36. JOHN MACBETH. BOSTON.
Macbeth und Corbin überquerten die offene Rasenfläche des Upham Bowl vor dem Hauptverwaltungsgebäude und kamen an einem Ahornbaum vorbei, der etwas erhöht auf einem kleinen Hügel stand. Während seiner Zeit am McLean hatte Macbeth viele Nachmittage unter diesem Baum gesessen und an seinen Forschungsnotizen gearbeitet. Er hatte schon immer nachvollziehen können, warum das McLean für die meisten eine Umgebung bot, in der sie ihre Kreativität entfalten konnten, schließlich hatte hier auch Sylvia Plath ihre Depression zumindest vorübergehend besiegen können, außerdem war die Dichterin hier zu ihrem einzigen Roman inspiriert worden.
»Und, was denkst du?«, fragte Corbin, als sie beim Mittagessen in der de-Marneffe-Cafeteria saßen.
»Über die Carbonara oder über Deborah Canning?« Macbeth schob seine Nudeln mit der Gabel über den Teller. »So langsam beschleicht mich das unangenehme Gefühl, dass du meinen letzten Patienten hier gar nicht vergessen hast. Den, den ich in genau diesem Zimmer behandelt habe.«
»Debbie weist dieselben Anzeichen für eine dissoziative Identitätsstörung auf wie dein Patient damals: Depersonalisierung, Derealisation, Amnesie und Persönlichkeitsverlust.«
»Ja, das habe ich begriffen.« Macbeth runzelte die Stirn. »Aber mein Patient hat das Schlüsselsyndrom aufgewiesen: mehrere Persönlichkeiten. Debbie hat im Gegensatz dazu das Problem, überhaupt an ihrer eigenen Persönlichkeit festzuhalten.«
Corbin beugte sich vor. »Was wäre, wenn es Alter Egos gibt, Persönlichkeiten, in die sie sich zurückzieht, die sie uns aber nicht zeigt? Diese Abwesenheitsphasen, die sie hat, die langen Zeitabschnitte, in denen sie glaubt, nicht zu existieren, weil niemand da ist, der ihre Existenz bestätigen kann … Möglicherweise flüchtet sie dann in andere Identitäten. Nur, dass sich ihre Alter Egos nur innerlich zeigen, nur in ihrem Kopf existieren, sodass wir sie nicht sehen.«
»Die Diagnose jeder dissoziativen Identitätsstörung ist umstritten, Pete. Außerhalb der USA ist sie nie diagnostiziert worden, und selbst hier gibt es viele, die das Krankheitsbild für Humbug halten. Ich bin mit meiner DIS-Diagnose bei meinem letzten Patienten hier ein ziemliches Risiko eingegangen, und es hat dazu geführt, dass er sich das Leben genommen hat und ich vor einem Komitee gelandet bin. Aus diesem Grund bin ich in die Forschung gegangen. Du willst meine Meinung über Debbie hören? Sie leidet am Cotard-Syndrom. Sie ist der ausführlichste und strukturierteste Fall, den ich je gesehen habe, aber so lautet meine Diagnose.«
»Sie denkt aber nicht, dass sie tot ist«, erwiderte Corbin.
»Sie glaubt, sie existiere nicht, und das ist im Grunde genommen dasselbe und passt besser zu ihrer inneren Logik. Außerdem hat ihre Arbeit ihren Teil dazu beigetragen. Patienten, die am Cotard-Syndrom leiden, glauben häufig, als körperlose Geister in der Welt zu leben. Der einzige Unterschied ist, dass Debbies prämorbider Intellekt nicht an Geister glaubte.«
»Ich weiß, dass DIS umstritten ist und dass du dir daran die Finger verbrannt hast«, erwiderte Corbin, »aber ich habe mir deine Notizen zu diesem Fall durchgelesen, und ich denke, dass du recht hattest. Der Selbstmord deines Patienten war nicht vorhersehbar, erst recht nicht angesichts seiner Fortschritte. Und er hatte nichts mit deiner Diagnose zu tun. Aber ich bin der Ansicht, dass Debbie viele identische Symptome aufweist.«
»Pete, das ist ziemlich weit hergeholt.« Macbeth dachte kurz nach. »Okay, ich werde noch mal mit ihr reden. Es gibt da einen Cop, der aus Kalifornien herkommt. Sein Name ist Ramirez. Er möchte mit ihr reden, wenn das für dich in Ordnung ist, und ich wäre gern dabei.«
»Okay«, antwortete Corbin vorsichtig. »Aber du darfst nicht vergessen, dass ich dich als Kollegen und Psychiater hinzugezogen habe und nicht, weil du Melissa gekannt hast. Ich möchte, dass es Debbie ist, die weiterhin oberste Priorität hat.«
Macbeth nickte. »Natürlich.« Dann sagte er Corbin, wie er Ramirez erreichen konnte.
»Ich werde sehen, was sich machen lässt«, versprach Corbin. »Ach, das wollte ich dir auch noch zeigen …«
Corbin kramte in dem Ordner herum, den er dabei hatte, zog ein Blatt liniertes Papier hervor und reichte es Macbeth. Es war von oben bis unten mit einer ordentlichen, sehr kleinen und sehr sauberen Handschrift beschrieben.
»Bei ihrer Einlieferung hat Debbie ganze Tage lang immer dieselben Worte geschrieben. Ich habe dreißig Seiten, die genau so aussehen.«
Macbeth las, was sie geschrieben hatte.
WIR WERDEN.