, mich sofort vom Netz zu nehmen.

»Bin abseits des Trubels aus Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen gelandet«, erzählte Ranuken weiter. »Wobei ›gelandet‹ etwas übertrieben ist. Bin mehr so abgestürzt, denn meine Schwingen taugen nicht recht, seit das Feuer sie versengt hat. Dabei hast du übrigens nicht einmal mit der Wimper gezuckt, was mir ganz schön zu denken gegeben hat. Das, und dass du dich wie ein Stück glühende Kohle angefühlt hast. Zuerst dachte ich, es ist eine Art Spätfolge des Feuers, aber dann wurde mir klar, dass es an deiner neuen Verzierung liegt. In den Schnitten gärte und brodelte es richtig, mir wird allein bei der Erinnerung daran kotzübel.« Ranuken deutete auf die schwarzen Linien des Symbols. »Ich habe keine Ahnung, was das ist, aber es war dabei, dich umzubringen. Also hab ich dich zu den Sanitätern geschleppt, die gerade eingetroffen sind. In dem Chaos, das herrschte, hat niemand groß Fragen gestellt. Die haben dich in den Krankenwagen gehievt, ich bin mit rein und – zack – ab ging’s. Ich glaub, du hast Glück im Unglück gehabt. Weil du kurz vorm Abkratzen gewesen bist, haben sie dich direkt auf die Intensivstation gepackt, während der Rest des Krankenhauses knallvoll mit Leuten ist, die unter Verbrennungen leiden oder sich eine Rauchvergiftung eingefangen haben, ohne dass da noch irgendwelche Rückstände zu finden sind. Diese Medizinheinis sind voll am Ausflippen deshalb.«

Offenbar hatte die Schallwelle, die mit der Zerstörung der Aschepforte einherging, wirklich gründliche Arbeit geleistet und sämtliche Spuren des widernatürlichen Brandes getilgt. Ob das nun gut oder schlecht war, würde sich noch zeigen, aber die Menschen in St. Martin würden sich daran gewöhnen müssen, dass ihre Welt und die Regeln, nach denen sie bislang funktioniert hatte, mehr und mehr aufgehoben wurden.

»Wie auch immer«, fuhr Ranuken mit seinem Redeschwall fort. »Auf der Intensivstation bist du jedenfalls besser aufgehoben gewesen als hier auf der Inneren. Vor allem weil diese schmierige Journaille Kraachten deshalb nicht an dich rangekommen ist und nicht hören konnte, was für krasse Sachen du im Fieberschlaf erzählst. Der Schnüffler schiebt nämlich gerade noch mehr Überstunden als das Krankenhauspersonal und die Bergungsleute in der Halle zusammen. Der Typ ist komplett im Storywahn, und du samt diesem ekligen Zeichen auf deiner Brust wärst die absolute Krönung für ihn. Stell dir nur mal den Aufmacher vor: »Orgiastische Feste, Selbstverstümmelung und Feuerkult. Ist Samuel Bristol nach St. Martin zurückgekehrt, um einen teuflischen Kult zu gründen?«

»Du solltest dich um ein Volontariat bei Kraachten bewerben. Allem Anschein nach steckt in dir das Talent zum Schmierfink.«

Ranuken nahm die Beleidigung kurzerhand als Kompliment und straffte stolz die Schultern.

»Jedenfalls bin ich auf dem Krankenhausflur beim Süßigkeitenautomat Rufus und seinen Eltern über den Weg gelaufen. Die wollten herausfinden, ob Mila ebenfalls eingeliefert worden ist. Mann, die sahen vielleicht fertig aus, voll mit den Nerven am Ende. Na ja, ich habe den Eltern dann erzählt, dass ich mit Mila und Lena die Party besucht habe, wir aber getrennt worden sind, als das Feuer ausgebrochen ist. Und dass du wohl aufgetaucht bist, nachdem du von der Sache Wind bekommen hast. Hat die irgendwie gar nicht überrascht, dass du da so heldenmäßig aufgekreuzt bist, scheinen das bei dir für den Standard zu halten. Dass du allerdings nicht unter Verbrennungen, sondern unter hohem Fieber gelitten hast, fanden sie schon seltsam. Und dein Gerede über geschlossene Aschepforten und die Sphäre auch.«

»Das glaube ich gern. Und den Ärzten, ist denen irgendwas Komisches an mir aufgefallen? Ich meine: Kommen da noch ein paar unangenehme Fragen auf mich zu, die ich dem einen oder anderen zuvor besser aus dem Kopf löschen sollte?« Allein die Vorstellung war mir in diesem Moment schon zu viel.

»Nee, keine Sorge. Die waren alle viel zu sehr damit beschäftigt, sich über den Auslöser für dein Fieber Gedanken zu machen und dir das richtige Medikament zu verabreichen. Für Grübeleien war die letzten drei Tage einfach zu viel los.«

»Drei Tage!« Bevor ich mich versah, stand ich kerzengrade. Sogar ohne Schwanken. »Ich habe drei Tage lang geschlafen?«

Ranuken blickte mich besorgt an. »Genau genommen hat der vierte Tag vor ein paar Stunden begonnen. Aber die Auszeit hast du gebraucht, Sam. Du warst kurz davor, den Löffel abzugeben, verstehst du?«

»So viele Tage, und kein Zeichen von Mila, Lena oder Nikolai?«

Ein Händeringen, dann schüttelte Ranuken verneinend den Kopf. »Weder hier noch in der Sphäre. Nachdem die Levanders mich vom Wickel gelassen haben, hat Rufus mir auf den Zahn gefühlt. Wenn der ausflippt, kann der einen ganz schönen Druck entfalten. Ich dachte, der frisst mich gleich auf. Jedenfalls habe ich ihm die Wahrheit gesteckt, soweit ich sie kenne. Ich bin dann rüber in die Sphäre, aber da war auch kein Zeichen von ihm zu entdecken. Aber das muss ja nix heißen, schließlich hat Nikolai mich auf der Party auch geblockt. Es hat richtig lange gedauert, bis ich kapiert habe, dass auf der Veranstaltung irgendwas nicht rundläuft – und dann war es auch schon zu spät.« Ranukens Miene verdüsterte sich. »Ich weiß, das sind nicht so die tollen Nachrichten. Dafür hält Shirin sich ganz wacker, nachdem du die Klinge eingewickelt und sie gestärkt hast. Weil das mit dem mentalen Austausch bei ihr immer noch nicht klappt, wollte sie dich sogar besuchen kommen. Das habe ich gerade mal so abgewehrt.«

»Hat Shirin eine Ahnung, was geschehen ist, als Kastor die Aschepforte gewaltsam geschlossen hat, während Nikolai und Mila noch darin waren?«

Dieses Mal unterließ Ranuken jegliche Reaktion, aber ich verstand ihn auch so.

»Shirin weiß also auch nichts.«

»Das ist ja mal wieder typisch: keiner weiß irgendwas«, höhnte eine schlaftrunkene Stimme, während Ranuken immer noch schwieg.

Wir waren derart in unser Gespräch vertieft gewesen, dass wir erst jetzt mitbekamen, dass Rufus in der Badezimmertür stand und zuhörte. Grimmig blickte er mich aus seinen dunklen Augen an. »Was seid ihr Schattenschwingen nur für ein ahnungsloser Haufen? Von vorn bis hinten ohne Plan, es ist echt zum Heulen.«

»Jetzt haltet endlich mal die Fresse!«, schimpfte einer meiner Mitpatienten aus der Dunkelheit des Krankenzimmers. »Ich versuche hier zu pennen. Nicht mehr lang, dann kommt die Frühschicht und nervt mit Bettenmachen rum.«

»Schmeiß dir doch eine Extradosis Schlaftabletten rein, du Jammerlappen«, schnauzte Rufus zurück, zog aber die Tür hinter sich zu. »Was für ein grandioser Moment: Da hocke ich mit zwei Pfeifen wie euch in diesem stinkenden Krankenhausklo, während meine Schwester verschwunden ist und meine Eltern langsam, aber sicher die Hoffnung verlieren. Shit, kannst du das Zeug, das du aus dir rausgezogen hast, vielleicht mal in den Mülleimer werfen, Bristol? Ist ja widerlich.«

»Vielen Dank, Rufus. Klasse Beitrag.« Erstaunlicherweise fühlte ich mich angesichts Rufus’ Rumgenöle schlagartig besser. »Aber du hast recht, wir müssen hier raus und zwar schleunigst. Es ist schon viel zu viel Zeit vergangen.«

»Was hast du denn vor?«

»Ich muss erst einmal zur Halle, um mein Katana zu holen. Ich hoffe, die Bergungskräfte haben es noch nicht gefunden.« Dass ich auch nach Milas Ring Ausschau halten wollte, behielt ich lieber für mich. Von der Verletzung, die sie sich selbst beigebracht hatte, konnte ich unmöglich erzählen, allein bei der Erinnerung daran breitete sich ein Schmerz in mir aus, der mich an meine Grenzen trieb. »Dann werde ich noch mit Shirin sprechen, ehe ich in die Sphäre wechsle, denn ich glaube nicht, dass ich von dieser Seite aus viel ausrichten kann.«

»Das klingt vernünftig«, stimmte Rufus mir zu. »Nur zwei Dinge fehlen in deinem Plan. Erstens wirst du das alles nicht alleine tun, sondern mit mir an deiner Seite.« Ich wollte umgehend protestieren, doch Rufus funkelte mich wütend an. »Damit das klar ist: Dieses Mal wirst du mir nicht die fixe Idee in den Kopf setzen, dass ich dringend woandershin muss als in die Sphäre. Der Trick klappt nur einmal. Außerdem hat dieser Typ nicht nur meine Schwester verschleppt, sondern auch meine Freundin – äh, Fastfreundin. Damit meine ich Lena, die ist mir nämlich alles andere als egal, obwohl sie schon eine ziemliche Nervensäge sein kann … Du weißt schon, wie ich es meine.«

Ich fühlte mich zwar versucht, ihn ein bisschen zappeln zu lassen, nachdem er schon wieder so eine große Klappe hatte. Allerdings war nicht wirklich der richtige Moment dafür, also nickte ich. »Einverstanden. Ich werde nicht versuchen, dich abzuschütteln, sondern deine Unterstützung in Anspruch nehmen. Du bist dir der Gefahr aber bewusst, oder? Kastor ist bei dem Versuch, seinen Freund zu rächen, gestorben.«

Etwas zuckte in Rufus’ Gesicht, genau wie in meinem, als ich die bittere Wahrheit zum ersten Mal aussprach. Kastor war tot. Irgendwann, zu einem späteren Zeitpunkt, würde ich die Trauer um ihn zulassen. Die Trauer – und das Wissen, dass er bereit gewesen war, für seine Rache zu sterben, sie aber letztendlich nicht bekommen hatte, weil er Mila nicht hatte gefährden wollen. Im letzten Moment hatte er sich für ihr Leben und gegen seine Rache entschieden. Sicherlich um ihretwegen, noch mehr jedoch für mich. War sein Tod dadurch sinnlos? Diese Frage würde mir bestimmt noch zu schaffen machen. Jetzt aber musste ich den Gedanken daran so weit wie möglich verdrängen.

»Ranuken hat mir von Kastors letzter Tat erzählt und es tut mir sehr leid. Ich weiß, wie eng du mit ihm befreundet gewesen bist«, sagte Rufus überraschend sanft. »Umso sicherer bin ich mir deshalb, dass du alle Hilfe brauchst, die du bekommen kannst. Sogar von einem Menschen, der unter Schattenschwingen vermutlich wenig gilt.«

Ich rechnete Rufus seine Haltung hoch an. »Du unterschätzt eure Fähigkeiten. Wenn ihr uns so unterlegen wärt, hätte Nikolai nicht das geringste Interesse an deiner Schwester gezeigt. Deine Hilfe ist wichtig für mich.« Ein Lächeln stahl sich auf Rufus’ Gesicht, das ich erleichtert erwiderte. »Nachdem wir das geklärt haben, bleibt noch die offene Nummer zwei auf deiner Liste.«

»Meine Eltern«, sagte Rufus ohne Umschweife. »Wir müssen es ihnen erzählen, ansonsten zerbrechen sie noch daran, nicht zu wissen, was mit ihrer Tochter passiert ist. Solange die Bergungsarbeiten andauern, halten sie sich noch an der Hoffnung fest, dass Mila und Lena irgendwo verschüttet auf ihre Rettung warten. Aber danach? Sie haben die Wahrheit verdient.«

»Das sehe ich genauso. Obwohl es von allen Dingen, die ich tun muss, das schwierigste ist. Viel schwieriger, als Nikolai entgegenzutreten. Ich bin gerade erst Teil eurer Familie geworden, und egal wie diese Geschichte ausgeht, danach wird alles anders sein.«

»Das kann keiner wissen«, mischte Ranuken sich ein. Als Rufus und ich ihn fragend anblickten, zuckte er mit der Schulter. »Ich habe gesehen, wie die Levanders bei dir am Bett saßen. Die sind beide fast wahnsinnig vor Sorge um ihre Tochter – und trotzdem haben sie die Kraft aufgebracht, für dich da zu sein. Du gehörst zu ihnen, so eine Verbindung zerbricht nicht ohne Weiteres. Hey, jetzt guckt nicht so! Ich bin vielleicht nicht der typische Familienmensch, aber so viel Gespür habe ich dann doch.«

»Das würde ich nie in Frage stellen, Ranuken. Nicht nachdem du Shirin nicht von der Seite gewichen bist, als es ihr so schlecht ging.« Ungewollt musste ich lächeln. Die Situation war zum Verzweifeln, und trotzdem fühlte ich mich nicht nur schlecht. Schließlich eröffnete sich mir gerade die Chance, nicht nur Mila zurückzuholen, sondern auch Teil ihrer Familie zu bleiben, obwohl ich eine Schattenschwinge war.

Rufus klatschte in die Hände. »Also, dann mal Action. Zuerst organisiere ich Klamotten für dich, darin bin ich mittlerweile unschlagbar gut. Mit so ’nem Stationshemdchen kommst du nämlich nicht weit. Und du siehst währenddessen zu, dass du diesen widerlichen Krankenhausgestank loswirst, Sam. Auf geht’s.«

Schattenschwingen - Zeit der Geheimnisse - Heitmann, T: Schattenschwingen - Zeit der Geheimnisse
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