PROLOG
Vor zehn Wochen
Niemand konnte Moiras durchdringende Schreie hören; sie waren in ihrem Kopf gefangen wie der alte Dämon, der den Mann, den sie liebte, in den Tod trieb.
Peter, ihre Liebe, ihr Leben, der Grund, warum sie überleben wollte, hielt das Kreuz in der Hand und sang ein altes Lied der Teufelsaustreibung.
Sie nahm ihre Hände nach oben, die Innenflächen zu ihm gerichtet. Die sich im Innern aufbauende Energie des Dämons drang nach außen und packte den Geliebten am Hals. Würgte ihn. Es war, als würden ihre eigenen Hände sich um Peters Hals legen und mit unmenschlicher Kraft zudrücken, doch Moira stand viele Meter von ihm entfernt. Der Dämon benutzte sie, um seiner teuflischen Energie einen Weg zu Peter zu bahnen, der im Begriff war, zu sterben. Er rang nach Luft, während er auf dem Boden zusammenbrach, nach den unsichtbaren Händen um seinen Hals griff und sich dabei blutig kratzte.
Moira sah das Entsetzen in Peters Gesicht. Den Schmerz. Die Ungläubigkeit. Mit einer schnellen Drehung ihres Handgelenks schleuderte der bösartige Dämon ihn mit einer solchen Gewalt durch den Raum, dass ein Riss in der Steinwand entstand. Peter fiel vier Meter zu Boden, tot …
Moira O’Donnell wurde mit einem Schlag wach, sie schnappte nach Luft, die billigen, kratzigen Laken des Motels waren feucht vor Schweiß, und ihre Haut fühlte sich heiß an. Wie immer folgte auf diesen Albtraum eine Vision, die genauso heftig und unvermittelt erschien, wie sie auch wieder verblasste. Jedes Mal, wenn sie versuchte, sich auf ein Detail davon zu konzentrieren, verschwand sie wie eine Rauchfahne. Die Angst jedoch blieb hartnäckig in jeder Zelle ihres Körpers haften und drückte sie so fest zusammen, bis sie fast blind vor Panik war.
Sie hatte jede Nacht Albträume. Und so, wie die Albträume die reale Vergangenheit darstellten, stellten die ihnen stets folgenden Visionen, die weit davon entfernt waren, in irgendeiner Form von Nutzen zu sein, die reale Gegenwart dar. Moira war selbst dann machtlos, den endlosen Kreislauf der Zerstörung zu durchbrechen, wenn sie Zeuge von Ereignissen war, die gerade im Moment stattfanden. Wie sollte sie bloß das Gleichgewicht herstellen, wenn das Böse immer wieder gewann?
Da war es auch nicht hilfreich, dass ihre Visionen, diese bruchstückhaften, erschreckenden Bilder und heftigen Gefühle, die fremden Gesichter und Orte, nicht zu entschlüsseln waren. Sie litt mit den Menschen mit, die sie nicht kannte, spürte ihren Schmerz, teilte ihre Angst und konnte rein gar nichts dagegen unternehmen. Pater Philip hatte ihr erklärt, dass es dafür eine tiefere Bedeutung gäbe, dass sie geduldig sein müsste, aber Moira hatte genug davon, auf Antworten zu warten, die sie nie erhielt. Sie war es leid, der Unterwelt bei einem weiteren Sieg und dem Leiden unzähliger unschuldiger Menschen zuzusehen.
Moira war des Lebens überdrüssig, da es für sie nicht mehr lebenswert schien.
Sie setzte sich auf, hielt ihren Kopf in den Händen und tat, was Pater Philip ihr geraten hatte, nach einer Vision zu tun. Versuche, dich zu erinnern! Suche nach Anhaltspunkten!
Du siehst diese Dinge nicht ohne Grund. Stelle Fragen, horche auf Antworten! Sie werden da sein, wenn du sie brauchst, aber du musst aufmerksam sein!
Ja, reißt mir nur meine Seele auf, damit sie wieder und wieder gequält wird, immer auf der Suche nach Antworten, wenn ich noch nicht einmal die verdammten Fragen kenne!
Sie hörte, wie tief unter ihr Wellen gegen Felsen schlugen.
Moira konnte die Salzluft praktisch schmecken. Salzluft mit einem Hauch von Rauch, Asche und Schwefel. Sie konzentrierte sich auf ihre Erinnerung an die Bilder, die sie nicht sehen wollte.
Ein Dämon. Der Gestank brennenden Schwefels, der so stark war, dass er sich auf ihre Zunge legte und mit dem widerlichen, süßen, metallischen Geschmack von Blut vermischte. Ein brennendes Haus. Schreie der Todesqual. Nicht nur von den im Haus Gefangenen, sondern von überall her. Von überall her und von unten …
Moira sprang auf wackeligen Beinen aus dem Bett. Es handelte sich um eine Pforte. Ein Tor zur Hölle, einen Ort, an dem die übernatürliche Grenze zwischen dieser Welt und der Unterwelt so schmal und schwach war, dass das Böse ohne große Mühen hervorgebracht oder Seelen in die Feuergrube geschickt werden konnten.
Lautes, freudiges Gelächter erschallte, als das Böse dem Tod bei einem weiteren Sieg für seinen Herrn zusah. Das Haus fiel in sich zusammen und stürzte hinab, tief hinab in die unten, ganz unten liegende geschmolzene Grube … Das Tor öffnete sich …
Fiona.
Dahinter steckte Fiona. Dessen war Moira sich ganz sicher, so wie sie sich sicher war, dass ihre Mutter auch hinter Peters Tod steckte.
Wieder einmal kam Moira zu spät, um Fiona – eine Hexe, eine Zauberin, ein hinterlistiges Biest, all diese Bezeichnungen trafen auf sie zu – daran zu hindern, Dunkelheit über die Welt zu bringen. Ihr Lachen, ihr Duft nach Lavendel und Moschus erfüllten die Luft, verschwanden jedoch, als Moira sich auf die Einzelheiten ihrer Vision konzentrierte, auf etwas, irgendetwas, das ihr einen Hinweis auf den derzeitigen Verbleib von Fiona hätte liefern können. Sobald ihre Gedanken um diesen Punkt kreisten, verblassten die Bilder und Geräusche.
Würde sie diese Vision je verstehen? Würde sie ihr je helfen, ihre Mutter zu finden, oder würde sie Moira weiterhin nur verspotten, necken und verfolgen?
Sie setzte sich auf ihr Bett zurück und blickte auf das längliche, starr vor sich hinschauende Katzenauge, auf das die fade gelbe Straßenlampe durch einen Schlitz in den Vorhängen etwas Licht warf. Es war Ende November, und die bittere Kälte würde dieser kleinen, tristen Stadt im Norden des Staates New York wohl bald Schnee bescheren. Das stürmische Wetter erinnerte Moira an ihre Kindheit in Irland, doch gab es hier nichts Grünes, nicht einmal einen Hauch von Frühling, keine salzige Luft oder die wohlige Wärme brennenden Torfs.
Ein Blick auf die giftgrüne Digitalanzeige des alten Weckers ließ sie leise fluchen. Drei Uhr morgens. Gerade einmal anderthalb Stunden Schlaf. An den war jetzt nicht mehr zu denken. Sie stand auf, knipste die Schreibtischlampe an, zog ihr feuchtes T-Shirt aus und ging hinüber zum Waschbecken, das sich in einer Nische in der Wand befand. Selbst die Dusche war nicht vom Zimmer abgetrennt, lediglich ein billiger Plastikvorhang verdeckte die fleckigen grünen Fliesen. Nur die Toilette befand sich hinter einer Tür in einem kleinen Raum, der kaum breit genug war, um sich darin umzudrehen. Moira spritzte sich Wasser ins Gesicht und unter die Arme, bürstete ihr dickes schwarzes Haar und band es zu einem langen, welligen Pferdeschwanz zusammen.
Die Narbe links an ihrem Hals sprang ihr ins Auge. Sie neigte ihren Kopf, um sich die eigenartig geformte Verfärbung anzusehen, die – wenn sie überhaupt auffiel – auch versehentlich für ein erdbeerfarbenes Muttermal gehalten werden konnte. Obwohl die Narbe nach sieben Jahren kaum noch erkennbar war, hatte sie sich für immer in Moiras Gedächtnis eingebrannt. Wenn die Erinnerungen – und Albträume – doch nur so leicht zu entfernen wären wie das Teufelsmal, mit dem ihre Mutter sie gebrandmarkt hatte!
Sie lehnte sich nach vorn, umfasste krampfhaft das fleckige Waschbecken und trank Wasser aus dem Hahn, dabei schlug das Medaillon von St. Michael, das sie nie ablegte, gegen das Becken. Ihr Gesicht war rot vor Angst und dem Verlangen wegzulaufen; sie spritzte sich eiskaltes Wasser über ihre Haut. Panik war jetzt nicht angebracht, sie würde sie und andere nur töten. Zu viele Menschen verließen sich bei der Suche nach Fiona auf sie.
Wie bringt man seine eigene Mutter um?
Sie betrachtete noch einmal die Narbe, die wie damals – vor dreizehn Jahren, als Fiona ihr das Mal an ihrem sechzehnten Geburtstag aufdrückte – unter ihrer Haut brannte. Eine Erinnerung des Schmerzes …
Es war keine Erinnerung. Die Narbe brannte wirklich.
Moira kontrollierte die mit Salz gesicherten Fenster und die Tür. Es gab nicht viel, was Dämonen aufhielt, aber sie konnte sie bremsen, schwächen. Das hatte ihr mehr als ein Mal das Leben gerettet und Zeit gegeben, zu verschwinden.
Die Zeit des Versteckens ist vorbei.
Sie nahm ihr Handy. In Italien war es Mittag. Pater Philip würde beim Beten und Meditieren sein. Ihn während dieser Stunde zu stören war nur in äußersten Notfällen gestattet.
»St. Michael«, meldete sich eine ruhige männliche Stimme.
»Pater Philip, bitte«, verlangte Moira mit ihrem hörbaren irischen Akzent.
»Er ist im Moment nicht zu sprechen.«
»Hier spricht Moira O’Donnell. Es ist äußerst dringend.«
Der Mönch erwiderte weder etwas, noch hängte er ein. Sie nahm wahr, wie der Hörer auf den Holztisch gelegt wurde.
Das einzige Telefon im Kloster St. Michael befand sich in der Bibliothek. Sie stellte sich die großen, schmalen Fenster mit dem Buntglas in den Bögen vor; den Steinboden, auf dem ein riesiger, unfassbar alter Perserteppich lag. Die abgewetzten Ledersofas, die Leselampen, die friedliche Ruhe. Die Bibliothek war ein Ort der Zuflucht, ein Ort des Studierens und Ausruhens. Die intensive praktische Ausbildung – das körperliche Training – fand weit weg in Amerika statt, vielleicht, um Gewalt und Forschung voneinander zu trennen, höchstwahrscheinlich aber, um den Orden davor zu schützen, mit einem Schlag ausgelöscht zu werden.
Moira hatte unzählige Stunden mit Peter in der Bibliothek verbracht, um die alten Texte zu studieren. Viele der anderen waren ihr gegenüber skeptisch gewesen, doch Pater Philip hatte ihr gestattet zu bleiben. Er hatte ihr das Leben gerettet und sich um sie gekümmert, als sie dachte, es gäbe keine Hoffnung mehr. Er hatte sie zu dem heiligen Ort gebracht, hatte sie unterrichtet und Peter ermutigt, ihr zu helfen. Es schmerzte sie sehr, dass der Geistliche sich für die Tragödie, die sich im Anschluss ereignet hatte, verantwortlich fühlte, hatte es sich doch nicht um seinen Fehler gehandelt. Sie hatte seine Anweisung, sich von der Zauberei fernzuhalten, nicht befolgt. Sie wollte den Schaden, den ihre Mutter und der Hexenzirkel verursacht hatten, ungeschehen machen. Und der einzige Weg, den sie kannte, um Zauberei zu bezwingen, bestand nun einmal in Zauberei, doch sie und Peter waren dabei viel zu weit gegangen. Sie hatte nicht erkannt, wie hoch der Preis sein würde, dafür aber auf bittere Weise gelernt, dass Hexerei selbst mit guten Absichten nur das Böse hervorbrachte.
Pater Philip unterbrach ihre Gedanken, als er den Hörer in die Hand nahm und mit leichtem Akzent zu ihr sagte: »Moira, seit sechs Monaten habe ich nichts mehr von dir gehört!«
Sie wollte dem Pater nicht erklären, warum sie weder ihn noch irgendjemand anders kontaktiert hatte, der mit St. Michael in Verbindung stand. Lag es an ihren Zweifeln? An ihren Ängsten? Oder war es die mit ihrer Mission verbundene Einsamkeit, die sie vor den wenigen Menschen, denen sie am Herzen lag und die sie gut genug kannten, um ihren Schmerz zu bemerken, verstecken wollte?
Diese Vision aber war anders, und der Pater war der einzige Mensch, der ihr vielleicht Antworten geben konnte. »Ich hatte eine weitere Vision. Ich kann mich nicht an viel erinnern, aber ein Tor zur Hölle ist dabei, sich zu öffnen.«
»Wo?«
»Ich weiß es nicht!« Sie biss sich auf die Zunge. Sie war nicht böse auf den alten Geistlichen, sondern enttäuscht von sich selbst. Enttäuscht und allein. Sie vermisste Peter fürchterlich, doch jedes Mal, wenn sie die Gedanken, die in ihr hochkamen, zuließ, erinnerte sie sich nur an seinen Tod.
»Wo bist du?«
»Im nördlichen Teil des Staates New York. Ich habe hier einen ritualhaften Mord untersucht, der an Halloween von so einem dämlichen Serienmörder begangen wurde, sein sechster Mord innerhalb von zwei Jahren. Der Mord hat rein gar nichts mit Fiona zu tun.« Sie ekelte sich vor sich selbst, dass dieser Mord sie dazu verleitet hatte herzukommen, nur weil eine Frau auf einem Friedhof umgebracht worden war. Fiona ging nicht so grobschlächtig vor.
Moiras Mutter tötete mit Stil.
Sie fügte hinzu: »Mir tut meine Narbe weh. So hat sie sich noch nie angefühlt.«
Pater Philip erwiderte nichts. Ihr Herz raste; was dachte er gerade? Dass sie wieder von ihr Besitz nahmen? Dass sie etwas erfand? Dass sie nun endgültig ihren Verstand verloren hatte und überall Anzeichen dämonischen Treibens sah?
Tastend suchte sie in ihrem Rucksack nach dem Fläschchen mit den Aspirintabletten und schüttete sich vier in die Hand, die sie ohne Wasser hinunterschluckte. Ein bitterer, kreidiger Geschmack legte sich auf ihre Zunge. Sie drehte den Wasserhahn auf, füllte Wasser in ihre hohlen Hände und trank daraus. Das Telefon klemmte währenddessen zwischen ihrer Schulter und ihrem Ohr.
»Pater?«
Er räusperte sich. »Das ist ein Zeichen.«
»Das stehe ich nicht noch einmal durch.« Jedes Mal, wenn sie eine Vision hatte, endete diese kläglich. Sie musste bei diesem Gedanken fast lachen – was für eine Untertreibung!
»Ich habe nicht gesagt, dass es ein schlechtes Zeichen ist. Da muss ich nachforschen.«
Aha, kein schlechtes Zeichen, so wie bei der »Pforte zur Hölle«? Doch Moira schluckte ihren Sarkasmus hinunter und flehte: »Sagen Sie mir die Wahrheit, Pater, bitte!«
»Ich bin mir nicht sicher; ich habe eine Vermutung. Lass mich …«
»Sagen Sie es mir!«, unterbrach sie ihn. »Pater, ich muss es wissen!«
Er seufzte, und sie konnte sich vorstellen, wie er seine kleine, in einen Silberrahmen eingefasste Brille abnahm und mit seinem Taschentuch geistesabwesend putzte. Philip war nicht nur ein »Pater«, also ein Vater im geistlichen Sinne, sondern auch die einzige Vaterfigur – die einzige normale Vaterfigur –, die Moira je gehabt hatte. Aber sie hatte in St. Michael nicht bleiben können, war das Schweigen der Mehrheit seiner Bewohner doch einer stummen Anklage gleichgekommen. Sie konnte sich nicht mit ihrer Angst in das Kloster zurückziehen, während Fiona frei herumlief, an Macht gewann und Allianzen mit den finstersten Seelen auf und unter der Erde schmiedete.
So hatte sie St. Michael verlassen und sich nach Olivet, einer Abtei in Montana, begeben, die nach dem Ölberg in Jerusalem benannt worden war. Olivet war der Ort, an dem man körperlich auf seine Aufgabe als Dämonenjäger vorbereitet wurde und, so vermutete Moira, wo diejenigen, die bereits mittendrin steckten, ihre Wunden nachher lecken und sich neu formieren konnten.
Das Kloster St. Michael stellte den akademischen Zweig des Ordens dar. Dort wurde einerseits studiert und gebetet, andererseits wurden aber auch junge Krieger herangezogen, die auf allen Gebieten ausgebildet wurden – bis ihre Talente zum Vorschein kamen und sie anderweitig eingesetzt oder nach Olivet zum körperlichen Training geschickt wurden.
Es wurde gemunkelt, St. Michael würde das menschlich Böse und Olivet das übernatürlich Böse jagen. Wenige gaben zu, auf der Suche nach dem Bösen sowohl Jäger als auch Gejagte zu sein, während sie versuchten, ihren Orden vor externen – und internen – Feinden zu schützen.
Moira war nur deshalb zu einer Dämonenjägerin ausgebildet worden, um die Dämonen, die Fiona ihr in den Weg stellte, zu bekämpfen. Rico, der Leiter von Olivet und ihr Ausbilder, hatte ihr eindeutig zu verstehen gegeben, dass sie nicht eine von ihnen wäre: ein in St. Michael groß gewordener, auserwählter Krieger. Moiras einzige Aufgabe bestand darin, Fiona zu finden und aufzuhalten. Da dunkle Hexenzirkel Dämonen zu ihrer Verteidigung benutzten, war es unerlässlich zu lernen, Dämonen zu bekämpfen, um so Hexen das Handwerk zu legen.
Neben Moiras Schuld kam auch noch Einsamkeit hinzu.
»Ein Tor zur Hölle ist offen?«, hakte Pater Philip nach.
»Öffnet sich gerade.«
»Wieso betonst du das so?«
Sie war sich nicht sicher. »Weil es das ist, was ich dachte, als ich die Vision hatte. Irgendetwas beginnt gerade. Ich kann es nicht erklären; es ist nur so ein Gefühl von mir.« Moira hasste undeutliche Visionen, Interpretationen, vage Ideen, was all die Dinge bedeuten könnten. Sie wollte – sie brauchte – einen Weg, dem sie folgen konnte. Eindeutige Anweisungen, einen festen Plan. Wieder einmal zeigte Gott ihr seinen schwarzen, kosmischen Sinn für Humor.
»Dann bleibt noch Zeit«, verkündete Pater Philip von der anderen Seite des Ozeans.
»Und was ist mit der Narbe?«
»Du hast Visionen, seit Peter tot ist.«
Schon bei der bloßen Erwähnung seines Namens zog sich Moiras Herz zusammen.
»Ja.«
»Bei den Visionen geht es um die Grenze zwischen uns und der Unterwelt.«
»Mehr oder weniger.« Sie rutschte unbehaglich hin und her. »Ich hatte nur ein paar Visionen.« Ein Dutzend, mehr oder weniger. »Nicht so viele, als dass ich schon in die Gummizelle müsste.«
»Musst du nicht.« Sie hatte einen Witz gemacht, aber seine Antwort klang so, als hätte sie die Bemerkung ernst gemeint. »Die Vision ist ein Zeichen. Du stehst in geistiger Verbindung mit der Unterwelt.«
»Nein, nein, nein! Ganz und gar nicht!« Sie zitterte. Der Neuzugang der Dämonenjäger von St. Michael zitterte vor Angst. Was für eine Welt!
»Moira, ich glaube dir, aber du musst lernen, deine Kräfte für uns einzusetzen! Wir müssen uns gegen sie stellen. Wir haben schon zu lange nur reagiert und erst dann agiert, wenn sie böse Geister schickten. Das Einzige, was du und Peter richtig gemacht habt, war, aktiv zu sein.«
»Pater – bitte!« Sie konnte nicht über Peter sprechen.
»Peter hat viele Fehler begangen.«
»Ich habe die Fehler gemacht, Pater!«
»Aber Peter hätte es wissen müssen.«
»Sagen Sie so etwas nicht!«
»Mein Kind …« Er seufzte. Moiras Herz schwoll an. Sie liebte es, wenn Pater Philip sie als sein Kind bezeichnete. Es war ein Kosename, der sie voller Liebe und Hoffnung am Boden hielt, die Gewissheit, dass sie trotz allem, was sie getan hatte, trotz all der Fehler, die sie – und Peter – begangen hatten, nicht allein war, wie allein sie sich auch fühlen mochte. Die Versicherung, dass es jemanden gab, der sich nach allem, was ihr zugestoßen war, um sie sorgte.
Der Pater sagte: »Wir können es uns überhaupt nicht leisten, nur zu reagieren. Es hat so viele Zeichen gegeben, und nach der Tragödie in der Mission …«
»Welche Mission? Was ist passiert?«
»Sie heißt Santa Louisa de Los Padres. Dort fand ein dämonisches Ritual statt, das zur Ermordung von zwölf Priestern führte.«
Moira hob sich der Magen. »Pater …«
»Ich kannte viele von ihnen.«
»Es tut mir so leid!«
»Wir waren zu spät. Vielleicht war das deine Vision. Es ist vor drei Tagen passiert.«
Obwohl sie sich nicht an jedes einzelne Bild der Vision, sondern nur an das Gefühl insgesamt erinnern konnte, erschienen immer noch Momentaufnahmen vor ihrem geistigen Auge. »Es ist heute Nacht passiert. Ein riesiges Feuer, alles wurde zerstört.«
»Moira, du musst dich den Visionen öffnen! Lerne, sie zu lesen!«
»Und was, wenn sie aus der Hölle stammen? Was, wenn ich in die Irre geführt werde?«
»All deine Visionen betrafen immer Ereignisse, die gerade in dem Moment stattfanden. Sie sind keine Täuschungen.«
»Das muss aber nicht so bleiben. Sie können mich benutzen, um Menschen zu schaden.« Dir zu schaden.
»Ich werde weiter nachforschen. Sprich mit Rico und auch mit anderen! Wir können die Initiative ergreifen. Durch dich wissen wir Dinge im Voraus.«
»Im Voraus? Das alles passiert gerade – wie sollte das für uns von Nutzen sein?«
»Du hast gesagt, die Pforte ist dabei, sich zu öffnen – das heißt, wir können sie anhalten oder schließen. Das ist unser Vorteil – und der einzige Weg, sie aufzuhalten.«
Während ihres Aufenthalts in Olivet hatte Rico Moira in allem unterrichtet, was er konnte, unter anderem hatte er ihr auch sein Glaubensbekenntnis beigebracht: Sammle Informationen, erarbeite einen Plan und führe ihn aus. Es funktionierte, und sie mochte den Rahmen und die Vorbereitung, die die Aufgabe eines Dämonenjägers mit sich brachte. Aber dieses Insiderwissen? Das jagte ihr Angst ein. Was, wenn Pater Philip sich irrte? Was, wenn Fiona und die Dämonen versuchten, sie zu täuschen? Was, wenn Moira die Visionen falsch auslegte? Was, wenn ihre Fehler noch mehr unschuldige Seelen das Leben kosten würde?
Sie wollte nichts weiter, als Fiona das Handwerk legen. Sie wollte – sie konnte – das Schicksal der Menschheit auf ihren Schultern nicht ertragen.
Zögerlich fragte sie: »Was muss ich tun?«
»Finde den Ort, an dem sich die Pforte gerade öffnet. Gehe dorthin!«
»Wie?«
»Meditiere. Bete.«
Niemals. Doch das sagte Moira nicht zu ihm. Sie würde modernere Methoden einsetzen und dabei mit dem Internet beginnen.
»Und wie schließe ich sie?«
»Ich weiß es nicht.«
»Toll! Dann schmeiße ich einfach meinen Körper in die Grube hinein und hauche ihr das Leben aus!«
»Hör auf, so unsinnig daherzureden!« Der Pater hörte sich verärgert an. »Ich werde herausfinden, wie sie zu schließen ist. Lass mich wissen, wenn du sie gefunden hast. Ich werde genaue Angaben dazu brauchen, wie sie aufgebaut ist und welchem Zweck sie dient. Es könnte schwieriger sein, das herauszubekommen als ihren Standort.«
Moira schloss ihre Augen. Es geriet gerade alles außer Kontrolle. Sie wollte diese Verantwortung nicht. Als sie dem Auftrag ursprünglich zugestimmt hatte, ging es darum, Fiona zu finden, nicht eine Pforte zur Hölle.
Doch sie hatte keine Wahl. Fiona hatte irgendetwas damit zu tun, und für Fiona war Moira nun einmal verantwortlich. »Gut, ich mache es. Aber Pater, ich habe das Gefühl, aus dem Gleichgewicht zu sein.«
»Du brauchst Unterstützung.«
»Nein.« Sie wollte nicht mit einem Partner zusammenarbeiten. Sie würde nicht wieder jemanden umbringen. Außer natürlich Fiona.
»Mein liebes Kind, dein Herz ist zwar zerbrochen, aber deine Seele ist unversehrt. Überlass Gott deinen Schmerz; deine Wunden werden heilen.«
Woraufhin sie bissig entgegnete: »Ich vertraue Ihm nicht.« Sie glaubte nicht an das Gerede eines gütigen Gottes. Nun gut, er war hier, aber mit in den Schoß gelegten Händen und der Einstellung: Dann schlagt euch mal schön allein durch, meine Kinder.
»Moira, fahr nach Olivet und arbeite mit Rico zusammen an …«
»Ich rufe an, wenn ich etwas gefunden habe.« Bevor sie einhängte, fügte sie sanft hinzu: »Auf Wiederhören, Pater. Ich vermisse Sie.«
Moira nahm ihren Rucksack, sammelte ihre wenigen Sachen ein und verließ das heruntergekommene Motelzimmer. Sie hatte nicht die Absicht, nach Olivet zurückzukehren, nicht ohne Antworten. Ihr Blick wanderte über den Parkplatz. Eine magere Ausbeute: nur fünf Autos. Sie entschied sich für den einzigen Pick-up, da sie sich an dessen Besitzer erinnern konnte. Er hatte, als sie früher an diesem Abend in dem schmierigen Restaurant am Straßenrand eingekehrt war, um sich ein Sandwich zu bestellen, schon einiges getrunken gehabt. Sie hoffte, er würde dadurch das Geräusch des anspringenden Wagens nicht hören und weiterschlafen. Sie würde das Fahrzeug nicht lange brauchen, nur bis zu einer größeren Stadt fahren, in der es eine Bücherei und ein Café gab und wo sie herausbekommen könnte, wo die verdammte Tür zur Hölle aufgemacht worden war. Sie würde den Pick-up mit einem vollen Tank und zwanzig Dollar im Handschuhfach zurückstellen, mehr war mit ihren dürftigen finanziellen Mitteln nicht drin.
Als sie über den unebenen Beton des Parkplatzes ging, landete die erste Schneeflocke des Winters auf ihrer Wange. Sie strich sie wie eine kalte Träne mit der Hand weg. Sie würde nicht lange genug hier sein, um sich an irgendeiner winterlichen Pracht zu erfreuen.