DREISSIG

Serena nahm ein hohes Risiko auf sich, als sie in der Santa Louisa Highschool auftauchte, doch Nicole Donovan war hysterisch gewesen, und hysterische Hexen neigten zu Dummheiten  – so wie Elizabeth Ellis heute Morgen, als sie Fiona gegenüber eine Schimpftirade losgelassen hatte. Elizabeth konnte sich glücklich schätzen, noch zu atmen und zu leben. Und Nicole, wenn sie den nächsten Tag noch erlebte.

Die Englischlehrerin hatte die dritte Stunde frei, und so wartete Serena, bis ihre Schüler die Klasse verlassen hatten, um hineinzuschlüpfen und die Tür hinter sich abzuschließen. Sie hatte vor der Schule einen Polizeiwagen gesehen. Wahrscheinlich nicht der Sheriff, doch wollte Serena es nicht darauf ankommen lassen. Skye McPherson war eine der wenigen Personen, die sie identifizieren könnte – wenn sie genau hinschauen würde.

»Ari ist mit Jared Santos weggefahren!«, verkündete Nicole laut flüsternd. »Das kann nichts Gutes bedeuten. Wir müssen sie finden!«

»Deshalb hast du mich angerufen und von mir verlangt hierherzukommen?«

»Ari war gestern sehr nervös. Ihr Freund ist gestorben – hast du schon davon gehört?«

Hatte Serena nicht, tat aber unbekümmert. In Wirklichkeit jedoch war sie besorgt, denn sein Tod war ungewöhnlich. Sie hatte die Conoscenza noch nicht ganz entschlüsseln können, wusste aber, dass die Sieben sich unterschiedlich verhielten. Dem Hexenzirkel konnte nichts passieren, aber was war mit denjenigen, die mit ihm in Verbindung standen?

Zu Nicole gewandt meinte sie: »Das betrifft uns doch gar nicht!«

»Tut es doch! Ich habe gehört, dass der Sheriff zusammen mit Anthony Zaccardi in der Leichenhalle war. Chris Kidds Tod ist in aller Munde. Er ist zusammengebrochen und blutete aus beiden Ohren. Die Schulsekretärin starb bei einem Autounfall, während sie mehr als fünfundsiebzig Meilen fuhr. Die Bibliothekarin hat Selbstmord begangen! Niemand weiß, was gerade passiert, aber die Leute reden inzwischen von den Klippen, von Abby und den eigenartigen Dingen, die sie gesehen haben. Wir können das nicht weiter verheimlichen! Jemand wird es herausfinden und …«

Serena lachte. »Denkst du etwa, der Durchschnittsbürger von Santa Louisa würde glauben, Dämonen liefen frei herum? Und wie kommst du überhaupt darauf, sie hätten etwas damit zu tun?«

»Das müssen sie.«

Serena wollte Nicoles Panik nicht schüren, obwohl sie ihr im Innern zustimmte. Noch nie war es vorher gelungen, alle sieben Todsünden mit einem Mal heraufzubeschwören. Und wenn ein Hexenzirkel es tatsächlich einmal geschafft hatte, eine heraufzubeschwören, war sie unter strenger Kontrolle gehalten und nach Vollendung des Rituals wieder zurückgeschickt worden. Fionas Vorhaben hatte eine andere Größenordnung. Sie wollte die Sieben nicht nur heraufbeschwören, sondern sie auch in der Arca gefangen halten, statt sie in die Hölle zurückzuschicken. Die Möglichkeiten erschienen schier endlos.

»Wir haben einen Plan, und wir werden unser Ziel erreichen«, beharrte Serena. »Heute Nacht. Entweder du stehst hundert Prozent hinter uns, ohne Wenn und Aber, oder du bist draußen!«

Nicole wusste sehr gut, was draußen bedeutete.

»Heute Nacht? Wo?«

»Das wirst du noch rechtzeitig erfahren. Aber bis dahin – halte deinen Mund!«

»Was, wenn Cooper wieder auftaucht?«

»Er wird mit dabei sein«, entgegnete Serena lächelnd. »Er stellt keine Gefahr mehr dar.«

Ein Klopfen an der Tür überraschte beide. »Ich muss aufmachen«, sagte Nicole. »Ich habe Sprechstunde und will keinen Anlass für Gerüchte liefern. Davon gibt es schon genug.« Nicole ging zur Tür und schloss sie auf.

Sheriff McPherson stand vor ihr. »Ms. Donovan? Haben Sie eine Minute?«

»Geht es um Abby? Das arme Mädchen!«

»Nein, es geht um Ihren Nachbarn, Ned Nichols. Wenn Sie eine Minute haben?« Skye blickte zu Serena und nickte ihr neugierig zu. Serena begrüßte sie auf die gleiche Weise. Über ihre Lippen würde kein Ton kommen. Die einen erinnerten sich eher an Gesichter, andere an Stimmen. Sie hatte sich zwar äußerlich verändert und wieder ihr normales Erscheinungsbild angenommen, doch hatte sie ihre Stimme nicht verändern können. Obwohl sie und Skye vor mehr als zwei Monaten aufeinandergetroffen waren, wollte Serena kein Risiko eingehen.

Nicole schüttelte den Kopf. »Ich habe davon gehört. Schwer zu glauben, dass er so etwas getan hat.«

Es gab weder Anlass für Serena, sich diese Geschichte anzuhören, noch wollte sie, dass Skye zu viel Zeit hatte, sie eingehend zu betrachten. Sie verabschiedete sich winkend von Nicole, nickte dem Sheriff zu und verschwand aus dem Klassenzimmer, während Skye Nicole fragte, wann sie ihren Nachbarn das letzte Mal gesehen hätte.

Die Gänge waren menschenleer. Serena war dankbar, dass sie nie eine Schule hatte besuchen müssen.

Sie verließ das Gebäude durch einen Nebeneingang, ging den Weg zum Bürgersteig hinunter und weiter zu ihrem Auto. Der Kristall in ihrer Hosentasche vibrierte und war so glühend heiß, dass sie vollkommen fassungslos aufschrie. Sie hatte fast vergessen, dass sie den Blutdämon mitgenommen hatte.

Irgendetwas stimmte nicht.

Sie lief etwas langsamer zu den Bäumen, die die Straße säumten. Sie tarnte sich und murmelte zu diesem Zweck einen Zauberspruch, der sie verhüllte. Der Nebel hatte sich zwar gelichtet, doch der graue Himmel umgab sie mit einem eigenartigen Licht und warf dunkle Schatten auf sie, als ob die Welt nur aus Schwarz-Weiß bestünde.

Sie zog den Kristall aus ihrer Tasche und hielt ihn vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger. Er leuchtete und pochte. Sie hatte so etwas noch nie vorher gesehen und dachte kurz, der Dämon wäre dabei zu fliehen, was gar nicht gut gewesen wäre – ein vergrätzter Dämon bot nun wahrlich kein Vergnügen! Sie musste ihn vorher wieder zurückschicken. Dazu brauchte sie niemanden. Sie wollte gerade ihren Zauberspruch aufsagen, als sie aus dem Augenwinkel bemerkte, dass sich etwas bewegte.

Jemand stand links von ihr halb verdeckt zwischen den Bäumen. Wartete er auf einen Freund? Beobachtete er? Der Kristall in Serenas Hand vibrierte schneller. Sie befahl dem Dämon, sich still zu verhalten. Er gehorchte, zitterte aber weiter.

Sie sah auf der anderen Straßenseite eine menschenleere, dunkle katholische Kirche, doch war es nicht die Kirche, die in ihr das Gefühl hervorrief, dass irgendetwas im Gange war.

Der Zauber, unter dem Serena stand, machte sie nicht vollkommen unsichtbar – das war nicht möglich –, doch war sie nur schwer zu erkennen, nicht mehr als ein Schatten, der mit den Bäumen verschmolz. Solange sie sich nicht bewegte und kaum atmete, war sie de facto unsichtbar.

Bei der Person, die nur ein paar Meter von ihr entfernt stand, handelte es sich um eine Frau. Eine Frau mit langem schwarzen Haar.

Moira.

Ihre Schwester stand zwischen den Bäumen und beobachtete den Schülerparkplatz, auf dem ein Polizeiwagen stand, der, als Serena hinschaute, wegfuhr. Moira sah weiter zu dem Parkplatz, doch verriet ihre Haltung, dass sie genau darauf gewartet hatte. Sie war auf dem Sprung, ein einziges Energiebündel.

Ganz wie Fiona. Gewissermaßen ein Klon, nur dass Moira für diesen schlanken Hals, diese schmale Nase und die perfekt geformten Wangenknochen keine Zaubersprüche, Magie oder übernatürlichen Kräfte einsetzen musste. Sie brauchte auch keine Zaubergetränke, um ihrem Haar noch mehr Glanz und ihren Augen noch mehr Tiefe zu verleihen.

Serena hasste und liebte ihre Schwester zugleich, so wie sie auch zugleich mit ihr zusammen sein und sie töten wollte.

Moira war die Einzige gewesen, die dem Hexenzirkel im Weg gestanden hatte, bis Rafe Cooper aufgetaucht war. Sie hatte ihre Pläne durchkreuzt, sie aufgehalten und das Leben aller in Gefahr gebracht. Sie musste sterben. Doch noch schlimmer war, dass sie nicht einmal wusste, was sie tat oder wie gefährlich sie für Fionas Pläne war.

Als Fiona jedoch dieses eine Mal die Möglichkeit gehabt hätte, dem Ganzen ein Ende zu bereiten, hatte sie ihre dummen Psychospielchen gespielt, und so lebte Moira immer noch.

Wieso eigentlich? Hatte sie das verdient? Nein. Nicht nach all dem Leid, das Serena hatte ertragen müssen, weil dieses Miststück unbedingt frei sein wollte.

Fiona hatte Moira schon immer mehr geliebt als Serena, weil sie die Auserwählte, das Opfer gewesen war. Diejenige, die das Reich zwischen dem Hier und der Unterwelt regieren und zwischen zwei Orten hätte wechseln können. Ganz mühelos, als würde sie nur atmen.

Doch all das hatte Moira weggeworfen, war fortgegangen, als wäre es nichts! Und jetzt wollte sie ihnen auch noch das Recht auf unendliches Wissen nehmen und den Reichtum der Welten verwehren.

Fiona hatte die auserwählte Stellung von Moira nicht auf Serena übertragen. Sie meinte, sie vermochte das nicht, sie wäre dazu nicht in der Lage, doch das stimmte nicht! Es war möglich! Serena hatte herausgefunden, wie sie all das haben konnte, was Moira aufgegeben hatte. Moira musste nur tot sein.

Du bist nicht frei, das wirst du nie sein, und ich werde dich töten!

Moira spürte, dass sie beobachtet wurde. Sie blieb stehen, steckte das Adressbuch unauffällig in ihre Hosentasche und horchte.

Weiter entfernt bellte ein Hund; ein anderer, mehr in der Nähe, kläffte in einem höheren Ton zurück.

Stimmen in der Ferne. Etwas bewegte sich. Eine Tür wurde zugeschlagen.

Außer ihr war noch jemand da und atmete.

Moira hatte ihren »mentalen Muskel« eingesetzt. Als einen solchen bezeichnete Rico es, wenn Instinkte das Handeln übernahmen und auf eine Bedrohung reagierten, noch bevor ein bewusster zusammenhängender Gedanke gefasst werden konnte.

Dieser mentale Muskel rettete Moira das Leben.

Sie hatte die Bewegung nicht bemerkt, als sie vortäuschte, nach rechts zu gehen, dann aber zwischen zwei Rotholzbäumen untertauchte und eine Ladung Energie an der Stelle niederging, wo sie gestanden hatte. Sie schlug einen Purzelbaum und sprang mit dem Dolch in der Hand wieder auf, bereit zum Angriff.

Eine rotblonde Frau, größer als Moira. Schlank. Gertenschlank. Blass.

Ganz vertraut, das Lachen eine Erinnerung an die Vergangenheit. An saftiges Grün, salzige Luft, Klee und Lavendelfelder. An Tee und dunkles Bier und Freiheit.

An Jugend und Unschuld.

An Hoffnung.

Dass Serena plötzlich auftauchte, hätte Moira an sich nicht überraschen dürfen – sie konnte sich mit Fiona messen –, dennoch hatte die Gegenwart ihrer Schwester sie erschreckt.

»Serena.« Sie räusperte sich.

Serena grinste. »Du bist nervös.«

»Das bin ich nicht. Du machst mir keine Angst.« Nicht wie Fiona.

Serena rümpfte die Nase und gab spöttisch zurück: »Die solltest du aber haben. Hätte ich dich in diese Gefängniszelle gebracht, wärst du nicht mehr am Leben.«

Dieser Satz brach Moira fast das Herz. Sie erinnerte sich an ihre Schwester, als sie noch klein gewesen war – süß und vollkommen. Moira hatte sie in den Jahren, als sie noch in Kilrush lebten und weder von den Plänen ihrer Mutter wusste noch erkannte, welchen Schaden Fionas Magie anderen Menschen zufügte, praktisch großgezogen.

Doch sie hatte Serena nicht mehr gesehen, seit sie vor ihrer Mutter geflohen und Pater Philip gefunden hatte. Serena war gerade dreizehn gewesen, als sie Moira bei ihrer letzten Flucht geholfen hatte.

Moira hatte sich nie verzeihen können, Serena an jenem Tag angelogen zu haben, doch hatte sie es tun müssen, denn Serena hatte den Hexenzirkel nicht verlassen wollen. Moira hatte sie zwei Tage vor ihrer geplanten Flucht auf die Probe gestellt, um ihr eine Chance zu geben. Sie hatte ihr ein »Geheimnis« anvertraut, um zu sehen, ob sie es für sich behielt. Doch Serena bestand die Probe nicht und erzählte Fiona das vermeintliche Geheimnis.

Moira musste hinnehmen, dass ihre Schwester Fiona nie verlassen würde.

»Es ist noch nicht zu spät für dich, dem Hexenzirkel den Rücken zu kehren. Verlass Fiona!« Moira musste sich Zeit verschaffen. Sie zweifelte daran, dass Serena ihre Einstellung geändert hatte und bereit war, mit ihr zu gehen. Wenn sie doch nur auf sie hören und ihr glauben würde!

Serena schüttelte den Kopf. »Du hattest alles. Du hättest zwischen den Welten wandern können …«

»Das war eine verdammte Lüge, und du hast sie ihr abgekauft!«

»Ich war da. Es ist keine Lüge.«

»Hör jetzt auf damit! Sag mir, wo Rafe ist, und ich hole ihn. Fiona wird nicht erfahren, dass du es mir erzählt hast. Wir können sie aufhalten, Serena! Die Dämonen, die du freigelassen hast, bringen Menschen um! Du hast keine Kontrolle über sie, aber du kannst helfen, diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten!«

»Wir haben die Dämonen nicht freigelassen. Das war Rafe. Er hat sich eingemischt. Wir hätten sie unter Kontrolle gehabt, aber er ließ sie frei, und jetzt fangen wir sie wieder ein. Du hast die Nachricht gelesen. Wir wollen sie.«

»Ich werde euch Lily nicht ausliefern.«

»Doch, wirst du!«

Moira schaute auf Serenas Hände, in denen etwas fast verführerisch schimmerte und glänzte, mit dem Serena spielte. Moira spürte, wie sich in der ruhigen Luft Spannung aufbaute und die Magie wuchs, während Serena still an einem Zauberspruch arbeitete. Ihre Schwester hatte sich wirklich ganz im Sinne Fionas entwickelt und war zu einer starken, mächtigen Zauberin geworden.

Serena sagte: »Rafe hat unserer Bewegung schlimmen Schaden zugefügt, und Fiona bestraft ihn. Weil du unsere Arca gestohlen hast!«

Serena versuchte, Moiras Herz zu verdrehen und ihr ein schlechtes Gewissen einzureden. Moira zwang sich, ruhig zu bleiben und ihre Gedanken an Rafe – und an das, was Fiona ihm gerade antat – aus ihrem Kopf zu verbannen. »Ich möchte dir nicht wehtun, Serena. Geh jetzt weg …«

Serena lachte, und ihre Hände schienen in einem blassen Orange zu leuchten.

»Du mir wehtun? Du besitzt doch gar keine Macht mehr! Die hast du aufgegeben. Aber ich?«

Sie öffnete ihre Hände und wandte sich Moira zu. Ein fast unsichtbarer Blitz, eine leuchtende kleine Scheibe kam zum Vorschein. Reflexartig hielt Moira ihren Dolch als Schutzschild hoch, doch zu spät. Der Blitz traf auf ihre Brust, und sie wurde fünf Meter nach hinten geschleudert, wo sie auf ihrem Hintern landete.

Moira war sprachlos, genauso wie Serena, die sich ihren Zauber nicht erklären konnte.

Moira hingegen schon. Ihre Schwester war irgendwie in einen Energiestrom der Unterwelt geraten. Ein offenes Tor … Standen die Tore immer noch offen? Nur wenige Hexen konnten eine solche Energie durch ihren Körper leiten – normalerweise setzten sie Kristalle und Rituale ein, um diese Art von Spannung zu erzeugen. Bei Serena war es Zufall gewesen.

Serena hob ihre Hände wieder hoch, auf ihren Lippen lag ein eigenartiges Lächeln, doch dieses Mal war Moira vorbereitet. Sie streckte ihren Dolch aus und leitete die Energie auf den nächststehenden Baum ab. Der überwältigende Wunsch, ihre schlummernde Zauberkraft einzusetzen, stieg in ihr hoch, ihre Abhängigkeit brodelte unter der Oberfläche. Sie hatte diesen Wunsch bereits heute Morgen in Skyes Haus verspürt; jetzt aber war er noch stärker, als ob die kleinste Kostprobe ihr Verlangen schürte.

Serena starrte sie wütend an. »Ich werde dich umbringen!«

Moira erkannte, dass sie gar kein Verlangen danach verspürte zu zaubern, sondern dass es sich um einen Reflex handelte. Sie erinnerte sich an den Schmerz, den Fiona ihr im Gefängnis zugefügt hatte, als sie auf sie losgegangen war, und wie sie ihn in ihrem Innern bekämpft hatte, ohne dabei Magie anzuwenden. Sie hatte überlebt. Vielleicht würde es beim nächsten Mal anders sein, aber es bestand Hoffnung für sie, auch ohne übernatürliche Kräfte zu überleben.

Sie hielt den Dolch, als wäre er ihr Rettungsanker.

Serena lachte. »Ich bin nicht besessen. Ich bin kein Dämon. Deine religiösen Symbole und Amulette jagen mir keine Angst ein!« Sie trat nach vorn. »Du musst an sie glauben, damit sie funktionieren. Das tust du aber nicht.«

»Tu ich doch!« Wütend auf sich selbst, dass sie sich durch Serena hatte anstacheln lassen und sich verteidigte, biss Moira sich auf die Zunge.

»Tust du nicht!« Serenas Hände fuhren wieder nach oben. Moira drehte den Dolch, um die Energie abzuleiten, und setzte dabei auf die Macht der Relikte und ihre innere Hoffnung.

Der Dolch in ihren Händen wurde glühend heiß, und sie schrie laut auf, hielt ihn aber fest, während die geweihte Klinge die Energie mühelos fortlenkte.

Serena versuchte es noch einmal, doch die Energie – welche auch immer sie in sich aufgenommen hatte – war erloschen. Noch schlimmer für sie als Hexe war jedoch ihre Erschöpfung. Das erkannte Moira an Serenas Haltung, der Art, wie sie hin und her schwankte, als wäre sie betrunken, an ihren Augen und ihrer Stimme.

Moira forderte sie auf: »Geh weg von Fiona! Verlass sie!«

»Sie braucht mich«, erwiderte Serena mit schwacher, fast kindlicher Stimme.

»Noch ein Grund mehr, wegzulaufen, solange du noch kannst! Sie wird an Kraft verlieren, wenn du sie verlässt. Ich kann sie aufhalten. Du darfst diesen Wahnsinn nicht weiter zulassen! Du darfst nicht weiter mit dem Leben von uns Menschen spielen, als wären wir nur Schachfiguren! Wir sind aus Fleisch und Blut, so wie du!«

Serena versuchte, wieder Kraft zu gewinnen, doch das strengte sie noch mehr an und zwang sie in die Knie. Sie rang nach Atem.

»Ich habe dich geliebt, Moira«, flüsterte sie, und Moira erinnerte sich an das kleine Mädchen, das sie großgezogen hatte, während Fiona sich auf ihren ausgedehnten Reisen befunden hatte. So schön, so blond, so ruhig, so klug. Meine süße Serena, hatte Moira sie damals genannt.

»Ich liebe dich, Serena!«

»Sprich du nicht von Liebe! Du weißt gar nichts!« Serena griff in ihre Hosentasche, Moira hob ihren Dolch.

Serena warf etwas Kleines, einen Kristall, der kleiner war als ein Tischtennisball, auf den Boden und stieß hervor: »Im Namen deines Meisters Baal und deines Meisters Baltach befehle ich dir, Prziel, Andra Moiras Seele zu stehlen!«

Die kleine Glaskugel zerbrach auf dem Bürgersteig. Eine dickflüssige Masse trat aus, die wie zusammengepresstes Blut aussah, sich bewegte und zu einem Wesen heranwuchs, zu einer Person, zu einem …

Dämon.

Der Dämon mit dem entstellten gehörnten Kopf eines Menschen und dem Körper einer Ziege wuchs weiter und nahm Gestalt an.

Moira erstarrte. Sie hatte Menschen erlebt, die von einem Dämon besessen gewesen waren, aber noch nie einen leibhaftigen Dämon.

Sie hatte noch nie einem echten, seelenlosen Geist gegenübergestanden.

»Mein!«, zischte der Dämon. »Mmmmmeeeeeeiiiiiiiinnnn!«

Sie verspürte augenblicklich fürchterliche Angst, doch die Angst durfte nicht siegen. Ihre Seele war in Gefahr, ewiger Schmerz und ewiges Leid standen ihr bevor. Es war an der Zeit, das Schicksal anzunehmen, hier und jetzt.

Doch sie würde nicht, ohne sich zu verteidigen, sterben.

Das Erscheinungsbild des Dämons war furchterregender als seine Taten. Er schwankte schwach herum und schien sie nicht klar zu erkennen, was Moira zu ihrem Vorteil nutzen konnte.

Er stürzte sich auf sie, seine Bewegungen waren zwar nicht geschmeidig, aber schnell und wendig, als bestünde seine körperliche Form aus dichtem Gas. Er besaß eine Gestalt, doch sein fehlgeschlagener Angriff strengte ihn zu sehr an, sodass er vor Moiras Augen wankte, bevor er sich wieder verfestigte.

Er war blind und erspürte sie durch ihren Geruch oder seinen Instinkt. Er taumelte und schrie vor Schmerz. Sie hatte ihn nicht berührt, sondern war nur weggesprungen, um sich absichtlich fallen zu lassen und dann wieder kampfbereit aufzustehen.

Moira zog einen, wie Rico ihn nannte, vergifteten Pfeil hervor: eine sechs Zentimeter lange Eisenspitze, die gesegnet sowie in geweihtem Öl und in der Asche der Palmen vom Palmsonntag getränkt worden war.

»Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, geh zurück zur Hölle!«

Sie brauchte ihre ganze Willenskraft und Beherrschung, um nicht von der Stelle zu rücken, als der Dämon sie wieder angriff. Sie hielt den Pfeil nach vorn, und als sie damit in seine körperliche Hülle stach, schrie das Wesen schmerzerfüllt auf – ein Schrei, den Moira tief in ihrer Brust spürte. Sie fiel auf die Knie und konnte weder atmen noch sich bewegen. Der Dämon löste sich in Staub auf, und ein Schwall heißer Luft schoss herunter und sog den Staub wie ein Staubsauger auf. Das alles geschah so schnell und Moira hatte solche Schmerzen, dass sie sich fragte, ob sie fantasierte.

Als sie endlich wieder aufblicken konnte, war ihre Schwester fort.