NEUNZEHN
Es gibt zwei Arten von
Schicksalsschlägen:
das Unglück, das uns selbst widerfährt,
und das Glück, das anderen zuteilwird.
AMBROSE BIERCE
Geduld hatte nie zu den Stärken ihrer Mutter gezählt.
Serena versuchte, sich durch Fionas Auf-und-ab-Gehen in der Bibliothek nicht ablenken zu lassen, doch fing es sie zu stören an, als ihre Mutter sie verärgert fragte: »Ist er fertig?«
Serena runzelte die Stirn, während sie die letzte Zutat in die Glasschale gab. Sie befand sich an einem heiklen Punkt des Zaubers; sie musste ihren Geist ganz auf ihn konzentrieren, da er im gleichen Maß auf dem Willen wie auf seiner Erschaffung beruhte. Fiona beherrschte zwar die äußeren Kräfte, doch war es die stille Konzentration auf einen Zauber, die wahre Überlegenheit bedeutete.
Einige der Hexen bevorzugten Holz oder Stein, Serena aber mochte die Leitfähigkeit einer perfekt geformten, durchsichtigen, reinen Glasschale.
Ihre Besonderheiten, so nannte Fiona Serenas Fähigkeiten, hatten ihr die Achtung und Ehrfurcht vieler verschafft. Es war ihr Zauber, den Fiona einsetzte, um Macht über die anderen Hexenzirkel zu erlangen. Niemand in ihrer Welt bezweifelte Serenas Können. Sie beherrschte ihr Handwerk durch und durch. Sie hatte die Zauberei auf die nächsthöhere Stufe und noch weit darüber hinaus gehoben – eine Leistung, die selbst ihre Mutter gelegentlich bewunderte.
Aber nicht, dass Fiona irgendjemandem gegenüber zugegeben hätte, dass Serena genauso mächtig war wie sie … oder noch mächtiger.
Ref. 4 Wenn du wüsstet, was ich alles tun könnte, Mutter!
»Serena!«, fauchte Fiona sie an. »Antworte mir!«
Seit Fiona Raphael Cooper mit ihrem Dritten Auge nicht hatte ausfindig machen können, war ihre Verärgerung stetig gewachsen. Serena vermutete, dass es ihr nicht passte, sie um Hilfe bitten zu müssen. Denn wenn es eins gab, was Fiona ganz und gar nicht mochte, dann war es, Kontrolle abzugeben, noch nicht einmal an ihre Tochter.
Ihre Mutter hatte sich selbst in Trance versetzt und ihr übernatürliches »Drittes Auge« losgeschickt – eine Methode, die fast immer funktionierte. Sie spürte Rafe in einer verlassenen Hütte nahe den Klippen auf. Als sie jedoch zwei Männer zu ihm schickte, um ihn gefangen zu nehmen, war er verschwunden. Sie war sich so sicher gewesen, dass sie die Information vor ihrer schnellen Entscheidung noch nicht einmal durch Serena hatte prüfen lassen.
Eine weitere überstürzte Tat. Neben der, Moira an diesem Morgen im Gefängnis aufzusuchen, um sie zu töten, was besonders unklug gewesen war. Jetzt wusste Moira und wahrscheinlich auch Anthony Zaccardi, dass Fiona in der Nähe war. Unwissenheit hatte den Hexenzirkel unter anderem geschützt – der Orden St. Michael hatte keine Kenntnis über ihren momentanen Aufenthaltsort gehabt. Doch nun war es nur noch eine Frage der Zeit, wann Horden von Hexenjägern in die Stadt einfallen und ihr Vorhaben behindern würden. Fiona wollte Santa Louisa nicht verlassen und sich nach einem neuen Revier umsehen – war dieser Ort doch aus vielen Gründen perfekt für ihre Absichten geeignet.
Nachdem sie Rafe in der verlassenen Hütte nicht hatte fassen können, schickte sie ihr Drittes Auge wieder aus, doch schien er gelernt zu haben, wie er seine Aura davor schützen konnte, von ihrem übernatürlichen Auge entdeckt zu werden. Eine schwierige, fast unmögliche Aufgabe. Ob ihre Mutter sich dessen bewusst war oder nicht, wusste Serena nicht, doch je verbissener Fiona versuchte, ihn zu finden – und es ihr nicht gelang –, desto verärgerter wurde sie. Inzwischen stand sie kurz davor zu explodieren.
»Die Zutaten müssen sich setzen.« Serena legte einen durchsichtigen Kristall in die Schale und sagte einen Zauberspruch auf, der Prziel, den Dämon verlorener Feinde, heraufbeschwor, und schloss ihn in den Kristall ein. Wenn er rot zu leuchten begann, konnte Prziel auf die Suche nach mehr oder weniger jedem geschickt werden, vorrangig wurde er jedoch eingesetzt, um Feinde ausfindig zu machen.
Fiona tigerte auf und ab. »Wenn ich Raphael Cooper in die Finger bekomme, werde ich ihm beibringen, was wahrer Schmerz ist! Wenn er glaubt, er könnte sich mit dem, was ich brauche, auf und davon machen …«
»Er weiß nicht, was sich in seinem Kopf befindet«, unterbrach Serena sie.
Fiona drehte sich blitzschnell um und feuerte eine elektrische Ladung auf ihre Tochter ab, doch Serena, die an die Launen ihrer Mutter gewöhnt war, hob ihre Hand und lenkte sie auf das Aquarium um. Das Wasser zischte und dampfte, und in Sekunden schwammen noch mehr Fische an der Oberfläche. Verflucht, Margo hatte erst vor drei Stunden neue eingesetzt!
Fiona bemerkte es kaum. Sie wirbelte herum, betrachtete sich in dem spiegelnden Glas und beäugte kritisch ihre makellose Haut.
»Wir haben doch die Arca zurück«, erinnerte Serena Fiona.
»Aber nicht die Sieben, und sie werden immer stärker. Ich muss sie unter meine Kontrolle bekommen, bevor selbst ich sie nicht mehr bändigen kann. Wir haben keine Zeit für Kinkerlitzchen. Ich werde die Information aus Raphael Cooper herausquetschen, auch wenn er dadurch stirbt!«
Was höchstwahrscheinlich der Fall sein würde. Und wenn nicht, würde Fiona schon noch etwas einfallen, um ihn zu quälen, dass er am Schluss um seinen Tod bettelte.
Serena wollte Rafe kein Leid zufügen, doch hatte er vor zehn Wochen seine Entscheidung getroffen, als er sich gegen den Hexenzirkel gestellt und ihn bekämpft hatte. Serena konnte nichts gegen Fionas Zorn tun. Wäre der Vorgang damals abgeschlossen gewesen, hätten sie die Sieben in der Nacht bei dem Feuer auf den Klippen unter ihre Kontrolle gebracht, als sie zum ersten Mal die Tore öffneten.
Doch dann war Anthony Zaccardi wegen Rafe nach Santa Louisa gekommen. Seine Anwesenheit hatte sie gezwungen, vorsichtig zu sein, um nicht entdeckt zu werden. Sie waren klug vorgegangen, und obwohl er fast jeden Tag misstrauisch durch die Ruinen gestreift war, hatte er den Grund für sein Misstrauen nicht herausfinden können, wodurch sie ihre Arbeit hatten fortführen können.
Auch Moira hatte sie irgendwie in Santa Louisa aufspüren können. Fiona glaubte, Moira wäre schwach und dumm – eine Nervensäge, eine lästige Fliege, die totgeschlagen werden müsste. Sie wollte sie aus Rache quälen und sich einen Spaß daraus machen, betrachtete sie aber nicht als eine wirkliche Bedrohung.
Serena befürchtete, dass Fiona Moira unterschätzte.
Serena hatte einmal geträumt, sich mit Moira zu verbünden, um ihre Psychomutter gemeinsam zu besiegen. Zusammen würden sie über mehr Macht verfügen, als irgendjemand sich vorstellen konnte. Doch Moira hatte den Hexenzirkel nicht führen wollen und seinen Gaben den Rücken gekehrt.
Serena vermisste ihre Schwester sehr, liebte und hasste sie zugleich. Dachte Moira je an sie? Erinnerte sie sich noch an die Zeit, als sie beste Freundinnen waren? Wusste sie, dass sie, Serena, einen Zauberschild um sie gelegt hatte, sodass sie unbemerkt von Fiona hatte verschwinden können? Wusste Moira, dass sie ihr Leben gerettet hatte?
Serena starrte auf die Glasschale. Die klare Flüssigkeit begann zu sprudeln, obwohl sie noch lange nicht heiß war.
»Ich brauche sein Blut«, sagte sie.
Fiona ging zu dem kleinen Kühlschrank hinter ihrem Schreibtisch hinüber und gab einen Geheimcode ein, den sie niemandem anvertraute, noch nicht einmal Serena, obwohl diese ihn schon mehrfach hatte knacken können. Fiona unterschätzte sie immer, so wie auch Moira. Serena machte es Spaß, so viele Geheimnisse vor der Hexe zu haben, die immerzu dachte, niemand könnte sie belügen.
Fiona reichte ihr das kleine Reagenzglas mit Rafes Blut, das Richard ihnen gegeben hatte. Es waren nur noch wenige Tropfen übrig – der Kühlschrank war bei einem von Fionas Wutanfällen verbrannt und alles darin vernichtet worden. Sie waren immer noch dabei, ihre Vorräte aufzubauen.
Serena hielt das Reagenzglas hoch, entfernte den Stopfen und sang die Worte, die sie auswendig konnte – einen Zauberspruch, den sie vervollkommnet hatte. Nur wenige Hexen wichen von dem ab, was in den alten Büchern stand; Serena konnte ihr eigenes Grimoire schreiben, mit mächtigen neuen Zaubersprüchen. Sie verstand sogar mehr als die meisten erfahrenen Hexen, sogar noch mehr als Fiona selbst, doch würde Serena das nie laut aussprechen.
Sie träufelte zwei Tropfen von Rafes Blut in den Zaubertrank. »So wie es oben ist«, sagte sie und gab noch zwei weitere Tropfen hinzu, »ist es auch unten.« Sie fügte noch einmal zwei Tropfen hinzu und verschloss dann wieder das Reagenzglas. Fiona nahm es, legte es jedoch nicht in den Kühlschrank zurück. Auch sie war von der metaphysischen Reaktion der Schale in den Bann gezogen.
Die klare Flüssigkeit verfärbte sich blutrot und fing an zu schäumen und zu wirbeln. Immer schneller und schneller, bis der Tisch, auf dem die Schale stand, heftig vibrierte. Serena hielt die Schale an den Seiten fest, damit sie nicht auf den Boden fiel. Die Flüssigkeit war zwar warm, aber nicht siedend heiß.
Sie sang den Namen Prziel immer und immer wieder, und plötzlich hörte das Zittern auf; der Zaubertrank beruhigte sich und nahm wieder eine klare Farbe an. Der Kristall auf dem Boden der Schale leuchtete inzwischen rot.
Serena nahm ihn mit Eisenzangen aus der Schale, um den Dämon daran zu hindern, zu flüchten und in sie einzudringen. Sie trug ihn hinüber zu einer Karte des Bezirks von Santa Louisa, legte ihn darauf und drehte ihn vorsichtig mit der Spitze der Zange um seine eigene Achse.
»Finde ihn, finde sein Blut!«, befahl sie dem Dämon.
Der Kristall bewegte sich auf der Karte. Zuerst langsam, doch dann immer schneller wie der Kreisel eines Kindes, bis er vom Tisch schleuderte, quer durch den Raum schoss und mit solch einer Wucht gegen die Wand prallte, dass er sich in das Holz bohrte.
Fiona beachtete den eingeschlossenen Dämon nicht, sondern schaute auf die Karte. »Da!«, rief sie aufgeregt.
Ein blutroter Tropfen verriet ihnen, wo Raphael Cooper sich befand: im Santa Louisa Coastal Inn.
Rafe stellte sich schlafend, als Anthony die aus zwei Zimmern bestehende Hotelsuite betrat. Moira und Anthony stritten miteinander.
»Weck ihn nicht auf! Lass ihn wenigstens noch eine Stunde schlafen, okay?«
Er hörte Schritte vor der Tür, die angelehnt war. Rafe spürte, dass es Anthony war, der sich vergewissern wollte, ob er da war und lebte.
»Hast du beide Zimmer versiegelt?«, fragte er sie im Flüsterton.
»Natürlich!«, fauchte Moira ihn an. »Ich bin ja keine blutige Anfängerin.«
»Nein, bist du nicht.«
Das hatte er nicht als Kompliment gemeint.
Rafe seufzte erleichtert, als Anthony nicht versuchte, ihn zu wecken. Es war nicht so, als wollte er nicht mit ihm reden – er wollte seinen alten Freund sehen, doch fühlte er sich in diesem Hotel sicher, zumindest vorläufig. So sicher, dass er versuchen wollte, seine Gedanken zu ordnen, bevor Anthonys Fragen auf ihn einstürzen würden. Auch Moira hatte viele; Rafe hatte sie in ihren glänzenden blauen Augen erkannt.
Sie hatte darauf bestanden, dass er sich hinlegte, während sie die Zimmer gegen Dämonen und Zauberei versiegelte, doch hatte er sie dabei beobachtet. Gewissenhaft hatte sie Salz verstreut, Gebete aufgesagt, als wären es Zaubersprüche, und keine einzige Ecke, sei sie noch so klein, vergessen. Zwar konnten keine Dämonen mehr eindringen und ihnen auch Zaubersprüche nichts mehr antun, dennoch wussten sie, dass diese Schutzmaßnahmen nur eine Notlösung in dem Kampf darstellten. Sie befanden sich vorübergehend in einer Festung, die mit zunehmender Zeit und wachsender Stärke leicht durchbrochen werden konnte.
Er betete still in die Dunkelheit hinein und blendete das laute Geflüster von Anthony und Moira nebenan aus. Ihm fiel ein Vers aus dem Buch Jesus Sirach ein, und er erschauderte:
Zorn, Eifersucht, Sage
und Schrecken,
Todesangst, Zank und Streit.
Noch auf dem Bett zur Ruhezeit
verwirrt der nächtliche Schlaf ihm den
Sinn.
Ref. 5 Schlafen … wie sollte er nur schlafen? Er hatte sich zehn Wochen lang in einer Art Schlaf befunden. Oder in einem Koma? In einem durch Medikamente herbeigeführten Schlaf? Oder durch einen Zauberspruch? Er wusste es nicht, doch in seinem Kopf schwirrten traurige, wirre Gedanken umher.
Ich bin gescheitert, und sie sind gestorben.
Er war nicht nur in Versuchung geführt worden, sondern hatte sich ihr auch hingegeben. Er hatte begehrt, und seine Schwäche hatte Tod über die Mission gebracht.
Er schloss seine Augen, und das Bild von ihr, der Frau, die ihn belogen, verführt und das Böse über die Mission gebracht hatte, tauchte vor ihm auf. Sie hatte ihn verführt – doch war er mehr als dazu bereit gewesen. Er hatte gedacht, sie wäre das Zeichen, auf das er so lange gewartet hatte, das ihm sagte, Gott riefe ihn nicht, hätte ihn nie in das Priesteramt berufen. Wie hatte er sich doch getäuscht!
Er wollte schlafen, genau hier, an diesem sicheren Ort, mit der Gewissheit, Anthony und Moira schützten ihn vor dem Bösen, das ihn verfolgte. Doch er konnte es nicht. In seinem Kopf herrschte Chaos; er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.
Als er Moira O’Donnell zum ersten Mal sah, war er sich sicher gewesen, ihr vorher schon einmal begegnet zu sein – mit ihr gesprochen zu haben. Er konnte sich an ihr Haar, ihre Stimme mit dem leicht irischen Akzent und ihre langen, eleganten Finger erinnern … Doch sie waren sich noch nie begegnet. Das wusste er.
Es war, als wäre sie dazu bestimmt gewesen, ihn zu finden, was ihm aber Angst einjagte, war er doch nichts weiter als eine Schachfigur in einem größeren Spiel.
Und dann, letzte Nacht auf den Klippen – die Worte, die Sätze, die Befehle, die er gewusst hatte. Er hatte keine Fragen gestellt, nur gesprochen – angewiesen – Befehle erteilt – und so Lily Ellis, die Arca, gerettet. Doch sosehr er sich auch bemühte, sich an seine Worte zu erinnern – es gelang ihm nicht.
Er war weder besessen noch er selbst gewesen. Es kam ihm vor, als bestünde sein Gehirn aus mehreren Kammern, und eine Tür, von deren Existenz er noch nicht einmal gewusst hatte, wäre aufgesperrt und dann wieder zugeschlagen und verschlossen worden, nachdem er einen Blick in die Kammern werfen konnte. Und sosehr er sich auch anstrengte, er konnte die Tür nicht wieder öffnen. So war es nicht das erste Mal, und er befürchtete, es würde auch nicht das letzte Mal sein.
Er schloss seine Augen und hoffte, ohne Albträume – reale und eingebildete –, die ihn in den letzten drei Monaten, als er im Koma gewesen war, verfolgt hatten, friedlich schlafen zu können. Er musste Anthony von den Träumen erzählen, aber würde dieser ihm auch glauben, was er gesehen hatte? Die Träume fühlten sich so real an, dass Rafe sicher war, es handelte sich um Erinnerungen, doch das war lächerlich. Sie waren wohl eher das Werk einer der Hexen von Santa Louisa – von denen es viele gab, das wusste er aus seiner Zeit in der Mission. Sie hatten ihn für ihre bösen Absichten verblendet, und als er schließlich die Wahrheit erkannt hatte, war es schon zu spät gewesen. Sie hatten Träume und Albträume in seinen Kopf implantiert, als er im Koma lag, um ihn zu quälen.
Er stöhnte laut auf, seine Brust spannte sich vor emotionalem Schmerz an, während Bilder der blutgetränkten Kapelle durch seinen Kopf schossen. Ja, er war verblendet gewesen, doch das war nicht nur das Werk der Hexen gewesen! Was, wenn er das Böse, das ihn bedrohte, nicht aufhalten konnte? Was, wenn er, ohne es zu wissen, die Arca entfesselt hatte, als er Lily Ellis rettete? Er hatte zwar ein Leben gerettet, aber das vieler anderer war in Gefahr.
Er glitt in einen unruhigen Schlaf … Und die Träume kehrten zurück. Und sosehr er sich auch bemühte, sich selbst wieder aus dem Schlaf zu reißen – er konnte es nicht. So wie in den vergangenen zehn Wochen, wenngleich er es immer wieder verzweifelt versucht hatte.
Der Priester bereitete wie immer nach dem Beten und Fasten die Predigt vor.
Die afrikanischen Dorfbewohner, deren Geistlicher Isa war, besaßen nichts. Einige von ihnen hatten schon tagelang nichts mehr gegessen. Wasser war knapp, und Kinder starben vor Hunger.
Was könnte er ihnen morgen sagen? Sie saßen in der Zeltkirche und starrten ihn mit ausdruckslosen Gesichtern an. Sie waren zum Christentum übergetreten, weil sie eine kleine Brotoblate bekamen. Das Brot des Lebens …
»Herr, schenk mir Glauben!«
Sein Glaube war groß, weshalb er nach Kenia geschickt worden war, wo Missionare starben. Sie wurden gequält und ermordet, weil sie hoffnungslosen Menschen Hoffnung gaben. Er fürchtete nicht den Tod, denn er glaubte an das Paradies.
»Abba! Abba!« Der zehnjährige Junge lief in die kleine Hütte hinter der Zeltkirche, in der Pater Isa Tucci wohnte. Er grinste und trug ein langes Tier in seinen schwarzen, knochigen Armen. »Ich habe sie erlegt.«
Zuerst geriet Isa in Panik. Er hatte große Angst vor Schlangen, doch diese hier, eine ungiftige Boa, war tot.
Isa lächelte den Jungen an. »Lass uns ein Feuer machen!«
Wie sollte er zweihundert Menschen mit einer Schlange satt bekommen? Er würde einen Eintopf machen und betete für ein Wunder, so wie bei der Vermehrung von Fisch und Brot. Diese Kinder Gottes brauchten ein Wunder.
Sie brauchten Essen.
Die Kartoffeln, die er gepflanzt hatte, waren zwar klein, würden aber eine gute Stärke ergeben. Er nahm die letzten Bohnen, drei Handvoll, und kam sich vor wie der törichte Junge, der magische Bohnen kaufte, in der Hoffnung, eine Bohnenranke würde bis in den Himmel wachsen. Jeder im Dorf gab etwas dazu. Es wurde gelacht und erzählt.
Pater Isa schaute zustimmend in die Runde und murmelte: »Danke, mein Herr.«
Stunden später gingen sie mit vollen Mägen und voller Hoffnung schlafen. Es gab noch Reste – so viel, dass jeder Mann, jede Frau und jedes Kind auch morgen noch eine kleine Schüssel bekäme.
In der Nacht wachte Isa durch das ihm bekannte Motorengeräusch von Jeeps auf. Vielen Jeeps. Sein Herz zog sich vor Angst zusammen. Das Böse lag in der Luft.
Er trat aus seiner Hütte und sah, dass auch der Stammesführer vor seiner Hütte stand. »Wir müssen uns verstecken«, meinte er zu Isa.
Dieser schüttelte den Kopf. »Dazu ist es schon zu spät.«
»Nein …«
»Rette die Kinder!« Die Kinder wurden aus ihren Hütten geholt, als die ersten Schüsse in der Nähe fielen.
In der Sippe gab es sechsunddreißig Kinder unter dreizehn Jahren, doch konnte Isa nur fünfzehn von ihnen finden. Sie folgten ihm still in das Versteck unter der Erde, wo sie stundenlang ausharrten, während Schüsse fielen und Menschen starben. Sie schrien um Gnade, die ihnen nicht gewährt wurde. Isa betete. Die Bewaffneten standen direkt über ihnen, fanden aber nicht den getarnten Eingang.
Als die Stille draußen genauso groß war wie die Stille der Kinder in dem engen Unterschlupf, verließ Isa das Versteck.
Er nahm den Gestank des Bluts mit all seinen Sinnen auf.
Gefiederte Raubtiere – Geier – ergötzten sich bereits an den Resten. Bald würden noch mehr Raubtiere herbeieilen. Er ging langsam durch das Dorf.
Die Frauen waren niedergemetzelt, die Männer gefoltert und getötet worden. Die zurückgelassenen Kinder waren nicht mehr da. Mitgenommen, um als Sklaven zu dienen.
Er drehte sich um und bemerkte einen Jungen, den sie zurückgelassen hatten. Er war der Junge, der die Schlange erlegt hatte. Seine Hände waren abgeschnitten, so wie seine Füße und seine Zunge. Isa erkannte, dass das Kind die Schlange nicht erlegt, sondern gestohlen hatte.
Während er den Jungen betrachtete, drangen kleine Schlangen aus seinen abgeschnittenen Gliedmaßen. Isa schrie und schloss seine Augen. Als er sie wieder öffnete, waren zwar die Schlangen weg, der Junge aber immer noch verstümmelt.
Das Gemetzel hatte aus Rache stattgefunden. Ein Diebstahl – und fast zweihundert Unschuldige hatten dafür sterben müssen.
Isa fiel auf die Knie und verfluchte Gott.
Rafe saß aufrecht in seinem Bett, der Geruch von Blut waberte durch das Hotelzimmer, die Luft war so heiß, dass seine Zunge staubig und trocken war. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er Hunderte sich durch das Zimmer windende Schlangen, und er unterdrückte einen Schrei, während er um Erlösung betete.
Dann waren die Schlangen fort, und die Wirklichkeit seines Albtraums wurde ihm mit einem Schlag bewusst.
Pater Isa Tucci war einer der Priester gewesen, die in der Mission ermordet worden waren. Rafe hatte ihm monatelang gut zugesprochen, über den Dämon zu sprechen, der ihm in Afrika begegnet war, doch der Pater hatte sich geweigert. Was er damals hatte erleiden und welche Entscheidung er hatte treffen müssen, hatte ihn mehr als ein Jahrzehnt gequält. Jetzt verstand Rafe Pater Tucci, so wie er ihn zu seinen Lebzeiten nie verstanden hatte.
»Dir blieb nichts anderes übrig, Pater«, flüsterte Rafe. »Gott vergibt dir; du musst dir selbst vergeben.«
In seinem Zimmer wurde es kalt, und die Tür wurde langsam und lautlos geschlossen.
Das Geräusch flatternder Flügel erklang, aber Rafe sah nichts.
Kälte … ein Geist? Pater Tucci?
Rafe erhob sich im Bett. Er hörte, wie Anthony und Moira mit gedämpften, aber dennoch festen Stimmen sprachen. Er hätte vorhin keinen Schlaf vortäuschen sollen; dadurch hatte er sich entspannt und war wirklich eingeschlafen. Das Ergebnis war sein Albtraum von Pater Tucci gewesen. Er sah nach, ob die Türen, Fenster, Ecken und Lüftungsschlitze auch dicht waren. Moira war akribisch vorgegangen und hatte sinnvollerweise selbst die Lüftung des Hotels versiegelt und ein Kreuz über der Öffnung angebracht. Sie hatte einen vielschichtigen, außergewöhnlichen Charakter und bewies allein schon dadurch Mut, dass sie keine Auseinandersetzung mit Anthony scheute. Er stellte das goldene Kind von St. Michael dar. Er konnte sich in alles hineinversetzen und war ein angesehener Dämonologe, doch war auch er verwundbar und kein ausgebildeter Dämonenjäger.
Nachdem Rafe sich zum ersten Mal seiner Weihe entzogen hatte, ging er auf Wunsch von Rico für ein Jahr nach Olivet, um das Jagen von Dämonen zu erlernen und herauszufinden, ob darin seine Berufung bestand, die vielleicht auf der Insel nur übersehen worden war.
Doch nach Abschluss der Ausbildung war er immer noch kein Jäger gewesen. Er konnte sich für diese Aufgabe nicht entscheiden und ging fort. Es war so wie in der Musik: Manche können perfekt nach Noten spielen, machen aber dennoch keine Musik. Andere wiederum machen Fehler in ihrem Spiel, trotzdem ist ihre Musik wunderschön. Rafe konnte zwar Dämonen jagen, aber er besaß nicht diesen Urinstinkt, der einen Dämonenjäger auszeichnete.
Überall hatte er versagt, in St. John’s, in Olivet, in Santa Louisa. Zu alledem gefährdete er jetzt auch noch seine Freunde, die neuen und die alten, und riskierte das Leben Unschuldiger.
Er runzelte die Stirn. Wie konnte er das wissen? Wie konnte er wissen, was Pater Tucci zugestoßen war? Es war niemand im Raum – kein Geist –, warum war es dennoch so kalt?
Er atmete tief ein, bemerkte, dass die Kälte verschwunden war, und fragte sich, ob er sich das Gefühl nur eingebildet hatte, oder ob es Überbleibsel seiner Albträume waren, die seine Empfindungen vernebelten.
Er musste sich den Fragen von Anthony und Moira stellen. Er musste Verantwortung übernehmen.