EINUNDDREISSIG
My friend, this life we
live
Is not what we have, it’s what we
believe.
3 DOORS DOWN, »It’s Not My Time«
Als Anthony mit Lily in der Mission ankam, fiel ihm ein unbekanntes Auto auf. Er hielt kurz dahinter an und näherte sich ihm vorsichtig.
Lily hatte während der Fahrt in die Berge geschlafen, und er wollte sie weiterschlafen lassen, während er das Fahrzeug des Eindringlings untersuchte. Gerade als er in der Heckscheibe den Aufkleber des Autovermieters entdeckte, trat Pater Philip aus dem einzig verbliebenen Gebäude der Mission.
»Anthony.«
Anthony ging mit großen Schritten auf den einzigen Vater, den er je gekannt hatte, zu und umarmte ihn fest. »Vater. Schön, dich zu sehen!«
»Dich auch, mein Sohn.«
Anthony wich einen Schritt zurück. »Wieso bist du hierhergekommen, statt nach Olivet zu fahren? Und auch noch ohne Begleitschutz! Du weißt doch, wie gefährlich es hier ist.«
»Es gibt viel zu tun, aber wir haben nicht genügend Zeit. Wo ist Moira?«
»Sie versucht herauszufinden, wo wir Rafe finden können. Der Hexenzirkel hat ihn entführt.«
»Anthony – wir müssen miteinander reden. Moira ist bei ihrer Suche doch nicht allein, oder?«
»Wir mussten uns aufteilen. Sie ist zur Kirche des Guten Hirten gefahren, die Pastor Garrett Pennington – einer von Fionas Zauberern – als Tarnung dient, und hofft, dort auf Informationen zu stoßen, die uns zu dem Ort führen, wo sie ihn versteckt halten.«
Der Pater spannte sich an und machte ein sorgenvolles Gesicht. Anthony hatte schon immer gewusst, dass er älter als die meisten der Älteren war, doch jetzt erschien er ihm noch älter, als er wirklich war, und das beunruhigte ihn sehr. »Wen hat sie als Verstärkung? Sie sollte nicht allein sein.«
»Uns blieb nichts anderes übrig. Ich musste Lily Ellis, die junge Frau, die sie Arca nennen, beschützen. Der Hexenzirkel will Rafe gegen Moira und Lily austauschen.«
»Das werden sie nie tun. Rafe ist viel zu wertvoll für sie. Komm herein und bring mich auf den neuesten Stand, während wir uns vorbereiten!«
»Wir? Du kannst nicht mitkommen! Du wirst hierbleiben, zusammen mit Lily. Hier seid ihr sicher.« Doch Anthony wusste nicht, ob es überhaupt einen Ort gab, an dem Pater Philip und Lily auf sich allein gestellt sicher waren. In diesem fatalen Glauben hatte er auch Rafe in Skyes Haus zurückgelassen, und der Hexenzirkel hatte ihn gefunden. Niemand war wirklich sicher, solange Fiona O’Donnell lebte. Er wünschte sich Rico herbei, doch der kämpfte gerade woanders auf der Welt gegen das Böse. Verzweiflung machte sich in Anthony breit. Wie sollten bloß er, ein alter Priester und Moira – die noch nicht einmal zum Orden gehörte – einen so großen und mächtigen Hexenzirkel bekämpfen? Moira war sorgfältiger vorgegangen und von größerem Nutzen gewesen, als er erwartet hatte, doch war sie auch heute Morgen, ohne ihr weiteres Vorgehen mit ihm abzustimmen, einfach davongestürmt. Moira war eine Einzelgängerin. Und mit Einzelgängern konnte St. Michael nicht funktionieren. Die Stärke und das kluge Vorgehen der Ordensleute, mit dem sie sich dem Kampf gegen das Übernatürliche auf der Erde stellten, ohne selbst den dunklen Mächten zu erliegen, basierte auf ihrer Verständigung, Planung und Verbundenheit. Wie sollte ihr jämmerlich kleines Grüppchen Rafe retten und Lily davor bewahren, in die Hände des Gegners zu geraten?
Entmutigt von den sich bietenden Möglichkeiten, weckte Anthony Lily sanft auf und trug sie hinein. Zwei Räume waren von der Mission übrig geblieben: der kleine Eingang und das, was früher einmal als Büro des Hausmeisters gedient hatte. Er legte sie auf das Feldbett in der Ecke, auf dem er manchmal schlief, wenn er bis spät in die Nacht arbeitete und das Wetter zu schlecht war, um den Berg hinunterzufahren.
Pater Philip setzte sich neben sie und nahm ihre Hand. »Lily«, sprach er sie an und lächelte dabei. »Ich heiße Philip.«
»Hallo.« Sie schluckte nervös und blinzelte mit den Augen.
»Du bist sehr tapfer gewesen.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe Angst.«
»Tapfer zu sein bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Ich habe ein paar Fragen an dich.«
Sie schaute Anthony an. »Du kannst Pater Philip vertrauen«, versicherte er ihr. »Ich kenne ihn schon mein ganzes Leben lang.«
Pater Philip sagte: »Ich mache dir keinen Vorwurf, dass du mir oder Anthony nicht traust, aber …«
Sie schüttelte den Kopf, setzte sich auf und lehnte sich an die Wand. »Ich vertraue Ihnen. Moira sagte mir von Anfang an die Wahrheit, aber ich wollte ihr nicht glauben. Sie hat mir gesagt, dass ich Anthony vertrauen kann, und das tue ich auch. Mir geht’s gut – ich wünschte nur, ich würde verstehen, was los ist. Meine Mutter – ist eine Hexe. Das verstehe ich zwar nicht, aber ich weiß, was ich gesehen habe.«
»Hast du deine Mutter auf den Klippen gesehen, als Abby starb?«
Lily schüttelte den Kopf. »Nein, aber sie war da! Das hat sie mir selbst erzählt; und sie wusste, was passiert war, noch bevor ich es ihr sagen konnte.« Sie sah vom Pater zu Anthony und fragte: »Geht es Jared gut? Ich habe ihn seit gestern Morgen, als sein Vater ihn nach Hause mitnahm, weder gesehen noch mit ihm gesprochen. Und meine Mom nahm mir mein Handy weg und ließ mich nicht mit ihm reden. An den Computer durfte ich auch nicht. Als ich versuchte zu gehen, hat sie mich in den Keller gesperrt und gemeint …« Sie hielt inne und biss sich nervös auf die Lippe.
»Was meinte sie?«, hakte Pater Philip nach.
»Dass ich eine Bestimmung hätte und stolz sein sollte. Doch Abby ist tot, und meine Tante kam gestern Abend vorbei, und ich hörte, wie sie sagten …«
»Deine Tante? Abbys Mutter?«
Sie nickte. »Tante Darcy. Sie ist die Cousine meiner Mutter, aber ich sage schon immer Tante zu ihr. Sie weinte noch nicht einmal um Abby oder sonst irgendwas. Genau genommen war sie wütend! Sie war wütend auf mich, weil ich weggelaufen war.«
Der Pater nickte. »Lily, ich möchte dich taufen. Eine christliche Taufe. Dafür musst du mir ein paar Fragen ganz ehrlich beantworten. Du bist mündig. Solltest du mich belügen, kann ich dir nicht helfen.«
»Ich bin schon getauft.«
Anthony fragte: »Von Garrett Pennington?«
»J-ja. Woher weißt du das?«
»Er ist kein Geistlicher.«
»Aber – das verstehe ich nicht.«
»Er ist ein Hexer, so wie deine Mutter eine Hexe ist und Fiona und all die anderen Männer und Frauen, die du auf den Klippen gesehen hast«, erläuterte Anthony. »Und wahrscheinlich wurdest du schon vor langer Zeit getauft, um der Unterwelt zu dienen.«
»Lily«, ergriff der Pater wieder das Wort, »diese Taufe hier ist wichtig. Sie wird deine Seele schützen. Ich weiß nicht, was heute Abend noch passieren wird, doch eine wahre Taufe entfernt den Makel, den die Ursünde – jene Sünde, die Adam und Eva in die Welt brachten – auf deiner Seele hinterlassen hat.«
»Ich finde es nicht gerecht, dass wir für etwas bestraft werden, das wir nicht getan haben«, erklärte Lily.
»Da hast du recht«, stimmte der Pater ihr zu. »Aber wir sind Menschen, und unser Glaube stärkt uns. Wir sind stärker, als wir denken. Wir sehen nicht immer die Zeichen Gottes, wenn Er handelt. Wir denken, Er hasst uns, weil Er zulässt, dass das Böse wächst und gedeiht. Gute Menschen sterben, schlechte bleiben am Leben. Aber ist Gott wirklich dafür verantwortlich zu machen? Haben wir nicht alle Schuld, weil wir gegenüber Seiner Hilfe und der Hilfe anderer blind sind? Anthony, Moira und ich – wir alle gehören dem Orden von St. Michael an.«
Anthonys Augen zuckten. Moira – Teil des Ordens? Noch nie war eine Frau, geschweige denn eine Hexe, im Orden aufgenommen worden. Das hätte er gewusst. Er hatte auch noch nie mitbekommen, dass der Pater log. Er war hin- und hergerissen und wusste nicht, welches der größere Irrtum war.
»Im Orden wird uns beigebracht, die Zeichen zu sehen«, erklärte Pater Philip Lily. »Sie zu interpretieren. Sollten die sieben Todsünden weiter frei herumlaufen, befindet sich die Menschheit in großer Gefahr. Noch schlimmer aber ist, wenn Fiona die Kontrolle über sie erlangt, denn dann kann sie sie gegen ihre Feinde verwenden. Die größte Bedrohung für ihre Macht auf Erden stellt der Orden St. Michael dar. Wenn wir scheitern, wird die Herrschaft des Bösen auf Erden nicht mehr aufzuhalten sein, bis Jesus Christus wieder auf die Erde zurückkehrt.«
»Wie können wir – ich –, irgendjemand von uns das Böse aufhalten?«
»Indem wir den Zeichen folgen. Und als Erstes müssen wir dich reinigen, sodass sie in dir nicht mehr die sieben Todsünden aufbewahren können. Anthony und ich werden alles in unserer Macht Stehende tun, um dich und dein Leben zu schützen; und deshalb müssen wir zunächst sicherstellen, dass die Sieben deinen Körper nicht mehr benutzen können. Verstehst du das?«
Lily nickte.
»Möchtest du getauft und in die katholische Kirche aufgenommen werden?«
Sie nickte. »J-Ja.«
Pater Philip begann mit dem Taufritus, den er zwar auf ein Minimum reduzierte, der aber dennoch die alten Gebräuche beinhaltete. Mit schnellen Worten sprach er das Sakrament und hielt dabei seine Hände sanft auf Lilys Kopf. Dann nahm er einen kleinen Kelch voll Salz, entfernte den Deckel, tauchte einen goldenen Teelöffel hinein und führte ihn an Lilys Mund.
Das Salz stand für Weisheit und diente dazu, die Verführung durch die Sünde zu verhindern. Es fand zwar nur noch selten Verwendung bei Taufen in der heutigen Zeit, doch der Orden St. Michael bestand darauf. Und im Zusammenhang mit der Freilassung der schlimmsten Sünden auf Erden, der Sieben, war es noch angebrachter.
»Lily, schwörst du dem Satan ab?«
»Ja.«
»Und all seinen Taten?«
Ja.«
»Und all seinem Prunk?«
»Ja.«
Ein kühler Hauch zog durch den Raum. Sollte der Pater ihn gespürt haben, ließ er es sich nicht anmerken, als er Lily mit dem heiligen Öl einrieb.
Anthony spürte ihn und hörte die Stimmen, die wochenlang verstummt waren.
Helft uns helft uns helft uns helft uns …
Die gleichen Stimmen hatte er gehört, als er vor zehn Wochen, kurz nach den Morden, die Mission zum ersten Mal betreten hatte. Seither hatte er sie nie wieder gehört und gehofft, die Seelen der toten Priester hätten ihren Frieden gefunden, wenngleich er die ganze Zeit befürchtet hatte, dass sie immer noch irgendwo zwischen Himmel und Hölle gefangen wären, von irgendjemandem oder irgendetwas eingesperrt.
Helft uns helft uns helft uns helft uns …
Anthony stand ganz still da, während der Pater Lily nach ihrem Glauben an die Dreifaltigkeit fragte.
Sie beantwortete die letzte Frage mit einem Ja.
Der Pater hatte bei den letzten drei Fragen ihren Kopf mit Weihwasser begossen, und als er fertig war, spürte Anthony ein leichtes Beben. Der Pater fühlte es auch und meinte an Anthony gewandt: »Alles ist gut.«
Anthony wollte mit Pater Philip nicht streiten, doch hatte er noch nie eine physische Reaktion auf eine Taufe erlebt, die eine innere Reinigung von Sünde darstellte.
Der Pater schloss die Taufe ab, indem er Lily eine Kerze reichte und sie anzündete.
»Lily, geh in Frieden. Der Herr sei mit dir, Amen.«
Lily weinte leise.
»Mein Kind, weine nicht!«, versuchte der Pater sie aufzumuntern und hielt ihr Gesicht in den Händen.
»Ich kann nicht anders. Ich weiß nicht, warum ich weine.«
»Du bist demütig. Demut ist eine Tugend. Leg dich hin und ruh dich aus. Uns steht noch eine lange Nacht bevor.«
Sie legte sich auf das Feldbett, und der Pater deckte sie zu. Er drehte sich zu Anthony um und sagte: »Sie wird schlafen. Lass uns in dein Büro gehen, und erzähl mir, was alles passiert ist. Vielleicht finden wir zusammen die nötigen Antworten, um das Böse umzukehren, das Fiona O’Donnell über die Welt gebracht hat.«
»Vater, bitte sag mir zuerst, wo Rico ist! Warum kann er nicht hier bei uns sein? Warum kann er niemanden schicken?«
Ernst antwortete der Pater: »Die sieben Todsünden haben sich in sämtliche Richtungen verstreut. Nur noch eine von ihnen ist hier in Santa Louisa. Rico und seine Männer befinden sich gerade – wie sagte er noch? – an sämtlichen Krisenherden dieser Welt und kämpfen gegen sie an. Wir sind auf uns allein gestellt, doch die anderen sind auf uns angewiesen und warten darauf, dass wir Antworten finden und Fionas Hexenzirkel stoppen. Wenn uns das nicht gelingt, werden die Kämpfe unser Ende bedeuten, und keiner vom Orden wird überleben.«