ACHT

Philip Zaccardi packte nur ein paar Sachen in seinen Koffer – er brauchte nicht viel.

Der Priester hasste es zu reisen. Er verließ St. Michael nur selten, und seine Mitmönche, jene jungen Männer, die er ausbildete, glaubten, er hätte Angst vorm Fliegen. Mit ihrer Vermutung lagen sie gar nicht so falsch – er hatte Angst, doch die hatte nichts mit Flugzeugen zu tun.

Wenn Anthony gewusst hätte, welch persönliche Offenbarung Pater Philip vor Jahren widerfahren war, würde der junge Dämonologe darauf bestehen, dass er nie die Insel verließ. Doch Philip hatte niemandem davon erzählt; es war eine Offenbarung gewesen, die nur ihm gegolten hatte.

Die Zeit war nun gekommen. Sollte er mit seiner Vermutung richtig liegen – und davon ging er aus –, würden Menschen sterben. Was aber, wenn er falsch lag? Dann würde er eine Kette von Ereignissen in Gang setzen, durch die noch viel mehr Menschen leiden und sterben würden – unter anderem auch jene, die ihm sehr am Herzen lagen. Doch in Anbetracht all des Bösen nichts zu tun war eine Sünde, und für viele – einschließlich ihn selbst – stellte Untätigkeit eine noch größere Sünde dar als ein Irrtum. Niemand konnte es sich erlauben, bei dem Kampf zwischen Gut und Böse neutral zu bleiben.

Die Grenze war vor langer Zeit gezogen worden, als Eva von der Schlange belogen wurde. Man konnte immer noch die Seiten wählen, und die Auswirkungen dieser Wahl kannte nur Gott. Aber Er teilte sein Wissen nicht.

Philip suchte Bischof Pietro Aretino auf, den älteren Vikar, der sich um die alltäglichen geistlichen Bedürfnisse der Priester und Mönche kümmerte. Es war Zeit zu beichten.

Man könnte meinen, einen Priester belasteten nicht viele Sünden, aber Philips Gedanken bestanden aus einem Geflecht von Zwiespalt und Zweifel. Zweifel deuteten auf einen Mangel an Glauben hin, wodurch Angst geschürt wurde, die sowohl ihn als auch andere körperlich und geistig in Gefahr bringen konnte.

Philips Leben hatten schon immer Zweifel und Fragen begleitet. Dennoch harrte er aus und widersetzte sich dem Bösen.

Nachdem er den Dispens erhalten hatte, unternahm der Bischof einen Spaziergang mit ihm durch den Garten, um den Philip sich früher gekümmert hatte und in dem das Unkraut jetzt nur so wucherte. So sah nun einmal die Realität des einundzwanzigsten Jahrhunderts aus: Es gab nur noch wenige junge Priester mit einem kräftigen Rücken, dafür aber umso mehr alte mit schwachen Knochen. Damals, als Philip noch neu in St. Michael gewesen war, kamen jedes Jahr drei, vier oder sogar fünf Kinder auf die Insel. Die Jungen wurden dort aufgezogen und für den Kampf gegen das Böse ausgebildet. Aber jetzt? Nicht mehr als vier Jungen in den letzten zwanzig Jahren! Bedeutete das, dass die letzte Schlacht unmittelbar bevorstand? Würde der zehnjährige James Parisi der letzte Kämpfer in einem Orden sein, der vor Jahrhunderten gegründet worden war?

»Du verreist«, begann Pietro.

Philip hatte seine Reise in der Beichte nicht erwähnt, doch der Bischof war selbst in seinem fortgeschrittenen Alter noch sehr scharfsinnig. »Ja.«

Sie gingen schweigend nebeneinander her. Es war Mittag, Wolken verdeckten die im Zenit stehende Sonne. Philip blieb stehen, um Unkraut an einem Baum zu zupfen, den sie nach Peters Tod gepflanzt hatten. In dieser Reihe standen so viele Bäume … zu viele Bäume. Peter. Lorenzo. Elijah. Und noch mehr.

»Nimm Gideon mit.«

Philip zögerte, richtete sich wieder auf und schaute Pietro an. »Ich dachte, wir hätten uns entschieden, Gideon noch ein Jahr hierzulassen.«

»Wir haben keine Zeit und können uns diesen Luxus daher nicht erlauben.«

Philip wollte zwar keine Anweisungen missachten, doch war er um Gideons Sicherheit bedacht, dessen Mentor im Jahr zuvor verstorben war. Gideons Ausbildung in St. Michael war abgeschlossen, dennoch lag seine Bestimmung noch im Dunkeln, wenngleich er vielfältige Begabungen besaß. Gefährliche Begabungen, die leicht von einem jungen Mann wie ihm falsch gedeutet werden konnten.

Pietro setzte mit bedächtigen Schritten den Spaziergang auf dem brüchigen Steinweg fort. Sein Alter zwang ihn, langsam und vorsichtig zu gehen. »Du magst den Jungen.«

Philip folgte ihm. »Nicht mehr als die anderen.« War das eine Lüge? Zumindest keine vorsätzliche. »Er erinnert mich an Peter«, fügte er als Erklärung hinzu.

Pietro nickte.

»Peter ist gescheitert.«

»Ist er das?«

»Er meinte, stärker zu sein, als er wirklich war, und glaubte, die dunkle Macht in Licht verwandeln zu können. Er hegte Geheimnisse.«

»Du hast Angst um Gideons Seele. Deine größte Schwäche ist deine größte Stärke, Philip.«

Als der Bischof dies nicht weiter erläuterte, sagte Philip: »Ich fahre nach Olivet. Ich werde deinen Segen und deine Erlaubnis brauchen.«

Pietro nickte wieder. »Die hast du.«

»Anthony stellt Fragen.«

»Das hat er schon immer. Lass ihn fragen. Er wird Antworten erhalten, wenn er die richtigen Fragen stellt.«

»Hat er recht mit seiner Vermutung über die Sieben …?«

»Ja, hat er.«

Philip blieb stehen. »Weißt du etwas darüber?«

»Ich weiß, dass die Conoscenza in Santa Louisa nicht vernichtet wurde.«

»In Santa Louisa! Die Conoscenza wurde vor Hunderten von Jahren vernichtet, und zwar hier, in Italien …«

»Es wurde ein Buch vernichtet, das Conoscenza hieß – eine hervorragende Fälschung. Doch die richtige Conoscenza, das Original, das älter als Moses ist und von den meisten Menschen nicht verstanden wird, existiert immer noch. Dämonische Hände verfassten es und schrieben mit einer Tinte, die von Blut durchsetzt war. Unsere Ahnen hier im Orden ließen sich durch ihren Stolz und ihren Irrglauben, dass sie unverwundbar wären, fehlleiten. Sie wurden getäuscht. Einer von ihnen verriet sie. Ein Judas, der das Buch fälschte und das Original so gut versteckte, dass niemand von dessen Existenz wusste.«

»Warum wurde das geheim gehalten? Wir hätten diese Information gebraucht. Wie kann …«

»Philip, wir sind uns erst seit heute sicher.«

»Seit Anthonys Bericht von den Sieben.«

Pietro nickte. »Dadurch wurden unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Wir hatten keine Beweise, aber Anthony liegt ja bei diesen Dingen zumeist richtig.«

»Das stimmt, aber …«

Pietro hob eine Hand. »Ich weiß, dass dies kaum zu fassen ist. Ich wollte es auch nicht glauben.«

Der alte Mann setzte sich auf eine Bank unter einer Platane, die vor mehr als vier Jahrzehnten gepflanzt worden war und deren knorriger Stamm sich in unzählige Äste teilte. Dieser Baum war der von Pater Lucca Zaccardi, gepflanzt nach dessen Tod. Er war während einer brutalen Teufelsaustreibung gestorben, als Philip sich noch bei ihm in der Ausbildung befand. Philip saß oft an diesem Ort, wenn er meditierte oder an sich zweifelte. Pater Lucca hatte eine unglaubliche Stärke besessen, so wie Anthony. Philip fühlte sich zwischen diesen beiden Männern schwach und fand normalerweise unter diesem Baum Trost. Heute jedoch nicht.

Pietro fuhr fort: »Pater Salazar von der Mission in Santa Louisa nahm vor vier Monaten Kontakt mit mir auf, vor den Ermordungen dort. Der arme Herve drückte den eher … wahnhaften Glauben aus – ihm fiel wohl keine bessere Bezeichnung ein –, das Buch sei am Leben.«

»Am Leben?«

»Das waren seine Worte. Doch bedenkt man den Ursprung des Buches, sind sie gar nicht so unpassend. Der innere Rat wollte sich seiner Meinung nicht anschließen, aber ich glaubte ihm. Und der Kardinal auch.«

Er gab viele Kardinäle in der Kirche, aber nur einen, der in der Öffentlichkeit mit dem Orden in Verbindung gebracht wurde: Francis Kardinal DeLucca. Er war ihr Hauptgönner, derjenige, der sich für den Orden St. Michael und dessen hohe Stellung innerhalb des Vatikans einsetzte. Es gab zwar noch weitere hochrangige Unterstützer, diese blieben jedoch im Hintergrund.

»Der Kardinal schickte Raphael zur Mission nach Santa Louisa, um die Conoscenza zu finden.«

Diese Neuigkeit versetzte Philip so in Staunen, dass er sich hinsetzen musste. Das hatte er nicht gewusst. Wie hatte er davon keine Kenntnis haben können? Er schaute durch die blätterlosen Äste der Platane hoch in den grauen Himmel und wusste, dass er den nächsten Frühling auf der Insel nicht mehr erleben würde.

Pietro fuhr fort: »Erst nach den Ermordungen reifte der Gedanke, die Conoscenza könnte in der Mission sein. Die Ansicht der Hexe, ihre Mutter sei auf der Suche danach, bedeutete für uns, dass wir …«

»Die Hexe? Du bezeichnest Moira O’Donnell als Hexe?«

Pietro hielt kurz inne und lenkte ein: »Entschuldige, ich weiß, du magst dieses Mädchen.« Er fuhr fort: »Der Kardinal schickte Raphael für einen Lagebericht zur Mission. Du weißt, wir kennen seine Bestimmung immer noch nicht.«

Im Alter von einundzwanzig Jahren stand die »Bestimmung« aller Kinder von St. Michael fest, und sie wussten, ob sie Priester, Exorzisten, Empathiker, Dämonenjäger, Dämonologen, Lehrer, Sprachwissenschafter oder Spezialisten für etwas anderes werden würden. Bei manchen, wie bei Anthony, hatte sich die Bestimmung sehr früh herausgestellt. Bei anderen, wie bei Raphael, nicht. Er war schon über dreißig und immer noch auf der Suche.

»Nach Pater Salazars rätselhafter Botschaft schickten wir Raphael nach Santa Louisa, begannen aber auch, alle Männer der Mission unauffällig zu überprüfen. Du kennst ihren Hintergrund und weißt, warum sie dort waren«, erklärte Pietro.

»Das Böse hatte geistige und emotionale Schäden bei ihnen hinterlassen.«

»Außerdem fühlen wir mit unseren Brüdern. Aber …«

»Du weißt doch bestimmt über Priester Jeremiah Hatch Bescheid.«

Pietro legte eine so lange Gesprächspause ein, dass Philip sich schon fragte, ob er sich gerade eine Geschichte zusammenbastelte oder einfach auf seine Bemerkung nicht eingehen wollte. »Wir fingen an, Hatch zu verdächtigen, ein praktizierender Zauberer zu sein«, erwiderte Pietro. »Als wir seine Geschichte zu seiner Arbeit in Guatemala überprüften, kamen wir zu dem Schluss, dass er die Conoscenza zutage gefördert haben könnte.«

»Absichtlich.«

»Wir wissen nicht, wie das Buch nach Mittelamerika gelangt ist oder wie Hatch erfahren hat, dass es dort war. Doch wurde er drei Jahre lang vermisst, und all diejenigen, die bei ihm gewesen waren, werden es noch heute. Höchstwahrscheinlich sind sie tot. Hatch kehrte zurück nach Amerika und ist der einzige Priester, der darum bat, nach Santa Louisa geschickt zu werden.«

»Wenn du das alles wusstest, warum hast du ihn nicht aufgehalten, bevor die Morde stattfanden?«

»Wir haben es nicht gewusst. Uns lagen erst nach dem Massaker sämtliche Informationen vor. Sollte Anthony mit den Sieben recht haben, kann der Zauberspruch, der sie aus der Hölle heraufbeschwor, nur aus der Conoscenza stammen. Du hast die Hex… Moira losgesandt, um Fionas Hexenzirkel aufzuspüren, und wo hat es sie hinverschlagen? Nach Santa Louisa, an denselben Ort, an dem wir nach Beweisen für die Existenz der Conoscenza suchten. Jetzt, da es so aussieht, als wären die Sieben auf der Erde, blicken wir einem alten Übel ins Auge, auf das wir schlecht vorbereitet sind.« Pietro seufzte müde. Inzwischen türmten sich Wolken auf, die den Himmel verdunkelten. Die leichte Brise, die den ganzen Tag durch den Innenhof geweht hatte, wurde stärker und pfiff den Männern um die Ohren.

»Es gibt Zeiten, Philip, da möchte ich einfach nur meine Augen schließen und auf unser aller Ende warten, denn das wird kommen. Ich bin so müde.«

Philip wollte nicht in dem Glauben leben, dass alles, was er tat oder sagte, bedeutungslos war. Zu vergeben – und das selbst jenen, die anderen unaussprechliches Leid zufügten – gehörte zu einem der Gebote des Herrn. Wenn Philip dafür sterben sollte, dann war er dazu bereit.

»Wenn wir das Böse nicht bekämpfen, sind wir nicht besser als jene, die es begehen.«

Pietro erwiderte nichts, wodurch Philip sich sehr allein fühlte. Er galt als Idealist und war sowohl für seine Leidenschaft als auch für sein Mitgefühl bekannt. Pietro hingegen war Realist, und Realisten betrachteten oft nur die nackten Tatsachen – wie zum Beispiel die, dass der Tag des Jüngsten Gerichts so oder so eintreten würde, egal ob sie etwas unternahmen oder nicht. Eine arrogante Haltung, fand Philip. Diese Arroganz – dieser Stolz –, zu denken, man wäre rein und dürfte den vielen Kindern Gottes deshalb den Rücken kehren, bedeutete für viele im Orden den Untergang.

Philip hatte schon immer das Gleichnis des verlorenen Schafs gemocht. Jene Geschichte, in der der Herr den Frommen opfert, um den Umherirrenden zu retten, da dieser eine Mensch wichtig war. Raphael … Anthony … Philip … Moira … selbst Peter, der aus den richtigen Gründen die falschen Entscheidungen getroffen hatte. Der Herr vergab, suchte Tag und Nacht ohne Unterlass nach seinen verlorenen Schafen und hatte Erbarmen mit ihnen.

Herr, bitte sei heute und für ewig bei deinen verlorenen Schafen!

»Philip«, vernahm dieser Pietros ruhige Stimme, »du bist eine seltene Seele.«

»Ich bin, wer ich bin, nicht mehr als ein Diener des Herrn.« Sie saßen ein paar Minuten still nebeneinander, bis die Wolken sich öffneten und ein einzelner Tropfen Regen zu Boden fiel.

Philip fügte sich seinem Schicksal und stand mit hörbar knackenden Knochen auf. Trotz seiner Gebrechen bedauerte er den Verlust seiner Jugend nicht. »Ich sollte meine Reisevorbereitungen abschließen. Ich habe eine lange Fahrt vor mir.«

Pietro blieb sitzen und sah Philip an. »Du weißt, dass die Conoscenza nur durch jemand ganz Speziellen vernichtet werden kann.«

Philip drehte sich der Magen um. »Eine Hexe.«

»Moira.«

»Du nennst sie immer noch Hexe.«

»Das wird sie immer bleiben.«

Philip schüttelte den Kopf und wischte ein paar Regentropfen aus seiner Augenbraue. »Das glaubst du doch nicht allen Ernstes! Uns wird allen vergeben.«

»Stimmt, aber sie ist nun einmal das, was sie ist. Vergebung hin oder her, sie ist unsere einzige Hoffnung. Nur eine sterbliche Hexe kann dieses Buch, das mit einer Mischung aus Dämonen-und Menschenblut geschrieben wurde, vernichten. Sie stammt vom Sündenfall ab.«

»Das tun wir alle.«

»Du weißt, wie ich das meine.«

Natürlich wusste Philip das. Nachdem die Menschen zum ersten Mal von der verbotenen Frucht gekostet hatten und aus dem Garten Eden vertrieben worden waren, wandten sich anschließend ein paar von ihnen der Zauberei zu und streiften gemeinsam mit Dämonen durch die Welt. Von diesem ersten Hexenzirkel, diesen ersten Zauberern der Erde, stammte Fiona ab. Und somit auch Moira.

»Bist du dir sicher?«, fragte Philip, während der Regen stärker wurde und sie sich auf den Weg zurück ins Kloster begaben.

»Das bin ich«, antwortete Pietro.

Philip lief ein Schauer über den Rücken. Als ob der Wind seine Angst und sein Zögern spürte, fegte er um sie herum, erfasste die Festung, als wäre er vom Himmel heruntergeschickt worden. Pietro zog seinen Pullover fester um sich.

»Ich weiß, Philip, du bist böse mit mir, und ich bedaure aufrichtig, dir die Informationen vorenthalten zu haben. Rico musste Moira in dem Glauben lassen, dass sie eine von uns werden würde, doch es ging nur darum, ihre Fragen in eine andere Richtung zu lenken. Er hat sie nie belogen.« Er zögerte. »Da du Gideon nicht mitnehmen möchtest, wird dich John stattdessen nach Santa Louisa begleiten.«

»Ich fahre nach Olivet.« Noch während er es aussprach, merkte Philip, dass er unbewusst geplant hatte, direkt nach Santa Louisa zu fahren. Anthony, Moira, Raphael – sie alle schwebten in Gefahr und mussten die Wahrheit kennen, um noch eine Chance zu haben.

Philip wischte ein paar Regentropfen von seiner Wange. »Sie verdienen es, die Wahrheit zu wissen.«

»Vielleicht. Bisher ging es in Moiras Visionen immer um die Gegenwart; sollte sie aber beginnen, in die Zukunft zu sehen, müssen wir das unterbinden, Philip.«

Philip schüttelte den Kopf. »Das sind Begabungen …«

»Sie sind nicht von Gott gegeben. Wenn es um Moira geht, Philip, hast du Scheuklappen vor den Augen. Ich habe Angst um deine Sicherheit. John wird dich nach Santa Louisa begleiten. Er kann dich schützen.«

Wollte Pietro damit vielleicht andeuten … »Moira würde weder mir noch irgendjemand anders von uns etwas antun! Sie hat Jahre gebraucht, um die ihr aufgetragene Mission zu akzeptieren, ihre« – Philip zögerte, unfähig, das Wort töten auszusprechen, das gegen alles verstieß, woran er glaubte – »Mutter und den Hexenzirkel aufzuhalten

Als er wieder an Peters Baum vorbeiging, schaute er traurig zu ihm hinüber. Pietro hatte alles gesagt, was er hatte sagen müssen.

Sie betraten die Steinhalle, und Wasser tropfte von ihren Kleidern auf den alten Boden. Philip erklärte: »Ich werde morgen fahren. Und Gideon wird hierbleiben, ja?«

Pietro nickte ernst. »Einverstanden. Gideon wird später zu dir stoßen. Ich werde John anweisen, dich zu begleiten. Ihr werdet bei Tagesanbruch aufbrechen.« Er griff nach Philips Arm. »Wir dürfen dich nicht verlieren, Philip! Ich bin in letzter Zeit … sehr unruhig gewesen. Ohne dich verlieren wir unsere Mitte.«

»Ich bin nichts weiter als ein Mensch.«

»Du bist wie ein Fels in der Brandung, Philip. Ich kann mich noch daran erinnern, wie du damals in St. Michael ankamst und am Tor standest. Ich war zehn und wusste noch so gut wie nichts, doch ich hörte Pater Lucca sagen: ›Dieser Junge hier kommt von der Stiftung. Wir müssen ihn so lange wie möglich beschützen.‹ Und da nahm er dich unter seine Fittiche. Es war das erste Mal für ihn; von uns hatte er nie einen erzogen.«

Für Philip war diese Geschichte neu, und sie rührte ihn. »Hast du sonst noch Geheimnisse vor mir?«, flüsterte er.

»Nein, jetzt weißt du alles, was auch ich weiß, aber …« Er hielt inne.

»Aber? Pietro, bitte! Ich muss es wissen!«

»Der Kardinal weiß mehr.«