EINUNDVIERZIG

Fiona packte schnell ihre Sachen zusammen. Wut schürte ihre Energie.

»Ich hasse sie!«

Matthew drückte ihre Schultern. »Es ist noch nicht vorbei. Wir werden uns ihnen wieder entgegenstellen. Das ist unvermeidbar.«

»Sie haben meinen Dämon gefangen genommen! Er gehört mir!«

Matthew hob ihr Kinn an. »Wir haben keine Zeit, uns über Andra Moira oder Raphael Cooper aufzuregen, mein Schatz. Alles zu seiner Zeit. Die Polizei wird wissen, wo wir sind. Ich habe Serena und Pennington losgeschickt, um das Boot zu holen.«

»Du hättest diesen Idioten in dem Feuer umkommen lassen sollen!«

»Daran habe ich gedacht, aber er ist für uns von Nutzen.«

Fiona pflichtete ihm widerwillig bei. »Wir brauchen einen guten Plan, um an das Tabernakel zu kommen. Ich denke, sie werden es in der Mission oder in der Kirche von Santa Louisa aufbewahren.«

»Da hast du recht, meine Liebe, aber ich habe einen anderen Plan.«

»Beinhaltet der, Raphael die Eingeweide herauszureißen und sie Moira zu verabreichen, damit sie daran erstickt?«

»Du sprühst wie immer vor Ideen, meine Liebe, doch ich bevorzuge feinere Methoden. Rafe wird sich bald daran erinnern, woher er mich kennt. Er hat mich lange angestarrt, konnte mich aber nicht einordnen.«

»Dann hättest du Santa Louisa besser nie verlassen sollen. Wie habe ich dich doch vermisst!«

Er küsste sie. »Und ich dich, mein Schatz!«

»Mit wie vielen Frauen hast du geschlafen, als du weg warst?«

»Nur mit dir, meine Liebe.« Er küsste sie noch einmal. »Serena müsste bald am Strand sein. Wir müssen los.«

»Du hast mir noch nicht deinen brillanten Plan verraten.«

Er hielt einen Moment inne. »Wir überlassen ihnen die schwierige Arbeit.«

»Und das heißt?«

»Warum sollen wir unsere Energie darauf verwenden, die Sieben zu suchen und einzufangen? Das werden Anthony, Rafe und Moira für uns erledigen. Und wenn sie fertig sind? Dann werden wir sie uns zurückholen, und alle sieben Todsünden werden uns gehören.«

Fiona dachte über den Vorschlag nach. »Das könnte klappen.« Sie lächelte. »Und in der Zwischenzeit finden wir eine neue Arca.«

»Ja, das ist in der Tat unser einziges Problem. Sie wissen nicht, dass sie die Sieben nur gemeinsam in einer Arca gefangen halten können. Doch wir haben genügend Zeit. Und ich weiß auch schon, wo wir hinkönnen.«

Fiona schaute sich ein letztes Mal in der Bibliothek um, in der sie die letzten beiden Jahre so viel Zeit verbracht hatte. Es war ein guter Ort für sie, ihre Familie und ihren Hexenzirkel gewesen, den Andra Moira zerstört hatte. Sie und Raphael Cooper. Obwohl Matthew versuchte, ihre Wut zu lindern, wollte sie nicht, dass sie vorüberging. Wie konnten die beiden nur ohne jegliche Magie so stark sein? Der Himmel verlieh niemandem Macht; er verlangte nur blindes Vertrauen und Gehorsam. Weder Cooper noch ihre treulose Tochter gehorchten irgendjemandem.

»Liebling, wir müssen los!« Matthew hatte ihre wichtigsten Utensilien zusammengepackt, die seltenen Kräuter, die unschätzbaren Grimoires und den Rest von Coopers Blut, das sich in einer Kühltasche befand. Alles andere konnten sie dort kaufen oder sich nehmen, wo sie hingingen.

Fiona wandte sich ihrem Geliebten zu. Matthew war von Beginn an der eine für sie gewesen, und das würde er immer bleiben. Keiner ihrer sonstigen Gespielen bedeutete ihr etwas, auch nicht Garrett; sie dienten ihr nur zum Zeitvertreib, wenn Matthew fort war. Sie hatte ihm immer vertraut – bis zur heutigen Nacht.

»Du hättest Moira heute Nacht umbringen können, in der Kirche des Guten Hirten.«

»Ja«, stimmte er zu, »aber wir brauchten sie lebend.«

»Nein! Nicht nach dem, was sie meiner – unserer – Sache angetan hat! Was habe ich gelitten, als sie fortlief!«

»Mein Schatz, das weiß ich, und ich verspreche dir, dass wir sie wiederfinden werden und sie dafür bezahlen wird. Sie wird zehn Mal mehr dafür leiden. Doch jetzt brauchen wir sie lebend – sie besitzt eine Kraft, die ich nicht verstehe.«

»Hat sie durch sie meinen Dämon getötet?« Fiona schaute hinüber in das Zimmer neben der Bibliothek, wo der Dämon gelegen hatte. Sie und Matthew hatten den toten Körper in die Unterwelt zurückgeschickt. Der Vorfall hatte sie erstaunlich mitgenommen.

»Es hat etwas mit ihr zu tun, nicht mit ihren Werkzeugen und auch nicht mit dem Orden St. Michael. Ich habe nur noch nicht ganz herausgefunden, wie sie es macht. Vielleicht steckt Magie dahinter, doch sie hat sie irgendwie getarnt.«

»Ich habe bei ihr keine Magie gespürt – die hätte sie heute Abend benutzt.«

»Es war zu viel Energie in dem Gebäude. Ich hatte Schwierigkeiten, die Kraft zu lokalisieren.«

»Matthew, selbst du, mein Schatz, bist nicht unfehlbar.«

Er runzelte die Stirn. Er mochte es genauso wenig wie sie, an seine Unzulänglichkeiten erinnert zu werden. Sie küsste ihn, um ihre beißende Kritik abzuschwächen.

»Cooper hat ihr in den Arm geschnitten und ihr Blut über den Neid geträufelt«, bemerkte sie. »Es schwächte den Dämon, wodurch Zaccardi ihn einfangen konnte.«

»Sie hat dein Blut.«

»Und das ihres Vaters.«

Matthew flüsterte: »Es ist an der Zeit.«

Er musste nicht erklären, was er meinte. Er war der Einzige, der wirklich wusste, wer Moiras Vater war. Seit Matthew damals in Fionas Leben getreten war – sie war sechzehn gewesen, er sechsundzwanzig –, spielten die beiden ein gefährliches Spiel, doch waren sie immer erfolgreich gewesen, außer bei Moira. Sie hatten sie nicht auf Kurs halten können. Ihren biologischen Vater preiszugeben war gefährlich, aber nachdem die sieben Todsünden freigelassen worden waren, hatte sich der Einsatz erhöht. Die zusätzliche Gefahr zwang sie zu einer kühnen Tat.

»Es wird schwierig sein, ihn zu finden.«

»Aber nicht unmöglich.«

Die letzten Stücke des Puzzles fügten sich langsam zusammen, doch würde Fiona all ihre Konzentration und ihren Zauber brauchen, um ihrem Gefolge und sich selbst den Sieg zu bescheren. »Für uns«, meinte sie und lächelte verschlagen, »ist nichts unmöglich.«

Matthew erwiderte ihren Blick mit einem Versprechen der Ekstase, die sie beide erwartete. »Ich liebe dich, Fiona, aber jetzt müssen wir los, bevor die Polizei eintrifft. Uns steht eine lange Reise bevor.«

 

Moira saß hinten im Krankenwagen, während ein Sanitäter Glassplitter aus ihren Händen und Armen entfernte. »Das da ist eine ziemlich hässliche Narbe«, sagte der Mann und zeigte auf die Stelle, wo der Dämon sie vor ein paar Stunden gebissen hatte. Die Verletzung sah aus, als wäre sie schon Monate alt. »Wie kam es dazu?«

Sie schüttelte nur den Kopf. Anthony und Rafe standen direkt vor der Tür und sprachen mit gedämpften Stimmen. Anthony hielt immer noch das Tabernakel in seinen Händen, und die beiden redeten darüber, wo sie es aufbewahren sollten, bis sie herausgefunden hätten, wie sie den Neid wieder in die Hölle zurückschicken könnten.

Die Polizei hatte nur drei der Hexen dingfest machen können, darunter auch Elizabeth Ellis, was Moira mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis nahm. Sie konnte diese Frau echt nicht ausstehen.

Fiona, Serena und Matthew Walker waren entkommen. Skye hatte zwar sowohl zu dem Haus, in dem Rafe gefangen gehalten worden war, als auch zu den anderen beiden Anwesen, auf die Moira bei ihrer Suche gestoßen war, Streifenwagen geschickt, doch waren sie wie vom Erdboden verschwunden.

Ohne Pater Philip war nichts mehr so wie bisher. Moira fühlte sich fürchterlich allein. Ihre Augen brannten; sie dachte, sie hätte keine Tränen mehr, doch liefen sie ihr heiß und unaufhörlich die Wangen hinunter.

Ohne Pater Philip gab es niemanden mehr, der sie liebte, der sich um sie Sorgen machte. Niemanden mehr, den sie liebte. Er war ihr Rettungsanker gewesen. Der Grund, warum sie jeden Morgen aufgestanden war und weitergekämpft hatte. Für ihn.

Er war gestorben.

Noch nie war Moira sich so verloren vorgekommen wie an jenem Tag, an dem sie zum ersten Mal weglief, noch bevor sie Pater Philip kannte. Als ihr einziger Ausweg darin bestanden hatte wegzulaufen.

Sie hatte ihn schützen wollen und versagt. Pater Philip war tot.

Rafe stieg in den Krankenwagen und setzte sich neben sie. »Wird sie wieder gesund?«, fragte er den Sanitäter.

»Ja«, antwortete Moira und hielt ihre Tränen zurück, nicht imstande, ihn anzuschauen.

Der Sanitäter informierte Rafe: »Ich möchte sie ins Krankenhaus mitnehmen, aber sie ist stur.«

»Ich kümmere mich um sie.« Rafe sah ihr in die Augen, und sie erkannte, dass er das ernst meinte.

Vielleicht war sie doch nicht ganz allein.

Rafe wandte sich dem Sanitäter zu. »Unser Freund Anthony hat sich böse geschnitten – können Sie sich das ansehen?«

»Ich bin hier noch nicht fertig.«

»Nur fünf Minuten.«

Der Sanitäter seufzte, dann ließ er Moira und Rafe allein.

Rafe betrachtete stirnrunzelnd Moiras Hände. »Da drinnen, das war der reine Wahnsinn«, meinte er leise.

»Ich weiß nicht, was passiert ist. Wieso Fiona den Dämon aus dem Kreis ließ. Er hätte sie oder jeden anderen aus ihrem Zirkel angreifen können, aber er ging sofort auf dich los.« Sie dachte darüber nach. »Fiona wusste das. Der Dämon wollte dich, nur dich, Rafe. Warum?«

»Das wüsste ich auch zu gerne. Habe ich irgendetwas gesagt?« , fragte er halb im Scherz. »Oder etwas getan? Ich weiß es nicht. Anthony meint, Fiona sei eine mächtige Zauberin.«

»Und mit Matthew Walker an ihrer Seite ist sie noch stärker.«

Rafe zwang Moira, ihn anzusehen. »Was hat sie vorhin mit dir gemacht?«

Moira wollte nicht darüber sprechen, doch schuldete sie Rafe eine Erklärung. »Sie verwandelte eine Erinnerung, einen Albtraum von mir, in einen lebendigen Farbfilm, der in Zeitlupe vor mir ablief, und ich kam nicht da raus. Ich versuchte es, aber es gelang mir nicht.«

Rafe berührte ihre Wange. »Komm her!« Er legte ihren Kopf an seine Brust. Er trug einen OP-Kittel, den die Sanitäter ihm gegeben hatten und der Moira daran erinnerte, wie sie ihn vor zwei Tagen gefunden hatte.

»Ich muss das noch einmal machen. Und noch einmal.« Sie schloss ihre Augen. »Ich bin nicht stark genug.«

»Du bist stärker als jeder andere, den ich kenne. Außerdem bist du nicht allein. Wir können es gemeinsam machen.«

Das hoffte sie. Die Welt war schon ohne die todbringenden sieben Sünden gefährlich genug.

»Wir fangen besser gleich an. Sie werden nicht auf uns warten, bis wir uns wieder erholt haben.«

»Schlaf du erst mal!«, meinte Rafe.

Er betrachtete Moiras Arm und die Bisswunden. Sie hatte so viel Blut verloren, und dann noch diese Säure, die aus den Schnittwunden getropft war, ihre Schmerzensschreie. Er würde nie vergessen, was in diesem Raum passiert war. Der Biss … Moiras Schmerzen … der Todesschrei des Dämons. Und jetzt … Er schaute auf die Schnittwunde an der Hand, die er ihr zugefügt hatte.

»Woher wusstest du das?«, fragte Moira flüsternd.

Er schüttelte den Kopf. »Ich erinnerte mich daran, wie Zerberus starb, als er dich biss, und ich hoffte … vielleicht wäre dein Blut …« Er hielt inne, da er nicht wusste, was er sagen sollte, denn er konnte seine Gedanken nicht in Worte fassen. »Ich habe es einfach gewusst.«

»So wie du die magischen Worte gewusst hast.«

»Die magischen Worte?«

»Durch die der Dämon langsamer wurde. Diese Teufelsaustreibung oder was immer es gewesen ist. Du hast in der gleichen Sprache gesprochen wie Serena. Ist es das, was du auch auf den Klippen gemacht hast?«

Rafe wusste es nicht. »Moira, es tut mir leid. Ich wünschte, ich hätte Antworten darauf – aber ich habe sie nicht!«

»Wir werden sie finden.«

»Wie habe ich dein Vertrauen gewonnen?« Das war ihm wichtig, sehr wichtig.

»Ich weiß es nicht, aber – wir stecken hier gemeinsam drin. Wir alle.«

Anthony kam in den Krankenwagen und setzte sich zu ihnen. »Stimmt«, sagte er. »Gemeinsam.« Er betrachtete ebenfalls Moiras Arm. »Bist du sicher, dass dich ein Dämon gebissen hat? Ich habe noch nie von einem Dämon gehört, der gestorben ist, weil er einen Menschen gebissen hat. Ich werde nachsehen, ob ich dazu etwas in den Büchern finde.« Er klang nicht hoffnungsvoll.

Rafe lächelte traurig, als Moira einnickte. »Das behalten wir dann aber besser für uns. Es gibt viele Menschen, die Moira nicht mögen.«

Anthony nickte. »Ich werde diskret sein. Skye ist gerade dabei, die Antworten vorzubereiten.«

»Die da wären?«

»Ich weiß es noch nicht. Ich denke, sie wird improvisieren. Sie weiß, wie weit sie gehen kann.« Er legte eine Hand auf Rafes Schulter. »Sobald sie fertig ist, fahren wir zurück zu mir. Du und Moira – ihr braucht Schlaf.« Er ging.

Rafe musterte die schlafende Schönheit neben sich. Sie wirkte besorgt und stöhnte. Er zog sie an sich und küsste sie auf den Kopf.

»Ich werde alles tun, um dich zu beschützen, mein Liebling!«, flüsterte er. »Alles.«