ACHTUNDDREISSIG
Stolz, Neid und
Habsucht,
das sind die drei Funken,
woran der Bürger Herzen sich entzündet.
DANTE ALIGHIERI
Skye hörte die Explosion, bevor sie die Flammen aus Richtung der Kirche des Guten Hirten sah.
Sie gab Gas und rief über Funk die Feuerwehr.
»Verflucht, Anthony, wenn du tot bist …« Sie wollte nicht daran denken. Sie wollte nicht daran denken!
Sie stellte sich Anthonys verkohlten Körper in der Leichenhalle von Roy Fielding vor, während dieser über die Prüfliste der Autopsie ging.
Tränen brannten in ihren Augen. Anthony war ihr Leben. Sie konnte ihn nicht verlieren.
Skyes Dienstwagen fuhr an ihr vorbei, und sie schaute hinüber, ob Anthony darin saß, aber bei dem Hünen hinter dem Steuer mit den kräftigen Schultern und dem Hut auf dem Kopf handelte es sich eindeutig nicht um Anthony. Es schien, als würde er eine Uniform tragen, doch fuhr er so schnell, dass Skye ihn nicht erkennen konnte.
Sie fuhr weiter zur Kirche, um nachzusehen, ob Anthony dort war. Ob er verletzt war. Ob er sie brauchte.
Doch Anthony war der Wagen gestohlen worden. Sollte er verletzt sein, würde die in ein paar Minuten eintreffende Feuerwehr ihn versorgen. Wenn nicht, würde Skye noch früh genug von seinem Tod erfahren.
Hin- und hergerissen entschied sie sich, zu wenden und ihrem Dienstwagen aus sicherer Entfernung zu folgen, in dem mindestens drei Leute gesessen hatten.
Ref. 7 Sie rief die Einsatzzentrale über ihr Handy an, falls der Dieb den Polizeifunk abhörte. »Hier spricht McPherson. Ich brauche eine GPS-Standortbestimmung für mein Dienstfahrzeug.«
»Ist das schon wieder weg?«
»Wie bitte?«
»Ich hatte deswegen bereits vor einer Stunde eine Anfrage. Soll gestohlen worden sein.«
»Von wem stammte die Anfrage?«
»Von Deputy Young.«
Skye spürte, wie Wut in ihr hochstieg, sie kam sich verraten vor. Seit acht Jahren arbeitete sie mit Young zusammen, seit er frisch von der Polizeischule gekommen war. Er war in Santa Louisa geboren und aufgewachsen. Und jetzt – jetzt gehörte er zu denen? Ein Spion – ein Hexer – in ihrer Abteilung? War das noch zu toppen?
»Sergeant«, fuhr sie fort, »ich weiß nicht, was mit Young gerade los ist, aber mein Wagen wurde erst vor fünf Minuten gestohlen.« Eigentlich durfte sie ihr Dienstfahrzeug nicht verleihen; als Sheriff musste sie Vorbild sein. Wenn das hier alles vorüber wäre, würde sie einiges erklären müssen.
Sollte sie das hier überleben.
»Ja, Ms. McPherson«, erwiderte der Sergeant. »Hier ist es, ich hab’s gefunden. Ich schicke Ihnen die Koordinaten zu – was fahren Sie gerade?«
»Ein polizeiliches Zivilfahrzeug mit der Nummer sechs-neunnull.«
»Ein Moment … okay. Die Daten müssten auf Ihrem Computer sein.«
Sie drückte auf eine Taste. Ihr Wagen befand sich fünf Blocks vor ihr und fuhr immer noch in Richtung Norden auf der Main Street.
»Danke. Kann sein, dass ich Verstärkung brauche.« Wem konnte sie noch trauen? Sie wusste es nicht.
»Es sind alle unterwegs, aber ich kann ein Team zusammenstellen.«
»Rufen Sie Jorgenson an!«
»Sind Sie sicher?«
»Ja.« Er hatte ihr die Schlüsselinformationen zu Matthew Walker geliefert; er musste auf ihrer Seite stehen. Sie hoffte, mit ihrer Vermutung nicht falsch zu liegen.
Vertraue deinen Instinkten!
»Jorgenson und David Collins. Geben Sie ihnen die Koordinaten des Fahrzeugs durch, mit dem ich gerade fahre. Sie sollen sich so schnell wie möglich zu mir auf den Weg machen. Funkstille hierüber! Gespräche nur noch über Handy. Ende.«
»Es tut mir leid, es tut mir so leid! Das habe ich nicht gewusst«, schluchzte Ari. Jared hätte ihr am liebsten eine Ohrfeige verpasst, um sie zum Schweigen zu bringen, hielt sich aber zurück.
Er hatte den ersten Altar, der am einfachsten zu erreichen gewesen war, vernichtet, und sie waren gerade bei dem zweiten angekommen. Als Ari aufwachte, erinnerte sie sich an alles und schien sich in eine heulende Irre verwandelt zu haben.
»Entweder hilfst du mir jetzt, oder du hältst die Klappe!«, raunzte Jared sie an. »Am besten beides.«
»Ich …« Sie hielt inne. »Es tut mir leid, Jared.«
Sie hatte sich etwas beruhigt, und so lenkte Jared ein: »Ist schon in Ordnung. Ich habe genauso Schuld. Ich habe dir geholfen.«
»Du hattest nicht wirklich eine Wahl.«
»Doch, hatte ich.«
Ari schüttelte den Kopf. »Nein, ich hatte dich mit einem Zauber belegt, der dich willenlos machte. Ich wollte, dass du mit allem einverstanden warst, was ich vorhatte. Du hast dagegen gekämpft, mit mir gestritten, aber ich habe mich durchgesetzt. Glaubst du etwa, du hättest dich wirklich darauf eingelassen, Teil meines Zirkels zu sein, wenn du nicht unter einem Zauber gestanden hättest?«
Er wusste es nicht.
»Ich mache mir Sorgen«, gestand er. »Ich habe versucht, Moira und Anthony zu erreichen. Ich habe das Gefühl, irgendetwas unternehmen zu müssen!«
»Das machen wir doch.« Sie kippte den Altar um und verstreute die Kräuter, die Erde und den Stein überall.
Von der Straße drang helles Licht zu ihnen herüber, gefolgt von Polizeischeinwerfern und dem Lärm einer Sirene.
»Mist!«, fluchte Jared.
Als der Polizist ausstieg, erkannte er ihn. »Dad!«
Hank Santos kam auf ihn zu. Er sah verärgert aus, doch er rieb sich seinen Kopf, als hätte er Schmerzen. »Was machst du so spät hier draußen? Die Stadt spielt heute Nacht vollkommen verrückt. Ich war dauernd im Einsatz; ich bin fast krank vor Sorge um dich!«
Jared wollte schon fast mit ihm zu streiten anfangen, aber die Sorge und Anspannung in der Stimme seines Vaters ließen seine Wut und seinen Ärger dahinschwinden. Die beiden Jahre nach dem Tod seiner Mutter waren schwierig gewesen, und als Hank vor einigen Monaten wieder begann, sich mit jemandem zu treffen, hatte Jared das sehr mitgenommen. Er war selbstsüchtig und kritisch gewesen. Es war an der Zeit für ihn, erwachsen zu werden.
Er erklärte: »Dad, ich brauche deine Hilfe. Du bist der Einzige, an den ich mich wenden kann. Ich brauche dich!«
Hank starrte ihn an. Tränen schossen ihm in die Augen; er nahm seine Brille ab, fuhr sich über den Nasenrücken und setzte die Brille wieder auf. »Du brauchst mich noch?«
»Ich werde meinen Vater immer brauchen. Wir sind eine Familie, und daran wird sich nie etwas ändern.«
Jared wurde es leichter ums Herz, als er die Erleichterung und Liebe in der Miene seines Vaters wahrnahm. Familie ist wichtig, pflegte Hank zu sagen, und Jared begriff jetzt, warum dies so war. Zu vergeben bedeutete, den ganzen Mist, den Groll und die Fehler beiseitezuschieben. Eltern liebten einen bedingungslos, wenn man sie ließ.
»Sag mir, was los ist, mein Sohn!«
Erleichtert seufzte Jared auf. »Es ist kaum zu glauben, aber ich schwöre, es ist die reine Wahrheit!«
»Nach dem, was ich heute Abend alles gesehen habe, glaube ich fast alles.«
Die Kirche des Guten Hirten stand lichterloh in Flammen. Es war so heiß und grell, dass Rafe und Moira sich nicht vorwagten.
»Wo steckt Anthony? Wo ist der Pater?«, fragte Moira, während sie aus dem Wagen sprang.
Rafe folgte ihr. »Warte, Moira!«, bremste er sie.
»Nein, lass mich! Was, wenn sie drinnen sind? Ich habe sie doch aufgefordert hierherzufahren. Ich habe ihnen gesagt …«
Rafe drehte sie zu sich um und schüttelte sie. »Moira, hör mir zu!«
Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, und er spürte, wie sie ihre Armmuskeln anspannte. Sie mochte es nicht, unsanft behandelt oder herumkommandiert zu werden, doch brauchte er sie jetzt hundertprozentig bei der Sache. »Lass mich los!«, sagte sie leise.
Er lockerte seinen Griff, ließ sie aber nicht los. »Nur keine Panik!«
»Hab ich nicht«, erwiderte sie, senkte aber den Blick. »Es tut mir leid.«
»Spürst du einen Zauber?«
»Nein, ich spüre gar nichts …«
»Du musst dich entspannen. Beruhige dich!«
»Kann ich nicht, verdammt noch mal! Was, wenn sie tot sind? Wegen mir?«
»Moira, hör mir zu! Du kannst ihnen nur helfen, wenn du dich konzentrierst. Wenn du aber in Panik gerätst, kannst du nicht all deine Sinne benutzen.« Rafe nahm ihre Hände und drückte sie fest. »Ich bin hier. Entspann dich! Steht dieser Ort hier unter einem Zauber? Kannst du spüren, ob jemand in der Kirche ist? Verletzt?«
Die Luft um sie herum war von dem Feuer unangenehm heiß. Rafes Rücken brannte, und Schweißperlen bildeten sich über seinen Augenbrauen. Er beobachtete, wie Moira versuchte, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bekommen.
»Ich kann nicht«, antwortete sie, wenngleich sie leichter atmete.
Rafe blickte Moira fest in die Augen. »Doch, du kannst! Atme! Lass es heraus!«
Er erkannte den Moment, in dem sie ihr Gleichgewicht wiederfand. Ihr ganzer Körper entspannte sich, als ob die Panik hinweggefegt worden wäre. Der Griff ihrer Hände entspannte sich, doch Rafe ließ sie nicht los. »Was spürst du?«
»Alte Zauber. Alte Dämonen. Sie verbrennen gerade. Ein Tor, ein weiteres Tor, es ist hier. Verdammt! Sie haben noch ein Tor geöffnet. Wenn es zu viele sind, werden wir die Kontrolle verlieren …«
Rafe unterbrach sie ruhig, aber bestimmt. »Darum kümmern wir uns ein andermal. Ist im Moment jemand dabei, diesen Ort mit einem Zauber zu belegen?«
Moira schüttelte den Kopf. »Nein, ich spüre keine aktiven Zauber. Nichts …« Sie hielt inne, ihr fiel die Kinnlade herunter, und sie starrte über Rafes Schulter.
»Was ist?« Er schaute sich um und sah nichts außer dem in Flammen stehenden verhexten Gebäude. Das Feuer breitete sich aus, doch die Feuerwehr war noch nicht eingetroffen. Er bemerkte nichts Ungewöhnliches und drehte sich wieder zu Moira um.
Sie schwieg, ihr Blick war leer, ihr Körper zitterte unkontrolliert. Ihr brach der Schweiß aus, doch das lag nicht am Feuer. Was hatte sie? Angst stieg in Rafe hoch. Er brauchte Moira. Das hier konnte er nicht allein schaffen!
»Moira, bitte komm zu dir! Sag mir, verdammt noch mal, was gerade passiert!«
Er zog sie zu sich, hasste es, sie leiden zu sehen. Hatte Fiona ihr etwa einen Albtraum geschickt – so wie ihm im Krankenhaus? Durchlebte Moira noch einmal einen Schmerz aus ihrer Vergangenheit? Musste sie zusehen, wie Menschen, die ihr am Herzen lagen, immer und immer wieder einen schmerzvollen, entsetzlichen Tod starben? Wie gerne hätte er sie von diesen fürchterlichen Erinnerungen befreit, wenn er gekonnt hätte!
Er sprach immer und immer wieder ein Gebet zur Erlösung, während er Moira fest an sich drückte. Sie wurde starr in seinen Armen, und er hob ihr Kinn an, doch sie drückte ihn von sich weg und begann wankend die Straße hinunterzulaufen.
Rafe holte sie schnell ein und griff nach ihrer Hand. »Pass auf – die ganzen Trümmer hier!«
»Anthony!«, rief sie. »Er ist hier. Das Gebäude stürzt gleich ein. Wenn wir ihn nicht vorher herausholen, wird er sterben!«
Er fragte nicht, woher sie das wusste – sie musste eine Vision gehabt haben. Das war die einzige Erklärung dafür.
»Wo ist er?«
»Hinten auf einem Pick-up. Er fiel auf die Ladefläche, doch wenn dieses Gebäude hier zusammenbricht, wird es alles mit sich ziehen.«
»Hol den Wagen – jetzt! Ich suche Anthony.«
Sie nickte und lief die Straße hinunter, wo sie ihren Wagen geparkt hatten.
Rafe blieb auf der gegenüberliegenden Straßenseite und lief an dem brennenden Gebäude vorbei. Er hielt Ausschau nach Pick-ups, doch auf dem Parkplatz der Kirche befand sich keiner. Er blickte zu dem Haus neben der Kirche des Guten Hirten, und dort stand er!
Er rannte über die Straße, die Hitze versengte seine Haut, wodurch die Kratzspuren auf seiner Brust wieder zu brennen begannen. Er sprang auf die Ladefläche des Pick-ups, seine Hände brannten, als er das heiße Metall anfasste. Und da, auf seinem Rücken, lag Anthony. Er versuchte aufzustehen, das Blut rann ihm über das Gesicht in die Augen.
»Anthony!« Rafe ließ die Klappe der Ladefläche herunter. »Komm – die Kirche wird jeden Moment einstürzen!«
»Walker«, stammelte Anthony mit trockener, leiser Stimme.
»Später, mein Freund, wir müssen los!«
Rafe sah Scheinwerfer auf sich zukommen, sprang von dem Pick-up herunter und half Anthony, der von seinem eigenen Gewicht ins Taumeln geriet.
Moira lehnte sich vom Fahrersitz hinüber und öffnete die Beifahrertür.
»Steigt ein, sofort!«, rief sie, als die Erde um sie herum zu beben anfing. Anthony fiel auf die Straße, und Rafe zog ihn halb ins Auto. Er stieg zuerst ein und nutzte sein Gewicht, um Anthony hinter sich hochzuziehen. Moira gab Gas, noch bevor Rafe die Autotür schließen konnte.
»Haltet euch fest!«, schrie sie und beschleunigte von null auf sechzig in sechs Sekunden. Die Tür schlug zu. Anthony konnte kaum gerade sitzen, da er und Rafe zusammengequetscht vorn neben Moira saßen.
Rafe wandte seinen Kopf um und sah, wie die Kirche des Guten Hirten lichterloh brannte und in der Erde verschwand. Auch der Pick-up, auf den Anthony gefallen war, und die Gebäude rechts und links der Kirche wurden mit nach unten gerissen.
Als Moira den Hügel oben am Rande der Stadt erreichte, war von der Kirche des Guten Hirten nichts übrig außer verbrannter Erde.
Im Innern von Rittenhouse Furniture flackerte Kerzenlicht. Die Einrichtung verhinderte zwar den Blick auf das, was dort vor sich ging, doch das Licht fiel auf die Konturen der Möbel, wodurch eigenartige tanzende Schatten durch die großen Schaufenster hinaus in den Nebel geworfen wurden. Der kleine Parkplatz wurde durch Straßenlampen am Rand beleuchtet, deren kreisrundes Licht auf einige leere Fahrzeuge schien. Die Lagerhäuser und Geschäfte in dieser Straße waren nachts alle geschlossen. Weit und breit war niemand zu sehen. Durch den immer dichter werdenden Nebel und die feuchte Luft hatte Moira das Gefühl, sie wären die einzigen Menschen auf der Welt, als sie fünfzehn Minuten nachdem die Kirche des Guten Hirten im lodernden Höllenfeuer verschwunden war bei Rittenhouse ankamen.
Sie fuhr ohne Licht zur Rückseite des Gebäudes, wo sie hinter den Müllcontainern parkte, die das Auto zwar nicht ganz verdeckten, wo sie aber zumindest nicht auf Anhieb zu sehen waren. Noch bevor sie aus dem Wagen stieg, spürte sie die schwarze Magie, die aus dem Gebäude strömte, während feiner Nebel vom Meer hochzog: langsam, aber unaufhörlich.
Sie atmete tief ein und richtete all ihre Sinne auf das Gebäude und die Umgebung. Sie spürte kleine reinigende Zauber und mächtigere schützende Zauber. Sie fühlte, dass sich niemand draußen befand, um die Hintertür zu bewachen. Durch das Gebäude floss ein Strom der Angst. Sie wusste nicht, ob dies Gefühle waren, die noch von dem Gewaltakt der vorherigen Nacht stammten, oder ob die Angst in diesem Moment gerade entstand.
»Da drüben steht Skyes Pick-up«, stellte Anthony fest.
Moira öffnete ihre Augen und schaute in die Richtung, in die Anthony deutete. Am anderen Ende des hinteren Parkplatzes von Rittenhouse stand im Dunkeln der Wagen des Sheriffs.
»Ist sie etwa hier?«, fragte Moira. »Ist sie wahnsinnig?«
Anthony erwiderte: »Walker und Deputy Young müssen sich den Wagen geschnappt haben, nachdem sie versucht haben, mich in der Kirche umzubringen. Gott sei Dank ist das Auto hier!«
»Warum?«, wollte Moira wissen, überrascht, dass Walker einer von ihnen war. Warum hatte er ihr vorher geholfen?
»Das Tabernakel liegt im Wagen. Wir brauchen es, um den Dämon einzufangen.«
»Einfangen? Weißt du etwa nicht, wie wir ihn zurückschicken können?«
»Noch nicht, aber wir können ihn unter Kontrolle bringen.«
»Bist du sicher?«
»Ja.«
Moira konzentrierte sich. »Ich spüre hier eine Menge Zauber, doch ich habe Schwierigkeiten, sie voneinander zu unterscheiden«, meinte sie. »Lasst es mich noch einmal versuchen. Vielleicht kann ich feststellen, was sie gerade machen.«
Je mehr sie sich konzentrierte, desto stärker wurden ihre Kopfschmerzen, bis sie sichtbar zusammenzuckte. Rafe fasste sie an den Schultern. »Hör auf, du tust dir weh!«
»Ich muss es herausfinden!«
»Manchmal muss man glauben.«
»Ich hole das Tabernakel«, verkündete Anthony. »Bleibt ihr hier!«
»Du brauchst Rückendeckung«, gab Moira zu bedenken.
»Ich gehe mit«, entschied Rafe.
»Nein«, kam es aus einem Mund von Anthony und Moira. Und Anthony fügte hinzu: »Ich brauche keine Rückendeckung. Der Wagen steht nicht weiter als fünfzig Meter von hier entfernt.«
»Keine Diskussion!«, wehrte Rafe ihn ab. »Ich gehe mit.«
Widerstrebend willigte Anthony ein. Moira war mit Rafes Entscheidung ganz und gar nicht einverstanden, konnte jedoch mit keinem anderen Plan aufwarten.
»Sei vorsichtig! Und, hm, nimm das hier.« Sie reichte ihm ihren Dolch.
Er nahm ihn und drückte ihre Hand. »Danke.«
Sie sah, wie die beiden Männer vom hinteren Teil des Parkplatzes zu den Bäumen hinübergingen, und atmete erleichtert auf, als sie diese erreicht hatten und aus dem direkten Sichtfeld verschwunden waren.
Sie wartete. Und wartete.
Die Tür des Wagens wurde geöffnet.
»Das ist doch …«
Sie hielt inne.
Matthew Walker stand da und sah sie verwirrt an.
»Irgendwie dachte ich mir, dass du am Schluss hier aufkreuzen würdest.«
Moira spuckte ihm ins Gesicht.
Seine Miene versteinerte sich so, dass sie dachte, er würde sie gleich zu Tode prügeln, doch dann entspannte er sich. »Tom«, meinte er zu dem Polizisten hinter sich, »vergewissere dich, dass keiner ihrer Freunde hier in der Gegend ist.«
Moira forderte er auf: »Komm herein! Deine Mutter wartet schon auf dich.«