8. JOSH HOBERMAN. MARYLAND.
Hoberman wusste nur wenig über die Ränge beim Militär, aber doch genug, um zu erkennen, dass der Adler auf dem Schulterstück des Offiziers diesen als Colonel kennzeichnete, ebenso wie ihn der Äskulapstab in der Mitte der Air-Force-Flügel als Arzt auswies.
»Hallo, Professor Hoberman. Danke, dass Sie so kurzfristig und zu dieser späten Stunde herkommen konnten. Ich bin Jack Ward, Leiter des Ärztestabs des Weißen Hauses und Privatarzt der Präsidentin.«
Hoberman nickte, da ihm die Worte fehlten. Er stand zusammen mit dem Arzt der Air Force vor einem rustikalen Kaminabzug aus behauenem Stein, der sich in der Mitte eines Gebäudes befand, das im Grunde genommen eine sehr große Holzhütte war. Ihre Umgebung war bewusst ländlich und gemütlich gehalten und wirkte wie ein luxuriöses, aber etwas veraltetes Ferienlager. Der Name »Naval Support Facility Thurmont« passte auch nicht wirklich dazu, aus diesem Grund war es inoffiziell als Camp David bekannt.
Bundy und Ryerson hatten Hoberman vom Hubschrauberlandeplatz zur Aspen Lodge geführt, dem Quartier des Präsidenten, und Ward hatte sie mit einem »Danke, Männer« entlassen.
Sobald sie alleine waren, schüttelte Ward Hobermans Hand mit militärischer Entschlossenheit, befand der Psychiater. Er überlegte, ob sie in West Point, Maxwell oder Colorado Springs oder wo immer diese Leute lernten, wie man die richtige Gabel benutzt und andere mit einer Büroklammer umbringt, auch einen Kurs im Händeschütteln gaben. Ward sah auf nervige, vorhersehbare und stereotypische Weise gut aus, war schlank und athletisch gebaut. Außerdem hatte Hoberman den Eindruck, dass der Arzt des Präsidenten etwa dreißig Zentimeter größer war als er. Aus all diesen Gründen beschloss Hoberman, keine halben Sachen zu machen und den Mann von vorneherein zu hassen.
»Ich schätze, Sie wissen, warum Sie hier sind.« Ward deutete auf das schwarze, gebundene Dossier in Hobermans Hand. »Bitte, Professor Hoberman, setzen Sie sich.«
Er ließ sich in einem Klubsessel nieder, in dem er zu versinken schien, und Ward setzte sich mit ernst gewordener Miene ihm gegenüber.
»Ich muss Ihnen wohl nicht erklären, dass das Material, das Sie soeben gelesen haben, vertraulich behandelt werden muss.«
»Nein, das müssen Sie nicht«, erwiderte Hoberman. »Wer weiß noch davon?«
»Der Präsident ist damit direkt zu mir gekommen, und ich habe das Dossier selbst zusammengestellt. Daher lautet die Antwort, dass in diesem Moment drei Menschen davon wissen: Sie, ich und die Präsidentin.«
»Warum ich?«
»Ich habe mehrere Ihrer Publikationen gelesen, insbesondere die über die stimulierende Psychose und die therapeutischen Psychotomimetika. Ich war auch sehr beeindruckt von Ihrem Buch über durch Reizentzug hervorgerufene Wahnvorstellungen. Nach allem, was Sie in dem Dossier gelesen haben, sollte Ihnen klar sein, warum Sie meine erste Wahl waren.«
Hoberman zuckte mit den Achseln. »Es gibt andere, die ebenso qualifiziert sind …«
Ward schüttelte den Kopf. »Nein, das stimmt nicht. Das hier ist eine höchst heikle Sache und könnte für die nationale Sicherheit kaum wichtiger sein, daher brauchen wir die besten Köpfe dafür. Soweit es mich betraf, standen nur zwei Männer zur Auswahl: Sie und John Macbeth, aber Dr. Macbeth ist momentan in ein Forschungsprojekt in Kopenhagen in Dänemark eingebunden.«
Hoberman nickte und ignorierte den Gedanken, dass Wards Vertrauen in ihn offenbar nicht so groß war, ihm zuzutrauen, dass er von allein darauf kam, dass das Kopenhagen, von dem er sprach, die Hauptstadt von Dänemark war und nicht etwa die Stadt in Idaho.
»Mir ist klar, warum Sie auch an John gedacht haben.« Er hielt inne und dachte über das nach, was er in dem Dossier gelesen hatte, während der Hubschrauber über die dunkle Landschaft von Maryland hinweggeflogen war. »Was halten Sie davon, Colonel Ward?«
»Ich bin jetzt seit drei Jahren der Leibarzt der Präsidentin. Körperlich ist Präsidentin Yates für eine Frau ihres Alters in bester Verfassung, und psychologisch besitzt sie eine sehr bodenständige, praktische und ruhige Persönlichkeit. Außerdem hat es absolut keine Anzeichen für eine Geisteskrankheit oder mentale Instabilität gegeben. Ich bin ihre gesamte Familiengeschichte durchgegangen: keine Hinweise auf eine genetische Vorbelastung in Bezug auf psychiatrische Erkrankungen.«
»Hmmm …« Hoberman machte eine kurze Pause, da er seine nächste Frage behutsam formulieren musste. »Präsidentin Yates hat den Ruf, eine – wie soll ich es ausdrücken? – tief greifende religiöse Überzeugung zu haben. Einige sagen, sie wäre sogar geradezu erschreckend tief greifend.«
»Ich kann Ihnen nicht folgen …«
»Der göttliche Eifer eines Menschen kann von anderen rasch als religiöse Manie aufgefasst werden.«
»Zugegeben, Präsidentin Yates hat ihren Glauben, Professor Hoberman, aber sie ist, wie gesagt, auch ein sehr bodenständiger Mensch. Ihr Gott ist keiner, der sich oder andere in Visionen manifestiert. Sie ist sehr besorgt wegen dem, was sie erlebt hat. Aber da ist noch mehr …«
Ward ging durch das Zimmer zu einem Sideboard und nahm einen schwarzen Aktenkoffer herunter, der genauso aussah wie der, den Bundy im Hubschrauber bei sich gehabt hatte. Während Ward den Koffer holte, blickte Hoberman durch die breite Schiebetür aus Glas. Die Dämmerung schob ihre grauen Finger durch die Bäume von Camp David, und er konnte einen nierenförmigen Swimmingpool mit Sprungbett in einiger Entfernung erkennen. Er dachte einen Moment lang an all jene, die auf dem Platz gesessen hatten, auf dem er jetzt saß, und bei Sonnenaufgang auf den Pool hinausgestarrt hatten, während sie in leisem, aber eindringlichem Tonfall darüber diskutierten, dass Menschen auf dem Mond landeten, Raketen nach Kuba geschickt wurden, in Deutschland eine Mauer eingerissen wurde, Türme in der Innenstadt von New York einstürzten …
»Das ist ein Bericht des Sicherheitsbüros des Weißen Hauses.« Ward reichte Hoberman ein Dokument, das er aus dem Koffer genommen hatte. »Darin geht es um Videoüberwachungsaufnahmen einiger Hauptflure und Gänge im Weißen Haus. Bei mehr als einer Gelegenheit wurde durch das Verhalten der Präsidentin Sicherheitsalarm ausgelöst. Im Grunde genommen hat sich Präsidentin Yates so verhalten, als wäre sie durch etwas oder jemanden außerhalb des Aufnahmebereichs der Kamera beunruhigt oder alarmiert worden.«
»Und als die Sicherheitsleute ankamen, konnten sie nichts finden?«
»Genau. Ich muss hinzufügen, dass die Präsidentin während dieser Vorfälle nicht immer alleine gewesen ist. Vier Mitglieder ihres Stabs waren bei ihr, als Mrs. Yates von irgendetwas in Unruhe versetzt wurde, das nur sie alleine sehen konnte. Da außer Ihnen und mir niemand mehr über die Art dieser Vorfälle weiß, bin ich besorgt, dass Gerüchte in Umlauf geraten könnten und man Fragen über den Geisteszustand der Präsidentin stellen wird. Ob sie ihr Amt noch ausüben kann.«
»Colonel Ward, wenn Präsidentin Yates tatsächlich unter derartigen Wahnvorstellungen leidet, wie sie in dem Dossier beschrieben werden, das Sie mir geschickt haben, dann kann meine professionelle Meinung gar nicht anders lauten, als dass sie sich eine Auszeit nehmen sollte, in der sie sich einer kompletten psychologischen Untersuchung unterzieht. Es gibt doch bestimmt Regelungen dafür, dass der Vizepräsident vorübergehend die Zügel übernimmt, ohne dass es eine offizielle Amtsübergabe gibt.«
»Das sehe ich genauso«, erwiderte Ward und holte ein zweites Dokument aus dem Aktenkoffer. »Wenn wir es nur mit der Präsidentin und einem Einzelfall zu tun hätten.«
»Ich verstehe …«
»Diese Vorfälle«, unterbrach ihn Ward, »die bei der Präsidentin aufgetreten sind … Nun ja, ehrlich gesagt, waren das keine Einzelfälle. Dies ist ein vertraulicher Bericht über den Flugzeugabsturz in Michigan letzten Monat. Darin sind Abschriften der Unterhaltungen zwischen dem Piloten und dem Kopiloten sowie zwischen der Maschine und der Flugsicherung. Sie werden feststellen, dass der mit der Untersuchung beauftragte Beamte einige interessante Fragen aufgeworfen hat. Das FBI und eine Abteilung des Heimatschutzministeriums leiten die Ermittlung.«
»Das hängt hiermit zusammen?«, erkundigte sich Hoberman und blätterte in dem Bericht herum.
»Lesen Sie es in Ruhe und urteilen Sie selbst. Das ist einer von mehreren Zwischenfällen, bei denen Menschen Dinge gesehen haben, die überhaupt nicht da waren. Und zwar mehr, als man normalerweise erwarten würde. Die Personen, um die es dabei geht, neigen ansonsten nicht zu wahnhaften Störungen.«
»Und was erwarten Sie jetzt von mir?«, wollte Hoberman wissen. »Was genau soll ich tun?«
»Offensichtlich möchte ich als Erstes Ihre professionelle Meinung hören. Aber es wäre schön, wenn Sie einige Tage hier bleiben könnten. Falls wir es, wie ich vermute, mit etwas Größerem als nur den Erlebnissen der Präsidentin zu tun haben, dann wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie eine Taskforce leiten, die dieser Sache auf den Grund geht.«
Hoberman lachte. »Nur, wenn Sie es nicht Taskforce nennen. Und was meinen Sie mit ›etwas Größerem‹?«
»Ich bin der Ansicht, dass es eine Verbindung zu den anderen Vorfällen gibt, auch zu diesem Flugzeugabsturz. Ich musste Sie bitten, hierher zu kommen, weil wir die Präsidentin gewissermaßen unterwegs untersuchen und notfalls auch behandeln müssen. Das ist ein kritischer Zeitpunkt ihrer Präsidentschaft. Sie haben natürlich schon von dem Vertieften Integrationsgesetz gehört, das gerade im Europäischen Parlament verhandelt wird, und sicher auch von dem Quartettfriedensabkommen, das wir mit Israel aushandeln?«
»Natürlich habe ich das. Ich schaue mir die Nachrichten an.«
»Zum ersten Mal seit der Gründung des Staates Israel stehen wir kurz davor, einen dauerhaften, möglicherweise anhaltenden Frieden und einen möglichen EU-Beitritt von Israel, dem palästinensischen Staat und dem Libanon zu realisieren. Ich muss Ihnen nicht sagen, in welchem Ausmaß derartige Ereignisse die politische Weltkarte in einem Maß beeinflussen würden. So, wie wir es seit dem Fall der Berliner Mauer nicht mehr erlebt haben. Die Interessen der USA werden möglicherweise nicht mehr gewahrt, wenn wir nicht unter einer starken Führung stehen. Wenn Sie den Bericht über den Flugzeugabsturz in Michigan gelesen haben, dann wissen Sie, dass wir besorgt sind, es könnte eine Art neurologischer Wirkstoff eingesetzt worden sein. Wir müssen die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass eine noch unbekannte Fraktion versucht, die Führung der Vereinigten Staaten zu destabilisieren.«
»Sie glauben, die Präsidentin wäre einer Art Halluzinogen ausgesetzt worden?«, fragte Hoberman.
»Das ist unwahrscheinlich, da nichts Toxikologisches nachgewiesen werden konnte, aber es wäre durchaus möglich. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was einen stabilen Verstand wie den der Präsidentin dazu bewegen könnte, Halluzinationen zu entwickeln. Aus diesem Grund möchte ich, dass Sie mir helfen, das herauszufinden.«
Hoberman seufzte und sah erneut aus dem Fenster. Inzwischen hatte das Licht eine goldene Färbung angenommen, und es wurde zunehmend heller.
»In diesem Fall«, meinte er, »sollte ich mir die Patientin lieber mal ansehen …«