35. JACK HUDSON. NEW YORK.

I grow old, I grow old, I shall wear the bottoms of my trousers rolled …

Wie ein nerviger Ohrwurm, den er nicht mehr aus dem Kopf bekam, wiederholte sich die Zeile von T. S. Eliot und störte Hudsons Gedanken, der gerade auszurechnen versuchte, wie alt der ausführende Produzent sein mochte, dem er gegenübersaß. Jack Hudson vermutete, dass er schon länger beim Fernsehen arbeitete, als Tony Elmes überhaupt am Leben war. Die Fernsehindustrie war zu einem Kindergarten geworden. Sie fiel in die sorglosen, unerfahrenen Hände von Heranwachsenden, deren strahlende, frische Gesichter ihren leeren Enthusiasmus widerspiegelten und die nichts als Blödsinn im Kopf hatten. Aber wenn Hudson ehrlich war, dann musste er zugeben, dass es schon immer so gewesen war, selbst als er als junger Mann mit strahlendem, frischem Gesicht voller leerem Enthusiasmus und nichts als Blödsinn im Kopf angefangen hatte.

Jack Hudsons Gesicht war schon lange nicht mehr strahlend und frisch. Der Mann mittleren Alters, der ihm jeden Morgen aus dem Badezimmerspiegel entgegensah, konfrontierte ihn mit einer Realität, die Hudson nicht zu akzeptieren vermochte. Sein gutes, dunkles Aussehen und seine noch dunklere Ausstrahlung waren finster und verdrossen geworden. Wie konnte er Ende fünfzig sein, wo er doch eben noch fünfundzwanzig gewesen war?

Ich werde alt, ich werde alt … Die Zeile hallte erneut durch seinen Kopf. Hudson bezweifelte, dass Tony Elmes überhaupt wusste, wer Eliot war. Das lag nicht etwa daran, dass Elmes ein Idiot wäre oder eine schlechte Ausbildung genossen hätte, ganz im Gegenteil, sondern dass er zu dieser Generation gehörte, die immer eingestöpselt und über alles informiert war und die aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schien. Ebenso wenig war Elmes ein Arschloch, aber in diesem Augenblick tröstete sich Hudson damit, ihn als solches anzusehen.

Die beiden Männer saßen in einem türlosen »Begegnungsraum« im vierten Stock. Hudson erinnerte sich noch gut an die Zeit, als Besprechungen in Büros oder Konferenzräumen abgehalten wurden, Räumen mit Türen. Heutzutage hatten die Leute keine Besprechungen mehr, sondern »Vier-Augen-Gespräche« in »Besprechungsräumen«, die für »zwanglose Interaktionen zwischen Kreativen« gedacht waren. Das war doch alles Schwachsinn. Als er in diesem Geschäft angefangen hatte, ging man mit dem Regisseur und dem Produzenten in eine Bar an der Ecke der Fifth Avenue und betrank sich, wenn einem der Sinn nach »zwanglosen kreativen Interaktionen« stand. Einige von Hudsons besten Ideen für Dokumentarfilme waren über einem Whiskeyglas entstanden. Jetzt musste er jedoch mit einem ausführenden Produzenten, der aussah, als frage ihn jeder Barkeeper nach seinem Ausweis, in einem türlosen Raum im vierten Stock sitzen; inmitten von weichen Sofas, Beistelltischen, Firmenpostern an den Wänden und einer Espressomaschine in der Ecke, während seine Verzweiflung langsam in das weiche Leder des tiefen Klubsessels sickerte.

»Ich will nichts weiter, als gutes Fernsehen machen, Tony«, wiederholte er.

»Das wollen wir doch alle, Jack. Und das ist genau das, was wir hier tun«, erwiderte Elmes mit leicht tadelnder Stimme.

»Ich spreche von gutem Fernsehen, wie es früher war. Qualitätsfernsehen, Qualitätsdokumentationen, Qualitätsfilme. Nicht diese Reality-Scheiße.«

»Wir produzieren keine Scheiße, Jack. Reality schon, aber keine Scheiße. Die Öffentlichkeit möchte Realityshows sehen, und daran geht nun mal kein Weg vorbei. Wir wollen hier Reality-TV machen, das besser ist als das der anderen.«

»Na super … Wir versuchen also, der größte Mann in Liliput zu sein. Realityshows und Soaps sind der kleinste gemeinsame Nenner im Fernsehen – du weißt es, ich weiß es, das weiß jeder. Das ist nicht mal Reality, es sind echte Menschen, die so tun, als wären sie echte Menschen, und die ihr Leben wie eine Rolle im Film spielen. Das ist armselig, billig und schwachsinnig.«

»Das ist doch elitäres Gelaber, Jack. Ich hätte dich nie für einen intellektuellen Snob gehalten.«

»Der Meinung zu sein, dass wir keine Kinderpornografie senden sollten, bloß weil es einen Markt dafür gibt, ist kein elitärer oder intellektueller Snobismus, sondern spiegelt nichts als gesunden Menschenverstand und Anständigkeit wider. Das Einzige, das einige in diesem Geschäft von so etwas abhält, ist die Tatsache, dass es illegal ist. Wer weiß, was alles passieren würde, falls das eines Tages nicht mehr so sein sollte.«

»Das glaubst du doch nicht wirklich, Jack …«

»Ach nein? Gib den Leuten genug Lizenzen, und sie kennen keine Grenzen mehr. In einem römischen Kolosseum galt es als Lustspiel, Gladiatoren, die blind, verkrüppelt oder noch Kinder waren, bis zum Tod gegeneinander kämpfen zu lassen. Und in den Arkaden hinter dem Kolosseum konnte man jeden für jeden Zweck kaufen, darunter auch Kinder. So weit wird die Menschheit wieder sinken … Der einzige Unterschied zur heutigen Zeit ist, dass wir die Technologie haben, um alles schneller und besser zu liefern. Das Internet ist unser Kolosseum, und das Fernsehen holt langsam auf. Wir müssen einen moralischen Standpunkt beziehen.«

»Einen moralischen Standpunkt?«, wiederholte Elmes.

»Du weißt genau, was ich meine … Ich möchte bloß Fernsehen machen, auf das wir stolz sein können.«

»Das weiß ich zu schätzen. Und niemand in dieser Abteilung ist sich deiner Leistungen und deines Rufes nicht bewusst. Wir bewundern dich alle. Aber die Zeit für die Art von Programm, die du vorschlägst, ist vorbei. Es tut mir wirklich leid, aber so ist es nun mal.«

»Willst du mir damit sagen, dass ich am Ende bin? Dass es in dieser schönen neuen Welt voller Pseudo-Promis und falscher Realität keinen Platz mehr für mich gibt?«

»Großer Gott, nein, Jack. Was ich damit sagen will, ist, dass das Goldene Zeitalter des Fernsehens, wie es so schön genannt wird, hinter uns liegt, so ungern ich es mir auch eingestehe. Wir können das Budget für etwas, das im Grunde nichts anderes als ein politischer Dokumentarfilm ist, nicht länger rechtfertigen. Wir machen kein Fernsehen für alle, sondern für ein begrenztes Publikum. Ich weiß nicht einmal, ob wir es überhaupt noch Fernsehen nennen können, da ebenso viele Menschen unsere Sendungen auf PCs, Tablets, Handhelds und Smartphones wie auf konventionellen Fernsehgeräten empfangen.«

»Bedeutet das denn nicht, dass wir ein größeres Publikum erreichen? Die Menschen sind klug, Tony. Sie sind nur dumm, wenn du sie auch so behandelst. Ich bin davon überzeugt, dass es ein Publikum dafür gibt …« Hudson zeigte mit dem Finger auf zwei Vorschläge, die auf dem Tisch zwischen ihnen lagen.

»Es tut mir leid, Jack, aber wir werden das nicht machen. Hier geht es nicht darum, irgendwelche Preise zu gewinnen, sondern mehr Zuschauer zu erreichen. Es geht um handfeste Nielsen-Ratings.« Elmes seufzte, lehnte sich auf seinem Sessel zurück und strich sich mit den Fingern beider Hände durch das dunkle Haar. Als er es aus seiner Stirn schob, bemerkte Hudson mit boshafter Zufriedenheit, dass Elmes’ Haaransatz immer weiter zurückwich. Ich mag alt werden, sagte er sich, aber wenigstens habe ich noch volles Haar.

»Ich weiß, dass es schwer zu akzeptieren ist«, fuhr Elmes fort, »aber die Dinge haben sich geändert. Hier geht es um lebendige Realität, nicht um den Ken-Burns-Effekt. Wie du selbst gesagt hast, hat sich das amerikanische Publikum früher einmal für die Welt um sich herum interessiert, nach außen geblickt und das Leben anderer sehen wollen. Doch das hat sich geändert. Das Fernsehen ist kein Teleskop mehr, sondern ein Mikroskop. Jetzt geht es nur noch darum, nach innen zu sehen, uns selbst und Leben, die dem unseren gleichen, zu betrachten. Ich behaupte nicht, dass das richtig ist, aber so laufen die Dinge heute nun mal.«

»Und das war’s?«

»Das war’s. Zumindest was die von dir vorgeschlagenen Ideen betrifft. Tut mir leid.« Elmes beugte sich vor, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und verringerte so die Distanz zwischen sich und Hudson. »Du solltest eins wissen, Jack: Ich habe mir deine Sendungen immer angesehen, als ich zur Schule und aufs College gegangen bin. All deine Dokumentarfilme. Ich habe sie immer als wichtigen Teil meiner Erziehung angesehen und tue das noch heute. Du hattest einen riesigen Einfluss auf mich und warst eine Inspiration. Außerdem bist du einer der Gründe, warum ich beschlossen habe, zum Fernsehen zu gehen.«

Hudson hielt die Hände hoch, als wollte er sagen: »Was kann ich mir jetzt davon kaufen?« Es war eine kleingeistige, undankbare Geste, und das war ihm sehr wohl bewusst.

»Dein Talent wird noch immer gebraucht«, sprach Elmes unbeirrt weiter. »Wir können es noch sehr effektiv einsetzen. Wenn dein Name unter einem Projekt steht, hat das sehr viel Gewicht. Eine Bedeutung. Und ich glaube, wir haben da etwas, das in deinen Händen perfekt aufgehoben wäre. Ein Thema, das von einem Produzenten mit deiner Erfahrung nur profitieren kann. Und es wäre ein Dokumentarfilm.«

»Okay, dann schieß mal los.« Hudson seufzte.

»Hast du schon mal von John Astor gehört?«