24 Ein Käfig aus Glas
Mila
Erneut fuhr Lenas Hand durch mein Haar und strich es mir fürsorglich aus der Stirn, denn ich war außerstande, mich zu rühren. Wie lange ich bereits auf dem Boden lag, konnte ich nicht sagen. Lange genug auf jeden Fall, dass mein Körper an den Stellen, an denen er auf dem Glas auflag, taub war. Ich wünschte mir inständig, die Kälte des Grundes würde auch mein Innenleben erkalten lassen, bis es gerann und zu träge wurde, um mich unentwegt heimzusuchen und mir vor Augen zu halten, dass ich verloren war.
Für gewöhnlich zählte Selbstmitleid nicht zu meinen Schwächen, und seit Nikolai Lena und mich vor einigen Tagen in die Sphäre gebracht hatte, war ich stark geblieben. Nur ließ sich die Erinnerung nicht allzeit beiseiteschieben. In manchen Momenten kehrte sie mit voller Wucht zurück, und dann war sie so lebendig, dass ich die Gegenwart darüber vergaß.
Der Gang durch die Aschepforte … ich hatte ihn überlebt, auch wenn ich es kaum glauben konnte. Ein Erlebnis, das sich in meine Träume schleichen würde, immer und immer wieder, da war ich mir sicher. Es ließ mich nicht los, saß genau so fest wie Nikolais Griff, als ich aus dem Traum erwachte, in den er mich hatte gleiten lassen. Ich begriff kaum, wo ich war. Gerade noch hatte ich den schwer verletzten Sam ins Leben zurückgeholt, indem ich den Bernsteinring von meinem Finger geschnitten hatte … und jetzt, jetzt hatte Nikolai mich nicht nur erneut in seiner Macht, sondern war mit mir aus der brennenden Halle geflohen. Das dachte ich zumindest, denn um uns herum herrschte ein gräuliches Flimmern, unzählige Ascheflocken schwebten dicht an dicht wie ein undurchlässiger Vorhang, bis ich glaubte, selbst meine Form und Farbe zu verlieren. Ich schloss die Augen und plötzlich leuchtete es hinter meinen Lidern rot auf. Das ist Kastor, begriff ich. Nur für einen Herzschlag spürte ich die Berührung seines Feuers – warm, lebendig, reinigend –, dann färbte es sich bleiern schwarz, und die Bewegung stockte schlagartig.
Die Pforte erstarrte.
Nikolai, der mich fest umschlungen hielt, schrie. Aber nicht aus Wut, sondern aus Furcht und Schmerz.
Und dann begriff ich, was geschah: Die Aschepforte schmolz wie ein Kerzenstummel im Höllenfeuer, mit uns in ihrem Bauch. Es war Kastors Feuer, das durch die Obsidianklinge zu einer schrecklichen Waffe wurde, die sich jetzt gegen sich selbst richtete, die vernichtete, was sie ausmachte. Ein Feuer, das sich selbst auffraß.
Die Pforte begann zu schmelzen und übte einen Druck aus, der mir Schädel und Brust einzudrücken drohte. Ich wollte meinen Kopf umfassen, aber ich konnte mich nicht rühren, denn die Pforte war dichter als Wasser oder Luft. Es gelang mir nicht einmal, die Augen zu schließen, obwohl ich nicht sehen wollte, was mich umgab. An einigen Stellen war das geronnene Schwarz bereits dünn wie eine Glasscheibe, hinter der sich ein beängstigendes Reich erstreckte, die Grenze zwischen meiner Welt und der Sphäre. Schlingendes Schwarz, gleißendes Weiß, einander umringend, gegeneinander kämpfend. Ich starrte in diese Unendlichkeit, wohl wissend, dass mein Verstand nicht dafür geschaffen war, sie zu sehen. Fast wünschte ich, der Druck würde mich endlich pulverisieren, damit ich diesen Anblick nicht länger ertragen musste.
Irgendwie schaffte es Nikolai in der letzten Sekunde, uns beide gegen alle Widerstände ins Freie zu zwängen. Wir fielen auf einen grauen Sandboden, wo ich wohl das Bewusstsein verlor, denn als ich wieder zu mir kam, fand ich mich hoch in den Wolken wieder, fest umschlungen von Nikolais Armen, bis sich deren Griff unvermittelt lockerte.
Einfach so.
Seine Arme gaben mich frei, ohne dass er auch nur ein Wort an mich richtete. Ich brachte vor Entsetzen nicht einmal ein Zucken zustande, als ich fiel. Eine Sekunde später erwies sich meine Angst als überflüssig, denn ich schlug direkt auf Grund, obwohl sich nichts Sichtbares unter mir befand. Dann stürzte sich auch schon eine vollkommen aufgelöste Lena auf mich, blass wie ein Leichentuch.
»Lena, Gott, ich bin so froh, dich zu sehen!« Nichts anderes kümmerte mich in diesem Augenblick.
»Ich auch, aber wo sind wir? Ich flippe gleich aus, das ist doch alles nicht wahr, einfach unmöglich.« Lenas Fingernägel krallten sich in meine Schultern. Meinetwegen hätte sie mich auch durchschütteln können, ich war unsäglich froh, sie wiederzusehen. »Ich bin zu mir gekommen und … überall sind nur Wolken. Wolken! Was hält uns in der Luft, warum fallen wir nicht?«
Da zerschnitt Nikolais Wutschrei die Luft und ließ uns beide verstummen.
»Kastor, dieser Wahnsinnige!«, brüllte Nikolai, heiser vor Erschöpfung. Aus seinem Unterarm flossen schwarze Ströme, wo Kastor ihm einen Hieb mit dem Katana beigebracht hatte. Offenbar hatte der Bernstein die Wunde nicht verschlossen, während die Schnittstelle an meiner Hand weitgehend geschlossen war. Allerdings scherte sich Nikolai nicht um seine Verletzung; er war ein rasendes Ungeheuer, das unter keinen Umständen in die Knie gehen wollte. »Meine eigene, meine verflucht nochmal eigene Obsidianklinge zu benutzen, um die Pforte zu zerstören! Wenn ich bloß meine Hände an ihn legen könnte, dann würde ich ihn …«
Wir erfuhren nie, was er Kastor angetan hätte, denn der Satz endete in einem weiteren markerschütternden Schrei. Hemmungslos offenbarte Nikolai seinen Zorn und seine Verzweiflung. Dabei bot er einen schrecklichen Anblick, von Kopf bis Fuß verrußt, seine Haut überzogen von glänzend schwarzen Rinnsalen, die aus kleineren Verletzungen herrührten. Ich hingegen hatte keine Blessuren davongetragen, weil er mich mit seinem Körper von der Vernichtung abgeschirmt hatte. Sein geschundener Körper war schrecklich anzusehen, aber seine Aura war noch viel schlimmer. Von ihr war nicht mehr übrig geblieben als ein beschädigter Strahlenkranz, dessen Farbe an verdrecktes Wasser erinnerte. Ich ertrug seine Nähe kaum, denn obwohl die Aura geschwächt war, drohten die Bruchstellen ihrer Strahlen meine Seele zu zerschneiden. Welche Teile seiner selbst auch immer Nikolai in die zusammenbrechende Pforte gegeben hatte, um uns die Flucht zu ermöglichen, es hatte ihn geschwächt, dadurch aber keineswegs ungefährlicher gemacht.
Irgendwann verrauchte sein Zorn und auch Lenas Atmung beruhigte sich, nachdem sie zuvor vor lauter Panik beinahe zusammengebrochen war. Ihr setzte vor allem die veränderte Wahrnehmung in der Sphäre zu. Theoretisch mochte Lena die Existenz der Schattenschwingen akzeptieren, trotzdem war es etwas ganz anderes, plötzlich in eine Welt verschleppt zu werden, die jeglicher Farbe beraubt war und einem das Gefühl verlieh, ein Fremdkörper zu sein. Ein Fremdkörper, den lediglich ein Glasboden mitten im weiten Nachthimmel hielt.
Zunächst ignorierte ich Nikolais unsichere Landung und sein Wanken, genau wie ich mich nicht um sein Stöhnen kümmerte und darum, dass sein Strahlenkranz von Rissen durchzogen wurde und an den Spitzen barst. Ich war mit meiner Freundin beschäftigt, wie es ihm erging, war mir herzlich egal.
»Mila«, rief er mich, die Stimme kaum mehr als ein Raunen.
»Fahr zur Hölle!«
»Ich brauche deine Hilfe.«
»Niemals.«
Nikolai gab ein rasselndes Geräusch von sich, von dem ich nicht wusste, ob es ein Lachen oder Husten war. Es klang auf jeden Fall grauenhaft.
»Der Boden, auf dem du und deine Freundin steht, baut auf meinem Willen auf. Wenn mein Wille schwindet, ist nichts mehr da, das eure sterblichen Knochen in der Luft hält. Wie stehen wohl eure Chancen, einen solchen Sturz in die Tiefe zu überleben?«
Fiese Frage. Nicht gut natürlich. Also befreite ich mich aus Lenas Griff, die wild den Kopf schüttelte.
»Geh nicht, er wird dir wehtun.«
Daran hegte ich keinen Zweifel, aber mir blieb nichts anderes übrig. So, wie Nikolai aussah, würde es einem Wunder gleichkommen, wenn er wieder auf die Beine kam. Er blutete zwar aus vielen Wunden, aber sein eigentliches Problem war ein anderes. Die Aura der Schattenschwingen war ein Teil ihres Körpers, und seine Aura zersplitterte, nachdem ihre Verbindung zur Aschepforte gerissen war.
»Wie kann ich dir helfen? Indem ich mein T-Shirt in Streifen reiße und Krankenschwester spiele? Eine lebende Steckdose für deine Aura bin ich nämlich leider nicht.«
Nikolai streckte mir seine Hand entgegen.
Voller Widerwillen starrte ich sie an. Damit hatte ich gerechnet. In der Sphäre erwuchs der Berührung zwischen Schattenschwinge und Mensch eine besondere Energie. Ich hatte damit bereits meine Erfahrungen gemacht: Sowohl Shirin als auch Ranuken hatten wie beseelt gewirkt, nachdem sie mich angefasst hatten. Allerdings stand zu befürchten, dass Nikolai sich nicht mit der stimulierenden Wirkung einer harmlosen Berührung zufriedengeben würde. Seine Macht baute darauf auf, dass er von anderen nahm, niemand anders kannte sich in dieser Kunst so gut aus wie er. Er hatte sogar Sam bestohlen.
»Mila«, unterstrich er seine Forderung.
Plötzlich durchfuhr ein Beben den Grund.
Mit Mühe gelang es mir, mich auf den Beinen zu halten, während Lena einen schrillen Fluch ausstieß.
Dieses Beben war das entscheidende Zeichen, dass mir gar nichts anderes übrig blieb, als Nikolai zu helfen.
Kaum hatte ich mein Gleichgewicht wiedergefunden, da nahm ich seine Hand und fühlte, wie dort, wo unsere Haut miteinander verschmolz, ein Kribbeln entstand, das er zweifelsohne auf eine vielfach stärkere Weise wahrnahm. Trotzdem gelang auch mir etwas Besonderes: Ich nahm Sams mir so vertraute Energie in Nikolais Aura wahr. Es war lediglich eine Spur von ihr übrig geblieben, aber mir reichte es, um mich zu trösten. Sam … Ohne diese machtvolle Quelle, begriff ich, hätte Nikolai die Flucht durch die zerstörte Pforte nicht überlebt, und ich damit ebenso wenig. Sam schützte mich sogar, wenn er gar nicht da war. Unwillkürlich dachte ich daran, wie ich ihn in der Sphäre gestreichelt und liebkost hatte, bis er fast die Beherrschung verlor. Diese Art von Berührung war viel mehr als der bloße Austausch von Kraft, weshalb er nie gewollt hatte, dass jemand anders auch nur meine Haut streifte.
Abrupt setzte ich einen Schritt zurück.
Als ich die Verbindung unterbrach, verzog Nikolai vor Schmerz das Gesicht.
»Ich kann nicht. Ich kann das unmöglich mit dir teilen! Das gehört Sam und mir …«
Nikolai sah mich bloß mit seinen silbrigen Augen an. Die Augenfarbe war die einzige Farbe, die wir Menschen in der Sphäre erkannten. Und ausgerechnet seine war nur eine Spiegelung – wie bezeichnend. Jetzt saß er regungslos da, abwartend, wie ich erst begriff, als das nächste Beben den Grund zum Zittern brachte. Ich blickte zu Lena hinüber, die zwanghaft über ihren Brustkorb rieb. Sie war der Panik nahe und glaubte, nicht ausreichend Luft zu bekommen. Es war klar, wo das hier hinführen würde, wenn ich dem Ganzen nicht rasch ein Ende bereitete.
»Ich hasse dich«, sagte ich, als ich Nikolais Hand erneut nahm.
»Soll mir recht sein.«
Erneut baute sich das Kribbeln zwischen uns auf, doch dieses Mal gab Nikolai sich nicht länger damit zufrieden. Auf einem seiner geheimen Wege begann er, mehr von mir zu nehmen, als ich freiwillig zu geben bereit war. Er drang zu mir vor wie die gierig vorpreschende Flut, durchströmte jeden Winkel meines Selbst, breitete sich immer weiter aus … bis ich das Bewusstsein verlor. Zumindest fühlte es sich so an. Als würde ich mir abhandenkommen.
∞∞
Die Sonne ging bereits auf, als ich meine Umgebung wieder wahrnahm. Genauer gesagt, Nikolais zersplitterte Aura, die sich vor meinen Augen erholte: Die tiefen Risse, die durch die Reinigung von allem Ascheartigen entstanden waren, schmolzen wie zerschlagenes Eis in der Sonne, um glatt und einheitlich zu erstarren. Auch der Zackenrand wurde versiegelt, wenn er auch noch lange nicht wieder so viel Raum einnahm wie zuvor.
Vorsichtig horchte ich in mich hinein, doch da war kein Widerhall, sondern nur Leere. Weder ein Gefühl noch sonst irgendeine Form von Reaktion, als hätte Nikolais Berührung mich leer geräumt. Ich war vollkommen in diese Beobachtung versunken, während Nikolai meine verwundete Hand begutachtete. Es kümmerte mich nicht, wie er sie umfasste, wie er murmelnd die Wunde versorgte. Nicht dass es viel zu tun gab – das Katana hatte die Schnittfläche förmlich ausgebrannt.
»Du bist ein kleines Biest, weißt du das?«, sagte Nikolai. »Unberechenbar … Den Ring wiederzubekommen, wird sicherlich kein Spaziergang. Und wir brauchen ihn genauso sehr, wie wir Sam brauchen, wenn du und ich diesen kleinen Akt des Austauschs nicht zur Gewohnheit werden lassen wollen.«
Der Ring. Ich vermisste ihn, seine Glätte und Wärme. Und plötzlich spürte ich mich wieder, so als wäre der Gedanke an ihn die richtige Zauberformel gewesen. Allerdings fühlte ich mich mir selbst weiterhin ein wenig entfremdet; ich hatte mich nicht zu hundert Prozent zurückerlangt. Nikolai hatte einen Teil für sich behalten, in welcher Form auch immer.
∞∞
Nach dieser ersten Berührung hatte ich noch gedacht, das Schlimmste hinter mir zu haben. Ich glaubte, dass nun das große Warten auf Sam begann, den einzigen, der Nikolai die Stirn zu bieten in der Lage war. Aber es kam anders, denn es blieb nicht bei dieser einen Berührung … Nikolai war zu ausgehungert und zu angeschlagen, um von mir abzulassen. In dem Moment, als Kastor die Aschepforte zerstörte, war seinem schwarzen Feuer mehr als nur Nikolais Brücke zwischen Sphäre und Menschenwelt zum Opfer gefallen. Während Lena und ich mit Nikolai in dem gläsernen Käfig Hunderte von Metern über dem Meer eingesperrt waren, lernte ich, was es bedeuten konnte, einer Schattenschwinge auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein.
Mit dem verloren gegangenen Ring war Nikolais Plan zerschlagen, für sich zu beanspruchen, was Sam und mir allein gehörte: unsere stetig tiefer werdende Bindung und die Macht, die dadurch entstand. Nun hatte er nur mich, ein Menschenkind. Zwar eines mit einer Gabe, die ihm zugutekam, aber um diese in Anspruch zu nehmen, musste er mich berühren, und zwar auf eine Weise, die nicht einseitig blieb. Mit jeder Berührung offenbarte Nikolai sich mir ein Stück mehr – er konnte sich genauso wenig gegen die Wechselwirkung, die zwischen uns entstand, wehren wie ich. Seine Berührung veränderte ihn und sie veränderte mich. Mit jedem weiteren Mal wurde sie dem Moment ähnlicher, in dem ich Sams Inneres berührt hatte und beinahe von dem Strom seiner Gedanken und Gefühle mitgerissen worden war. Nur geschah dies jetzt in der Sphäre und Nikolai war nicht mein Sam. Er nahm ohne die geringste Rücksicht. Nicht mehr lange, und die Mila Levander, die in St. Martin bei ihrer Familie lebte, die Schule besuchte und sehnsüchtig auf die Ebbe wartete, damit sie zu ihrem Freund konnte, würde vergessen sein. Ich würde Nikolai gehören, vollkommen erfüllt von seinem Inneren.
»Es tut mir so leid«, wisperte Lena, als ich mich zitternd an sie kuschelte, in der Hoffnung, ein Mittel gegen die Kälte zu finden, die zunehmend von mir Besitz ergriff. »Wenn ich doch nur irgendetwas tun könnte. Oder wenn er es wenigstens einmal mit mir tun würde, damit ich nicht nur danebensitze und dir beim Leiden zusehe.«
Die Mutlosigkeit in Lenas Stimme brachte mich dazu, mich aufzusetzen. Es fiel mir schwer, alles tat weh. Vor allem meine Seele ächzte, dabei war diese doch gar nicht stofflich. Aber Nikolai hatte sie berührt, so wie er mich berührt hatte. Auf keine anzügliche Weise, aber das minderte nicht die Verstörung, die seine Hände auf meiner Haut hervorriefen.
»Ich glaube nicht, dass du es überstehen würdest – und das weiß Nikolai sehr genau, nach dem, was an den Wellenbrechern passiert ist. Du hältst dich echt tapfer, Lena, das alles muss der reinste Albtraum für dich sein. Also hab kein schlechtes Gewissen, du tust mehr als genug«, redete ich beruhigend auf sie ein. »Allein, dass du bei mir bist, hilft mir, nicht den Verstand zu verlieren. Du erinnerst mich daran, wer ich bin, auch wenn ich immer mehr mit ihm verschmelze.«
»Genau aus diesem Grund behält dieses Scheusal mich doch überhaupt hier, obwohl ich unnütz für ihn bin: damit der Prozess eures Verschmelzens hinausgezögert wird. Er mag es gern auf die langsame Art, unser Nikolai. Ich hasse ihn aus vollstem Herzen.«
»Wie gut, dass du zu solchen Gefühlen noch imstande bist. Dann hat er wenigstens nichts in dir zerstört.«
Lenas ansonsten stets wache Augen waren trüb vor Kummer. »Anders als in dir.«
Ich versuchte, dem Verlust hinterherzufühlen, den Nikolai mir zugefügt hatte. Ich konnte ihn nicht in Worte fassen, konnte die Ränder der Leerstelle nicht einmal ertasten. »Es ist wie eine Amputation«, erklärte ich Lena. »Nur dass er mir nichts wegnimmt, sondern mein Inneres überdeckt, weil er zu übermächtig ist. Er verdrängt mich einfach. Ich bin wie ein Bild, das er Stück für Stück verändert, so wie ich ihn bei jeder Berührung verändere. Sollte Sam uns nicht bald finden, werde ich nicht mehr da sein, wenn er kommt.«
»Es ist alles so verflucht ungerecht. Ich sitze untätig da, während er sich deiner vor meinen Augen rücksichtslos bedient. Wenn ich nur irgendwas tun könnte!«
Lena schlug mit ihrer Faust auf den gläsernen Grund des Käfigs, mit dem einzigen Ergebnis, dass sie sich selbst wehtat. Manchmal war es eben besser, sich Schmerz zuzufügen, als die Welt zu ertragen. Inniglich wünschte ich mir, die gleiche Kraft aufzubringen, aber der Verlust meiner selbst hatte mich schwach gemacht. Also nahm ich sie in die Arme und wiegte sie sanft hin und her, bis ihre Wut und Hilflosigkeit sich legten.
»Warum ist Sam bloß jemals nach St. Martin zurückgekehrt, nachdem er zur Schattenschwinge geworden ist? Ohne ihn wäre dieses Elend niemals losgetreten worden. Wir wüssten nichts von der Sphäre, von Auren und Gefängnissen aus Glas. Wir wären zuhause, dort, wo wir hingehören. Unsere Eltern wären nicht ganz krank vor Sorge, weil wir beide ohne eine Spur verschwunden sind, und die Schattenschwingen wiederum würden nach wie vor in Frieden leben«, sagte Lena, den Kopf in meiner Armbeuge vergraben. Mir in die Augen zu schauen und so etwas von sich zu geben, war ihr wohl trotz allem, was passiert war, immer noch nicht möglich.
»Es ist nicht Sams Schuld, genauso wenig wie es meine Schuld ist, dass Nikolai sich allmählich von seinen Verletzungen erholt. Sam hat getan, was er für das Beste hielt, und für mich war seine Rückkehr eindeutig das Beste. Ansonsten hätte ich meinen Verstand viel früher verloren.«
Lena hatte sich aufgerichtet und zog streng ihre Augenbrauen zusammen. »Du verlierst nicht deinen Verstand, Mila. Dieser gottverdammte Mistkerl missbraucht dich für seine Zwecke, und es ist ihm egal, welchen Schaden er dadurch anrichtet. Er will mit aller Gewalt wieder zu Kräften kommen, nicht einmal auf sich selbst nimmt er dabei Rücksicht. Aber glaub mir, das wird ihm noch leidtun. Schließlich ist er trotz allem angeschlagen. Sam und die anderen Schattenschwingen werden ihn finden. Für sie ist der Käfig bestimmt nicht mehr als ein schlechter Witz, den sie ruckzuck in einen Scherbenhaufen verwandeln. Dieser Kastor, von dem du mir erzählt hast, wird Nikolai schon zeigen, wo es langgeht. Und dieses Mal wird er ihm nicht entkommen wie eine gewiefte Ratte.«
Ich biss mir auf die Unterlippe, um die aufsteigende Trauer zu unterdrücken. Obwohl es sich falsch anfühlte, hatte ich Lena zwar von Kastors Angriff auf Nikolai erzählt, ihr aber verheimlicht, dass er dabei vermutlich ums Leben gekommen war. Das Umleiten seines Feuers, das die Pforte zum Schmelzen gebracht hatte, hatte ihn zweifelsohne einen hohen Preis gekostet. Es hatte nicht nur den Übergang zwischen den beiden Welten zerfressen und ihn zusammenzurren lassen, sodass ich dachte, ich würde zerquetscht werden wie eine Fliege an der Wand, sondern es hatte auch Kastors Aura gelöscht. Dieses Inferno konnte er unmöglich überlebt haben, während Nikolai es einzig dank seiner zusammengeklauten Aura überstanden hatte.
Natürlich hätte ich Lena davon in einer nüchternen Beschreibung erzählen können, die das Grauen aussparte, das ich bei der Durchquerung der Aschepforte erlebt hatte. Dazu wühlte mich das Ganze jedoch zu sehr auf, denn mit Kastor hatte Sam seinen alles entscheidenden Helfer in dieser Schlacht verloren. Wer blieb ihm nun noch? Shirin war verletzt, Ranuken ein Pfundskerl, aber weder ein Krieger noch ein Kenner der Schattenschwingenkünste. Asami hingegen war beides, aber er würde sich wohl kaum dazu überreden lassen, ausgerechnet mich zu retten und dabei Sams Leben zu gefährden. Nikolai aus der Sphäre entfernen? Gern. Aber das konnte man schließlich noch tun, wenn es die sterbliche Konkurrenz um Sams Aufmerksamkeit nicht mehr gab … Der Verdacht, dass Asami einen solchen Plan hegte, saß tief, tiefer, als ich es mir erklären konnte. Dabei war es ja nicht einmal ein richtiger Verdacht, sondern eher eine Unterstellung. Seit ich jedoch den Ring von meiner Hand gestreift hatte und Sams Liebe zu mir nicht unentwegt spürte, war es leicht, zu glauben, dass ich mit dem Ring auch ihn verloren hatte. Und selbst wenn Sam mich fand, würde er mich, so wie ich nach Nikolais Berührung war, noch lieben? Würde der Ring erneut an meiner Hand stecken oder sich mir verweigern?
Derlei wirre Gedanken beschäftigten mich Tag und Nacht, und die meisten von ihnen teilte ich mit Lena, deren Halt ich mehr brauchte, als sie vermutlich ahnte. Wobei ich ihr hoch anrechnete, wie tapfer sie den Umständen standhielt. Von dem Nervenzusammenbruch, zu dem ihre erste Begegnung mit Nikolai bei den Wellenbrechern geführt hatte, war nichts zu bemerken. Sie hatte die Existenz der Schattenschwingen und mit ihnen die der Sphäre akzeptiert, anders konnte ich mir ihre Haltung nicht erklären. Nicht einmal unser gläserner Käfig brachte sie allzu sehr aus dem Gleichgewicht, dabei befürchtete selbst ich, dass er sich beim nächsten Zucken und Flimmern, von dem die Sphäre unentwegt durchfahren wurde, auflösen und uns in den sicheren Tod stürzen würde. Allerdings hatte meine verminderte Wahrnehmung, durch die für unser menschliches Auge alles wie ein Trugbild wirkte, seit Nikolais letzter Berührung merklich nachgelassen. Vermutlich weil mich meine Umgebung immer weniger als Fremdkörper wahrnahm, den es hinauszudrängen galt. Eine andere Erklärung fand ich nicht, denn für Lena war weiterhin alles von einem flackernden Schwarz-Weiß bestimmt.
»Ich weiß, du hältst es für Zeitverschwendung, aber wollen wir noch einmal gemeinsam darüber nachdenken, ob wir Nikolai nicht eine Falle stellen könnten?« Lena spielte nervös an der Bernsteinkette, die um ihren Fußknöchel geschlungen war und sie an den Käfig fesselte.
»Ach, Lena. Das ist doch einfach nur deprimierend. Selbst wenn es uns gelingen würde, ihn auszuschalten und diese Kette an deinem Fuß zu zerbrechen, würden uns keine Schwingen wachsen, um mit der lauen Abendbrise ins Happy End zu segeln.«
»Resignierst du bereits oder willst du vielleicht schon gar nicht mehr von ihm weg?«
Mir stockte der Atem. Was für eine Unterstellung!
Ich sprang auf und lief in Ermangelung eines besseren Ziels auf eines der Rinnsale zu, die über den gläsernen Boden flossen, als hätten sich die Wolken an den durchsichtigen Wänden verfangen, um zu dem zu werden, was sie eigentlich waren: Wasser. Zu Beginn unserer Gefangenschaft waren die feinen Wasseradern willkürlich hin und her geflossen, doch seit Kurzem hatten sie eine Einbettung. Ein Symbol für Nikolais Erstarkung: Er begann, den leeren Käfig nach seinen Vorstellungen zu formen. Aber waren es wirklich seine Vorstellungen? Die blauen Rinnsale hoben sich wie ein filigranes Muster vor dem Wolkenhimmel ab … in einer Schönheit, deren einziger nachvollziehbarer Sinn darin bestand, uns Wasser zu spenden.
Ich beugte mich über die Oberfläche des rasch dahinfließenden Laufs und versuchte, in der Spiegelung mein Gesicht zu erhaschen. Allerdings bekam ich nicht mehr als einzelne Bruchstücke zu sehen. Mal ein Auge, mal meinen Mund, mein dunkles Haar. Natürlich war es Unsinn, aber für mich schien es als weiteres Zeichen, dass ich nicht mehr vollständig war. Nikolai hatte mich zerbrochen und setzte mich Splitter für Splitter neu zusammen.
Lenas Bernsteinkette klirrte über den Boden, als sie zu mir herüberkam. »Ich wollte dich nicht verletzen.«
»Das weiß ich doch. Es tut trotzdem weh zu erkennen, dass ich mir selbst nicht länger über den Weg trauen darf. Sehe ich keinen Ausweg, weil ich in Wirklichkeit keinen Ausweg sehen will? Ich weiß es nicht …«
Lena legte ihre Arme um mich und ihre Berührung war warm und menschlich. Tief in mir regte sich ein Verlangen nach einer ganz anderen Berührung, einer, nach der ich mich unmöglich sehnen durfte. Und doch … Schluchzend schmiegte ich mich an meine Freundin, darauf wartend, dass dieses Gefühl, das mich beschmutzte, nachließ.