56. JOHN MACBETH. KOPENHAGEN.
Die Luft in dem engen Konferenzraum knisterte vor erwartungsvoller statischer Entladung. Macbeth saß am Kopfende des Tisches, Ignaty Turov und sein neurowissenschaftliches Computerteam auf seiner linken sowie Lars Dalgaard auf der rechten Seite.
Hinter ihnen standen drei Worte auf der elektronischen Anzeige:
ICH BIN WACH
Turov führte seine Präsentation auf Englisch durch, mit angespannter Stimme und nervösen Fingern, die immer wieder über seine Notizen tanzten. Macbeth hörte ihm genau zu und schenkte ihm seine ganze Aufmerksamkeit, aber als der Russe etwa bei der Hälfte war, erlebte Macbeth die zweite Störung an diesem Tag. Die Geister von drei Personen, die weniger flüchtig aussahen als die Umrisse im Park, gingen durch sein Blickfeld. Er konnte weder Alter noch Geschlecht ausmachen, nur vage, verzerrte Konturen. Es dauerte nur eine Sekunde, aber Macbeth sah die Phantome so, als wären zwei Bilder auf demselben Film abgelichtet worden: Diese Menschen hielten sich nicht im gleichen Zimmer auf, sondern besetzten einen anderen, überlagerten Raum.
Als es vorüber war, merkte er, dass ihn Turov erwartungsvoll ansah.
»Wie sicher sind wir, dass das selbst erzeugt wurde?«, fragte Macbeth.
»So sicher, wie wir nur sein können. ›ICH BIN WACH‹ ist eine strukturierte, unabhängige Aussage aus einem kognitiven Zustand. Dazu kommt noch die Aktivität, die wir beobachtet haben. Es hat bereits begonnen, zu denken. Wir erkennen eine drastisch beschleunigte Konnektivität zu den simulierten neuralen Netzwerken. Projekt Eins gleicht im Grunde genommen einem neugeborenen Menschen – es mangelt an synaptischer Komplexität, aber es entwickelt sich mit exponentieller Rate. Der größte Unterschied besteht darin, dass Projekt Eins keine Neuronen und Synapsen bilden muss, da wir sie bereits simuliert haben; es muss sie nur noch finden, um mit der Musterbildung zu beginnen. Und wie ein Kind wird Projekt Eins rasch mehrere zehntausend Verbindungen pro Synapse entwickeln und eine Quadrillion potenzieller Verbindungen im simulierten Gehirn herstellen. Dann wird es wie ein Kind, das langsam erwachsen wird, seine Erfahrung nutzen, um die Hälfte dieser Verbindungen aufzugeben – also das sogenannte Pruning durchführen –, um seine eigene neurale Karte neu zu konfigurieren. In seinem eigenen Verstand. Wir werden tatsächlich dabei zusehen können, wie die kortikale Formbarkeit funktioniert …« Er hielt inne, bevor er aussprach, was alle dachten. »Projekt Eins ist der erste Computer der Geschichte, der sich seiner selbst bewusst ist.« Das Lächeln des kleinen Russen flackerte wie eine defekte Glühbirne auf. Macbeth sah in seinem Gesicht die Aufregung und die Nervosität, die Freude und die Furcht eines Mannes, der soeben eine monumentale Entdeckung gemacht hatte. Turov und seine beiden Stellvertreter würden höchstwahrscheinlich den Nobelpreis gewinnen.
Mit breitem Grinsen stand Macbeth auf und schüttelte Turov herzlich die Hand. Die anderen applaudierten und jubelten.
»Sie wissen, was das bedeutet«, sagte Turov. »Das Programm ist sich nicht nur seiner selbst bewusst, es weiß auch von unserer Existenz. Vermutlich hat es seine eigene Existenz infrage gestellt und spekuliert, dass es einen oder mehrere Schöpfer haben muss.«
»Spekuliert?«, wiederholte Macbeth ungläubig. »Ist es denn zu Spekulationen fähig?«
»Wenn eine Spekulation die Analyse möglicher Szenarien in Abwesenheit einer verifizierbaren absoluten Behauptung ist«, entgegnete Turov, »dann wüsste ich nicht, warum Projekt Eins nicht spekulieren können sollte. Man könnte auch argumentieren, dass eine Spekulation die Folge kreativer Intelligenz ist.«
Nachdem die Besprechung beendet war, bat Macbeth Turov, noch kurz zu bleiben.
»Ich weiß, dass mir das ziemlich spät einfällt, Ignaty, aber glauben Sie, an dem, was wir hier tun, ist irgendetwas falsch?«
Turov sah ihn verblüfft an. »Warum fragen Sie?«
»Nur, weil jemand etwas zu mir gesagt hat. Denken Sie, Projekt Eins könnte … ich weiß nicht … irgendwie schädlich sein?«
»Schädlich für wen? Oder was?«
»Für die Gesellschaft, schätze ich. Dass wir unser eigenes Ende beschleunigen und so weiter …«
»Ah …« Auf Turovs Gesicht zeichnete sich seine spöttische Erkenntnis ab. »Das gefürchtete Wort mit G. Ob ich glaube, dass Projekt Eins sich mit allen anderen Computern auf der Welt verbinden wird, um die Singularität herbeizuführen und uns alle in menschliche Marionetten zu verwandeln? Nein, John, das tue ich nicht. Und Sie tun es auch nicht.«
»Da haben Sie recht.« Macbeth schüttelte frustriert den Kopf. »Vergessen Sie es. Da ist mir wohl die schräge Philosophie anderer ein wenig zu sehr unter die Haut gegangen. Ich hätte es besser wissen müssen.«
»Tja, vielleicht können wir schon sehr bald mit Projekt Eins darüber diskutieren.«
»Das ist noch die Frage …«, meinte Macbeth. »Wird es mit uns als seinen technischen Schöpfern reden? Oder wird es uns als seine Schöpfergötter anbeten?«