FÜNFUNDDREISSIG

Es gab zwei Möglichkeiten – zumindest zwei, die Moira kannte  –, um einen Dämon auszutreiben, ohne dabei das Opfer zu töten.

Moira hatte für eine herkömmliche Teufelsaustreibung keine Zeit. Nicht nur, dass Rafe immer noch in Gefahr schwebte – Aris Ritual hatte höchstwahrscheinlich auch schon die Aufmerksamkeit von Fiona und ihrer vergnügten Hexentruppe erregt.

Ari deswegen aber kurzerhand zu erstechen kam für Moira dennoch nicht infrage.

Verdammt, verdammt, verdammt!

Sie begann mit dem Ritus der Teufelsaustreibung und hielt dafür ihren Dolch fest in der Hand.

»Deus, in nómine tuo salvum me fac, et virtúte tua …«

Der Dämon lachte, Aris Stimme klang tief und unnatürlich. »Andra Moira.«

Sie beachtete seine Einschüchterungsversuche nicht weiter und fuhr mit ihrer Beschwörung fort.

Der Dämon zuckte, verspottete sie aber weiter. »Du kennst mich. Wir sind alte Freunde.«

Sie würde auf seine Lügen nicht hören.

Plötzlich brannten alle Kerzen wieder, und Moira musste sich zusammenreißen, um nicht vor Schreck zusammenzuzucken. Jared kam unter der Treppe hervor. »Wird Ari auch nichts passieren?«

»Geh wieder zurück!«

Der Dämon war stark. Zwar konnte er die Geisterfalle nicht durchbrechen und Moira angreifen, dennoch war er in der Lage, schlafende Dämonen im Raum heraufzubeschwören. Einige der Geister stammten aus früheren Ritualen, andere waren in rituellen Gegenständen gefangen, die auf dem Altar standen, der der schwarzen Magie diente. Der Boden bebte, als sich mehrere böse Geister aus ihrer Gefangenschaft entwanden.

»Ich kann …«, setzte Jared an.

»Stell dich hinter mich!«, befahl Moira ihm und fuhr mit dem Gebet der Teufelsaustreibung fort, während drei Dämonen undefinierbarer Form ihr gegenüberstanden und sich auf sie zubewegten.

Sie glichen dem Erddämon, den Elizabeth Ellis heraufbeschworen hatte, als Moira Lily rettete. Sie versuchte sie mit demselben Gebet aufzuhalten, das sie schon bei früheren Gelegenheiten benutzt hatte, und einer der Dämonen löste sich daraufhin in Luft auf.

Die beiden anderen steuerten immer noch auf sie zu. Sie nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie ein großer, gewaltiger Dämon sich aus der alten, modrigen Wand herausschälte. Das Gebäude um sie herum erzitterte, und Moira schoss das Bild von Dorothy durch den Kopf, wie sie die Böse Hexe des Westens umbringt, indem sie mit einem Haus auf sie einstürzt. Am liebsten hätte sie es Dorothy gleichgetan, nur würde sie dann auch unter dem Haus begraben liegen. Hätte sie ihre Hände frei gehabt – in einer hielt sie ihr heiliges Messer, in der anderen Weihwasser –, hätte sie gelacht.

Sie versprühte Weihwasser mit ihren Fingern auf die schwachen Dämonen vor sich, die sich daraufhin beide auflösten.

Es schien zu schön, um wahr zu sein.

Ein Geräusch von der Treppe oben lenkte sie ab. Ein Fremder lief auf sie zu, und Moira befürchtete zuerst, er gehörte zu den Hexen. Er blieb stehen und starrte auf den verwüsteten Keller und den angreifenden Dämon.

»Passen Sie auf!«, rief der Mann.

Moira wirbelte herum, als ein behufter Dämon sie angriff, der wie die Missgeburt eines mythologischen Zentauren aussah.

Das war kein Erddämon, sondern zweifelsohne ein leibhaftiger Dämon, der geradewegs aus der Hölle kam und so widerlich roch wie eine vor sich hinfaulende Leiche an einem Sommertag.

Moira ging zurück, griff in eine ihrer Taschen und zog ein Glasfläschchen mit geweihtem Chrisam hervor. Sie schlug es mit der Klinge ihres Dolchs auf und überzog das Eisen mit dem Öl, das für Dämonen giftig war. Ein Glassplitter drang in einen ihrer Finger, doch sie überging den stechenden Schmerz, der im Vergleich zu dem drohenden Tod durch die Hände – die Hufe? – eines alten Dämons fast schon unwichtig anmutete.

Der Dämon sprach in einer Sprache, die sie nicht kannte, sie bat ihn aber auch nicht um eine Übersetzung. Er bedrängte sie, und sie ließ sich absichtlich zu Boden fallen, damit er über sie hinüberlaufen musste. Er roch nach verfaulendem Fleisch und schwarzer Magie, was sie kaum atmen ließ. Sie stach mit ihrem eingeölten Dolch unten in seinen Bauch und schnitt ihm die Eingeweide auf.

Er trat mit einem Huf gegen Moiras Oberschenkel, sodass sie aufschrie, doch das hohe, gequälte Jaulen der gepeinigten Kreatur, als sie gegen die Wand schlug, übertönte Moiras Schrei. Zitternd vor Schmerzen sprang sie auf. Ihr Bein war Gott sei Dank nicht gebrochen. Das hätte diesem fürchterlichen Tag noch die Krone aufgesetzt!

Schlamm sprudelte aus dem dämonischen Zentauren, während er sich vor ihr verflüssigte und von seinen Überresten Dampf aufstieg. Der Schlamm stank schlimmer als der Dämon selbst.

War er etwa tot? Tot? Wie in mausetot, nicht mehr existierend, weder in dieser Welt noch in der Unterwelt? Das konnte nicht sein. Seine Hülle war tot; ein Dämon war unmöglich auszulöschen.

»Was zum Teufel war das denn?!«, rief Jared.

Der in der Falle sitzende Dämon verhielt sich überraschend ruhig.

»Was haben Sie … mit ihm gemacht?«, fragte der Fremde.

Moira betrachtete ihren Dolch, als hätte sie ihn schon fast vergessen gehabt. Das Blut des Dämons – wenn man es als solches bezeichnen konnte – war schwarz. Es tropfte von dem eingeölten Dolch, bis er wieder sauber war.

»Sind Sie in Ordnung?«, fragte der Fremde.

Sie drehte sich zu ihm um, behielt aber vorsichtshalber einen Sicherheitsabstand bei. Er war zwischen vierzig und fünfzig, groß und gut aussehend, mit kurzem sandfarbenen Haar, einer energischen eckigen Kinnpartie, die zu seinen festen eckigen Schultern passte. Er trug ein weißes, durchgeknöpftes Hemd und Jeans.

»Wer sind Sie?«, gab sie zurück.

»Das sollte ich Sie wohl auch fragen«, meinte er. »Ich bin Matthew Walker. Das hier ist meine Kirche. Beziehungsweise  – das war sie einmal.« Seine Miene sah gequält aus. »Wir müssen von hier weg.«

»Sind Sie der Pfarrer, der letzten Sommer Santa Louisa verlassen hat?«

»Sheriff McPherson hat mich heute Vormittag angerufen und mir erzählt, dass jemand meine Gemeinde hintergeht. Ich bin so schnell wie möglich gekommen.«

Der Dämon in Ari begann zu lachen.

»Lassen Sie mich Ihnen helfen«, bot Walker an.

»Sind Sie ein Teufelsaustreiber?«, erkundigte Moira sich skeptisch.

»Nein, ich habe aber schon bei Teufelsaustreibungen mitgeholfen.«

Der Dämon lachte weiter, und Moira spürte, wie die Energie sich wieder aufbaute.

»Matthew Walker«, zischte der Dämon.

Matthew sprang beiseite und betete.

Moira fuhr mit ihrer Teufelsaustreibung fort, und Matthew sprach gleichzeitig ein Gebet in Griechisch. Moira erkannte zwar die Sprache an ihrem Klang, verstand das meiste aber nicht, doch die zweifache Teufelsaustreibung schien zu funktionieren, sogar schneller, als sie erwartet hatte. Der Dämon hörte fast augenblicklich auf zu lachen, und Aris Körper begann sich zu krümmen.

Nach nur ein paar Minuten schrie der Dämon auf und verließ mit einer wirbelnden Rauchfahne Aris Körper. Das Mädchen brach zusammen.

Die Energie im Raum blieb konstant, war aber noch nicht verschwunden. »Wir müssen die Altäre vernichten, die Ari aufgebaut hat«, erklärte Moira.

»Ich weiß, wo sie sind«, mischte Jared sich ein. »Das kann ich machen.«

»Sei vorsichtig!«

»Du kommst nicht mit?«

»Ich vertraue dir. Aber später müssen wir über dich und das hier reden.« Sie zeigte auf Ari.

»Es tut mir leid, Moira. Ich wollte nur helfen.«

»Das weiß ich«, erwiderte sie. Sie verstand Jared besser, als er sich dessen bewusst war. »Wenn einer der Altäre erst einmal zerstört ist, schwindet die Kraft des Energiestrudels. Schnell, beeil dich! Und fang mit dem an, den du am leichtesten erreichen kannst.«

»Verstanden.« Er stieg die Treppe hoch.

Matthew ging zu Ari hinüber und prüfte ihren Puls. »Es geht ihr gut, aber wir müssen einen Arzt rufen.«

»Können Sie hierbleiben? Ich muss …«

»Ja, hallo«, brüllte eine Stimme von der Treppe oben. »Ich bin – überrascht, Sie beide hier zu sehen.«

Garrett Pennington kam die Treppe hinunter und schob Jared vor sich her.

Matthew trat beschützend vor Moira, wodurch sie die Lage kurz einschätzen konnte. Pennington hielt keine Waffe in der Hand, was ihr einen Vorteil verschaffte. Obwohl sie eine Frau war, hatte sie keine Skrupel, wenn nötig schmutzige Spielchen zu spielen. Außerdem waren sie drei gegen einen. War Pennington verrückt? Er konnte zwar auf seine Zauberei zurückgreifen, doch die Guten waren dieses Mal zahlenmäßig überlegen.

»Wer sind Sie?«, fragte Matthew.

Pennington hob seine Augenbrauen und fasste sich spöttisch an die Brust. »Was, Sie kennen mich nicht?«

»Sind Sie der Mistkerl, der das« – Matthew wies mit seiner Hand auf den Altar – »meiner Kirche angetan hat?«

»Kirche? Wenn Sie die als solche bezeichnen wollen.«

Matthew ging auf ihn zu, Moira legte ihre Hand auf seinen Arm. »Passen Sie auf! Er ist eine Hexe – beziehungsweise genau genommen ein Hexer.«

»Ich ziehe die Bezeichnung Zauberer vor«, warf Pennington ein.

»Und ich ziehe es vor, wenn Sie mir jetzt aus dem Weg gehen«, konterte Moira.

»Sie können nicht ganz bei Trost sein, wenn Sie denken, ich würde Sie hier so einfach hinausspazieren lassen. Fiona wird begeistert sein, Sie wiederzusehen.« Er lief weiter die Treppe hinunter und zwang Jared dabei fast zu Boden.

Moira sagte zu Pennington: »Hören Sie mir zu! Wir haben hier ein Problem. Ari hat einen Energiewirbel geschaffen, der immer noch existiert.«

»Sie ist bewusstlos«, entgegnete Pennington. »Er wird sich bald auflösen.«

»Nein, die Energie wird noch von etwas anderem angezogen, das sich wahrscheinlich in Ihrem Büro oder hinter Ihrem Altar befindet, Sie Blödmann! Vielleicht hat Ari aber auch eine Art Kreislauf geschaffen, denn ich kann die Energie spüren. Wenn wir ihren Fluss nicht unterbrechen, wird sie ein Loch in die Unterwelt schlagen, und ich glaube nicht, dass Fiona ihre Zeit damit verschwenden will, unberechenbare Dämonen zu bekämpfen, die ihre neu gewonnene Freiheit feiern, während sie gerade verzweifelt versucht, die Sieben wieder einzufangen.«

Einen Augenblick lang war Pennington verunsichert. »Woher wollen Sie das wissen?«

»Zu was taugen Sie eigentlich, wenn Sie das nicht wissen? Wie werden Sie denn heute ausgebildet? Selbst ich kann die Spannung spüren, und ich habe mit Zauberei nichts mehr zu tun. Verflucht, ich habe mit Ihnen nichts zu tun! Rufen Sie Fiona an, wenn Sie mir nicht glauben!«

»Dann los jetzt!«

»Wir können sie nicht hierlassen«, sagte Moira und zeigte auf Ari.

»Warum nicht? Durch sie ist das Problem doch überhaupt erst aufgekommen, dann soll sie auch die Konsequenzen tragen.«

»Ich lasse sie nicht allein.«

»Doch, das werden Sie!«

Pennington machte einen Schritt auf Moira zu, ganz ohne Zauber. Nur mit Muskelkraft.

Ein guter alter Faustkampf. Auf den hatte sie nur gewartet. Moira sprang fast vor Freude in die Luft. Hätte sie die Wahl zwischen einer körperlichen Auseinandersetzung und Zauberei, würde sie sich stets für den Kampf entscheiden.

Der falsche Pfarrer war nicht gut im Bluffen. Er täuschte eine Rechte vor – doch zu offensichtlich, denn Moira erahnte den richtigen Schlag, wich ihm aus und verpasste ihrem Gegner einen Haken, der ihn umhaute. Nur zwanzig Sekunden nachdem er den ersten Schritt gemacht hatte, lag er auf dem Boden.

Moira fragte Jared: »Kannst du Ari tragen?«

Er nickte, ging zu ihr hinüber und hob sie hoch.

Pennington versuchte aufzustehen, woraufhin Moira ihm in die Rippen trat. Er setzte mit einem Zauberspruch an, doch sie schlug mit dem Griff ihres Dolchs auf seinen Kopf, um ihn zum Schweigen zu bringen. Er versuchte sich hochzurappeln, taumelte und brach zusammen.

»Los, die Treppe hoch!«, befahl sie Walker und Jared.

Sie liefen die Treppe hinauf nach draußen, wo plötzlich eine Frau vor Moira stand, die sie noch nie gesehen hatte. Nach dem schützenden Zauber zu urteilen, der sie umgab und den Moira spürte, war sie eine Hexe. Doch sie war sich ihrer Grenzen bewusst, denn sie hielt eine Waffe in der Hand.

»Ich hab dafür keine Zeit«, meinte Moira.

Die Frau stand kurz davor, Moira anzugreifen, als Jared fragte: »Ms. Donovan, was machen Sie da?«

Donovan? Moira grübelte nach, woher sie den Namen kannte. Dann fiel ihr ein, dass sie Lehrerin an der Highschool war.

»Sie sind schuld an all den Toten«, warf Moira ihr vor.

»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen«, erwiderte sie höhnisch.

»Sie waren auf den Klippen.« Moira nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie Matthew Walker von ihr abrückte und zu Donovan schlich.

Die Frau verdrehte die Augen. »Das ist inzwischen ja wohl kein Geheimnis mehr.«

Sie bildete die Verbindung. Donovan und Ari Blair, doch Donovan wohnte nebenan von dem Kerl, der seine Kollegen vorige Nacht umgebracht hatte. Nach und nach begriff Moira endlich, wie die Dämonen vorgingen. All die Menschen auf den Klippen dienten ihnen als Katalysatoren. Was war mit Lily? Und Rafe? Jared blaffte: »Sie gehen doch mit meinem Vater aus! War das nichts als eine Lüge?«

»Wir alle tun, was wir tun müssen«, erwiderte Donovan.

»Deshalb hat Hank Santos dieses Mal«, murmelte Moira.

»Was?!«, rief Jared und drehte sich zu ihr um. »Mein Vater? Was ist mit meinem Vater?«

Na, das war ja sehr intelligent von dir, Moira! »Jared, wir werden versuchen, eine Lösung zu finden, aber jetzt müssen wir wirklich von hier weg – sofort!«

Donovan verkündete: »Ich habe andere Pläne, und Sie kommen alle mit mir. Diesmal wird uns niemand aufhalten.«

Matthew war nicht mehr als ein paar Meter von Donovan entfernt, deren Aufmerksamkeit ganz auf Moira ruhte, was kein Wunder war. Fiona hatte ihr wahrscheinlich eine wunderschöne Belohnung in Aussicht gestellt, wenn sie ihr Moiras Herz auf dem Präsentierteller liefern würde. Um Donovan von Matthew abzulenken, sagte Moira: »Wissen Sie was, Ms. Donovan – so heißen Sie doch? Nicole Donovan, oder? Es ist vorbei. Wir wissen, wer Sie sind, und niemand von St. Michael wird Sie ungeschoren davonkommen lassen, wenn Sie die sieben Todsünden gefangen nehmen – selbst wenn der Letzte von uns dafür sterben muss.«

»Schön zu wissen«, meinte Donovan spöttisch.

Plötzlich stürzte Matthew sich mit katzenhafter Anmut auf die Frau, und sie fielen zu Boden. Er griff nach ihrem Handgelenk und schlug es auf den steinernen Fußweg. Sie schrie auf und fluchte, während Moira hinüberlief, nach der Waffe griff und damit auf Donovan zielte.

»Halten Sie Ihren Mund, oder ich jage Ihnen eine Kugel in den Kopf! Und ich glaube nicht, dass Ihre Zauberkünste reichen, um die aufzuhalten.«

Wütend schrie Donovan weiter. Matthew stand auf und zerrte sie hoch, dabei hielt er sie an ihren Handgelenken fest.

Moira wandte sich an Jared: »Nimm Ari mit und fahr so schnell wie möglich zu einem ihrer Altäre! Vernichte ihn! Wenn du alle drei zerstört hast, fahr zu Skye nach Hause und bleib dort! Sollte Ari dir Schwierigkeiten bereiten, selbst nach dem, was sie gerade durchgemacht hat, fessle sie. Ist mir vollkommen egal. Sie darf auf keinen Fall eine Dummheit begehen!«

»Mein Vater …«

»Ich werde einen Weg finden, um ihn zu retten. Das verspreche ich dir. Er verhält sich eigenartig, aber er hat nichts Schlimmes getan.« Noch nicht. »Geh!«

Jared trug Ari zu ihrem Auto, und Moira atmete erleichtert auf. »Vielen Dank für Ihre Hilfe«, sagte sie zu Matthew, der neben einer weinerlichen Nicole Donovan stand und sie verächtlich ansah. »Wenn Sie die Polizei anrufen wollen, erzählen Sie, Pennington sei ein Hochstapler oder sonst was. Aber erwähnen Sie besser nicht, was hier passiert ist. Es würde Ihnen niemand glauben.«

»Das können Sie laut sagen!«

Donovan begann frustriert zu weinen. »Das können Sie nicht tun!«

Moira beachtete sie nicht. »Ich muss los. Sie haben einen Freund verletzt …« Sie hielt inne. Matthew hatte ihr zwar geholfen, doch musste er nicht alle Einzelheiten wissen.

»Und Ihnen geht es wirklich gut?«, erkundigte er sich.

»Ja.« Sie zog die Unterlagen zu dem Haus hervor, in dem sie Rafe am ehesten vermutete. Sie hoffte und betete, das Ritual, von dem Donovan gesprochen hatte, würde nicht in der Nähe davon stattfinden. Sie schaute sich nach Jareds Wagen um. »Mist!«

»Was ist?«

»Ich habe kein Auto.«

»Ich fahre Sie, wohin Sie auch wollen.«

»Nein …«

»Bitte! Ich würde mich besser fühlen. Nach heute Nacht – ich habe noch nie … einen Dämon … wie diesen gesehen.«

»Ich auch nicht.« Und keinen mit schwarzem Schlamm. »Es wird aber gefährlich werden. Diese Leute sind alles andere als nett, und sie werden Sie verfluchen, nur weil Sie mir helfen.«

»Ich fahre Sie nur hin. Und stehe Ihnen vielleicht ein bisschen bei? Nennen Sie mich ruhig einen Chauvinisten. Ich weiß ja, Sie können auf sich selbst aufpassen.« Er grinste, und jungenhafte Grübchen traten auf seine Wangen, die einen charmanten Gegensatz zu seiner eckigen Kieferpartie bildeten. »Doch die Vorstellung, dass Sie auf sich allein gestellt gegen einen Menschen … oder etwas anderes … kämpfen müssen, gefällt mir nicht.« Das Lächeln erstarb auf seinen Lippen.

Moira wollte seine Hilfe nicht annehmen, doch wusste sie nicht, wie lange es dauern würde, bis Anthony käme, wenn sie ihn anrufen und bitten würde, sie zu dem Haus zu fahren. Außerdem war Pennington nicht tot – er konnte jeden Augenblick die Treppe hochkommen. Und Moira wollte nicht länger warten, denn mit jeder Minute, die verstrich, wuchs die Gefahr nicht nur für Rafe, sondern für alle in der Stadt.

»Na gut, vielen Dank.« Sie warf einen Blick auf Donovan. »Können Sie sie unten zusammen mit Pennington fesseln?«

»Sehr gerne.«

Matthew stieg die Treppe hinunter, und Moira hob seine Schlüssel auf, die bei dem Angriff auf Nicole Donovan auf den Boden gefallen waren. Sie lief schnell über den Parkplatz der Kirche zu Matthews Wagen.

Matthew Walker war gerade zum richtigen Zeitpunkt aufgetaucht. Fast zu schön, um wahr zu sein. Zwar konnte er durchaus derjenige sein, der er behauptete zu sein – immerhin hatte er die Lehrerin überwältigt –, doch schien Nicole Donovan sich wegen Walker keine Gedanken gemacht zu haben, und der Dämon hatte seinen Namen gekannt. Sie wollte ihm gerne vertrauen, doch blieb sie lieber vorsichtig, als am Schluss tot zu sein.

Abgesehen davon wollte sie sein Leben nicht aufs Spiel setzen, sollte er mit Fiona nichts zu tun haben. Sie wusste nicht, was sie erwartete, wenn sie Rafe finden würde.

Sie stieg in Walkers Auto und sah das Navigationsgerät. Klasse! So brauchte er nur die Polizei zu rufen, einen Diebstahl zu melden, und im Nu wären sie ihr auf den Fersen.

Dieses Risiko musste sie jetzt eingehen.

Sie gab die Adresse des Hauses ein, in dem sie Fiona am ehesten vermutete. Das Navigationsgerät erstellte eine Karte. Das Haus war zehn Komma vier Meilen von ihrem jetzigen Standort entfernt und lag in der Nähe des Meeres. Sie lernte die Route auswendig, riss das Gerät aus dem Armaturenbrett und warf es aus dem Fenster, während sie losfuhr.

Sie rief Anthony an. »Ich habe eine Spur, wo Rafe sein könnte. Ich gehe ihr nach.«

»Wo bist du?«

»Ich fahre gerade von der Kirche des Guten Hirten weg.« Sie erzählte ihm in wenigen Worten, was passiert war. »Dieser Ort dient ihnen seit geraumer Zeit, zumindest seit Pennington in der Stadt ist, als Zentrum für ihre schwarze Magie«, berichtete sie. »Ich habe Jared losgeschickt, um Aris Altäre zu zerstören und den Energiewirbel zu vernichten.«

»Können wir ihm trauen?«

»Nach heute Abend! Auf jeden Fall. Ihm wurde ein gehöriger Schrecken eingejagt. Apropos Pennington: Er liegt bewusstlos unten im Keller der vermeintlichen Kirche. Kannst du deine Freundin anrufen und sie bitten, ihn zu verhaften? Er hat versucht, mich umzubringen. Ich erstatte liebend gerne Anzeige gegen ihn. Ach ja, und Ms. Donovan, die Lehrerin von der Schule, ist auch dort. Sie hat mich mit einer Waffe bedroht. Fionas Netz reicht sehr weit. Ms. Donovan deutete übrigens an, dass sie dabei sind, ein weiteres Ritual zu vollziehen, um die Sieben zurückzurufen. Ich kümmere mich um Rafe. Finde du in der Zwischenzeit heraus, wo sie sich treffen!« Sie machte gute Miene zum bösen Spiel, doch sie wusste, dass heute Nacht die Nacht der Nächte war. Sie befand sich geradewegs auf dem Weg in die Höhle des Löwen, doch sie war nicht Daniel.

Anthony sagte: »Das Foto, das du mir geschickt hast – das mit der Schatulle. Du hast sie doch nicht etwa berührt, oder?«

»Nein, das habe ich dir doch gesagt. Schlechte Nachrichten?«

»Schlimmer als das. Ich werde sie holen und an mich nehmen, sobald ich dort bin. Sie ist der Inbegriff des Bösen.«

»Aha. Und das heißt?«

»Es ist das Kainsmal.«

»Meinst du den Kain, der seinen Bruder Abel erschlug?«

»Genau den. Ich erzähle dir später mehr. Such Rafe, aber bitte nicht allein! Pater Philip macht sich große Sorgen um dich.«

»Mir geht’s gut«, versicherte sie und schaute in den Rückspiegel. Sie konnte die Kirche des Guten Hirten schon nicht mehr sehen. »Als ich bei Pennington war, hat mir ein gewisser Matthew Walker geholfen. Er war früher Pfarrer der Kirche des Guten Hirten. Skye hat heute mit ihm telefoniert, und ich vermute, die beiden haben zwei und zwei zusammengezählt und festgestellt, dass Garrett Pennington nichts weiter als ein mieser Dreckskerl ist, der lügt und an Zauberei glaubt. Der gute Pfarrer Matthew hat sich gegen Pennington und Donovan wacker geschlagen, aber ich habe ihn dagelassen, worüber er sich wahrscheinlich nicht allzu sehr freuen wird, denn ich habe mir seinen Wagen ausgeliehen, ohne ihn zu fragen.«

»Moira …«

»Rafes Leben steht auf dem Spiel! Wenn du dort ankommst, könntest du ihm das bitte erklären?«