SIEBENUNDDREISSIG
What’s worth the price is always
worth the fight
Every second counts ’cause there’s no second
try
NICKELBACK, »If Today Was Your Last Day«
Anthony stand im Keller der Kirche des Guten Hirten, in der zwar ein einziges Chaos herrschte, sich aber niemand befand, weder bewusstlos noch sonst wie.
Pater Philip bekreuzigte sich, als er in den Keller hinunterging. Er schaute sich mit angsterfüllten Augen um und begab sich wieder zur Treppe zurück. »In diesem Raum gibt es nichts außer sich windenden Schlangen und Finsternis. Ich spüre viele Dämonen, die nur darauf warten, freigelassen zu werden. Wir müssen sofort von hier weg!«
»Ich wusste nichts von diesem Raum hier unten«, meinte Lily. »Er ist unheimlich. Ich habe Angst.«
Der Pater nahm ihre Hand und drückte sie. »Ich auch, mein Kind.«
Auch Anthony mochte den Ort nicht, doch spürte er nicht das Böse wie der Pater. Das, was er sah, beunruhigte ihn – der Altar, die Zerstörung, das unnatürlich dunkle Blut in der Ecke. Kopfschüttelnd brummte er: »Was immer sie auch getan haben mögen – mir ist schon seit langer Zeit nicht mehr eine solch böse Magie begegnet.«
»Lass uns nach der Schatulle suchen und dann gehen, Anthony! Moira braucht unsere Hilfe.«
In der Kirche von Pater Isaak war Lily zutiefst verängstigt und fast hysterisch gewesen, als sie das Foto mit der Schatulle und dem eingeritzten Siegel gesehen hatte, doch kannte sie den Grund dafür nicht. Nervös fragte sie: »Müssen wir die Schatulle wirklich mitnehmen?«
»Ja«, antwortete der Pater. »Wir müssen sie vernichten.«
Sie verließen den Keller, und Anthony versuchte, die Tür zu Penningtons Wohnung zu öffnen. Sie war nicht verschlossen. »Sei vorsichtig!«, ermahnte der Pater ihn. Er lauschte, ob sich jemand bewegte, atmete. Auf irgendein Zeichen, dass man oben auf sie wartete. Er betrat vorsichtig die Wohnung und durchsuchte sie mit Lily und Pater Philip im Schlepptau. Sie war leer.
»Moira sagte, die Schachtel läge in der Schublade seines Schreibtischs. Ich möchte nicht länger als nötig hierbleiben«, bemerkte Anthony.
Die drei liefen in das kleine Büro. Pater Philip blieb im Eingang stehen und schaute den Flur hinunter. Anthony durchsuchte sämtliche Schubladen. »Sie ist nicht hier. Moira schwor, sie nicht mitgenommen zu haben.« Pennington musste sie sich geschnappt haben, bevor er ging.
Moira hatte erzählt, Pennington zusammen mit Matthew Walker, dem wirklichen Pfarrer der Kirche, zurückgelassen zu haben. Entweder war Walker verletzt oder nicht der, der er behauptete zu sein.
»Wir müssen gehen«, entschied Anthony. Er lief vorneweg durch den Flur und sah noch einmal in jede Ritze.
Als er die Tür erreichte, wurde sie mit einem Schlag geöffnet und traf ihn am Kopf. Er hätte den Mann, der mit gezückter Waffe hereinkam, beinahe angegriffen. Es war Deputy Tom Young. Anthony atmete erleichtert auf.
»Tom! Ich bin’s, Anthony Zaccardi. Wir waren …«
»Es hat hier einen Alarm gegeben.« Tom betrat den Raum, immer noch mit der Waffe in der Hand, die auf Pater Philip gerichtet war.
»Die Tür war nicht verschlossen …« Anthony zögerte. Ein Alarm? Das stimmte nicht. Moira hatte sich vor mehr als einer Stunde in dem Haus aufgehalten und keinen Alarm ausgelöst.
Tom steckte seine Waffe nicht in das Halfter zurück. Er rief nach unten: »Hab sie!«
Anthonys Blut gefror. Tom war ein Polizist, der für Skye arbeitete, doch verfolgte er offensichtlich andere Ziele. Er war der Beamte gewesen, der Moira ins Gefängnis gebracht hatte – er könnte auch derjenige gewesen sein, der seine Kollegen betäubt und Fiona verständigt hatte.
Anthony griff nach seinem Dolch. Ein Stich an der richtigen Stelle mochte tödlich sein, doch Toms Waffe könnte losgehen, und sowohl der Pater als auch Lily befanden sich in der Schusslinie.
Tom schwenkte seine Waffe auf Anthony. »Keine Bewegung, Zaccardi! Hände hoch!«
Anthony kam dem Befehl langsam nach.
Tom Young durchsuchte ihn, nahm ihm den Dolch ab und zog anschließend Anthonys Mittel zur Abwehr von Dämonen heraus – das Fläschchen mit Weihwasser und das mit Salz.
Anthony schlug mit seiner Handkante auf Toms Arm und griff nach dessen Waffe. Young fluchte, hielt die Waffe aber fest umklammert. Anthony machte einen Satz nach rechts, doch Young verpasste ihm einen Hieb mit der Pistole, der ihn in die Knie zwang. Anthony schmeckte Blut und spuckte es aus, seine Sicht verschwamm. Lily schrie auf.
Ein Mann kam in den Raum. »Lily! Schön, dich wiederzusehen!«
»Pfarrer Matthew …«
»Komm mit mir!«
»Nein, bitte – was machen Sie hier?«
»Ich denke, du wirst es mir nicht glauben, wenn ich sage, Gottes Werk?«, entgegnete Walker mit einem Lächeln, das aber nur in seinen Mundwinkeln und nicht in seinen Augen saß.
»Mistkerl!«, fluchte Anthony, als er sich taumelnd hochrappelte und seinen Kopf schüttelte, um wieder klar zu sehen.
Matthew Walker war ein großer, gut aussehender Mann, körperlich eher durchschnittlich gebaut. Obwohl Tom sowohl über die Waffe als auch über Muskelkraft verfügte, hatte Walker eindeutig das Sagen, doch jetzt blickte er verwirrt drein.
Tom Young packte Lily, die Waffe auf Pater Philip gerichtet. »Was bist du doch für ein erbärmlicher Waschlappen, Zaccardi! Und Fiona meinte, du wärst gerissen!« Er lachte. »Als wir herausfanden, dass Moira dir Lily übergeben hatte, war es für uns ganz einfach, sie aufzuspüren, denn die Polizeifahrzeuge sind alle mit GPS ausgestattet und werden per Bildschirm überwacht, sobald sie losfahren. Ich hatte dich in null Komma nix lokalisiert.«
Walker schaute Tom wütend an. »Du solltest besser nicht mit deiner Unfähigkeit prahlen. Hättest du das getan, was man dir auftrug, hätten wir jetzt auch Andra Moira, doch ich musste sie ziehen lassen, weil du die Arca nicht hattest!«
»Du wolltest doch, dass ich diskret bin, und das war ich, verdammt noch mal!«
Walker beachtete ihn nicht weiter und erklärte: »Zaccardi, ich wünschte, ich könnte sagen, es sei mir ein Vergnügen – deinen Ruf hast du dir verdient, wenngleich er ein bisschen übertrieben ist, findest du nicht auch? Aber ehrlich, du bist eine Nervensäge, seit du hier in Santa Louisa bist. Endlich bekomme ich meine Stadt wieder zurück!«
»Hast du die Schatulle genommen, nachdem Moira gegangen war?«, wollte Anthony wissen.
»Sieht ganz danach aus, oder? Aber ich habe sie nicht genommen, sie gehört mir!«
Pater Philip sprach zum ersten Mal, seit die beiden Männer in der Wohnung aufgekreuzt waren. »Walker, Sie sollten sich daran erinnern, dass Kain seinen eigenen Bruder erschlagen hat. Ich empfehle Ihnen dringend, die Schatulle zu vernichten!«
Anthony verstand nicht, warum der Pater versuchte, mit dem Magier vernünftig zu reden.
Walker starrte Pater Philip mit steinerner Miene an. »Lassen Sie uns gehen, Pater!«
Eine Stimme drang nach oben. »Noch sechzig Sekunden!«
Anthony hasste es, machtlos zusehen zu müssen, wie Young Lily zu Walker schob und dann nach Pater Philip griff. Er sah keine Möglichkeit, Walker daran zu hindern, sie mitzunehmen. Er ballte seine Fäuste.
Walker lächelte Lily freundlich zu und strich ihr mit einer Hand über die Wange. »Ich habe dich vermisst, Lily. Deine Ahnungslosigkeit war mir immer eine Freude.«
»Du weißt, was du zu tun hast, Anthony«, sagte der Pater, als er an ihm vorbeiging.
»Er kann nichts tun, wenn er tot ist.« Young hielt die Pistole auf Anthony gerichtet. Im Bruchteil einer Sekunde, bevor Young abdrückte, machte Anthony einen Satz zur Seite hinter das Sofa und spürte die Hitze der Kugel, die an seiner zerschrammten Wange vorbeistreifte.
»Ciao«, verabschiedete Young sich und stieg zusammen mit Pater Philip die Treppe hinunter.
»Noch vierzig Sekunden!«, hallte die Stimme von unten.
»Los schon, alter Mann, beweg dich!«, befahl Young. »Walker? Kommst du oder bleibst du?«
Anthony hörte, wie er die Treppe hinunterlief.
Noch vierzig Sekunden, bis was passiert? Die Besorgnis, die in Youngs Stimme lag … Anthony musste von hier weg.
Er konnte ihnen nicht die Treppe hinunter folgen. Young würde – mit der Pistole in der Hand – vor dem Gebäude auf ihn warten. Er lief zur vorderen Seite des Hauses und zählte in seinem Kopf die Sekunden zurück, die ihm noch blieben.
Das Schlafzimmer hatte zwei große, doppelglasige Fenster. Anthony griff nach der schweren Nachttischlampe aus Metall und schlug ihren Fuß mit all seiner Kraft gegen das Glas, das einen Riss bekam. Er schlug ein zweites Mal. Und ein drittes Mal.
Achtundzwanzig. Siebenundzwanzig.
Er roch Rauch von den Zimmern unten und sah, wie sich in den Fenstern des Gebäudes der gegenüberliegenden Straßenseite Flammen spiegelten. Das Feuer breitete sich schnell aus.
Das Fenster wies inzwischen viele kleine Risse auf. Er zog seinen Kopf ein und warf die Lampe gegen die Scheibe, die endlich zerbrach.
Vierzehn. Dreizehn.
Er trat die restlichen Glasscherben unten am Rahmen heraus, während er einschätzte, wie weit er springen müsste, um nicht nur fort von den Scherben, sondern auch fort von der Explosion zu sein, die gleich stattfinden würde.
Zu weit – er würde es nicht schaffen. Er schaute nach links – nichts. Auf der rechten Seite befand sich ein schmaler Balkon mit einem Metallgeländer, der etwa drei Meter von ihm entfernt war.
Sechs. Fünf.
Er stand im Fensterrahmen und balancierte. Als er bei drei einen Satz machte, explodierte das Haus, die Wucht des Schlags und der mächtige Luftstrom trugen ihn über den Balkon hinaus. Er streckte seine Hände aus und versuchte, das Geländer zu fassen, die Hitze und Trümmer der Explosion trafen ihn.
Seine Finger rutschten von dem Geländer ab, und er fiel …
Moira fuhr zu der Villa, die sie in dem Immobilienverzeichnis der Kirche des Guten Hirten gefunden hatte. Die weitläufigen opulenten Außenanlagen schimmerten im sanften Licht. Das groß angelegte Haus war stattlich und neben hohen Fenstern mit zahlreichen Veranden und Innenhöfen ausgestattet. Es gab sogar zwei kleine Türme, die Fionas Ansprüche an Vornehmheit bestimmt erfüllten.
Neben dem ganzen äußeren Drumherum spürte Moira sofort die unterschwellige Magie, als sie das Anwesen betrat. An diesem Ort war viel Zauber im Gang, und sie musste sich vorsichtig darauf zubewegen, denn es konnte durchaus sein, dass Fiona eine Alarmanlage auf dem Gelände installiert hatte, doch daran konnte sie jetzt keine Gedanken verschwenden. Sie würde sich lieber jederzeit mit der Polizei auseinandersetzen als mit Fiona.
Angst kroch in ihr hoch – die Angst, die sie in der Kirche unterdrückt hatte. Wenn sie etwas tun und sich auf einen Plan konzentrieren konnte, blieb die Angst weg, doch ihr Adrenalinstoß hatte sich während der Fahrt zur Küste verabschiedet, und so dachte sie jetzt nur noch daran, was für schlechte Karten sie doch hatte.
Wenn man nach den Regeln spielte, hatte man nie gute Karten.
Moira ging um das Haus herum, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen und zu sehen, ob jemand da war, blieb dabei aber im Schatten. Unten regte sich nichts. Keine Musik, kein Fernseher, kein Geräusch, außer dem der Filteranlage des Schwimmbeckens und der Wellen, die hundert Meter unter dem Haus gegen die Felsen schlugen.
Jetzt oder nie! Wenn Rafe nicht hier war, musste sie in den beiden anderen Häusern nachsehen.
Sie konnte unmöglich die Dutzend Glastüren aufbrechen, und sollte jemand im Haus sein, würde sie denjenigen durch das berstende Glas nur warnen. Die Küchentür seitlich am Haus war mit einem Zauber belegt, und Moira brauchte fast drei Minuten, um das Schloss zu öffnen.
Der kräftige Geruch von Irish Stew lag in der Luft, und sie hielt kurz inne. Sie atmete tief ein, ihre Augen brannten. Es hatte in ihrer Kindheit auch gute Zeiten gegeben, als sie noch nicht wusste, was man mit ihr vorhatte, und ihre Großmutter Eintopf kochte, der genauso roch wie die Küche, in der sie sich gerade befand.
Doch von den guten Erinnerungen gab es nicht allzu viele.
Moira ging systematisch durch jeden Raum des Erdgeschosses und suchte ihn auf leisen Sohlen ab. Sie spürte nichts außer Magie.
Enttäuscht erreichte sie den hinteren Teil des Hauses. Als sie ihre Hände auf eine Flügeltür legte, traf ein Energiestoß sie. Eine Sekunde lang dachte sie, in dem Zimmer dahinter würde jemand sie mit Zauberei angreifen wollen, doch als sie die Türen aufdrückte und eine Bibliothek zum Vorschein kam, hielt sich niemand darin auf.
An diesem Ort beschworen Fiona und ihr Gefolge die meisten Zauber. Verglichen mit der Magie draußen war die Energie hier um ein Hundertfaches größer.
Mit dem Dolch in der einen und der letzten Flasche Weihwasser in der anderen Hand blieb Moira in der Mitte des gewaltigen Raumes stehen. Ihre Sinne schrien quasi nach Vorsicht, und sie war nervös und aufgeregt, doch sah sie nichts Außergewöhnliches.
In den letzten zwei Tagen war sie mehr schwarzer Magie ausgesetzt gewesen als in der gesamten Zeit, seitdem sie sich von ihr losgesagt hatte. Mehr als je in ihrem ganzen Leben. Kein Wunder, dass sie Angst hatte: Sie schlich gerade durch das Haus ihrer Mutter, die geschworen hatte, sie zu quälen und zu töten!
Sie stieß einen Seufzer aus und konzentrierte sich. Sie versuchte, Rafe zu erspüren, indem sie ihre Sinne für die Gefühle öffnete, die sich in ihr aufgebaut hatten. Entspann dich! Atme! Als sie sich beruhigte, bemerkte sie, dass sich außer der Magie noch etwas anderes, Starkes in der Nähe befand – ein Dämon.
Sie näherte sich vorsichtig einer Flügeltür, die sich in einer Nische an der Seite des gewaltigen Raumes befand. Ein ihr unbekanntes Siegel war auf anstatt über der Tür angebracht worden. Sie drückte die Türklinke und öffnete die Tür.
Sie erblickte Rafe mitten in einer Geisterfalle, bewusstlos und nur mit Jeans bekleidet. Die quer über seiner Brust verlaufenden Kratzspuren waren noch nicht ganz getrocknet. Bei dem Gedanken, sie könnte zu spät und Rafe bereits tot sein, hörte ihr Herz fast auf zu schlagen, doch dann sah sie, wie seine Brust sich leicht hob.
Sie wollte auf ihn zugehen, doch ihre Instinkte hielten sie im letzten Moment davon ab.
Ein Dämon!
Er näherte sich ihr, und erst da begriff sie die Bedeutung des Symbols außen auf der Tür. Es hielt den Dämon in diesem Raum gefangen, dessen Aufgabe es war, Rafe zu bewachen. Sollte dieser versuchen zu fliehen, würde er ihn verschlingen. Mit seinem riesigen Maul, den gefährlichen Fängen und einem unstillbaren Appetit nach menschlichen Seelen sah er aus wie ein Zerberus.
Sie bespritzte ihn mit Weihwasser – sein gellender Schrei durchdrang ihre Ohren, während sie in die Geisterfalle zu Rafe sprang. Der Zerberus, sein Hirn so groß wie das einer Erbse, sah aus wie einer der Höllenhunde, nur besaß er einen statt drei Köpfe. Er knurrte und bellte sie an, doch konnte er die Falle nicht durchbrechen, wodurch sie Moira gleichzeitig schützte und gefangen hielt.
So ein Mist!
Sie fühlte Rafes Puls. Er schlug stark und gleichmäßig. Der Zerberus jaulte, sie wandte sich dem Tier zu und rief: »Ja-uh!«
Es sträubte sich, Schaum trat vor seinen Mund, es wurde wütend und größer.
»So kriegt man dich also«, murmelte sie. »Man muss den dämonischen Hund nur ärgern, und schon wird er größer.« Sie kniete sich neben Rafe und strich ihm das Haar aus dem Gesicht. »Rafe, es tut mir leid. Ich werde dich hier rausholen. Ich versprech’s dir!«
Versprich du mal schön! Wie willst du Fionas dämonischen Pitbull denn schlagen?
Der giftige Pfeil hatte bei dem teuflischen Dämon, den Serena ihr heute Morgen auf den Hals gehetzt hatte, gewirkt, und so war Moira ganz zuversichtlich. Sie nahm einen weiteren Pfeil heraus und zwang sich, nicht weiter zu zittern. Sie wusste nicht, was schlimmer war: sich dem Dämon oder Fiona zu stellen, wenn diese wieder zurückkehrte.
Doch sie hatte keine Zeit, das gegeneinander abzuwägen. Sie stellte sich auf den Rand der Falle, streckte ihre Hand aus dem Kreis, sagte ein altes Gebet auf und beendete es mit den Worten »bitte, bitte«.
Der Dämon griff sie an und lief geradewegs in den Pfeil. Er schrie auf, doch löste er sich nicht wie sein Vorgänger auf. Bevor Moira noch reagieren konnte, biss er sie in den Unterarm, sodass sie auf die Knie fiel. Ein stechender Schmerz fuhr durch ihren Körper. Sie hörte nichts außer ihrem gequälten Schrei, der klang, als wäre er gewaltsam aus ihrer Lunge gepresst worden. Sie zog ihren Arm schnell wieder zurück in die Geisterfalle und hielt ihn vor ihre Brust.
Rafe setzte sich auf, griff nach ihr und zog sie zu sich. Er stöhnte vor Schmerzen auf, hielt sie aber fest. Tränen strömten ihr Gesicht herunter, doch sie brachte hervor: »Ich bin froh, dass du lebst!«
»Geht’s dir gut?«
»Irgendwann mal wieder«, antwortete sie mit zusammengebissenen Zähnen.
»Lass mich sehen.«
»Nein.«
»Du verhältst dich wie ein bockiges Kind.«
»Na und! Es tut weh.« Sie holte tief Luft und ließ Rafe ihren Arm eingehend betrachten.
Der Dämon hatte mit seinen Reißzähnen zwei tiefe Löcher hineingebohrt, die Haut dazwischen war von unzähligen Stichen übersät, die so fein waren wie Nadeln. Das Blut, das aus den Wunden rann, brannte und brodelte zusammen mit der Säure, die von dem Biss des Dämons stammte. Moiras ganzer Körper stand in Flammen, und sie schrie auf, als Rafe den Biss berührte, als ob das Schreien ihren Körper von den Schmerzen hätte befreien können.
Rafe runzelte die Stirn und untersuchte die Wunde. Als Moira sich wegdrehte, um ihren Schmerz zu verbergen, sah sie, dass der Hund sie weder länger anknurrte noch auf und ab lief. Sie blickte sich um – wo steckte er?
Dann entdeckte sie ihn. Er lag mit weit aufgerissenen, vor sich hinstarrenden Augen und blutigem Maul in der Ecke. Seine sechs Beine, an deren Pfoten lange Klauen herausragten, waren steif und unbeweglich.
Sie starrte das Tier ungläubig an. Das konnte nicht sein! Sie schüttelte den Kopf. Doch, es schien tatsächlich tot zu sein. Die Reaktion auf den giftigen Pfeil war nur verspätet eingetreten. Sie atmete erleichtert auf, obwohl sie immer noch nervös war. Der Zerberus war zu dumm, um sich tot zu stellen … hoffte sie.
»Er ist tot«, meinte Rafe ungläubig.
»Scheint so.«
»Wie hast du das geschafft?«
»Mit einem Giftpfeil.«
»Mit einem Giftpfeil? Ich dachte, Dämonen könnten nicht getötet werden.«
»Können sie auch nicht, zumindest normalerweise nicht.« Zwei von ihnen tot in einer Nacht. Das musste ein Rekord sein. »Aber wir sollten uns da nicht so sicher sein. Lass mich besser nachschauen.«
Sie sprang auf, doch er zog sie herunter. »Nein, du wirst nicht dein Leben aufs Spiel setzen!«
»Hab ich doch schon«, erwiderte sie. »Abgesehen davon können wir nicht hierbleiben. Fiona kann jede Minute zurückkommen. Wir müssen von hier fort.«
Rafe hob seine Augenbrauen, erwiderte aber nichts. Er streckte seine Hand aus und half ihr hoch. Sie berührte sanft die Kratzspuren auf seiner Brust.
Plötzlich verspürte sie den Drang, ihn zu küssen, um seine Schmerzen zu lindern, doch drehte sie sich stattdessen weg. Das Blut schoss ihr in den Kopf.
»Moira.«
Sie schaute Rafe wieder an. Durch das dämmrige Licht, das von der Bibliothek herüberdrang, erschienen seine dunklen Augen unergründlich, als sein Blick auf sie fiel. Er griff mit seiner Hand nach ihrem Gesicht, drehte es so, dass sie ihn ansehen musste, und strich ihr über die Wange. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch über ihre Lippen drang kein Ton. Sie konnte einfach keinen klaren Gedanken fassen. Sein vom Schweiß feuchtes, dunkles Haar fiel ihm nach vorn in die Augen. Ihre unverletzte Hand schoss nach oben, als ob sie nicht zu ihr gehörte. Moira wollte die Strähnen aus seinem Gesicht streichen, doch er griff nach ihrem Handgelenk und zog sie zu sich.
Er küsste sie, legte dabei eine Hand an ihre Wange und hielt mit der anderen ihr Handgelenk umfasst. Für eine Aufmunterung, einen kleinen Abschiedskuss war dieser Kuss zu leidenschaftlich, zu lang. Er war einfach zu … gut. Der ganze Schmerz fiel in diesem Augenblick von Moira ab. Die Last, die auf ihre Schultern drückte, ließ nach, als ob ein Kuss, ein flammender Kuss, etwas von ihrem Leid und ihrer Schuld hätte nehmen können.
Rafes unrasiertes Kinn rieb aufreizend an ihrer Haut. Sie konnte kaum atmen und gab sich seiner Leidenschaft hin, ihr Begehren nach ihm war nicht aus dem Nichts aufgetaucht. Seit sie ihn in der Hütte gefunden hatte, hatte sie sich auf eine Art und Weise zu ihm hingezogen gefühlt, die sie sich nicht erklären konnte. Und vielleicht auch nicht verstehen wollte.
Rafe trat zurück, nur einen halben Schritt, und brach den Kuss mit einem tiefen Stöhnen ab, das Moira erschaudern ließ. Er entschuldigte sich nicht, das hätte sie auch nicht gewollt, doch das Entsetzen in seinem Gesicht spiegelte ihre eigene Verwunderung wider.
Wären Zeit und Ort andere gewesen, hätte sie sich weiter in Richtung des Kusses bewegt. Das Verlangen in Rafes Augen und sein energisches Kinn deuteten an, dass er mehr als gewillt war, sich dieser Erforschung anzuschließen.
Doch genauso wenig wie Moira vergessen konnte, wer sie war und was sie zu tun hatte, konnte sie die Tatsache verdrängen, dass Rafe – als Krieger des Ordens St. Michael – bereits vergeben war. Weder sie noch Rafe durften durch Verlockungen oder Zuneigung abgelenkt werden. Es wäre für sie und all ihre Schutzbefohlenen zu gefährlich. Dessen waren sich beide bewusst, doch sein Blick blieb mit einem Das ist nur der Anfang an Moira haften.
Sie schluckte die Worte hinunter, die sie sagen wollte, und reichte Rafe ein Plastikgefäß mit dem letzten Weihwasser, das sie besaß. Er nahm es, und sie zog ihren Dolch hervor.
»Fertig?«, fragte sie mit leiser, rauer Stimme.
Er nickte, und die beiden traten gemeinsam aus dem Kreis, ihr Blick auf den regungslosen Dämon in der Ecke gerichtet.
Warum war er immer noch hier? An sich müsste er schon längst wieder in die Hölle hinabgeglitten sein. Zumindest sein Kern hätte sich mit lautem Getöse dorthin verziehen müssen. Konnte er wirklich tot sein?
Moira hätte das Haus zu gerne auf Hinweise nach Fionas Plänen durchstöbert, doch hatten sie keine Zeit. Sie musste herausfinden, wo die Hexen das Ritual noch einmal vollzogen. Sie ergriff Rafes Hand. Gemeinsam liefen sie so schnell sie konnten aus dem Haus.
Noch keine fünf Minuten später erreichten sie Matthew Walkers Wagen. Moira nahm eine Flasche Wasser und schüttete die Hälfte davon auf ihren Arm. Sie spürte einen brennenden Schmerz und fluchte.
Rafe durchsuchte ihre Tasche und fand ein Handtuch. »Hier«, sagte er, »lass mich das machen!«
Er wischte ihr sanft das Blut weg. Tränen schossen ihr vor Schmerzen in die Augen, und sie kniff sie zu, um sie zurückzuhalten. Sie spürte einen Kuss auf ihrem Arm, und ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Sie öffnete ihre Augen und erblickte Rafes lächelndes Gesicht. »Alles in Ordnung?«
Sie nickte und untersuchte die Wunde, damit sie Rafe nicht ansehen und darüber nachdenken musste, was gerade zwischen ihnen passierte. Dieses … Nichts. Es passierte gar nichts. Daran waren nur das Adrenalin, die Angst und die Hektik der Flucht schuld. So wie bei dem Kuss.
Du belügst dich selbst. Sie ging auf ihren inneren Konflikt, was dieser Kuss bedeutet haben könnte, nicht ein und untersuchte deshalb noch eingehender ihren Arm. Die kleinen Stiche bluteten zwar nicht mehr, schmerzten aber immer noch höllisch, und die beiden Bisse waren tief ins Fleisch eingedrungen. »Ich habe einen Verbandskasten in meiner Tasche«, ließ sie Rafe wissen. »Du könntest dir auch ein oder zwei Mullbinden anlegen.«
»Bei mir ist alles in Ordnung«, versicherte er und zog den Kasten heraus. Er öffnete ihn und lächelte. »Mullbinden, Pflaster, ein Kreuz und Weihwasser.«
»Man weiß nie, was man alles so gebrauchen kann«, entgegnete sie.
Während Rafe die beiden tiefen Wunden mit Verbandsmull versorgte, sagte er: »Fiona ging aus dem Haus, um dich zu töten.«
»Sie hat mich aber nicht gefunden.«
»Du warst nicht bei Rittenhouse?«
»Rittenhouse? Das Möbelgeschäft?«
»Sie behauptete, sie würde dort bestimmt auf dich treffen. Sie sind dorthin, um das Ritual zu vollziehen.«
»Hat da nicht dieser Kerl seine Kollegen umgebracht? Ein perfekter Ort für sie. So ein Mist!« Sie ließ den Wagen an. »Ich weiß nicht, wo das Geschäft liegt und habe das Navi aus dem Fenster geworfen.«
Rafe lächelte. »Fahr zurück zum Highway und von dort aus in Richtung Norden. Es liegt an der Stadtgrenze.«
Sie fuhr los und rief Anthony an. Die Mailbox sprang sofort an.
»Anthony, ich bin’s, Moira. Sie sind bei Rittenhouse. Ich habe Rafe; ich bin auf dem Weg dorthin.«
Sie versuchte, Skye zu erreichen, doch nach viermaligem Klingen ging auch bei ihr die Mailbox an, und Moira hinterließ eine ähnliche Nachricht.
Warum hob niemand ab?
Rafe nahm Moiras Hand. »Stimmt etwas nicht?«
»Ich habe Anthony zur Kirche des Guten Hirten geschickt. Er geht nichts ans Telefon.« Rafe schwieg einen Augenblick. »Rafe? Was ist?«, hakte sie nach.
»Anthony ist gut ausgebildet. Wir müssen ihm einfach vertrauen.«
Moira sagte nichts darauf.
»Los, raus mit der Sprache!«, forderte Rafe sie auf und drückte ihre Hand.
»Die Kirche liegt auf dem Weg. Ist nur ein kleiner Umweg.«
»Du machst dir Sorgen«, riet er.
»Wie bitte?«
»Skye konntest du auch nicht erreichen, aber um sie machst du dir keine Gedanken. Anthony ist genauso gut wie Skye in der Lage, auf sich selbst aufzupassen – wenn nicht sogar noch ein bisschen besser –, aber bei ihm gerätst du in Panik.«
»Tu ich nicht!« Moira war in der Tat besorgt. »Ich fahre nur schnell vorbei, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist.«
Sie bog von dem schmalen Highway ab in Richtung Stadt. Es war spät, die Straßen waren leer, doch als sie sich der Innenstadt näherten, heulten Sirenen auf, und aus den Geschäften ertönten Alarmanlagen. Menschen liefen über die Straßen. Es wurde gekämpft, und überall sahen sie zerbrochene Schaufenster. Ein einziges Chaos.
»Was ist denn hier los?«, fragte Moira entsetzt von der offensichtlichen Anarchie.
»Neid.« Rafe ließ ihre Hand los. »Gib mir deine Waffe!«
Sie zog sie auf dem Halfter und schob sie ihm über den Sitz zu. Er überprüfte die Ladung und hielt die Waffe schussbereit.
»Das ist ein Aufstand«, meinte sie.
Sie fuhr langsamer und ganz rechts, um einen Krankenwagen vorbeizulassen. In diesem Moment sprangen zwei Jungen im Teenageralter auf die Motorhaube des Wagens und befahlen ihr anzuhalten.
»Gib Gas!«, rief Rafe.
Sie drückte das Gaspedal durch. Ihr Magen zog sich zusammen, als sie seitlich vom Auto einen dumpfen Schlag hörte und zwei Körper auf die Straße schlugen. Sie schaute in den Rückspiegel und sah erleichtert, wie die beiden Jungen wieder aufstanden.
»Jetzt weiß ich, warum Skye nicht ans Telefon ging«, meinte Moira. »Sie hat alle Hände vo…«
Eine Explosion erschütterte das Auto.
Sie kam aus Richtung der Kirche des Guten Hirten.