ZWEI
Mut ist nicht die Abwesenheit von
Angst,
sondern die Erkenntnis, dass es etwas gibt,
das wichtiger ist als Angst.
AMBROSE REDMOON
Moira schreckte hoch, sie keuchte, ihr Herz raste. Der Albtraum verschwand schnell, doch die Angst blieb.
Es war kein Albtraum, den sie hatte, sondern eine Vision, genauso fürchterlich wie die zehn Wochen zuvor, nur sehr viel lebendiger.
Sie brauchte mehr als einen Augenblick, bis sie wusste, wo sie sich befand. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und sie zwang sich zur Ruhe und versuchte, ihre Angst unter Kontrolle zu bringen. Das Motelzimmer mit seiner muffigen Luft, den eigenartigen Geräuschen, den gelben Lampen und dünnen Laken unterschied sich von keinem seiner zahlreichen Vorgänger. Tage waren zu Wochen geworden, Moira hatte kaum mitbekommen, wie die Zeit verflogen war. Fort Lauderdale, Ocean City, Astoria und Santa Louisa. Dazwischen Dutzende größerer und kleinerer Städte, die alle nahtlos ineinander übergegangen waren, bis sie endlich am richtigen Ort angekommen war.
»Santa Louisa«, flüsterte sie in die Dunkelheit hinein. Die Stadt lag ganz in der Nähe der Mission, in der das Blutbad stattgefunden hatte, von dem Pater Philip ihr erzählt hatte. Sie hätte nach dem Telefonat sofort hierherfahren sollen, das begriff sie jetzt. Hätte sie doch nur gewusst, dass die Berge im Osten von Santa Louisa nicht mehr als dreißig Meilen vom Pazifik entfernt waren!
Ref. 2 Moira war vor fast einer Woche in der malerischen Stadt im Herzen Kaliforniens angekommen und geblieben, nachdem sie gespürt hatte, am richtigen Ort zu sein. Ihre Nachforschungen und ihr feines Gespür hatten ihr bestätigt, dass sich hier in Santa Louisa das Tor zur Hölle befand.
In einem Internetforum, das sie häufig besuchte und in dem übernatürliche Phänomene diskutiert wurden, war sie auf den Bericht eines Jungen gestoßen, der die Klippen in der Umgebung seiner Heimatstadt Santa Louisa beschrieb, die eine auffallende Ähnlichkeit mit denen ihrer Vision aufwiesen. Er hatte besorgt geklungen, da ein Haus bei einem rätselhaften Feuer niedergebrannt war und sich auch noch andere sonderbare Vorfälle ereignet hatten. Der Junge hieß Jared Santos, und seine Erzählungen bestärkten Moira darin, dass diese Klippen mit denen ihrer Vision übereinstimmten, woraufhin sie sich sofort auf den Weg nach Santa Louisa gemacht hatte.
Die Klippen – und Trümmer des zerstörten Hauses – jagten Moira selbst bei Tageslicht Angst ein. Wann immer sie zu ihnen fuhr, schossen ihr erschreckende Bilder und Gedanken durch den Kopf.
Das Böse umgab sie. Es schwebte nicht in der Luft, das Böse war die Luft. Die Erde roch nicht nach Erde, sie stank nach Tod, nach Schrecken, nach verlorenen Seelen, die sich in dem verzweifelten Versuch, ihrem Schicksal zu entkommen, durch den schimmeligen Boden wanden. Auf dem Weg zu den Ruinen war sie an toten Vögeln, Nagetieren und einem verstümmelten Hund vorbeigekommen. Ihr Herz zog sich zusammen, befahl ihr umzukehren, aber sie schaute nach unten auf den Boden, und für eine Sekunde, die ihr ewig erschien, sah sie einen Feuerstrom unter der Oberfläche. Sie spürte die aufsteigende Hitze. Ihre Fußsohlen brannten, sie lief davon.
In jener ersten Nacht hatte sie sich voller Angst zwischen den Zypressen versteckt und gewartet. Sie hatte sich gezwungen dazubleiben, in der Hoffnung – und Befürchtung –, ihre Mutter würde auftauchen.
Fiona war nicht gekommen. Niemand war gekommen. Am nächsten Tag hatte Moira Pater Philip angerufen und ihm von dem Feuer und den beiden Toten im Haus erzählt. Und was sie sonst noch alles herausgefunden hatte. Dass das Haus vollkommen zerstört worden war, war schon schlimm genug, doch Moira wusste, dass Tore wie diese nur durch das Opfern von Menschen geöffnet werden konnten, und das war noch viel schlimmer.
Der Pater bat sie, dortzubleiben und alles sorgfältig im Auge zu behalten, was sie dann auch getan hatte. Dachte sie zumindest.
Fiona, die von einer solch bösen Energie umgeben war, dass Moira zitterte, begann zu sprechen. Außer dem feuerroten Haar ihrer Mutter konnte Moira nichts erkennen. Über allem lag ein dunstiger Schleier, den sie nicht durchdringen konnte. Dunkle Schatten nahmen darin Gestalt an. Ob sie menschlicher oder teuflischer Natur waren, konnte Moira nicht erkennen. Das Tor zur Hölle war offen, sie war zu spät.
Nein, verflucht noch mal! Sie konnte nicht zu spät sein! Der Pater war sich doch so sicher gewesen, dass Fiona erst dann etwas unternehmen würde, wenn die Welten von Natur aus enger beieinanderlägen, also nach dem ersten Februar. Auch Moira hatte das geglaubt, doch hatten sie sich beide getäuscht. Es geschah jetzt. Was konnte sie schon gegen ihre Mutter und das Böse, das sie heraufbeschworen hatte, ausrichten? Wie sie besiegen? Allein?
Andererseits – wieso nicht?
Moira war sich sicher, dass Fiona genau jetzt – in diesem Moment – auf den Klippen war und das zu Ende führte, was sie vor zwei Monaten angefangen hatte. Vor zwei Monaten? Fiona strebte schon ihr ganzes Leben – seit achtundvierzig Jahren – nach Unsterblichkeit und führte lediglich die Reise fort, die mit den ersten Hexenzirkeln in der Antike begonnen hatte. Sie war aber die Erste, die dem Ziel so nahe kam.
»So ein Mist!«, murmelte Moira. »Das wird schnurstracks in ihrem Kopf landen.« Sie durfte sie nicht gewinnen lassen.
Sie glitt mit ihrem blauen T-Shirt und der schwarzen Unterhose unter den verschlissenen Laken hervor. Sie schaltete die Lampe auf dem Schreibtisch ein, zog ihre Jeans an und warf ihr verschwitztes T-Shirt in eine Plastiktüte.
Wie zum Teufel sollte sie ihre Mutter aufhalten? Sie war auf sich allein gestellt, hatte nicht mehr als ein paar Hilfsmittel zur Verfügung und besaß zu wenige Informationen, um gegen Fiona kämpfen zu können. Pater Philip hatte nicht herausgefunden, was sich hinter dem Tor verbarg, und ohne dieses Wissen konnte Moira den Teufel genauso gut persönlich mit Weihwasser besprühen. Das Ergebnis wäre lediglich ein Zischen in einem apokalyptischen Inferno.
Sie musste verhindern, dass Fiona das Ritual vollzog, denn es würde in einem Mord enden. Wie immer.
Die Narbe an ihrem Hals brannte.
Moira machte ihren BH zu und zog sich einen schwarzen Rollkragenpullover über den Kopf. Dann schlüpfte sie in ihre maßgeschneiderte Lederjacke, die Rico ihr geschenkt hatte. Die mit den besonderen Taschen für besondere Dinge.
»Ich bin kein Jäger«, hatte sie zu ihm gesagt und die Jacke von sich gehalten, als würde sie brennen.
»Nein, du bist eine Jägerin«, hatte Rico geantwortet und ihr Kinn angehoben. »Despero caveat, mei amica. Verzweiflung lässt sie herein. Verzweiflung bedeutet Hoffnungslosigkeit, Hoffnung gibt es aber immer.«
Wut schürte Moiras Angst, beides heftige Gefühle, die gegen sie verwendet werden konnten. Sie hatte durch ihren Mangel an Kontrolle schon viel Lehrgeld zahlen müssen – so viel, dass sie jetzt innehielt und tief durchatmete. Sie wusste, dass heute Abend mehr auf dem Spiel stand als nur ihr Leben.
Sollte sie scheitern, würden die Hexenzirkel, unterstützt von den Dämonen an ihrer Seite, noch stärker, noch mächtiger werden. Der Orden St. Michael würde in großer Gefahr schweben. Peters Waffenbrüder würden einer nach dem anderen sterben. Auf fürchterliche, brutale, qualvolle Weise.
Los, Moira! Hör auf, dir so verdammt leidzutun!
Sie griff nach ihrer Tasche und öffnete die Tür.
Draußen bewegte sich irgendetwas – irgendjemand.
Sie trat schnell in das dunkle Zimmer zurück. Sie spürte, dass ihr eine Person durch den dichten Nebel entgegenkam, noch bevor sie sie sah. Sie nahm ihr Messer in die Hand, ohne sich dessen bewusst zu sein. Schweiß bildete sich über ihrer Augenbraue. Wenngleich sie auf sich allein gestellt war, wusste sie, wie ein Dämon aufzuhalten war. Ihn außerhalb eines kontrollierten Umfelds – wie einem Kloster – zu vertreiben, ohne den Menschen zu töten, den er in Besitz genommen hatte, war äußerst schwierig. Selbst dann war nicht gewiss, ob Opfer oder Exorzist überlebten. Sie wollte keinen weiteren Toten, der ihr Gewissen belastete.
Auch intensives Training, das ihr durch Rico – den besten Ausbilder des Ordens – zuteilgeworden war, konnte nicht viel ausrichten. Erfahrung erwies sich jedes Mal als Sieger über die Theorie. Aber in diesem Augenblick hatte sie keine andere Wahl. Fiona war hier, weil Moira einen tödlichen Fehler begangen hatte. Einen Fehler, den sie nicht noch einmal machen durfte.
Sie erkannte den Besucher. Es war der achtzehnjährige Jared Santos, ihr einziger Freund in diesem Land.
Entsetzt starrten seine dunklen Augen auf das Messer in Moiras Hand, das sie schnell in ihre Tasche steckte. »Ich habe dich nicht erkannt.«
»Und deshalb ziehst du ein Messer? Wir sind hier in Santa Louisa, nicht in Detroit!«
Sie überging seine Bemerkung. Er begriff immer noch nicht, womit sie es hier zu tun hatten, doch brauchte sie jemanden, der die Leute im Ort und die Umgebung kannte. Jared war seit der vergangenen Woche ihr Rettungsanker. Er hatte sie mit Informationen versorgt und sich als ihr Chauffeur erwiesen. Er glaubte zwar nicht ganz, was sie ihm sagte, aber er hatte genug gesehen und gehört, um sie nicht der Polizei zu übergeben. Was angesichts der Tatsache, dass sein Vater Hilfssheriff war, wirklich nett anmutete.
»Was machst du hier?«, fragte sie. »Du sollst doch Lily beobachten.«
»Sie ist weg.«
Moiras bohrende Angst nahm zu. Sie wusste zwar, wo das Mädchen hingegangen war, aber sie wusste nicht, warum. Moira war nach Santa Louisa gekommen, weil Jared ihr in dem Forum von mehreren eigenartigen Vorfällen berichtet hatte, die sich im neuen Freundeskreis von Abby, der Cousine seiner Freundin Lily, ereignet hatten. Das Feuer auf den Klippen – das in derselben Nacht ausgebrochen war, in der sie vor mehr als zwei Monaten ihre Vision gehabt hatte – bestätigte sie in ihren Vermutungen.
Den Erzählungen und der Vorgehensweise nach handelte es sich für Moira um einen aktiv werbenden Hexenzirkel, und dass Abby bis vor Kurzem übergewichtig gewesen war und außer Lily kaum Freunde hatte, stellte für Moira ein weiteres, riesiges, blinkendes Warnzeichen dar.
»Wir müssen sie finden. Wann ist sie fortgegangen? Warum hast du sie gehen lassen?«
Jared antwortete: »Ich habe sie …«
»Ich habe dir doch gesagt, was auf dem Spiel steht!«
Er fuhr sich mit den Händen durch das kurz geschorene Haar, auf seinem Gesicht lag ein gequälter Ausdruck. »Ich weiß nicht, was passiert ist.«
»Du bist eingeschlafen.« Mann! Sie hätte sich nicht auf ihn verlassen sollen!
»Ich weiß es nicht. Ich – ich wollte es nicht. Mein Kopf ist wie benebelt, ich denke, ich habe in letzter Zeit nicht so gut geschlafen.«
Fiona oder eine ihrer Anhängerinnen mussten Jared verhext oder betäubt haben. Lily hatte irgendwie entwischen können. Das Mädchen war einfach verrückt, das war alles. Moira hatte ihr erzählt, was Abby und die anderen im Schilde führten, aber Lily glaubte ihr nicht. »Ich weiß, es geht nicht alles mit rechten Dingen zu, aber …«
»Es gibt kein ›Aber‹, Lily! Die spielen keine Spielchen. Die meinen es todernst, und Außenstehende werden nicht auf eine Tasse Tee zu ihren Hexenzirkeln eingeladen, sondern um geopfert zu werden!«
Mit der Preisgabe dieses Details war Moira zu weit gegangen. Niemand glaubte an Menschenopfer, da die Beweise dafür stets verschwanden. Aber nur weil keine öffentlich dokumentierten Fälle von Menschenopfern in Amerika existierten, musste das nicht heißen, dass es keine gab. Moira wusste ganz genau, dass es sie gab.
»Sie hatte versprochen, mir zu sagen, wenn sie zu dem Treffen geht«, meinte Jared beharrlich. »Ich verstehe nicht, warum …«
»Wir haben keine Zeit.« Moira fiel ihm ins Wort, verdrehte die Augen und schob ihn aus der Tür. Sie hatte keine Geduld für kindische Ausreden. Treffen. Netter Ausdruck, um tödlichen okkulten Ritualen einen harmlosen Anstrich zu verleihen!
Moira entdeckte Jareds schwarzen Pick-up am Ende der ersten Reihe auf dem Parkplatz und lief darauf zu. »Los, wir müssen zu den Klippen!«
»Ist Lily wirklich in Gefahr?«
»Ja.«
»Aber …«
Sie drehte sich unvermittelt um, sodass er ins Straucheln geriet und beinahe mit ihr zusammengestoßen wäre. »Du hast mir von dem Feuer erzählt«, begann sie beängstigend barsch. »Von den toten Tieren bei den Klippen, von Abby – Lilys Cousine – und all den eigenartigen Dingen, die du gesehen hast. Alles stimmt mit dem, was ich von diesen Ritualen weiß, überein. Ich kann zwar den Zeitpunkt nicht nachvollziehen, aber was ich ganz genau weiß, ist, dass wir jetzt gehen müssen!«
Jared blieb keine Zeit, um zu antworten oder Einwände zu erheben, denn Moira rannte bereits zur Beifahrerseite herum und sprang in den Pick-up. Auch er stieg schnell ein, und gemeinsam fuhren sie in Richtung Klippen.
Auf dem Weg dorthin rief sie Pater Philip an. Als er ans Telefon ging, klang er äußerst besorgt. Sie hasste sich dafür, ihn zu beunruhigen.
»Moira, wo steckst du? Du hast mich seit drei Tagen nicht angerufen! Ich habe mir Sorgen gemacht.«
»Ich bin immer noch in Santa Louisa.«
»Ich bin dabei, noch eine Sache zu prüfen; dann hoffe ich mehr zu wissen.« Sie hoffte, dann immer noch am Leben zu sein. Wünschte sich nichts mehr, als mit ihren Vermutungen zu diesem Abend falsch zu liegen.
»Hast du Anthony gesehen?«
Als er diesen Namen erwähnte, verkrampfte sich unwillkürlich Moiras Hand, die das Telefon hielt. Pater Philip hatte ihr erzählt, dass der Dämonologe in der Stadt war. Da beide aber gedacht hatten, es wäre noch Zeit, hatte sie ihn nicht kontaktiert. Was Moira so oder so nicht getan hätte. Anthony hasste sie für das, was Peter zugestoßen war. Er machte sie dafür verantwortlich – noch mehr, als sie es schon selbst tat.
»Nein. Ich habe Ihnen doch gesagt …«
»Ich hätte ihn sofort anrufen sollen, als du in Santa Louisa angekommen bist«, meinte Pater Philip.
»Damit man ihn dann umbringt?«
»Er ist viel stärker als vor sieben Jahren.«
»Er ist kein Jäger«, wandte sie ein.
»Er hat andere Talente.«
»Er hasst mich abgrundtief.«
»Er hasst niemanden.«
Der Pater wusste nicht, was er sagte. »Ich kann sein Leben nicht auch noch aufs Spiel setzen.« Moiras Stimme überschlug sich. Verflucht, sie mochte Anthony – den Mann, den Peter seinen Bruder genannt hatte – noch nicht einmal und musste sich jetzt um ihn Gedanken machen!
»Anthony ist ein erwachsener Mensch. Er hat sich seinem eigenen Kampf gestellt und überlebt.«
Pater Philip glaubte an Vergebung; Anthony nicht. Doch das konnte Moira dem Pater nicht sagen. Er würde es ihr nicht glauben, und wenn doch, würde es ihn verletzen. Und er war der letzte Mensch auf Erden, den Moira verletzen wollte.
»Bist du dir mit dem Tor sicher?«, fragte er ruhig.
»Ja.«
»Geh nicht noch einmal dorthin!«
»Ich muss. Es gibt einen Hexenzirkel in der Stadt; alle Zeichen sprechen dafür. Wenn Fiona dahintersteckt, muss ich sie aufhalten.«
Pater Philip erklärte: »Ich werde Anthony anrufen.«
»Nein!«
»Moira, mein Kind, du kannst das nicht allein schaffen!«
»Er wird mir nicht helfen können.«
»Doch, wird er. Du brauchst Glaube und Vertrauen, Moira.«
»Und vielleicht ein bisschen Feenstaub?«
»Bitte?«
»Ich habe nur einen Witz gemacht.« Sie musste lachen, ansonsten wäre sie zusammengebrochen.
»Ich werde Anthony anrufen und ihn bitten, als Mittler zu fungieren. Du musst ihm deine Visionen erklären. Geh nicht wieder an diesen Ort, bis du Verstärkung hast!«
»Zu spät, Pater. Ich bin schon auf dem Weg. Es passiert gerade etwas.«
»Moira …«
»Ich werde vorsichtig sein.« Sie hängte ein.
»Vielleicht«, meinte Jared, als er viel zu langsam und zu vorsichtig durch den dichter werdenden Nebel fuhr, »sollte ich meinen Vater anrufen …«
»Klar – ruf ihn an! Sag ihm, du arbeitest mit Moira O’Donnell von der PU, der Abteilung für Paranormale Untersuchungen, zusammen und hast dich mit ihr in Verbindung gesetzt, um übernatürliche Phänomene in der Umgebung zu überprüfen. Ach ja, und dann kannst du ihm noch von dem Hexenzirkel auf den Klippen berichten, der gerade dabei ist, ein riesiges Tor zur Hölle zu öffnen, um Gott weiß was für teuflische Kräfte auf die Welt loszulassen.«
»Du musst nicht sarkastisch werden.«
»Bin ich nicht. Wenn du ihn anrufen willst, bitte schön, aber du setzt schon dein Leben für deine Freundin aufs Spiel. Ich weiß nicht, was uns dort erwartet, doch wenn du jetzt lieber einen Rückzieher machen möchtest, dann ist das für mich in Ordnung.« Sie wollte nicht, dass er sie allein ließ, wenngleich er nicht wusste, was er tat. Doch wollte sie ebenso wenig sein Leben riskieren.
»Ich liebe sie«, meinte er. Er machte weder Anstalten, Moira am Straßenrand zurückzulassen noch jemanden anzurufen. Liebe, diesen Beweggrund verstand Moira. Liebe verleitete zu Dummheiten und schmerzte mehr als ein Messer im Leib.
Sie wünschte sich jemand anders als einen testosterongesteuerten Teenager an ihrer Seite, der den Romeo zu Lilys Part als Julia spielte. Aber immerhin hatte sie so einen Helfer in der Not. Und Pater Philip würde Anthony anrufen. Dessen war sie sich sicher, so wie sie sich sicher war, dass die Sonne in ein paar Stunden wieder aufgehen würde. Ob sie allerdings den nächsten Tag noch erleben würde, stand auf einem anderen Blatt.
»Jetzt mach schon, Jared! Wir können schon zu spät sein.« In Moiras Visionen war es nie um zukünftige Ereignisse gegangen, doch Fiona war immer darin vorgekommen. Rituale brauchten ihre Zeit, besonders bei Fiona, die das ganze Drum und Dran mochte, zumal wenn es sich um komplexe Rituale handelte. Moira wusste, dass hier ein großes Ritual stattfand. Wenn sie den Kopf des Hexenzirkels zerschlagen könnte, würde der Rest zerfallen, und das Böse, das von ihnen heraufbeschworen worden war, würde sich hoffentlich gegen sie wenden.
Moira wusste, dass sie wahrscheinlich eine Auseinandersetzung nicht überleben würde, aber ihr war auch klar, dass, wenn sie Fiona nicht aufhielt, das Leben unschuldiger Menschen auf eine viel schmerzhaftere Weise zerstört werden würde. Es galt jetzt oder nie.
Vor ihnen am Horizont leuchteten Blitze im Nebel auf, die zu nah am Boden waren. Glühende Lavaströme flossen quer über die Straße. Über ihnen flatterten Fledermäuse – aber es waren keine Fledermäuse. Sie waren ein »Es«, eine riesige dunkle Wolke, eine Masse, voluminös und durch und durch böse.
Moira schrie auf, und Jared zuckte zusammen.
Die Feuer waren verschwunden, aber sie hatte sie gesehen. Sie hatte sie gesehen. Oder etwa doch nicht? Verlor sie langsam ihren Verstand?
»Was zum Teufel soll das? Du hast mich zu Tode er…«
»Hast du das denn nicht gesehen? Das Feuer? Die … dunkle Wolke?«
Er runzelte die Stirn. »Ich – das waren nur Vögel. Es ist mitten in der Nacht; sie wurden aufgeschreckt oder so.«
»Es abzustreiten bringt nichts, es wird dich umbringen.«
»Was denkst du, was es war?«
Sie schluckte. Sie wusste es nicht. Doch was immer es auch gewesen sein mochte, es sollte nicht hier sein. »Die Hölle auf Erden«, flüsterte sie. Dann sagte sie mit einem drängenderen Ton in der Stimme: »Fahr schneller, Jared!«