Josh ging in Richtung
des Sanitätszeltes. Ihm fiel das angrenzende kleine Kasernengebäude
auf, an dessen Fenster anscheinend nachträglich Gitterstäbe
angebracht worden waren. Sieht ja
aus wie ein Knast.
Josh zuckte die Schultern und ging hinein. Das Zelt war
erstaunlich gut ausgerüstet. Mancher Arzt aus einem
Provinzkrankenhaus wäre hier drinnen sicherlich neidisch geworden.
Es gab eine große Auswahl an Medikamenten und medizinischem Gerät.
Mehrere Feldbetten waren in Reihen angeordnet, um stationäre
Patienten behandeln zu können. Wenn es hart auf hart kam, könnten
hier sicherlich fünfzig Menschen gleichzeitig aufgenommen werden.
Ein paar Feldbetten im hinteren Bereich waren sogar mit Patienten
besetzt. Einige schliefen, andere lasen. Eine Ärztin mittleren
Alters war anscheinend im Augenblick die einzige Person mit
medizinischer Ausbildung im Raum. Von ihm mal abgesehen. Sie hatte
ihm den Rücken zugedreht und hantierte an einigen Mullbinden auf
einem Blechtisch herum. Ihr Dutt war streng gebunden und einige
graue Strähnen ergriffen bereits die Flucht vor ihrem
Zopfband.
„Bin gleich da“, nuschelte sie.
Josh konnte sie kaum verstehen, entschied sich aber Platz zu nehmen
und setzte sich auf eine Untersuchungsliege. Sie kramte und brummte
etwas, das Josh abermals nicht verstand, aber er musste dennoch
schmunzeln. Die Lady wirkte sehr resolut. Er blickte auf seine
verdreckten Schuhe, ließ sie von der Liege baumeln und schlug sie
aus Langeweile immer wieder gegeneinander, um sie vom Dreck zu
befreien.
„Könnten Sie das wohl
unterlassen“, erboste sich die Ärztin und drehte sich zu ihm um.
Josh blickte zum Fußboden und hatte ihr Fluchen kaum mitbekommen.
Als er hörte wie das Metalltablett scheppernd auf dem Boden
aufschlug, erschrak er und blickte ihr ruckartig in die
Augen.
Vor ihm stand, zu seiner
Überraschung, Margarete Pelletier, seine Mutter. Beide starrten
sich mehrere Sekunden lang an, ohne ein Wort zu sagen. Margarete
hatte die Hände noch vor dem Körper erhoben, so als befände sich
immer noch das silberne Tablett darin, welches sie fallen gelassen
hatte. Josh hatte seine Augen weit aufgerissen und sein Mund war
geöffnet. Er sah aus wie ein Goldfisch, der nach Luft schnappte.
Das letzte Mal, als er einen solchen Gesichtsausdruck aufgesetzt
hatte, hatte er gerade den Brief mit der Zulassung zum
Medizinstudium geöffnet. Seine Mutter brach das Schweigen
zuerst.
„Joshua!?“ Sie sprach seinen
Namen zunächst ungläubig aus. „Oh lieber Gott! Danke! Mein
Junge!“ Danach gab es für Margarete Pelletier kein Halten
mehr. Sie stürmte auf ihren Sohn zu und schloss ihn in die Arme.
Ihr Griff hätte jeden Ringer stolz gemacht. Allmählich realisierte
auch Josh, was gerade geschehen war. Mehr als ein „Mom“ wollte aber
nicht über seine Lippen kommen. Doch erwiderte er nur ihre Umarmung
und Tränen schossen ihm wie Sturzbäche aus den Augen. Sie standen
so für einige Minuten, hielten einander fest und weinten vor
Freude. Die Angst, sich seinem Vater stellen zu müssen, wich
allmählich einer tiefen Erleichterung. Josh konnte sich nicht daran
erinnern, jemals so von seiner Mutter umarmt worden zu sein. Doc
Stevensons Worte hallten in seinem Ohr wider. „Sei nicht so gemein zu deiner Mom, sie will nur dein
Bestes.“ Der Doc hatte Recht. Und ich war ein
Idiot.
Nach einiger Zeit lösten sich
die beiden voneinander. Margarete hielt ihren Sohn immer noch an
den Schultern fest. Sie unterdrückte ein
Schluchzen.
„Ich hatte solche Angst um
dich.“ Sie kämpfte bei jedem Wort mit den Tränen. Josh konnte seine
Gefühle und Empfindungen auch nicht besser kontrollieren. Gott
hatte ihm soeben einen der größten Fehler seines Lebens verziehen.
Er hatte sich noch nicht damit auseinandergesetzt, wie er hätte
Buße tun wollen, falls seiner Mutter durch seine Schuld etwas
zugestoßen wäre, aber glücklicherweise brauchte er das jetzt auch
nicht mehr. Nun hatte er, trotz der katastrophalen Ereignisse, die
sich bis hierher zugetragen hatten, wieder Zeit mit seiner Mutter
gewonnen. Er schwor sich in diesem Augenblick, sie besser nutzen zu
wollen als das letzte Mal.
„Mom, wie bist du hier
hergekommen? Ich habe im Krankenhaus nach dir gesucht, aber dich
nicht gefunden“, log Josh. Margarete lächelte strahlend. Dann
merkte sie erst, dass ihr Sohn ihr eine Frage gestellt
hatte.
„Meine Schicht war zu Ende und
ich wollte nach Hause. Ich habe oben auf dem Krankenhausparkplatz
auf meine Fahrgemeinschaft gewartet, aber niemand kam. Nach einiger
Zeit bin ich dann alleine Heim gefahren. Unterwegs war nichts
Ungewöhnliches, Josh. Der ganze Wahnsinn war noch nicht da. Ich
habe einen Brief gelesen, den dein Vater für uns geschrieben hat.
Er bat uns hier herzukommen. Ich dachte, es sei ein schlechter
Scherz. Dann habe ich den Fernseher eingeschaltet. Plünderungen in
Boston - New York voller Übergriffe – Chicago erlebt eine Krankheit
Ebola-ähnlichen Ausmaßes. Allmählich dämmerte mir, dass hier
tatsächlich etwas Ungewöhnliches passiert. Außerdem neigt dein
Vater nicht gerade zu unbedachten Übertreibungen. Also habe ich
nicht weiter überlegt. Ich bin in den Wagen und wollte zurück zum
Krankenhaus, aber die Straßen waren bereits versperrt von Autos und
Menschen…“ Sie brach ihren Bericht ab und bemühte sich, die Fassung
zu wahren.
Josh nahm seine Mutter erneut
in den Arm und tröstete sie. Es passte ihm selbst nicht, dass er in
ihrer Geschichte die Opferrolle einnahm.
„Schon gut, Mom. Mir ging es
ähnlich.“ Er schilderte ihr seine bisherigen Erlebnisse, stockte
seine Geschichte aber mit einer ausgiebigen Schilderung seiner
Suche nach ihr im Krankenhaus auf. Für sie spielte das
augenblicklich sowieso keine Rolle, denn sie war zu glücklich ihren
Sohn wiederzuhaben. Als sie sich beruhigte, fing sie wieder an zu
erzählen.
„Ich bin dann ohne Umwege
hierher gefahren. Ich hatte gehofft, dass du es vielleicht hierher
geschafft hättest. Aber du warst nicht hier. Dein Vater hat
Soldaten ausgesandt, um sich einen Überblick zu verschaffen. Es
waren so viele Menschen, die gleichzeitig etwas von ihm wollten. Es
gab jede Menge Deserteure. Viele Soldaten sind auch dem Virus zum
Opfer gefallen. Niemand wusste um seine Liebsten. Wir haben uns
solche Sorgen um dich gemacht.“ Sie blickte zu Boden. Josh schaute
sie direkt an.
„Ist schon gut, Mom. Ich
verstehe das. Ich mache niemandem Vorwürfe.“ Josh atmete tief aus
und setzte sich auf die Liege. Seine Mutter blickte ihn jetzt
besorgt an.
„Hattest du Kontakt zu diesen
Dingern?“ fragte sie nervös.
„Das schon, aber sie haben mich
nicht verletzt.“
„Dem Himmel sei Dank.“ Sie
setzte sich auf eine Liege, die seiner direkt gegenüber stand und
atmete durch.
„Dein Vater wird dich sehen
wollen. Am besten machst du dich gleich auf den Weg“, sagte
Margarete.
„Das mache ich, ich muss ihm
etwas Wichtiges sagen. Ich komme später wieder her,
okay?“
„Natürlich. Er müsste in der
Messe sein. Wenn dich die Wachen aufhalten, dann sag ihnen einfach
wer du bist.“
Josh nahm seine Mutter
noch einmal fest in den Arm und machte sich dann auf den
Weg.
Als er den Sanitätsbereich verließ, stemmte er die Hände in die Hüften, schloss die Augen und hob sein Gesicht nach oben. Eine Wolke zog gerade am hell leuchtenden Mond vorbei, so dass die Nacht ein wenig erleuchtet wurde. Hoffentlich nicht der einzige Lichtblick, dachte Josh.