VIERZIG
Ich stehe vor einem
furchtbaren
Sprung in die Finsternis.
THOMAS HOBBES, 1679
Der Neid nahm Gestalt an.
Moira starrte ihn an und stand schützend vor Lily und Pater Philip, denn mehr als sich selbst hatte sie nicht.
Das Erscheinungsbild des Neids wechselte von hässlich zu schön. Aus einem Mann mit langem goldenen Haar wurde ein deformiertes Wesen mit Hufen und Hörnern, das auf seinen Hinterläufen stand. Die Wechsel waren übergangslos, doch das Wesen blieb greifbar. Es besaß wie der Dämon, der sich aus den Wänden der Kirche des Guten Hirten gewunden hatte, eine körperliche Masse. Dennoch war er irgendwie anders. Aus seinen Augen sprach Intelligenz. Die Dämonen, denen Moira bisher begegnet war, waren immer nur von einem Ziel getrieben gewesen: Zerstörung. Sie hatten nur nach ihrem Instinkt gehandelt.
Das Handeln des Dämons Neid jedoch wurde von Voraussicht und Klugheit bestimmt.
Er lächelte sie an.
Der Pater sprach einen Psalm; Moira kannte ihn, konnte sich aber nicht erinnern, welcher es war. Der Neid reagierte nicht auf die Anbetung Gottes.
»Deine Worte lassen mich unberührt«, fauchte er den Pater an.
Er hatte eine tiefe, polternde, laute Stimme, die durch den ganzen Raum schallte. Erst da bemerkte Moira, dass der Hexenzirkel nicht mehr sang und auf diejenigen starrte, die zusammen mit dem Neid im Kreis gefangen waren. Sie traute sich nicht, ihren Blick von dem Dämon abzuwenden, doch nahm sie die Angst um sich herum wahr. Und sie stammte nicht nur von denjenigen im Kreis.
Angst sollte der verdammte Zirkel auch besser mal haben! Sie wären als Nächste an der Reihe.
»Ich bin der Eine«, sagte der Neid.
»Gott ist der Eine«, brach es aus Moira heraus.
Der Neid knurrte.
Ja, gute Idee! Bring du mal schön einen Dämon auf die Palme, während du mit ihm gefangen bist!
»Ich bin derjenige, der euch die Erkenntnis gab. Der die Menschheit zu Fall brachte. Vor mir sollt ihr euch verbeugen!« Der Neid lächelte und veränderte dabei sein Aussehen. Seine Beine verwandelten sich in eine Schlange mit einer Rassel am Ende, sein Körper in eine haarige Brust, und sein Kopf nahm wieder die Gestalt des goldblonden Fabians an, jetzt allerdings mit Fängen, aus denen Gift tropfte. Inzwischen auf zwei Meter herangewachsen, glitt er über den Boden und wurde einmal größer, einmal kleiner, während er um die Falle kreiste.
»Denkst du etwa, du könntest mich hier einsperren?«, fragte er.
»Das ist nicht meine Schuld«, erwiderte Moira und kreiste schützend um den Altar, auf dem Lily lag. »Die da – die Hexen und Hexer wollen das!«
»Und du?«
Er glitt so schnell auf sie zu, dass sie genauso plötzlich aufschrie, wie ihr der Atem auf einmal genommen wurde. Sein Atem roch nach totem Fleisch, Schwefel und Maden. Seine schmale, gespaltene, unendlich lange Zunge schoss heraus, streifte ihre Wange und verbrannte ihre Haut.
Moira zuckte zusammen, als der Dämon sie berührte. Mit einem Mut, von dessen Existenz sie bis dahin noch nicht einmal gewusst hatte, verkündete sie: »Du musst größenwahnsinnig sein, wenn du denkst, du wärst die Schlange, zu der Eva gesprochen hat! Du bist einer der Sieben; die Schlange musste ihre Macht mit niemandem teilen.«
Sie hatte weder eine Ahnung, warum sie den Neid absichtlich wütend gemacht hatte, noch ob er wirklich der Dämon war, der Eva verführt hatte. Vielleicht dachte er sich das gerade auch nur aus, denn in einem waren Dämonen richtig gut: im Lügen. Sie wollte nur Zeit herausschinden. Ansonsten würden Rafe und Anthony es nicht schaffen, das Tabernakel aufzustellen.
Der Dämon fauchte wütend und stieß Moira mit einer solchen Wucht beiseite, dass sie quer durch den Raum flog, gegen eine Kiste schlug und zu Boden fiel. Sie hörte, wie um sie herum Glas klirrend zu Bruch ging, das ihr die Arme aufschnitt.
Steh auf! Sie konnte sich nicht bewegen. Sie versuchte aufzustehen, doch eine Glasscherbe grub sich in ihre Hand und schlitzte sie auf. Sie biss sich auf die Zunge, um nicht zu schreien, und rollte sich von den Scherben weg. Auf dem Rücken liegend sah sie nach oben zur Decke. Sie konnte sie nicht retten – wie war sie nur auf diese Idee gekommen? Sie war nur ein Mensch gegen einen Dämon, der sie mühelos umbringen konnte. Er hätte sie einfach nur weiter, höher, fester durch die Luft schleudern müssen … so wie Peter, und sie wäre tot.
Lily schrie. Moira zwang sich aufzustehen, schüttelte ihre Benommenheit ab und trat nach vorn.
Der Neid schnüffelte an Lily herum und berührte sie mit seiner Zunge. Als er ihren Mund erreichte, schoss seine gespaltene Zungenspitze in ihn hinein, dabei lehnte er sich nach hinten und verwandelte sich wieder in das behufte Wesen. »Du bist vergiftet!«, schrie er. Der Neid spuckte, und Dampf stieg an der Stelle auf, wo sein Speichel auf dem Boden gelandet war.
Moira lief zu Lily hinüber, die am ganzen Körper zitterte. Blut trat an den Stellen aus, an denen die Zunge des Neids ihre Haut aufgeritzt hatte. »Halte durch!«, beschwor sie Lily, obwohl sie keine Ahnung hatte, wie sie aus der Falle herauskommen sollten.
Die Mitglieder des Zirkels begannen wieder zu singen. Serena hielt ein überdimensionales Buch mit dicken Seiten in ihren Händen und las daraus hervor.
Die Conoscenza! Moira könnte sie jetzt vernichten.
Aber wie sollte sie das tun, während Pater Philip und Lily noch hier waren? Moira war bereit, für dieses Buch zu sterben, doch sie wollte keine Unschuldigen mit in den Tod reißen.
Während Serena las, krümmte sich der Dämon, und seine Gestalt zerfiel. Er war wütend; der Zorn dieser Kreatur war greifbar, während die Wut und Missgunst ihn wachsen ließen.
»Ihr denkt, ihr wärt etwas Besseres«, knurrte der Neid. »Ich habe euch schon einmal euer Leben genommen, das kann ich durchaus wieder tun!«
Er wuchs, während er seine Gestalt verlor. Er bewegte sich schneller und schneller in dem Kreis. Die Möbel in dem Gebäude bebten.
Serena las schneller. Der Neid schwebte über Lily, die ihn anzog, obwohl sie »verunreinigt« war. Moira schaute sich nach einer Waffe um, nach etwas, womit sie kämpfen konnte. Doch wie sollte sie den Neid töten, wenn er keine Gestalt annahm? Er schlang sich um Lily, die aufschrie.
Pater Philip begann ein Gebet der Teufelsaustreibung zu sprechen. Er streckte seine Hände aus und berührte den Dämon. Der Neid fauchte vor Schmerzen auf und entfernte sich schnell von Lily. Er schrie den Pater an und nahm die Gestalt einer Bestie an. »Du kannst MICH nicht aufhalten!«
Er atmete aus und zwang dadurch Pater Philip in die Knie. Dieser umfasste seinen Hals mit den Händen, sein Gesicht lief rot an. Der Dämon ging auf ihn los und raubte ihm den Atem.
»NEIN! Lass ihn los!«, schrie Moira. Sie warf sich zwischen den Dämon und den Pater, doch er hörte nicht auf. Sie schaute sich um. Der Pater krümmte sich vor Schmerzen und fiel dabei zu Boden. Nein, nicht er – nicht der Pater!
»Schert euch alle zum Teufel!«, schrie sie. »Avertet mala inimicis meis in veritate tua disperde illos! Voluntarie sacrificabo tibi confitebor nomini tuo Domine quoniam bonum!«
Die Aufmerksamkeit des Neids ruhte jetzt auf ihr.
»Lass ihn los!«, befahl sie ihm.
»Du besitzt keine Macht über mich. Die hast du abgegeben«, fauchte er. Der Pater lag still da. Zu still.
Warum er? Warum nicht ich? Warum hast du mir das einzig Gute in meinem Leben genommen?
Der Neid lachte und verwandelte sich in dunklen Rauch, der Moira umhüllte. Erstarrt stand sie da, eingefangen vom Neid, der versuchte, sich einen Weg in ihren Körper zu bahnen.
Dann zog er sich wieder zurück, nahm erneut Gestalt an. Prahlte. Unterstrich seine Macht. Betonte, dass er die Zügel in der Hand hielt. Moira war nur Zentimeter von seinem Gesicht entfernt, als der Neid sie anstarrte. Er öffnete sein Maul, und Moira sah seine Fänge und die Maden, während er auf sie zukam.
Eine gebieterische Stimme erklang durch den Raum und übertönte den Dämon, den Gesang und das Gepolter.
»Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes«, rief Rafe, »verbanne ich dich zurück in die tiefsten Tiefen der Hölle!«
Dann sprach er in der gleichen Sprache wie Serena.
Fassungslos wanderte Moiras Blick vom Neid hinüber zu Rafe.
Rafe kannte die alte Sprache der Dämonen! Die Sprache der Conoscenza, des Buches des Bösen, der Zaubersprüche, deren Ziel darin bestand, das Gute in der Welt zu zerstören.
Woher kannte er sie nur?
Es brach ihr das Herz, als sie begriff, dass Rafe kämpferische Magie einsetzte, um dem Zauber von Serena entgegenzuwirken. Dabei sagte er das genaue Gegenteil von ihr – Moira erkannte das zwar nicht an den Worten, da sie sie nicht verstand, sondern an der widersprüchlichen Energie im Raum. Während die Energie an Stärke zunahm und sich die beiden Arten bekämpften, wurde es immer mehr und dehnte sich weiter aus. Moira konnte die Energie praktisch sehen, sie war zugleich hell und dunkel, heiß und kalt. Ihre Sinne wurden überflutet, und sie konnte kaum noch denken.
Der Schmerz in ihrem Kopf war so stark, dass sie mit den Händen an ihren Ohren und ihrem Kopf auf die Knie fiel, um die Qualen zu beenden.
Anthony kam mit dem Tabernakel in einem Sack auf seinem Rücken nicht auf das Dach hinauf, da es weder eine Möglichkeit gab, hochzuklettern, noch hatte er die Schlüssel zu Skyes Wagen, um ihn an das Gebäude heranzufahren und als Leiter zu benutzen.
»Verflucht!«
Er lief um die Ecke, geradewegs in Tom Young hinein.
»Eigentlich solltest du tot sein.« Tom wirkte bestürzt und erschrocken. Er zog seine Waffe heraus. »Du wirst dem Tod nicht noch einmal von der Schippe springen!«
Das Gebäude wurde von hellen Lichtern an der Seite beleuchtet. Als Tom dorthin sah, trat Anthony ihm die Waffe aus der Hand. Ein Schuss ging los und verfehlte ihn.
Hank Santos sprang aus dem Wagen. Eine Minute lang befürchtete Anthony, er würde gleich Amok laufen, ausgelöst durch den umherirrenden Dämon Neid. Sollte Hank ihn aufhalten, würde er ihn nicht einfangen können, und Lily wäre von ihm besessen. Alle anderen – Pater Philip, Rafe, Moira – würden sterben.
Jared stieg auf der Beifahrerseite aus. »Wo ist Lily?«
Anthony sah von Hank zu Jared. »Geht es euch beiden gut?«
»Ja«, antwortete Jared, »mein Vater ist in Ordnung.«
Anthony wusste nicht, ob er ihm das glauben konnte, doch hatte er nicht wirklich eine Wahl.
»Ich muss auf das Dach.«
Jared schaute seinen Vater an. »Dad?«
»Ich habe da eine Idee.« Hank sprang zurück in seinen Wagen und fuhr ihn bis zu dem Gebäude vor.
Anthony stieg auf die Motorhaube, kletterte die Seitenwand hinauf und zog sich an der Regenrinne auf das Dach.
Er lief über das Flachdach zum Lüftungsschacht und hoffte, nicht zu spät zu kommen.
Der Neid brüllte und glitt an den Rand des Kreises. »Lass mich raus!«, schrie er Serena an. »Ich will den da!«
Er stach mit seinem Schwanz nach Rafe, der wie ein Reh im Scheinwerferlicht erstarrt dastand. Er konnte weder sprechen noch denken. Er sah nur den Neid, der seinen Blick erwiderte und ihn stumm zu sich rief.
Du besitzt Macht – Macht, die ich will.
Rafe wehrte sich gegen den Willen des Dämons. Er durfte sich nicht ergeben!
Er wandte sich von dem Monster ab und versuchte, dessen aalglatte Stimme aus seinem Kopf zu vertreiben. Er erinnerte sich daran, dass Dämonen zwar in ihn eindringen, seine Gedanken aber nicht lesen konnten. Genauso wenig wie sie seine Seele kannten, außer er gab sie ihnen oder sie stahlen sie ihm. Er wehrte sich, doch er war schwach. Und wurde immer schwächer.
Er sah Lily auf dem Altar liegen und versuchte sich zu konzentrieren, um sie zu retten. Er hatte es schon einmal geschafft; was stand ihm jetzt im Weg?
Moira kniete und hielt sich den Kopf vor Schmerzen. Er trat zu ihr, und sie schaute zu ihm auf. »Halt!«, schrie sie. »Halt!«
Er blieb stehen. Ihr Mund ging auf und ihre Augen schlossen sich, als eine weitere Welle des Schmerzes sie erfasste.
Wer tat ihr das an? Rafe blickte sich in dem Raum um und bemerkte Matthew Walker. Er kannte ihn – nicht namentlich, aber sein Gesicht. Rafes Kopf schmerzte, während er versuchte herauszufinden, wo er ihn schon einmal gesehen hatte.
Fiona ging an den Rand des Kreises und wischte mit ihrem Fuß einen kleinen Teil der Falle weg.
Moira schrie: »Nein! Fiona, nicht!«
»Er verdient es zu sterben«, behauptete Fiona und starrte Moira an. »Du wirst an seinem Tod schuld sein. Du hast ihn hierhergebracht, du bist für ihn verantwortlich.«
Rafe begann eine traditionelle Teufelsaustreibung, um Anthony Zeit zu verschaffen, das Tabernakel aufzustellen. Der Dämon lachte, verwandelte sich wieder in schwarzen Rauch, wickelte sich um die Dämonenfalle und versperrte Rafe so die Sicht.
Plötzlich fuhr ein reißender Schmerz in Rafes Rücken, und er dachte, eine Kugel hätte ihn getroffen, doch als er auf die Knie fiel, stellte er fest, dass die Ursache ein elektrischer Schlag, ein magischer Blitz von Matthew Walker war.
Stotternd fuhr Rafe mit dem Ritus fort, während der Zauber, den Walker einsetzte, ihm die Luft zum Atmen nahm. Je mehr er einatmete, desto weniger Luft drang in seine Lungen. Und der Dämon wurde immer größer. Rafe schrie auf und sah, wie Moira aus dem Kreis sprang und auf Walker losstürmte. Er ging zu Boden, und Rafe kam wieder auf die Beine.
Serena schrie förmlich ihren Zauberspruch, Rafe schien dagegenzuhalten. Die Worte kamen ihm ganz einfach über die Lippen, er wusste nicht, woher er sie kannte, und wollte auch nicht darüber nachdenken. Er wollte nur überleben, um Lily zu retten. Und Moira.
Fiona war es gelungen, die Geisterfalle zu durchbrechen. Nun lief sie schnell in einen schützenden Kreis zurück, in dem auch ihre Tochter Serena stand, um sich vor dem Neid in Sicherheit zu bringen. Doch er wollte die beiden nicht, noch nicht. Der Neid wollte Rafe und glitt mit einem Lächeln auf ihn zu, einem fürchterlichen Lächeln des Todes. Er hauchte seinen Namen.
»Raaaphaeeelll.«
Rafe griff nach hinten und zog den Dolch. Er hielt ihn vor sich in der Erwartung, außer sich vor Angst zu sein, doch war er stattdessen vollkommen ruhig. Sein Blick schärfte sich, der Schmerz früherer Angriffe schwand. Er atmete tief ein und aus und blickte dem Neid ins Gesicht.
»Komm her, du Mistkerl!«
Der Neid knurrte und stürzte sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit auf ihn, was Rafe nicht erwartet hatte.
Während der Dämon ihn bedrängte, griff Rafe ihn an. All seine Gedanken waren aus seinem Kopf verschwunden; er dachte nur noch daran, wie er den Dämon – den Neid – daran hindern könnte, seine Boshaftigkeit auf der Erde zu verbreiten.
Er sprang nach vorn und schlitzte dem Dämon mit dem gesegneten Dolch den Hals auf. Dieser riss sich den Kopf herunter und schleuderte ihn durch den Raum. Er verwandelte sich in tausend Fliegen, die surrend umherschwirrten.
Was hatte er getan? Warum hatte er ihm den Hals aufgeschlitzt? Er wusste nicht, was er gerade tat. Verunsichert erstarrte er, sein Kopf pochte.
Der Dämon steuerte wieder auf ihn zu, sein Kopf wuchs nach, seine roten Augen waren auf Rafe gerichtet. Dieser blickte ihn starr an. Das war das Ende.
Moira schrie. Walker hatte sie überwältigt, doch sein Zauber ließ nach, während seine Wut zunahm. Der Mistkerl hatte seine Hände um ihren Hals gelegt. Er würde sie erwürgen, ein menschlicher Mörder alter Schule!
»Ich werde dich umbringen, Moira!« zischte er mit zusammengebissenen Zähnen. »Und es wird mir ein Vergnügen sein!« Moira bezweifelte weder das eine noch das andere.
Aber sie war noch nicht bereit, zu sterben.
Sie stieß ihm ihre Knie in die Genitalien und fuhr gleichzeitig mit ihren Armen blitzschnell zwischen die seinen. Dabei zielte sie genau auf seine Augen. Im letzten Moment drehte er seinen Kopf weg, um dauerhafte Schäden abzuwenden, doch lockerte er seinen Griff dadurch. Moira schlug ihm auf die Armmuskeln, um seine Hände von ihrem Hals wegzustoßen. Sie holte Atem, verpasste ihm einen Kopfstoß – oh, Mist! Der tat weh! – und schleuderte ihn zu Boden.
Sie packte ihren Ersatzdolch, den Walker ihr vorher abgenommen hatte, aus dessen Hosentasche, zog ihn aus der Scheide und lief zu Rafe.
Der Neid türmte sich vor Rafe auf und verwandelte sich in Gas, um mit dem Mann zu verschmelzen.
»Denk nicht mal dran!«, warnte Moira ihn und fuhr mit der Teufelsaustreibung da fort, wo sie aufgehört hatte.
Der Neid wandte sich ihr zu, nahm wieder Gestalt an und versetzte ihr mit einer klauenartigen Pranke einen Schlag. Sie fiel zu Boden und spuckte Blut aus.
Rafe erhob sich und schnitt dem Dämon den Arm ab. Kleine Schlangen glitten aus der Bestie und wanden sich schnell durch den Raum.
Die Frauen in dem Hexenzirkel schrien, als die Schlangen – widerliche rote und schwarze Wesen – über ihre Füße glitten. Moira hatte Angst, dass, wenn eine von ihnen flüchtete, sie noch mehr Probleme bekämen, als sie ohnehin schon hatten.
Es gibt Schlimmeres als das!
Rafe schnitt dem Dämon den anderen Arm ab, doch dieser versetzte ihm einen Schlag mit seinem Schwanz. Er flog quer durch den Raum und knallte gegen die Wand.
Rafe durfte nicht sterben! Nicht so wie Peter, der Mann, den sie geliebt hatte! Moira keuchte: »Verdammt! Veniat mors super illos: et descendant in infernum viventes!«
Sie nahm ihren Dolch und stieß ihn mit aller Macht in die Rassel am Schwanz des Dämons.
Der Neid schrie so laut und heftig auf, dass Moira zu Boden fiel und sich die Ohren zuhielt. So wie die Hexen; einige von ihnen brachen zusammen, während der Neid versuchte, seine Kraft wiederzuerlangen.
Serena hielt das Buch hoch und stimmte einen Befehl an. Sämtliche umherschwirrenden Fliegen und sich windenden Schlangen strömten zu dem Buch.
Serena beschwor die lebendige Dunkelheit, rief Namen von Dämonen, bei denen Moira das Blut in den Adern gefror, und sämtliche abscheulichen Kreaturen im Raum änderten ihre Richtung und steuerten geradewegs auf Lily zu.
Moira kämpfte gegen den Schmerz an und kroch zu dem Mädchen auf dem Altar. »Nicht!«, flehte sie ihre Schwester eindringlich an, doch Serena konnte oder wollte Moira nicht hören.
»Rafe, hilf mir!«, rief sie taumelnd.
Lily schrie auf, als die Schlangen den Altar hochglitten und sich immer schneller um ihre Füße und Fesseln wanden, während die Fliegen um ihren Kopf kreisten.
Rafe erhob sich vom Boden. Er lief zu Moira und griff nach ihr.
»Vertrau mir!«, bat er.
Sie nickte ihm erschrocken zu, dabei wusste sie nicht, was er vorhatte.
Er hob den Dolch über sie.
»Nein«, wollte sie sagen, aber über ihre Lippen kam kein Ton.
Er schnitt ihr in die Hand und hielt sie über den Rumpf des Dämons, der auf dem Boden lag und versuchte, seine Glieder nachwachsen zu lassen.
Dann drückte er ihre Hand in eines der Löcher im Körper des Dämons. Sie schrie auf, während unsäglicher Schmerz durch ihren Körper schoss. Rafe schien entsetzt von seiner eigenen Tat zu sein, zog ihren Arm wieder heraus und drückte sie an sich.
»Es tut mir leid, es tut mir leid!«, stammelte er.
Moira war blind vor Schmerz. Sie blinzelte, der Schmerz begann nachzulassen.
Sämtliche Körperteile des Dämons zogen sich zu einer dunklen Gaswolke zusammen, die sich in einen Wirbel verwandelte, der sich immer schneller und schneller drehte.
Moira sah, wie der Dämon sich dagegen wehrte, in die Lüftung gesogen zu werden. Der Kampf war aussichtslos, und er wurde zur Decke gezogen, hinein in das Tabernakel, das Anthony als Lüftungsabdeckung aufgestellt hatte.
Plötzlich war es völlig still. Moira atmete wieder.
Fiona richtete ihren Zauber auf Moira und erklärte: »Ich werde dich nie wieder unterschätzen.«
Moira versuchte zu stehen, doch Fionas Hände lagen auf ihrem Kopf, sie berührte sie aber nur mit den Fingerspitzen. Moira konnte sich nicht bewegen, kaum atmen.
»Wenn du jetzt stirbst«, überlegte Fiona, »wäre das zu früh. Du sollst leiden. Und das wirst du, dafür werde ich sorgen! Solltest du wieder lieben, werde ich ihn dir wegnehmen. Solltest du wieder vertrauen, werde ich dafür sorgen, dass du verraten wirst. Du wirst niemanden und nichts haben. Du wirst mich suchen und mich anflehen, dich zu töten. Du weißt nicht, was Schmerz ist, Andra Moira!«
Moira blickte in Fionas unergründliche tiefblaue Augen, als wären es ihre eigenen, doch waren die ihrer Mutter von leidenschaftlichem Hass erfüllt.
Die Eingangstüren wurden aufgebrochen.
»Polizei! Keine Bewegung!« Sheriff Skye McPherson und drei weitere Polizisten stürmten mit gezogenen Waffen herein.
Fiona sah Moira wütend an. »Erinnerst du dich hieran?«, fragte sie. »Viel Spaß dabei!«
Fionas Augen flatterten, und Moira spürte, wie der Zauber in sie eindrang.
»Stehen bleiben!«, hörte sie, doch außer der Bibliothek in St. Michael vor sieben Jahren sah sie nichts.
Sie und Peter waren dort. Sie sah in Zeitlupe, wie er durch den Raum geschleudert wurde. Die Bilder erschienen einzeln vor ihrem geistigen Auge – Peters Körper, wie er sich wehrte, sich wand, bewegte. Die Angst in seinem Gesicht. Seine Angst, sein Schmerz und die Miene von jemandem, der verraten wurde.
Moira schrie auf, doch die grausame Vision wollte nicht enden. Immer und immer wieder schlug Peter gegen die Wand, traf sein anklagender Blick sie, bis der Tod ihn übermannte und mit sich riss.
Selbst sterben wäre besser. Besser als das hier. Lieber Gott, mach, dass das aufhört, mach, dass das aufhört!
Peters Körper schlug wieder gegen die Wand, dieses Mal langsam. Überall spritzte Blut. Sie konnte fast danach greifen und es berühren.
»Moira!«
»Halt, Moira, halt! Mach, dass es aufhört, mach, dass es aufhört!«
Rafe drückte sie an sich, sprach ruhig zu ihr. Tröstend. Seine Worte drangen in ihren Kopf, obwohl sie kaum hörte, was er sagte. Die Erinnerung wurde unscharf und verblasste. Sie begann zu weinen, und er wiegte sie in seinen Armen. Sie klammerte sich an ihn, als würde sie ertrinken.
Um sie herum herrschte das pure Chaos. Magie schwirrte in der Luft, während die Mitglieder des Hexenzirkels versuchten, einer Verhaftung zu entkommen. Skye rief und erteilte Befehle, während sie Elizabeth Ellis Handschellen anlegte. »Sichert den Tatort! Und die Hintertür!«
»Rafe …« Moira holte Luft. Sie hatte so viele Fragen. Was er getan hatte, was er gesagt hatte. Doch jetzt war sie nur noch müde und froh, in seinen Armen zu liegen, die ihr seligen Frieden gaben.
»Deine Hand«, sagte er und führt sie an seine Lippen. Sie hatte aufgehört zu bluten. Moira starrte auf die Wunde.
»Du stehst unter Schock«, meinte er.
»Lily?«
Rafe schaute über ihren Kopf. »Anthony und Jared sind bei ihr.« Dann spannte sein Körper sich an. Er stand auf, half Moira auf die Beine und nahm ihre Hand. Dann sah sie, was auch er sah.
Der Pater.
Sie liefen in die Mitte der verdammten Geisterfalle. Pater Philip lag auf dem Boden.
Moira wusste, dass er tot war, doch stammelte sie: »Er wird wieder gesund, oder? Er wird wieder gesund.« Sie kniete sich neben ihn und erinnerte sich daran, was der Dämon ihm angetan hatte. Wie er hingefallen war, um Lily zu retten.
Pater Philips Augen waren nicht ganz geschlossen, sein Hals zerschrammt, sein Mund offen. Anthony prüfte seinen Puls und Atem, Tränen tropften auf den Körper des Paters.
»Er ist in Ordnung«, sagte Moira. »Er ist in Ordnung. Er ist in Ordnung.«
»Er ist tot.«
»Nein, nein!« Sie hielt den Pater in ihren Armen. »Pater, bitte! Bitte verlassen Sie mich nicht!«
Rafe legte einen Arm um sie. Anthony nahm die Hand von Pater Philip und gab ihm mit erstickter Stimme die Letzte Ölung.
»Amen.«