SECHZEHN

Das einzige Geräusch stammte von dem heftigen Wind, der Moira ins Gesicht blies, während sich der feuchte Nebel in ein Nieseln und das Nieseln in peitschenden Regen verwandelte. Wenn sie allerdings richtig hinhörte, konnte sie noch das Meer hören, wie es unterhalb der Klippen gegen die Felsen schlug. Und wenn sie ganz genau lauschte, vernahm sie auch die Schreie. Sie wusste nicht, ob die panischen Bitten real waren oder nur in ihrer Vorstellung existierten, ob oben auf der Erde oder darunter.

Sie stand ein paar Meter von dem rituellen Kreis entfernt und starrte darauf. Obwohl er durchbrochen worden war, lag immer noch ein Rest Magie über ihm. Ein Rest Böses. Der faulig-süße Duft von Schwefel vermischte sich mit Moder und Schmutz. Doch es war kein Dunst, der über dem Boden lag, sondern Dampf. Hitze stieg aus der Erde empor.

Während Moira weiter auf den Kreis starrte, sah sie einen brodelnden Strom blutroten Feuers unter der Oberfläche.

Sie wandte sich von dem Bild ab, ihr Herz raste, die Spannung in der Luft war unnatürlich, fast unwirklich, und sie war sich nicht sicher, ob es sich bei dem, was sie sah, um etwas Reales oder eine Einbildung, eine Vision oder puren Wahnsinn handelte.

Sie lief zu Jareds Pick-up zurück, schlug mit den Händen auf die Motorhaube, die immer noch warm war, atmete tief ein und riss sich zusammen.

Angst konnte durchaus eine gesunde Reaktion darstellen, doch zu viel davon war tödlich.

Moira hob den Kopf, schaute in den grauen Nachmittag hinein und wusste, dass dort oben irgendwo der Himmel war, doch sie sah nichts weiter als eine helle, schattenlose, unwirkliche, öde Wand.

Der Regen peitschte ihr ins Gesicht, als sie rief: »Ich möchte keine Märtyrerin sein!« Das lange Haar, das sich aus dem am Morgen eilig zusammengebundenen Zopf gelöst hatte, wehte ihr ins Gesicht. »Ich möchte nicht zusehen, wie Menschen sterben!«

Sie schluckte ihre Tränen hinunter, ballte ihre Hände zu Fäusten und hätte am liebsten jemanden geschlagen, um ihren Schmerz und ihre Wut an irgendetwas auszulassen. Rico hatte ihr beigebracht, entweder ins Fitnessstudio zu gehen oder zu laufen, aber sie wollte ihren inneren Kampf nicht an einem Sandsack auslassen oder zehn, zwanzig oder noch mehr Meilen laufen, bis ihr die Beine wehtaten, die Lungen brannten und sie sich übergeben musste. Sie lief schon ihr ganzes Leben lang. Damit hatte Anthony Zaccardi recht: Sie lief und lief und lief und stellte sich nie der Wahrheit.

Sie war verflucht. Sie würde sterben.

»Ich möchte nicht sterben«, flüsterte sie.

Moira wandte ihren Blick den Ruinen zu, diesmal aus einiger Entfernung. Das Haus hatte ungefähr hundert Meter vom Rand der Klippen entfernt gestanden. Dort hatte das Feuer vor zwei Monaten die Hintertür zur Hölle geschaffen und die Dämonen freigelassen. Sie kannte sich ein wenig damit aus, wie man Tore erschuf. Es war ein schwieriges und äußerst gefährliches Unterfangen, doch Fiona und ihre Jüngerinnen versuchten sich regelmäßig darin – und waren häufig auch erfolgreich dabei –, die dünnen Membranen zwischen Erde und Hölle herzustellen.

Moira runzelte die Stirn. Warum hatte Anthony nichts unternommen, um das Tor zu schließen? Immerhin lebte er schon seit Monaten hier in Santa Louisa und wusste, was bei den Ruinen passiert war – und als Dämonologe konnte er ja wohl nicht übersehen haben, was ganz offensichtlich auf der Hand lag. Vielleicht war sie sich des Bösen aber auch nur krankhaft bewusst, da sie so lange damit hatte leben müssen. Oder sie besaß nichts weiter als ein schwarzes Herz – unnachgiebig, befleckt und verflucht.

Der Rand des Festlands sah durch den Nebel gespenstisch und unwirklich aus. Sie kannte den Ablauf der Rituale und konnte sich Fiona und ihr Gefolge gut vorstellen, wie sie aufgeregt, überheblich und ängstlich zugleich den Kreis entwarfen und sich schützten.

Lilys Beobachtungen während des Rituals waren von ihrer Unkenntnis beeinflusst. Doch obwohl sie sich in den Praktiken von Hexenzirkeln oder der Wirkungsweise von Dämonen nicht auskannte, waren ihre Angaben zu dem, was sie gesehen hatte, eindeutig gewesen. Etwa wie die Dämonen aus Abbys Körper gedrungen waren, während diese sich mehrere Zentimeter über dem Altar erhoben hatte. Abby bildete ein wichtiges Teil des Puzzles, um die Dämonen aus dem Tor heraufzubeschwören.

Lily hatte darauf bestanden, schwarze Wolken außerhalb des Kreises gesehen zu haben. Doch hatte es zwei Kreise gegeben, einen Doppelkreis, und diesen hatte Lily möglicherweise nicht bemerkt. Was war mit den Hexen innerhalb des Doppelkreises gewesen? Wie waren sie geschützt worden? Und wie hatte Raphael Cooper das Ritual stören können?

Moira schüttelte frustriert den Kopf. So viele Fragen, zu wenige Antworten.

Sie war allein und hatte Angst. Vielleicht hätte sie Anthony doch bitten sollen, sie zu treffen. Einsamkeit war für sie nichts Neues – sie war die meiste Zeit ihres Lebens allein gewesen, doch seit der Nacht von Peters Tod war ihre Verzweiflung noch nie so groß gewesen. Sie wusste nicht, wem sie in diesem Kampf vertrauen konnte. Und diejenigen, denen sie vertraute – wie Anthony Zaccardi –, wollten nichts mit ihr zu tun haben. Hassten sie. Machten sie für Dinge verantwortlich, an denen sie nicht schuld war. Und für Dinge, an denen sie schuld war.

Die Hölle brodelte hier in Santa Louisa. Ein Krieg stand bevor. Moira hatte ein paar der früheren Kämpfe miterlebt, andere kannte sie nur vom Hörensagen; die meisten von ihnen hatten stattgefunden, als sie noch nicht einmal geboren war – einige davon kamen dem, was ihnen bevorstand, sehr nahe.

Auch wenn es Moira gelänge, Fiona aufzuhalten, würde eine andere Zauberin deren Platz einnehmen. Es gab immer noch genügend von ihnen, die nur auf ihre Chance warteten, die lernten und übten und nach einer Lücke suchten, um die Macht zu ergreifen und den Dämonen die Herrschaft abzuringen. Es war gleichermaßen mitreißend und tödlich, süchtig machend und gefährlich.

Um ihr Ziel zu erreichen, hatte Fiona die Hexenzirkel und Zauberinnen vereint. Sie hatte sie überzeugen können, nur gemeinsam stark zu sein. Und damit hatte sie recht gehabt. Je größer ihre Herrschaft wurde, desto mehr Hexenzirkel schlossen sich ihr an, ein nicht enden wollender Kreislauf, der unterbrochen werden musste.

Moira fühlte sich wie ein entbehrlicher Bauer auf einem Schachbrett, zuerst benutzt von ihrer Mutter seit dem Tag ihrer Zeugung und danach vom Orden St. Michael. Auch dem war es egal, was mit ihr geschah. Das wusste sie, tief in ihrem Innern. Sie wollten nichts weiter als eine Waffe gegen die wachsende Vorherrschaft von Fiona O’Donnell und den zahlreichen Hexenzirkeln, die sie anführte – und diese Waffe stellte Moira dar.

Manchmal wünschte sie sich, sie hätte ihre Mutter gewähren lassen und sich geopfert.

Manchmal wünschte sie sich, sie könnte einfach für immer verschwinden.

Meistens wünschte sie sich, nicht geboren worden zu sein.

Ihre Augen brannten von den nicht vergossenen Tränen.

Selbstmitleid ist etwas für die Schwachen; Bedauern für die Hoffnungslosen.

»Halt den Mund, Rico!«, flüsterte Moira.

Gott mochte sie vielleicht im Stich gelassen haben, aber das Böse würde nicht über sie siegen. Wenn sie Fiona unterläge, dann wären sämtliche Opfer, die Peter erbracht hatte, umsonst gewesen. Sein Tod wäre vergebens gewesen. Der Kreislauf würde sich wie bei einer brutalen Geschlossenen Gesellschaft wiederholen. Sartre hätte sich vielleicht an dem endlosen Spiel erfreut, dessen Schluss zwar sicher, aber unbedeutend ist.

Peter.

Sie ging auf dem sandigen Boden in die Knie, ihr Körper bebte vor unterdrücktem Leid. Tränen, vermischt mit Regen, fielen auf die steinige Erde.

»Das ist nicht fair!« Moira schlug mit ihren Fäusten auf den Boden. Sie vermisste ihn so sehr! Ihre Stimme versagte, und sie schob gedankenverloren ihr Haar aus dem Gesicht.

Sie starrte auf den Boden und bemerkte ein Symbol. Es war verwischt und durch den Regen fast nicht zu sehen. Sie kroch ein, zwei Meter nach vorn und berührte es an den Stellen, wo es noch deutlich zu erkennen war.

Es war während des Rituals durcheinandergebracht worden, doch riss seine Entdeckung Moira aus ihrer Apathie. Sie wusste genau, was mit ihr los war.

Allmählich rappelte sie sich hoch und schaute sich um. Der Regen fiel langsam, aber beständig, und sie war bereits klatschnass, aber weder das noch die Kälte, die bis zu ihren Knochen durchdrang, machten ihr etwas aus. Über diesem Ort lag das Böse. Das hatte sie Anthony bereits klargemacht. Sie hatte bisher hier nur dumm herumgestanden und, außer sich selbst zu bemitleiden und unentwegt über ihre Probleme nachzudenken, nichts getan.

Trägheit.

Eine der sieben Todsünden.

Sie blickte auf ihre Uhr. Stunden waren vergangen. Es war fünf, das Licht hatte sich bereits verändert, und in diesem Moment begriff Moira, in welch fürchterlicher Gefahr sich Santa Louisa – und die gesamte Welt – befand, jetzt, da die Sieben frei herumliefen.

Als sie erkannte, was mit ihr geschehen war, wurde ihr Kopf wieder klar. Nass bis auf die Haut schimpfte sie mit sich selbst, fasste aber einen Entschluss. Sie war hierhergekommen, um Rafe Cooper zu finden, und nichts auf der Welt würde sie davon abhalten.

 

Nachdem sie den Mustang von Frank gestohlen hatte, fuhr Bea Peterson, die Bibliothekarin der Highschool, rechts an den Straßenrand und nahm das Verdeck herunter. Ihr war der Regen egal. Auch dass er die wunderschön restaurierten Sitze oder den roten Teppich ruinieren würde. Sie wollte mit offenem Verdeck fahren.

Genauso wenig störte sie, dass sie mit ihrem dünnen Wollpullover, den sie in der Bibliothek aufbewahrte, falls sie dort fror, für den Regen nicht richtig angezogen war. Ihr grau meliertes Haar kräuselte sich von der Feuchtigkeit und dem Wind, und die vom Regen schweren, lockigen Strähnen hingen ihr ins Gesicht. Ihr üppig aufgetragenes Make-up verlief und machte aus ihr – der einigermaßen attraktiven, übergewichtigen Bibliothekarin mittleren Alters – einen traurigen Clown. Mancher hätte sie mit ihrem rasenden Blick, in dem etwas weitaus Unheimlicheres und Wilderes leuchtete, als jemand in der Schule es von der netten Bea Peterson erwartet hätte, auch für verwirrt halten können.

Bea fuhr ohne Bedenken und ohne Bedauern. Unbekümmert und zielstrebig jagte sie die Kurven der Küstenstraße entlang und lachte dabei. Wenn der Wagen rutschte oder die Räder auf dem engen, sandigen Seitenstreifen durchdrehten, jauchzte und schrie sie, als säße sie in einer Achterbahn in einem Vergnügungspark. Diese Straße fuhr man im Regen nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Die wenigen Autos, die ihr entgegenkamen, hupten, weil sie so rücksichtslos fuhr, aber sie lachte nur. Sie wussten nicht, wie Freiheit sich anfühlte. Und auch nicht, welches Vergnügen es bereitete, einen Oldtimer wie diesen zu fahren. Der ihr gehörte!

Kurz bevor sie die Grenze zwischen den Bezirken Santa Louisa und San Luis Obispo erreichte, hielt Bea den Mustang mitten auf der Spur an. Sie starrte in Richtung Meer, konnte es aber durch den dichten, feuchten Nebel nicht sehen. Ihr Herz raste. Sie wollte Frank ihr Auto nicht zurückgeben, was sie aber tun müsste, würde sie wieder zur Schule zurückfahren. Außerdem wäre er wütend, weil der Innenraum jetzt nass war und Bea einen Kratzer an der Tür verursacht hatte, als sie zu schnell abgebogen war.

Sie hatte sein Gesicht im Rückspiegel gesehen, als er hinter dem Wagen hergelaufen war, während sie davonfuhr. Ihr gefiel, wie schockiert, wütend und traurig er dabei gewirkt hatte. Sie runzelte die Stirn. Warum eigentlich? Warum war sie so glücklich darüber, dass es Frank schlecht ging?

Sie atmete kurz und stoßweise, als sie die letzte Stunde von dem Zeitpunkt an Revue passieren ließ, als Frank auf den Parkplatz gefahren war, sie nach dem Schlüssel seines Wagens – ihres Wagens – gegriffen hatte, davongefahren war und ein anderes Auto beim Abbiegen aus der Stadt gestreift hatte, bis hin zu dem Moment, als sie das Verdeck heruntergenommen und anschließend fast hundertzwanzig Kilometer auf der Küstenstraße zurückgelegt hatte. Rücksichtslos. Verrückt.

Sie verstand nicht, warum sie das getan hatte, nur dass sie dieses Auto hatte haben wollen. Diesen Mustang. Er hatte ihr gehören müssen. Der Drang danach war so stark, so übermächtig gewesen, dass sie an nichts anderes hatte denken können.

Sie musste zurückfahren. Sich entschuldigen. Vielleicht würde Frank sie verstehen. Vielleicht würde er ihr verzeihen.

Nein.

Bea weinte. Der Wagen erinnerte sie daran, wie es hätte sein können, an die Entscheidungen, die sie getroffen hatte – die richtigen und die falschen.

Das ist jetzt dein Wagen.

Fahr zurück!

Fahr weiter!

Die Kurve vor ihr war so scharf, dass sie direkt im Meer landete, wenn sie geradeaus fahren würde. Unten auf den Felsen.

Sie werden dir das Auto nicht lassen. Sie werden es Frank zurückgeben, und du wirst verhaftet. Wirst deine Arbeit verlieren. Vielleicht ins Gefängnis kommen.

Sie werden dir das Auto nicht lassen.

Sie werden dir dein Auto wegnehmen.

Bea stellte das Automatikgetriebe wieder auf Fahrmodus, trat das Gaspedal durch und hob ab … hob ab von den Klippen. Sie hielt sich am Lenkrad fest, während ihr Körper vom Sitz gezogen wurde – der alte Mustang besaß keine Sicherheitsgurte. Und dann flog sie. Flog, fiel und hörte die sich brechenden Wellen, sah sie aber nicht. Der salzige Dunst drang zu ihr herauf und fing sie ein.

Sie schlug auf einem hervorstehenden Stein auf, ihr Körper prallte davon ab und stürzte ins Wasser, wo er gegen weitere Steine stieß.

Doch da war sie bereits tot.