ZWANZIG
You envy and you fear, so have no envy, no fear
JOSHUA RADIN, »No envy, no fear«
Moira kniff ihre Augen zu. Sie und Anthony hatten den nächsten Schritt immer wieder und wieder diskutiert. Sie hatte genug davon, untätig herumzusitzen.
»Lily wird sterben, wenn wir noch länger warten«, warnte sie Anthony und schaute sich besorgt in dem Hotelzimmer um. »Ihre Mutter ist eine Hexe, und wenn sie vergangene Nacht draußen auf den Klippen war, weiß sie ganz genau, was mit Lily passieren wird. Wenn du mir nicht dabei helfen willst, sie zu retten, werde ich es allein tun.«
»Was ist mit Rafe?«, fragte Anthony mit leiser, rauer Stimme und blickte hinüber zu der Tür, die zu seinem Zimmer führte. »Wenn er nicht im Koma gelegen hat, sondern mit einem Zauber belegt war …« Er runzelte die Stirn. »Ich habe sein Zimmer vor Dämonen geschützt.«
»Es gibt keinen unfehlbaren Schutz«, meinte Moira und verspürte ein klein wenig Sympathie für den Dämonologen, der sich Sorgen um seinen alten Freund machte. Der Gedanke, Rafe könnte wochenlang in einer durch Hexerei herbeigeführten Vorhölle gelitten haben, beunruhigte beide. »Außerdem sind Zaubersprüche wie Bakterien. Sie passen sich an, werden stärker und besiegen den herkömmlichen Schutz, so wie Bakterien resistent gegen Antibiotika werden. Ich weiß nicht, was sie getan haben, aber sie können ihn aus seinem Zimmer transportiert und sämtliche Amulette, die du ihm angelegt hattest, entfernt haben. Wir wissen es zwar nicht genau, aber wir müssen davon ausgehen, dass sie etwas mit ihm gemacht haben. Aber warum?«
Anthony starrte auf die Tür. »Ich wünschte, ich wüsste es! Er ist nicht besessen, aber er ist auch nicht er selbst.«
»Er steht nicht unter einem Zauber«, überlegte sie.
Anthonys Aufmerksamkeit wanderte von Rafes Tür zu Moira hinüber. Sie fühlte sich unter seinem prüfenden Blick unbehaglich. Seine Miene war steinern und missbilligend. Sie wusste genau, was er dachte, und ihr Herz zog sich zusammen.
»Ich werde Lily holen«, eröffnete sie ihm leise. »Sollte sie nicht zu Hause sein, werde ich sie aufspüren.«
»Wie?«
»Durch ihren Freund. Jared weiß mehr, als er denkt. Aber ich brauche einen sicheren Ort, an den ich sie bringen kann.«
»Fahr mit ihr zu Skyes Haus.«
»Zum Sheriff? Bringst du Skye dadurch nicht in Schwierigkeiten? Immerhin entführe ich hier eine Minderjährige. Lily ist erst siebzehn. Ihre Mutter ist zwar eine Hexe, aber sie wird sich die Gesetze zunutze machen, wenn es ihr passt. Selbst wenn Lily mit mir kommen möchte, setzt du die Karriere deiner Freundin aufs Spiel.«
»Es gibt wichtigere Dinge als das.«
»Was ist mit Rafe? Ich kann ihn nicht dorthin mitnehmen, wir müssen aber zusammenbleiben. Wenn wir uns zu weit voneinander entfernen, schwächen wir uns.« Sie blickte sich im Hotelzimmer um, das um einiges netter war als das, was sie gewohnt war. »Vielleicht kann ich Lily hierherbringen, aber ich weiß nicht, wie sicher dieser Ort ist.«
»Du hast alles sorgfältig abgesichert …«
»Es ist ganz egal, wie gut ich diese Zimmer gegen Zauberei oder Dämonen abgesichert habe; es gibt andere Möglichkeiten, ihn – dich – und mich zu kriegen. Und Lily. Wir schweben alle in Gefahr; es ist nur eine Frage der Zeit. Das hat Fiona heute Morgen sehr deutlich gemacht. Wir können Rafe nicht allein lassen. Du meinst also, wir sollten ihn auch zu Skyes Haus bringen? Sie muss ihn für eine Vernehmung auf die Wache mitnehmen; er steht anscheinend unter Mordverdacht …«
»Wie bitte?!«
»Beruhige dich, Anthony! Ich weiß, Rafe hat Abby nichts angetan, aber sie werden sich unsere Argumente nicht anhören, ohne uns in eine Gummizelle zu stecken oder ins Gefängnis zu sperren. Und genau dort will Fiona uns haben. Da kann sie uns kriegen.«
»Behandle mich nicht, als wäre ich ein blutiger Anfänger, Moira! Du hast keine Ahnung, was ich seit den Morden in der Mission hier alles erlebt habe: Feindseligkeit. Hass. Verehrung. Götzenanbetung. Einige glauben, ich sei ein religiöser Spinner, andere halten mich für einen Propheten, und dann gibt es noch welche, die begonnen haben, um meine Person einen Kult zu betreiben. Man hat mir ins Gesicht gespuckt und sich mir vor die Füße geworfen. Skye steht beim Stadtrat unter ständiger Beobachtung, und die Tatsache, dass die Tochter des Bürgermeisters tot ist und es Anzeichen für okkulte Handlungen gibt, macht es für Rafe nur noch schlimmer. Ich weiß ganz genau, wie die Stadt reagieren wird, wenn sie die Wahrheit über Rafe erfährt. Deshalb will ich ihn ja auch nach St. Michael zurückschicken. Das Problem ist nur, dass …«
Anthony hielt mitten im Satz inne. Moira war überrascht, dass er ihr seine Erlebnisse der vergangenen Wochen anvertraute. Er war nicht darauf aus, sie als Freundin zu gewinnen, aber sie verstand ihn und das, was er durchgemacht hatte, besser als jeder andere.
»Dass wir Rafe bei diesem Kampf hier brauchen«, beendete sie den Satz leise. »Gut, Waffenstillstand. Bitte, Anthony! Solange wir nicht herausgefunden haben, was genau passiert ist und wie wir die sieben Dämonen aufspüren können, müssen wir auf der gleichen Seite stehen! Wir sollten Rafe wecken; er gehört dazu, wir müssen ihn einweihen. Deshalb schlage ich vor, du bleibst mit ihm hier, und ich hole Lily heute Nacht. Können wir sie zur Mission bringen? Ist sie dort sicher?«
»Ja, aber die Straße ist zurzeit nicht befahrbar. Sie ist bei diesem Regen viel zu gefährlich. Außerdem könnte irgendjemand – oder irgendetwas – viel zu leicht deine Spur aufnehmen und dich von der Fahrbahn drängen. Ich schaue mir die Klippen auf meinem Weg nach Hause an. Du bleibst mit Rafe hier. Ich …«
»Es wird ihm bei mir nichts passieren«, beruhigte sie Anthony. Sie schaute zu der Tür, die sie von Rafe trennte. Er hörte zu – die Tür war angelehnt, und sie konnte spüren, dass er dahinter stand.
Anthony starrte sie an und nickte. »Ich werde bei Tagesanbruch wieder zurück sein und mit Rafe sprechen, während du Lily suchst und in die Mission bringst.«
»Das sind noch sechs Stunden bis dahin«, meinte sie.
»Wie du schon sagtest: Wir haben nicht viel Zeit.«
Moira zögerte. Sie hatte nicht die Absicht, bis zum anderen Morgen zu warten, um Lily zu holen, doch müsste sie Rafe mitnehmen, und sie wollte ihn nicht in Gefahr bringen.
Anthony gab zu: »Ich vertraue dir immer noch nicht.«
»Das weiß ich. Und glaub mir: Ich hasse es, dass ich dir vertraue!«
Rafe hörte, wie Moira sich der angelehnten Tür näherte.
»Er ist weg«, sagte sie. Rafe lächelte. Sie hatte gewusst, dass er dort gestanden und gelauscht hatte.
Er öffnete die Tür und trat zu ihr ins Zimmer.
Sie betrachtete ihn von oben bis unten. »Schön, dass die Sachen passen!«
Anthony hatte ihm eine Jeans und ein schwarzes T-Shirt aus Baumwolle mitgebracht. »Sie sitzen locker.«
»Du hast während deiner ›Schlafkur‹ im Krankenhaus abgenommen. Ich habe noch ein paar Müsliriegel und Wasser, mehr aber nicht. Wir könnten allerdings auch die Minibar plündern – Anthony bezahlt«, fügte sie grinsend hinzu.
Rafe fiel auf, wie hübsch Moira war. Eine klassische irische Schönheit. Kein Make-up; glatte, seidige Haut mit ein paar hellen Sommersprossen auf der Nase; dickes, gewelltes schwarzes Haar, das im Lichtschein glänzte. Groß, schlank und durchtrainiert. Er bemerkte, dass sie nicht stillsitzen konnte. Selbst wenn sie stand, waren ihre Hände immer in Bewegung. Oder sie steckte sie in die Hosentaschen, fuhr sich mit ihnen durchs Haar oder trommelte damit voller Energie auf etwas herum.
Sie war zweifelsohne hübsch, doch hatte sie traurige Augen. Glänzende blaue Augen, deren Farbe an den Himmel erinnerte, wenn im Osten die Sonne aufging. Sie übten eine solche Anziehungskraft auf ihn aus, dass er am liebsten in ihren Blick eingetaucht wäre.
Rafe setzte sich auf die Couch und sah weg. Er sollte sie auf diese Weise, so voller Verlangen nach etwas, das er nicht haben konnte, nicht anschauen. Er hatte durch sein Begehren bereits so viel verloren; er hatte sich von einer Hexe verführen lassen. Das würde ihm nicht noch einmal passieren.
Er hatte das Gefühl, Dinge über Moira zu wissen, die er nicht wissen konnte, doch jedes Mal, wenn er versuchte, sich zu konzentrieren, verflüchtigten sich die Erinnerungen – sollten es wirklich Erinnerungen sein. Er wollte zu gerne glauben, dass da nichts war, nur ein angenehmes Gefühl, das er verspürte, seit Moira ihn gefunden hatte.
Er wusste, dass mehr dahintersteckte.
Sie schaute ihn fragend an, doch hatte er nicht die Antwort parat, von der er wusste, dass sie sie hören wollte. Noch nicht. Also sagte er: »Ich stimme dir zu, dass wir Lily finden müssen, aber ich bleibe nicht hier, während du dich in Gefahr begibst.«
Sie setzte sich auf den kleinen Tisch gegenüber von ihm. »Du bist noch nicht hundertprozentig fit.« Sie lächelte und versuchte, einen Witz zu machen. »Ein Koma kann ganz schön ermüdend sein.«
Er lächelte nicht zurück, sondern strich mit seiner Hand über einen Bluterguss in ihrem Gesicht, der sich von ihrem Hals bis zu ihrer Wange gebildet hatte. »Was ist da passiert? Der ist neu.«
»Der stammt von Fiona, meiner Mutter.« Moira sah weg, die Berührung war ihr unangenehm. Rafe ließ seine Hand sinken.
»Der Anführerin des Hexenzirkels.«
»Hör zu, Rafe.« Sie stand auf, zappelte herum, nahm die Wasserflasche vom Tisch und trank mit hastigen Schlucken daraus. »Fiona plant ein weiteres Ritual, in dem sie Lily als Köder für die Sieben einsetzen wird. Wir müssen sie also holen, hierherbringen und abwechselnd schlafen, ja? Zwei Stunden Schlaf, und ich bin wieder fit.«
Sie warf ihm einen Müsliriegel und eine Wasserflasche zu. »Hier, iss das!« Sie riss die Verpackung ihres Riegels auf und biss hinein. »Du wirst Kraft brauchen«, meinte sie mit vollem Mund.
Er biss ebenfalls in den faden Riegel. Kaute. Und schluckte.
Moira musterte ihn unverhohlen mit einem fragenden, neugierigen, ehrlichen Blick. Ihre Stärke rührte ihn. Nicht nur ihre körperliche, von der er sich hatte überzeugen können, als sie ihn praktisch von der Hütte bis zu Jareds Wagen getragen und vom Wagen ins Hotelzimmer gebracht hatte, sondern auch ihre innere Stärke. Sie besaß einen solch grundsoliden Charakter, war so standhaft und resolut, dass er ihr vertrauen musste. Das eigenartige Gefühl, ihr schon einmal begegnet zu sein, flackerte auf und verschwand dann wieder. Er versuchte nicht, es festzuhalten, da er wusste, wenn er in seiner Erinnerung danach wühlen würde, kämen seine Kopfschmerzen wieder zurück.
Mit leiser Stimme vertraute er sich ihr an: »Ich kann mich … an Dinge erinnern.«
Sie stand angelehnt am Schreibtisch und beobachtete ihn mit scharfem Blick. »Woran?«
»Ich habe den ganzen Tag und die ganze Nacht darüber nachgedacht. Ich habe gehört, wie du zu Anthony meintest, seine Schutzmaßnahmen könnten vielleicht mein Krankenzimmer, aber nicht mich beschützt haben. Moira, ich bin irgendwohin gebracht worden – fast jede Nacht! Ich war in dem Krankenhaus – ich denke, ich könnte das Zimmer wiederfinden. Vielleicht gibt es dort Informationen, die mir helfen herauszufinden, was sie mit mir gemacht haben.«
Moira glaubte Rafe, glaubte alles, was er sagte, und auch das, was er nicht sagte. Er war greifbar und flüchtig zugleich. Stark, aber dennoch verwundbar. Er täuschte niemanden vorsätzlich, trotzdem spürte sie tief in ihrem Innern, dass er ihr etwas vorenthielt. Er log sie jedoch nicht an, erzählte ihr nur nicht alles. Sie erwartete zwar nicht von ihm, sich ihr gegenüber vollkommen zu öffnen und über alles zu sprechen, was ihm in der Mission und im Krankenhaus zugestoßen war, doch sie erwartete, dass er ihr keine Fakten vorenthielt, die wichtig waren. Nichts, wodurch sie und andere sterben oder ihnen noch Schlimmeres widerfahren könnte.
Denn es gab Schlimmeres als den Tod.
»Sag mir, was du mir verheimlichst!«, forderte sie ihn auf.
Verwirrt und überrascht neigte er seinen Kopf zur Seite. Es war eine gewinnende Geste, und sie musste ihren ganzen Willen aufbringen, um ihn weiter anzusehen und nicht wegzuschauen. Sie durfte keine Schwäche ihm gegenüber zeigen und nicht nachgiebig werden. Nicht, weil er ihr wehtun würde, sondern sie Gefahr laufen könnte, wenn sie sich bei ihm entspannte, nicht mehr ihre sieben Sinne beieinander zu haben, um sich auf das zu konzentrieren, was um sie herum passierte. Ohne ihren Schutzschild könnte sich das Böse einen Weg bahnen.
»Woher weißt du das, Moira?«
»Ich kann Leute gut einschätzen. Das hat mich eine ganze Zeit lang am Leben erhalten.« Jetzt guckte sie weg – unter dem Vorwand, noch etwas Wasser trinken zu wollen. Sie nahm die Flasche in die Hand, bemerkte, dass sie leer war, und stellte sie wieder hin. Was hätte sie darum gegeben, jetzt ein Guinness trinken zu können! Nicht den Mist, den es in Amerika in Flaschen gab, sondern ein frisch gezapftes aus einem Eichenfass zu Hause im irischen Kilrush!
Doch sie konnte weder nach Hause noch während der Arbeit trinken, die sie gerade rund um die Uhr in Anspruch nahm.
»Ich möchte nicht darüber sprechen«, erklärte er.
»Verflucht, Rafe, das wirst du aber müssen! Mein Leben ist ein verdammtes offenes Buch; fass dir ein Herz und spuck es aus! Was ist mit dir passiert? Was weißt du, außer dass du zwei Monate im Koma lagst?«
»Nun ja, es ist so – ich weiß Dinge, die ich an sich nicht wissen kann. Die ich nie gelernt habe. Ich weiß nicht, ob sie etwas mit mir im Krankenhaus gemacht haben. Ich weiß nicht, ob …«
»Ob was?«, bohrte Moira ungeduldig nach.
»Ob ich gefährlich bin! Ich brauche Antworten. Deshalb muss ich zurück ins Krankenhaus. Die Antworten sind dort. Bitte, glaub mir!«
Während er aufstand, durchzuckte eine Welle des Schmerzes sein Gesicht, doch ging er langsam weiter. Moira stand immer noch angelehnt am Schreibtisch, beobachtete ihn und kämpfte dagegen an, ihm zu helfen oder ihn trösten zu wollen. Wie die meisten anderen Männer von St. Michael strahlte auch Rafe jene physische Präsenz aus. Sie wirkten nach außen ruhig, doch unter der Oberfläche brodelte ihre Energie. In ihrer ruhigen Intensität schwang Lebendigkeit und Bereitschaft für den Kampf mit. Sie waren Teil einer Welt, von deren Existenz und Gefahren, denen sie täglich ausgesetzt waren, die meisten Menschen nichts wussten, geschweige denn verstanden.
Er erzählte: »Als ich das Ritual oben auf den Klippen unterbrach, redete ich in einer Sprache, die ich nicht kenne. Ich wusste, was sie taten, obwohl ich mich in Dämonologie und Zauberkunst nur oberflächlich auskenne. Ich habe als Jäger versagt, als Seminarist versagt und bei den Männern in der Mission auch. Wozu bin ich denn nütze, wenn ich noch nicht einmal das Böse direkt vor meiner Nase erkenne? Ich dachte, hier in Santa Louisa meine Berufung gefunden zu haben, doch dann wurden meine Brüder ermordet. Psychisch gefoltert, abgeschlachtet und vor meinen Augen vergiftet. Vergiftet, weil ich verblendet war …«
Rafe brach den Satz ab und legte seine Hände an die Wand, den Rücken Moira zugekehrt. Sie erschauderte, doch ihre Stimme klang erstaunlich ruhig, als sie ihn fragte: »Benutzt du Zauberei?«
»Nein!«, rief er aus und wandte ihr sein Gesicht zu, das vor Schmerz blass und verzerrt war. »Nein«, wiederholte er. »Nicht bewusst, aber ich weiß nicht, wie ich sie aufgehalten habe – vielleicht hat Dr. Bertrand etwas mit mir gemacht, wodurch ich zu einem von ihnen geworden bin. Was, wenn ich alle in Gefahr bringe? Was, wenn ich derjenige war, der die Dämonen freigelassen hat?«
Jetzt ging Moira doch durch den Raum, legte ihre Hände auf Rafes Schultern und schüttelte ihn, wodurch er schwankte wie ein flatterndes Blatt im Wind, dabei war er mindestens fünfzig Pfund schwerer als sie.
»Daran sind Fiona und ihr Hexenzirkel schuld, nicht du! Geh nicht so hart mit dir ins Gericht! Glaubst du etwa, wir wären alle perfekt? Wir machen alle Fehler! Jeder von uns hat schon mal richtig Mist gebaut. Wenn sie etwas mit dir angestellt haben, werden wir es herausfinden und ungeschehen machen.«
»Was, wenn sie mich benutzen? Für etwas, das ich noch nicht einmal verstehe! Ich kann nicht gegen etwas kämpfen, das ich nicht kenne.«
»Nun, eins kann ich dir versichern: Du bist weder besessen, noch stehst du unter einem Zauber. Wärst du verflucht, wüssten wir es durch das Zimmer hier.« Sie zeigte auf die Türen, Fenster und Lüftungsschlitze, die sie versiegelt hatte. »Das kannst du getrost ausschließen. Ich bin eine Hexe, Rafe. Ich wende zwar keine Zauberei an, doch kenne ich mich damit aus, weil ich so geboren wurde. Durch sie empfangen wurde.« Sie spie den letzten Satz aus, Wut gewann langsam die Oberhand in ihr. Moira holte tief Luft. Sie konnte spüren, wenn jemand besessen war oder Zauberei in der Luft lag, doch war sie sich nicht ganz sicher, ob es an ihren angeborenen Fähigkeiten lag. Pater Philip glaubte, sie wäre mit dieser anderen Welt auf irgendeine Weise verbunden, seit sie vor sieben Jahren von einem Dämon besessen gewesen war. Sie empfand sich dadurch als verflucht. Der Pater indessen war der Meinung, es könnte ihren Sieg bedeuten. Sie hoffte, dass er recht hatte.
»Wir werden es herausfinden«, wiederholte sie. »Zuerst müssen wir uns aber um Lily kümmern. Wenn sie in Sicherheit ist, werde ich zum Krankenhaus fahren.«
»Aber nicht allein.«
»Rafe, ich war die meiste Zeit meines Lebens allein, und ganz ehrlich, ich mag es so, denn dadurch kann niemand verletzt werden.«
Sie drehte sich abrupt von ihm weg, während er ihr nachschaute, wie sie, eine Entschuldigung murmelnd, ins Bad lief und die Tür hinter sich schloss.
Der Schmerz in ihrer Stimme war spürbar, und Rafe wollte ihn ihr nehmen.
Moira rang in ihrem Innern mit etwas, das sich heimtückisch wie eine Schlange wand und genauso an ihr zerrte wie an ihm. Er verspürte den Drang, sie zu beschützen, und dann ein Verlangen, von dem er wusste, dass es nie gestillt werden könnte.
Nur einen Augenblick später trat Moira aus dem Bad und fragte: »Fertig?«
»Ich muss mir noch die Schuhe anziehen.«
Er ging in das Zimmer nebenan und hörte, wie eine Karte in das Schloss gesteckt wurde. Er hielt inne.
Moira war sofort hinter ihm. »Was ist?«
Jemand fluchte draußen vor der Tür und ging weg.
»Wer war das?«, wollte Rafe wissen.
»Ich weiß es nicht.« Sie war besorgt, klang angespannt. Sie ging zur Tür und horchte. »Sie sind weg.« Moira runzelte die Stirn. »Nein – da ist noch jemand. Ich höre Stimmen.« Sie schloss ihre Augen. Rafe schlüpfte in die Schuhe, die Anthony zusammen mit der Kleidung gebracht hatte.
»Moira …«
»Pssst!«
Sie lauschte so angestrengt, dass er sich fragte, ob sie auch seinen Herzschlag hörte.
Plötzlich meinte sie: »Sie wissen, dass du hier bist. Wir müssen von hier weg.« Sie lief in das große Zimmer zurück und griff nach ihrer Tasche.
Rafe folgte ihr. »Aber sie können hier nicht rein! Wir sind hier sicherer als draußen.«
Moira schüttelte den Kopf. »Für eine Weile schon, aber diese Kerle da sind ganz normale Menschen. Sie können einfach hier hereinspazieren und mit uns tun, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Ich will niemanden umbringen müssen.« Sie runzelte die Stirn. »Wir können nicht zur Tür hinaus. Ich weiß nicht, wie viele es sind, aber sie warten nur darauf, dass wir aus dem Zimmer kommen. Der Schlüssel hat nicht funktioniert, weil er verzaubert war. Zumindest haben meine Schutzmaßnahmen so lange gewirkt, dass sie nicht hereinkommen konnten. Der Balkon – he!«
Noch bevor sie den Satz beenden konnte, gingen die Lichter aus. Das blaue schwache Notlicht am Boden schaltete sich ein.
»Oh verdammt, wir sind geliefert!«, fluchte Moira.