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Als ich das Knochenlabor betrat, saß Miranda konzentriert tief über einen Labortisch gebeugt. In dieser Körperhaltung hatte ich sie schon so oft gesehen, so viele Stunden lang, dass es mich manchmal überraschte, dass sie tatsächlich stehen und sogar aufrecht sitzen konnte, statt sich über Knochenfragmente zu beugen.

»Mist«, sagte sie. »Ich bin zu dumm und zu ungeschickt hierfür.«

»Woran arbeiten Sie?« Ich beugte mich vor und erwartete, winzige Knochenfragmente und eine Flasche Duco-Klebstoff zu sehen. Der Schädel des Skeletts aus dem Norden von Knoxville war zu Dutzenden von Teilen zerdrückt worden, einige von der Größe grober Salzkörner. Doch statt grauer Knochen sah ich einen leuchtenden Farbklecks: ein kleines Stück magentafarbenes Papier, zu unzähligen borstigen kleinen Dreiecken gefaltet. »Ist das Origami?«

»Soll es sein, ist es aber nicht. Verdammt!« Frustriert zerknüllte sie das Papier und warf es in den Abfalleimer neben dem Tisch. Es verfehlte sein Ziel und landete auf dem Boden auf einem Haufen anderer magentafarbener Papierknäuel.

»Vielleicht ist das eine dumme Frage …«, setzte ich an.

»Wäre nicht die erste.«

»Aber wenn es so frustrierend ist, warum machen Sie es dann?«

»Wegen eines Mädchens namens Sadako«, sagte sie. »Und eines Freunds namens Eddie.«

»Sadako?«, sagte ich. »Nachbar? Tochter eines Nachbarn?«

»Nein. Sadako lebte in Hiroshima und war im August 1945 zwei Jahre alt. Sie befand sich zweieinhalb Kilometer vom Epizentrum der Bombenexplosion entfernt. Sadako hat überlebt, aber mit zwölf wurde bei ihr Leukämie diagnostiziert.« Miranda nahm ein weiteres quadratisches Blatt von dem Päckchen auf dem Tisch und faltete es zu einem Dreieck. »Jemand, der sie im Krankenhaus besuchte, sagte ihr, wenn sie tausend Papierkraniche falten und sich dann etwas wünschen würde, würde dieser Wunsch in Erfüllung gehen. Sie ist bis sechshundertvierundvierzig gekommen, dann ist sie gestorben.«

Miranda faltete das Dreieck zu immer kleineren Dreiecken zusammen, und dann zog sie heftig an dem Papier, sodass sich beinahe Flügel entfalteten, aber eben nur beinahe. Ich formulierte im Geiste an einer logischen Antwort auf ihre Geschichte über das Mädchen herum – ich dachte an die Toten in Pearl Harbor, die Hunderttausende, die in China vergewaltigt und abgeschlachtet worden waren, die Million, die bei der Invasion der japanischen Hauptinseln vermutlich ums Leben gekommen wäre –, da bemerkte ich, dass die ungestalten Flügel anfingen zu flattern. Mirandas Hände zitterten, und als ich darauf schaute, fiel mir auf, dass drei Fingerspitzen, nämlich die, mit denen sie im Leichenschauhaus das Iridium-Pellet angefasst hatte, rot und blasig waren. »Gütiger Himmel, Miranda, wir müssen in die Notaufnahme, damit die sich Ihre Finger ansehen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Da war ich heute Morgen schon«, sagte sie. »Dr. Davies war dort und hat gleich mit Dr. Sorensen telefoniert. Wenn die Schmerzen schlimm werden und das Gewebe brandig, geben sie mir Schmerzmittel und Salben und Antibiotika. Aber im Augenblick kann man nichts anderes machen als abwarten. Abwarten, ob meine Fingerspitzen absterben oder heilen. Abwarten, ob Eddie wieder gesund wird oder stirbt.« Sie musterte ihre Fingerspitzen. »Inzwischen hat er Nekrosen an den Händen.« Sie sagte es ruhig, doch das Zittern wurde schlimmer. Es stieg ihr die Arme hinauf in die Schultern, die ebenfalls anfingen zu beben. Sie sagte noch einmal: »Verdammt«, sehr leise, und ich wusste, jetzt fluchte sie nicht über die Kompliziertheit des Origami. »Warum?«, sagte sie. »Gott im Himmel, warum?«

»Ich weiß es nicht, Miranda. Ich wüsste niemanden, der das hier weniger verdient hätte als Sie und Eddie.«

»Oh, Dr. B.«, weinte sie, »ich frage nicht wegen Eddie und mir. Ich frage wegen allem anderen nach dem Warum. Wegen allen anderen. Die ganzen Gräuel, die wir einander angetan haben.«

Ich kannte Miranda inzwischen seit einigen Jahren; was ihre eigenen Verletzungen anging, konnte sie so zäh sein wie ein billiges Steak, doch für andere blutete ihr Herz freimütig. Mit »allen anderen« meinte sie vermutlich die Toten von Hiroshima und Nagasaki und vielleicht auch noch mehr: vielleicht auch die von Dresden und Auschwitz, Gettysburg und Shiloh, Ruanda, Darfur und Bagdad. Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter, und mit der anderen langte ich nach hinten und holte eine Kleenex-Schachtel vom Tisch. Der Papiervogel fiel ihr aus der Hand, flatterte zu Boden und blieb still liegen. »Verdammter Krieg«, flüsterte sie mit zusammengebissenen Zähnen. »Gott verfluche ihn.«

»Ja«, sagte ich. »Gott verfluche ihn.«

Ich stellte die Kleenex-Schachtel auf den Tisch, drückte ihre Schulter und verließ das Knochenlabor. Außen hängte ich das »Bitte nicht stören« -Schild an den Türknauf, schloss die Tür hinter mir und zog mich in mein Büro am anderen Ende des Stadions zurück. Auch dort schloss ich die Tür ab, und dann zog ich den Telefonstecker heraus. Ich recherchierte rasch im Internet und klickte auf einen Link, der meinen Computerbildschirm mit magentafarbenen Quadraten und Dreiecken füllte, kreuz und quer von gepunkteten Linien durchzogen. »Beste Origami-Kranich-Faltanleitung« hieß es in der Überschrift. Ich nahm ein Blatt Papier aus dem Drucker und faltete es diagonal. Ich falzte es zwischen den Fingerspitzen, bis die Kanten messerscharf waren.

 

In dieser Nacht hatte ich einen Traum. In meinem Traum reckten Garcia und Miranda mir hilfesuchend die Hände entgegen, doch ihre ausgestreckten Hände zerfielen vor meinen Augen, und an ihren Handgelenken blieben nur blutende Stümpfe zurück. Dann wechselte der Traum die Gestalt, und ich sprach in Oak Ridge in einem Hörsaal vor einer großen Menschenmenge. Ich merkte, dass ich zu ihnen über den atomaren Geist sprach, der mit Hilfe ihrer Stadt aus der Flasche befreit worden war, und ich war verstört. Ich hörte, wie ich zu ihnen sagte: »Wurde jemals jemandem damit geholfen?« Auf meine Worte folgte tiefes Schweigen, selbst ich, der die Worte träumte, war schockiert darüber. Da bemerkte ich hinten im Saal eine Bewegung. Eine Frau erhob sich langsam und blieb stehen. Um den Kopf hatte sie sich einen Schal gewickelt, wie es Frauen gern tun, die ihre Haare durch Bestrahlung oder Chemotherapie verloren haben. Die Frau sagte nichts, sie rührte sich nicht, sie stand einfach da, nahm diesen Raum ein, eine stille Antwort auf die bittere Frage, die ich in den Saal geworfen hatte.

Köpfe drehten sich in ihre Richtung, als sie aufstand, und die Atmosphäre im Traum-Saal war plötzlich lebendig und elektrisch geladen, prickelte wie die Luft in Tennessee kurz vor einem Sommergewitter. Dann stand eine zweite Person auf, und bald waren ein Dutzend weiterer Menschen auf den Füßen, stumme Zeugen für erfolgreiche Heilung, diagnostizierte Krankheiten, beheizte Häuser, sichere Pipelines und Flughäfen.

Der Letzte, der aufstand, war direkt vor mir. Er erhob sich langsam, als bereitete ihm das Stehen Schmerzen, und den Kopf hielt er gesenkt. Langsam hob er den Kopf, und ich blickte in Augen, die sowohl gehetzt waren als auch hoffnungsvoll. Ich blickte in die Augen von Robert Oppenheimer.

Als ich wach wurde oder träumte, ich würde wach, schien auch ich die Welt mit solchen Augen zu betrachten.