DREIUNDZWANZIG

Skye sah dem Kaffee zu, wie er in die Kanne lief, während Anthony Moiras Verletzungen behandelte.

Eigentlich hätte sie Rafe Cooper ins Krankenhaus bringen oder in Haft nehmen müssen, doch Anthony hatte ihr diese Gedanken ausgeredet, und sie hatte keine großen Einwände eingelegt – immerhin war es zwei Uhr morgens und sie seit vierundzwanzig Stunden auf den Beinen. Warum machte sie überhaupt Kaffee? Kein Koffein der Welt würde sie jetzt noch wach halten können.

Sie hatte die Einsatzzentrale angerufen und von dem Fehlalarm im Hotel erfahren. Es waren auch Anrufe zu Schüssen eingegangen, doch keiner der Zeugen hatte sachdienliche Hinweise liefern können. Zwei Polizeibeamte waren zum Tatort gefahren, hatten aber keinen Schützen finden können. Als Rafe ihnen erzählte, wie er vom Balkon gesprungen und zu Jareds Wagen gelaufen war, merkte Skye, dass er in seiner Geschichte etwas ausließ. Sie wusste nicht, was es war, doch wusste sie, dass er nicht die ganze Wahrheit sagte. Sein Bericht war oberflächlich, und jedes Mal, wenn sie nachhakte, legte Anthony seine Hand auf ihre und stellte selbst eine Frage, die nichts mit dem vorliegenden Verbrechen zu tun hatte.

So hatte Skye begonnen, Kaffee zu kochen, Pflicht und Liebe in Widerstreit. Sie hätte nach dem Blutbad von ihrem Posten zurücktreten sollen.

Sie und Anthony hatten bei der Befragung nach dem Feuer auf den Klippen gelogen. Niemand hätte ihnen geglaubt, dass Juan Martinez besessen gewesen war und versucht hatte, sie zu töten. Sie hatte nicht nur einen falschen Bericht über die Todesumstände von Deputy Reiner abgegeben, sondern auch noch Roy Fielding mit hineingezogen, um die Details zu vertuschen, da diese noch mehr Fragen aufgeworfen hätten, deren Antworten niemand geglaubt hätte. Normalerweise hätte sie ihren Posten aufgeben müssen, doch sie liebte Santa Louisa. Es war ihr Zuhause – das einzige, was sie je besessen hatte. Ihr Vater war hier geboren und aufgewachsen und in dem Wald gestorben, den er so sehr geliebt hatte. Noch wichtiger für sie waren jedoch die Menschen, die sie beschützen musste – nicht nur Anthony, sondern auch die unschuldigen Bewohner dieser Stadt. Sie wussten nichts von den Dämonen und jenen Menschen, die mit diesen Dämonen spielten und sie für ihre besonderen Zwecke, die Skye nie verstehen würde, kontrollierten und einsetzten. Sie stellten jedoch eine Gefahr für das Leben der Bürger und das ihrer Angehörigen dar.

Anthony trat neben sie und wusch die blutigen Handtücher im Spülbecken aus. Rosafarbenes Wasser rann den Abfluss hinunter.

»Es tut mir leid, Skye. Ich weiß, das hier bringt dich in eine schwierige Lage.«

»Lass«, winkte sie ab und kniff die Augen zu. »Ich verstehe schon, aber ich brauche Antworten – und zwar bald.«

»Die brauchen wir beide.«

Skye schaute zur Couch hinüber, wo Moira und Rafe saßen. Ihre Schulter war oben verbunden – sie war zwar dort nicht von einer Kugel getroffen worden, doch hatte eine großkalibrige Patrone ihr ein Stück aus dem Arm gerissen, wodurch sie einiges an Blut verloren hatte. Neben den Prellungen von Fionas Angriff im Gefängnis prangte ihr jetzt auch noch eine Schnittwunde am Kopf, die mit einem Pflasterverband versorgt worden war.

Doch von all den Verletzungen hatte die dünne Schnittwunde an Moiras Hals Skye am meisten beunruhigt. Die fünf Zentimeter lange Wunde war bereits dabei zu verheilen, als sie das Haus von Skye betreten hatten, doch das Mal bewies, dass ein Mensch sie angegriffen hatte.

Sie stellte die Kaffeekanne zusammen mit Bechern, Milch und Zucker auf ein Tablett und ging zu Rafe und Moira hinüber. »Ist zwar kein Tee, aber dennoch heiß und hat Koffein«, sagte sie, als die beiden darauf starrten.

Rafe meinte: »Seit ich in Amerika lebe, bin ich, was Kaffee angeht, auf den Geschmack gekommen.« Er goss sich einen Becher ein und fügte einen kräftigen Schuss Milch hinzu.

Moira fragte: »Kann ich etwas Wasser haben?«

Anthony lief zum Kühlschrank, um ihr eine Flasche Wasser zu holen, während Skye sich auf einen Stuhl den beiden gegenübersetzte. Sie wusste nicht, wie sie beginnen sollte.

»Dieser Tag war die Hölle.«

Moira grinste, und ein raues Lachen drang aus ihrem Hals, als Anthony ihr die Flasche Wasser hinhielt. »Das kann man wohl sagen!« Sie trank begierig.

Anthony setzte sich auf die Armlehne von Skyes Stuhl, legte einen Arm um ihre Schulter und drückte sie. Sie wollte ihn berühren, bewegte sich aber nicht. »Sag mir doch, warum du wieder ins Krankenhaus willst!«, bat sie Rafe.

»Sie haben etwas mit mir gemacht. Ich weiß nicht, was, aber ich lag nicht im Koma. Ich kann mich an Dinge erinnern … kann sie aber nicht einordnen. Ich träumte sehr lebhaft und tue es immer noch.« Er schaute Anthony an. »Kanntest du Pater Isa Tucci?«

»Dem Namen nach, nicht persönlich. Er wurde in der Mission umgebracht.«

»Ich weiß, warum er in der Mission war.« Rafes Gesicht verzerrte sich schmerzhaft. »Wegen einer Schlange.«

»Einer Schlange?« Anthony blickte zu Moira. Was wussten die beiden, was teilten sie miteinander, das Skye nicht verstand? Sie kam sich wie eine Außenseiterin vor.

»Was ist an einer Schlange so wichtig?«, fragte sie.

Rafe erwiderte: »Im Nachhinein denke ich, die Schlange war ein Köder. Doch damals … da kam ein Junge mit einer Schlange zu Pater Tucci und sagte, er hätte sie bei der Jagd erlegt. Sie war groß, und der Pater machte einen Eintopf daraus, von dem alle aßen. Die Mörder kamen, als das Dorf schlief. Pater Tucci wachte auf und rettete ein paar der kleinsten Kinder. Er überlebte, hätte sich aber beinahe selbst umgebracht.«

Woraufhin Moira ihn fragte: »Woher weißt du das?«

Er schaute sie an und antwortete, als würde er nur zu ihr sprechen: »Erinnerst du dich, als ich dir sagte, ich wüsste Dinge, könnte mich aber nicht daran erinnern, dass sie mir widerfahren sind? Das ist eins von diesen Dingen.«

Skye versicherte: »Wenn sie dich im Krankenhaus unter Drogen gesetzt haben, werden wir das beweisen können.« Sie wandte sich Anthony zu. »Ich rufe morgen früh Rod an und werde ihn bitten, Blut- und Haarproben von Rafe zu nehmen und sie heimlich zu testen.«

Anthony nickte zustimmend. »Wir werden herausfinden, was passiert ist. Das verspreche ich dir!«

Skye räusperte sich. »Rafe, wir müssen darüber reden, was in der Mission passiert ist. Du bist doch der einzige Überlebende.«

Moira eilte ihm zu Hilfe. »Das hört sich an, als würdest du Rafe der Tat beschuldigen.«

Rafe warf ein: »Ich werde deine Fragen beantworten, wenn ich kann, aber zuerst müssen wir die Person finden, die alle Antworten kennt.«

»Wer ist das?«

»Lisa Davies. Sie ist eine Hexe; sie ist die Tochter der Köchin in der Mission. Solltest du mit ihr schon gesprochen haben, wird sie dich angeschwindelt oder verhext haben, damit du keine weiteren Fragen stellst. Doch sie war in der Mission, als die Priester umgebracht wurden. Sie, Jeremiah Hatch und Corinne Davies beschworen durch eine gewaltsame Opferung einen Dämon herauf. Mich hielten sie währenddessen in meinem Zimmer gefangen, aber ich bekam alles mit, hörte die Schreie …« Er hielt einen kurzen Moment inne, Moira nahm seine Hand und drückte sie. »Ich weiß nicht, wie ich aus meinem Zimmer herausgekommen bin, doch ich denke, Lisa schweifte gedanklich von meinem Gefängnis ab, um den Dämon zu kontrollieren, als er heraufbeschworen worden war, und da konnte ich mich befreien. Als ich in die Kapelle kam, sah ich sie … und den Dämon in seiner wahren Gestalt. Grauenvoll … erbärmlich … und dann plötzlich wunderschön, um mich zu locken. Doch ich durchbrach ihre Konzentration und ihren Kreis, und die Frauen liefen zum Schutz in die Sakristei. Ich wollte Jeremiah töten, um den Dämon aufzuhalten, doch er war bereits tot.«

Sie alle sahen Rafe an, der wie in Trance sprach. Die Erinnerungen waren so schmerzhaft, dass für einen Augenblick keiner von ihnen sprechen konnte, alle spürten seine Qualen.

Schließlich ergriff Anthony das Wort: »Lisa ist tot. Sie kam zwei Tage nach den Morden bei dem Feuer auf den Klippen ums Leben.«

Rafe schüttelte den Kopf und rieb sich die Stirn. »Kam sie nicht. Ich habe sie auf den Klippen gesehen. Sie hat ihre Haarfarbe verändert. Sie ist nicht mehr dunkelhaarig, sondern blond, aber sie war es. Sie ist eine Hexe und verfügt über ungeheure Zauberkraft, die mich verblendet hat. Durch Lisas Zaubersprüche und das Gift ihrer Mutter mussten meine Brüder ihre schlimmsten Albträume, die wirklich passiert sind, wieder und wieder durchleben. Sie wollten sterben, denn nur so konnten sie dem unerträglichen Schmerz entgehen, ihre Vergangenheit noch einmal durchleben zu müssen.«

 

»Danke«, sagte Anthony, als er und Skye eine Weile später im Bett lagen. Die Standuhr schlug zur halben Stunde – es war 3:30 Uhr morgens. »Rafe ist nirgendwo sicher, und ich weiß, das hier war schwierig für …«

Sie unterbrach ihn. »Bedank dich nicht bei mir.«

»Irgendetwas stimmt nicht. Was ist es? Sprich mit mir, Skye! Du bist verärgert …«

Sie setzte sich auf. Das Mondlicht schien im Dunkeln durch die zarten Vorhänge. Skye sah blass und traurig aus, was ihrer Stimmung entsprach. »Mir ist gerade in den Sinn gekommen, dass du wusstest, wo Cooper sich befand, und es mir nicht gesagt hast.«

»Er hat diese Männer nicht umgebracht. Das weißt du! So wie du weißt, dass uns niemand glauben wird.«

»Stimmt, aber ich muss trotzdem seine Aussagen zu Protokoll nehmen.«

»Er kann nicht jedem erzählen, was wirklich passiert ist.«

»Aber er kann erzählen, dass er sowohl die Waffen als auch Lisa und ihre Mutter in der Mission gesehen hat, als alle starben.« Sie hielt inne. »Glaubst du, er hat Lisa Davies wirklich gestern Nacht gesehen? Was, wenn sie hinter Abbys Tod steckt? Weißt du, was ich überhaupt nicht begreife? Das Warum.«

»Sie wollten die sieben Todsünden freilassen.«

»Klar. Um die Dämonen heraufzubeschwören«, meinte sie sarkastisch und sah, wie Anthony sich anspannte. »Was ich meine, ist, warum diese durchdachten Morde in der Mission? Warum das Ritual mit Abby Weatherby und Lily Ellis? Warum gerade jetzt? Welches Ziel verfolgen sie?«

»Ich weiß es nicht.«

»Außerdem hat Rafe uns nie erzählt, wie er auf die Klippen gekommen ist. Jedes Mal, wenn ich darauf zu sprechen kam, hast du das Gespräch in eine andere Richtung gelenkt. Du wolltest nicht, dass er mir antwortete.«

»Es ist schon spät. Wir sind alle müde.«

»Morgen wirst du mich diese unangenehmen Fragen stellen lassen müssen. Ich muss eine Aussage aufnehmen.«

»Natürlich.«

Anthony strich über ihre Schulter und drückte ihren Rücken sanft zurück ins Bett. »Es war ein harter Tag für dich.«

»Für uns alle«, meinte Skye. Sie entspannte sich ein wenig, in ihrem Kopf jedoch schwirrten immer noch die Gedanken umher. »Wer hat das getan? Wer hat Rafe in ein Koma versetzt? Richard Bertrand war sein Arzt – ich kann mir nicht vorstellen, dass er den Satan verehrt. Ich kenne ihn fast mein ganzes Leben lang«, überlegte sie laut.

Er schluckte einen bissigen Kommentar hinunter. Sie war müde. »Sie verehren Satan nicht.« Er dachte eine Minute lang angestrengt nach. »Vielleicht war das Massaker in der Mission der Anfang, und das ist das Ende.«

»Solange ich nicht herausgefunden habe, was Abby zugestoßen ist, gibt es kein Ende.«

»Deine Hingabe und Leidenschaft sind zwei der vielen Gründe, warum ich dich liebe.« Er küsste sie auf die Stirn. »Schlaf jetzt, Skye!«

»Ich bin so müde, aber ich weiß nicht, wie ich einschlafen soll. Überall in der Stadt sterben Menschen. Am Nachmittag hat sich eine Frau umgebracht, und ein durchgeknallter Verkäufer erschießt nach seiner Mittagspause einfach mal seine Kollegen. Warum tun Leute so etwas? Gibt es nicht schon genug Übel auf der Erde, hinter dem Menschen stecken? Müssen diese verdammten Hexen uns da noch mehr davon bescheren?«

»Schhh!«, murmelte Anthony, küsste ihre Hand und zog sie zu sich. Er liebte sie so sehr und machte sich Sorgen um sie. Um ihre Arbeit, ihre Gesundheit und die in Santa Louisa wütenden Kräfte. Er hasste, was sie gesehen hatte, was sie tun musste, wie sie ihre Gefühle ausschalten musste, um ihre Arbeit erledigen zu können. Er hielt Skye nicht für eine verwundbare Frau, doch ihr tief sitzendes Bedürfnis, das Unbekannte zu verstehen, bildete ihre Achillesferse. Für das Böse, das durch die Stadt geisterte, war sie verwundbar, denn trotz des bisher Erlebten konnte ihr logischer Verstand das Übernatürliche nicht erfassen, wenngleich sie es versuchte, wofür er sie liebte.

»Schlaf, Skye! Ich bin hier. Ich liebe dich, und ich werde dich beschützen. Schlaf jetzt!«

Er hielt sie fest, bis sie sich schließlich entspannte und einschlief.

Santa Louisa war eine kleine, ruhige Stadt an der Küste. Konnte es sein, dass so viele Todesfälle in einer so kurzen Zeit nichts miteinander zu tun hatten? Dämonen könnten dahinterstecken, doch hatte Anthony von einer solchen Besessenheit noch nie vorher gehört. Wenn jemand besessen war, blieben Hinweise zurück – Gerüche, Zeichen auf Wänden oder Böden. Er vermutete, Moira würde sie sicherlich erkennen, wenn sie die Tatorte beging.

Sollte etwas übernatürlich Böses hinter den Fällen stecken, die in den letzten vierundzwanzig Stunden über Skye hereingebrochen waren, würde Anthony es herausfinden. Und wenn er dafür Moira O’Donnell um Hilfe bitten müsste, würde er es tun!

Er würde alles tun, um Skye zu beschützen.