ZWÖLF
Moira lauschte Lilys Bericht über die Geschehnisse auf den Klippen. Laut ihr war Abby durch Fionas Hexenzirkel getötet worden, obwohl sie nicht genau wusste, wie. Etwas war aus dem Boden gedrungen und hatte sich um Abbys Körper gewunden, aber sie konnte nicht sagen, was.
Mindestens zwölf Personen waren dabei gewesen, viele aus Santa Louisa. Lily hatte zwar nicht alle Gesichter in dem Kreis sehen können, aber einige von ihnen erkannt.
Moira begriff, dass das absolut Schlimmste passiert war. Nicht nur, dass die Sieben befreit worden waren – sie waren auch noch außer Kontrolle. Sie liefen frei herum, und alles Mögliche konnte geschehen.
»Unser Pfarrer war dort«, sagte Lily. »Pfarrer Garrett. Warum?«
»Warum bist du überhaupt zu den Klippen gegangen?«, wollte Moira wissen. »Was hast du dir dabei gedacht?« Sie atmete tief ein, und ihre Brust schmerzte von dem Angriff von vorhin.
»Ich …« Lily schaute Jared an.
»Schau mich an, nicht ihn!«, fuhr Moira sie an. Sie war zu müde und zu verärgert, um das Mädchen zu trösten. Sie schluckte drei Aspirin mit lauwarmem Wasser hinunter. »Du bist zu den Klippen gelaufen, obwohl ich dir gesagt habe, dich verdammt noch mal von Abby fernzuhalten, weil ich wusste, dass sie etwas im Schilde führte! Außerdem solltest du mich informieren, wenn sich der Hexenzirkel trifft.«
Lily hielt ihre Tränen zurück, und Jared sprang ihr zur Seite. »Schrei sie nicht so an! Sie hat gerade ihre beste Freundin sterben sehen – ihre Cousine, die sie schon ihr ganzes Leben lang kennt. Und Dinge, die noch nie zuvor jemand gesehen hat!«
Moira zwang sich, diesen Kindern nicht ein paar Wahrheiten an den Kopf zu werfen, die sie sich anhören mussten, bevor es zu spät war; sie war nicht in der richtigen Verfassung dafür. Stattdessen biss sie sich auf die Zunge.
Lily sprach leise weiter: »Ich dachte, ich könnte Abby helfen. Ich dachte, das würde sie wollen, ich wusste aber nicht, wie ich sie fragen sollte. Als ich dann jedoch dort hinkam … meinte sie … sie …« Lily stockte, weil sie nicht wusste, wie sie es beschreiben sollte.
»Abby wollte dort sein«, vollendete Moira mit monotoner Stimme den Satz.
»Ja.«
»Du hast gesagt, sie hätten dich Arca genannt. Stimmt das?«
Lily nickte und nahm lächelnd das Wasser, das Jared ihr anbot. »Ich weiß nicht, was es bedeutete, aber sie bemalten mich mit Symbolen …«
»Symbole? Zeig sie mir!«
»Ich habe geduscht. Ich habe mich so widerlich gefühlt, so schmutzig – ich konnte nicht anders.«
Moira hätte sie am liebsten geschüttelt, erkundigte sich aber ruhig: »Kannst du sie aufzeichnen?«
»Vielleicht.« Sie biss sich auf die Lippe, offensichtlich wusste sie nicht, was sie ihr aufgemalt hatten.
»Ich kann mich an ein oder zwei erinnern«, sagte Jared.
Moira warf ihm einen Notizblock und einen Bleistift zu.
»Bist du freiwillig in den Kreis getreten?«, fragte sie Lily.
»Wie meinst du das?«
»Haben sie dich hineingezogen und dabei gegen ihren Altar getreten und ihn angeschrien, oder bist du aus freien Stücken in den Kreis gegangen?«
»Ich – bin von allein hineingegangen, aber ich hatte schon Angst …«
»Was spielt das denn für eine Rolle?«
Moira wollte nicht auf die feinen Unterschiede bei menschlichen Opfern und schwarzer Magie eingehen. Sie zitierte aus einem Lexikon: »Menschen haben einen freien Willen. Wir treffen unsere eigenen Entscheidungen. Viele Rituale – besonders alte Riten – setzen eine bewusste Entscheidung voraus.«
»Ich wollte Abby nur helfen. Ich wusste nicht …«
»Ich habe dir gesagt, was passieren wird!« Moira presste ihren Daumen auf die Mitte ihrer Stirn. Sie hatte Lily und Jared gewarnt und dabei nicht untertrieben. Vielleicht hatten sie ihr nicht geglaubt, weil sie zu deutlich gewesen war.
Moira brauchte dringend zwölf Stunden Schlaf, zweifelte aber daran, auch nur zehn Minuten zu bekommen, bevor es wieder dunkel werden würde. Sie nahm die provisorische Kompresse von ihrem Rücken, die von dem geschmolzenen Eis nass war, und fügte frisches Eis hinzu. Ihr tat der ganze Körper weh; sie würde eine ganze Badewanne voller Eis brauchen, um den Schmerz zu betäuben und die Schwellung zu lindern. Sie legte die Kompresse auf ihren Hinterkopf, denn ihr Rücken war inzwischen so kalt, dass die Prellungen kaum mehr zu spüren waren.
»Irgendetwas lief schief, und du bist fortgelaufen«, warf Moira ein, denn sie wollte endlich zum Ende von Lilys Geschichte kommen, um dann zu entscheiden, was sie mit ihr machen sollte, während sie ihre Freunde und alle, die vorgaben, ihre Freunde zu sein, anrief, um herauszufinden, was Arca bedeutete. Es handelte sich um eine Art Gefäß. Nur was besaß Lily, dass es für Fiona so wertvoll war? »Und du bist sicher, dass du Dämonen gesehen hast? Wie sahen sie aus?«
»Dunkel. Dicker Rauch stieg aus ihnen hoch. Sie besaßen eine richtige Gestalt – Gesichter und Schwänze, nicht wie bei uns. Sie änderten ihre Gestalt, schauten dann eher aus wie Tiere – Ungeheuer – und nicht wie Menschen. Obwohl sie auch etwas Menschliches hatten.« Sie unterdrückte ein Schluchzen, und Jared setzte sich neben sie auf die Bettkante, um ihre Hand zu nehmen.
»Ist schon in Ordnung«, murmelte er.
»Ich wollte nicht hinsehen und habe meine Augen geschlossen, aber dann hat dieser Fremde zu mir gesagt, ich solle weglaufen oder ich würde sterben.«
Moiras Kopf schnellte hoch. »Ein Fremder? Was für ein Fremder? Jemand aus dem Hexenzirkel?«
»Nein – er tauchte auf, direkt nachdem Abby gestorben war. Einfach so. Und er begann, diese Dinge zu sagen – ich habe ihn nicht verstanden. Er sprach in einer ganz eigenartigen Sprache, und dann schaute er mich an und sagte, ich solle weglaufen oder ich würde sterben. Da bin ich gelaufen. Und dann hörte ich diese Schreie, es waren die unmenschlichsten, die ich je in meinem Leben gehört habe. Ich sah mich um, und der Himmel wirkte, als würde er brennen. Um den Kreis herum blitzte und donnerte es, und es wurde geschrien. Und dann waren sie plötzlich alle weg, als wären Abertausende von Vögeln in die Luft geflogen. Ich dachte, der Fremde wäre hinter mir. Ich hatte Angst vor ihm, aber er hat mir das Leben gerettet. Ich dachte, er wäre vielleicht ein Engel, aber das war er nicht. Er lief, genau wie ich, aber dann war er nicht mehr hinter mir, und ich war allein.«
»Beschreib mir diesen Fremden!«, verlangte Moira und fügte hinzu: »Bitte!«
»Er trug so einen grünen Krankenhauskittel – so wie Chirurgen oder Sanitäter sie anhaben. Er sah krank aus – ganz blass. Hatte dunkles Haar, schwarz oder dunkelbraun. Seine Augen – ich weiß nicht, die waren so … so ehrlich. Sehr ehrlich – ich kann’s nicht erklären, aber als er sagte, ich solle laufen, bin ich gelaufen. Ich habe ihm vertraut. Er hat die Leute dort aufgehalten, sie daran gehindert, mich zu töten, aber für Abby war es schon zu spät.«
Lily musste weinen. Jared zog sie an seine Brust und wiegte sie tröstend.
Moira zog ihr iPhone heraus und rief die Seite der lokalen Zeitung von Santa Louisa auf. Ihr schossen plötzlich das Gespräch mit Pater Philip und Fionas Worte im Gefängnis durch den Kopf – sie wusste etwas, das sie nicht wussten, und Moira glaubte, herausgefunden zu haben, was es war.
Sie rief die Artikel zur Mission Santa Louisa de los Padres auf. Überflog sie. Anthony Zaccardi, Architekt für historische Gebäude, baut die Mission wieder auf … das Feuer … die Morde …
Jared fragte: »Was machst du da?«
»Ich habe eine Idee, wer dieser Mann sein könnte, und versuche gerade ein Bild von ihm zu finden.«
Moira klickte Artikel für Artikel auf dem kleinen Display an, bis sie fand, wonach sie suchte.
Vier Monate vor den Morden wurde Raphael Cooper, Psychologe und Seminarist von St. John’s in Menlo Park, vom Vatikan an die Mission Santa Louisa de los Padres berufen. Kardinal Samuel Benvenuti, ein Sprecher des Vatikans, lehnte jeglichen Kommentar ab und veröffentlichte eine kurze schriftliche Stellungnahme, die besagt: »Die Gebete des Heiligen Stuhls gelten den Opfern dieser skrupellosen Tat und der vollständigen Genesung von Mr. Cooper.« Ein Sprecher des Seminars von St. John sagte lediglich, Mr. Cooper wäre als kleines Kind von seinen Eltern ausgesetzt worden und in einem Waisenhaus aufgewachsen. Er hatte bei seiner Einreise vor zwölf Jahren in Kalifornien die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen.
Ein Waisenkind? Befreundet mit Anthony? Er war einer von ihnen, da war Moira sich sicher – zurückgelassen vor der Tür von St. Michael so wie Peter, Anthony, Rico und all die anderen.
Ein Foto – aufgenommen vor fünf Jahren am Seminar von St. John – zeigte Raphael Cooper im Alter von Ende zwanzig. Sein dunkles Haar war kurz, die Frisur altmodisch; seine Augen erschienen auf den ersten Blick dunkel, doch Moira erkannte, dass sie dunkelblau waren. Er sah gut aus, hatte breite Schultern und eine energische eckige Kieferpartie. An seinem Hals befand sich eine zwei Zentimeter lange Narbe. Seine irische Herkunft drang aus jeder Pore. Was hatte ein irisches Baby nach St. Michael verschlagen? Moira wusste, dass nicht alle Kinder, die dort abgegeben wurden, aus Italien stammten, wenn auch die meisten.
Sie überflog den Artikel. Cooper war zweiunddreißig – so wie Peter, würde er noch leben. Cooper hatte nicht zu Moiras Zeit in St. Michael gelebt, aber Peter hätte ihn kennen müssen.
»Ist das der Mann?« Sie zeigte Lily das Bild.
Sie nickte. »Ja – aber sein Haar ist jetzt länger, und er ist schlanker. Er hat eine Narbe, genau da, am Hals.«
»Und er hat einfach zu dir gesagt, du sollst weglaufen, und blieb hinter dir?«
»Ich dachte, er würde mir folgen, aber dann bebte die Erde … Und diese fürchterlichen Schreie – solche Schreie habe ich noch nie zuvor gehört.«
»Verfluchte Scheiße!«
Lily fuhr bei den Worten zusammen, und Moira verkniff sich weitere vulgäre Ausdrücke, die ihr auf der Zunge lagen. Sie hätte ihr Leben darauf verwettet, dass es sich bei den Schreien um das Rufen der Dämonen gehandelt hatte. Wenn zwei oder mehr Dämonen zusammen waren und sich gegen die Herrschaft der Hexen wehrten, von denen sie heraufbeschworen worden waren, stießen sie ein kreischendes Gegacker hervor, das von den meisten Menschen nicht gehört wurde.
»Hörte es sich wie ein Lachen an?«
»Nein – na ja, vielleicht. Aber ein krankes Lachen. Als ob sie verrückt wären.«
»Es sind nun mal Dämonen.«
Lily zitterte, und Jared drückte sie an sich. Dabei warf er Moira einen wütenden Blick zu. »Ich dachte, du könntest helfen. Aber das Einzige, was du tust, ist, sie zu verletzten!«
»Nein«, widersprach Lily ruhig. »Sie hilft mir, wirklich!«
Lily starrte Moira mit großen Augen an. »Sie nannten mich Arca, und Abby den Schlüssel. Sie wollte nicht sterben. Sie wollte ewig leben. Sie wollte …«
»Ewig leben?«, fragte Moira. »Verdammt, verdammt, verdammt!«
»Was …«, begann Jared.
Moira fiel ihm ins Wort. »Bleibt hier! Ruft niemanden an! Verlasst das Zimmer nicht! Ihr habt genügend zu essen und zu trinken hier. Wenn ich gehe, versiegelt die Tür mit Salz!« Sie warf Jared einen Beutel mit besonderem Salz zu; er fing ihn auf. »Egal, wer vor der Tür steht und was immer derjenige auch zu euch sagt: Ihr lasst niemanden herein!«
Sie packte ihre Ausrüstung in den Rucksack. Salz. Ihr Ersatzmesser – der Sheriff hatte ihr den Dolch nicht zurückgegeben, da es sich nun einmal um eine Waffe handelte. Ihr Kreuz und das Weihwasser. Dann zog sie ihre Lederjacke an.
»Wo gehst du hin?«
»Nicht schlafen«, murmelte sie. »Ich muss Rafe Cooper finden.«
»Aber doch nicht allein!«, empörte sich Jared.
»Natürlich allein!«, fuhr sie ihn an. »Du musst Lily schützen, und mach das ja besser als beim letzten Mal! Lily, du hast gesagt, euer Pfarrer wäre auch dort gewesen. War er einer von ihnen?«
»Ja.«
»Wie heißt er?«
»Garrett Pennington. Von der Kirche des Guten Hirten.«
»Ist er katholisch?« Das hätte Moira nicht überrascht. Die Besten – und Schlimmsten – gehörten in diesem Kampf der gleichen Kirche an.
Sie schüttelte den Kopf. »Einfach nur ein ganz normaler Christ.«
»Wann eröffnete Pennington seine Kirche?«
»Er übernahm sie Ende letzten Sommers von Pastor Matthew. Seine Mutter wurde schwer krank, und er wollte bei ihr sein. Ich vermisse ihn – ich mochte ihn wirklich, meine Mutter aber nicht. Sie schwärmt für Pastor Garrett. Den mochte ich auch, bis …«
»Er ist kein Mann Gottes.« Moira wusste nicht, ob es von denen überhaupt noch welche gab, aber das sagte sie nicht. »Was ist mit deinen Eltern?«
»Es lebt nur noch meine Mutter. Sie denkt, der Past… äh, Mr. Pennington könne übers Wasser gehen. Zu den Messen am Sonntag kommen inzwischen dreihundert Menschen, früher waren es nur fünfzig. Er ist ein toller Redner.«
Wenn Ms. Ellis im Bann der Hexe stand, konnte Moira Lily auf keinen Fall nach Hause gehen lassen. Ms. Ellis könnte durchaus auf deren Seite gezogen worden sein, ohne überhaupt bemerkt zu haben, was sie ihrer Tochter damit antat.
»Jared, ich weiß nicht, was sie von Lily wollen, aber sie ist wichtig für sie und somit in Gefahr. Du darfst sie nicht aus den Augen lassen! Ich nehme das Handy mit. Ruf mich an, schreib mir eine SMS, egal was – aber wenn sie in Schwierigkeiten steckt, dann lass es mich wissen!«
Sie griff hinter die Kommode und zog die kleine Beretta 22 hervor, die sie dort versteckt hatte. Es gab zwar einiges, was gegen Dämonen schützte, doch im Falle von menschlichem Übel half am besten eine Kugel durch den Kopf.
»Wir sollten mit dir kommen«, meinte Lily.
»Nein. Kann ich deinen Pick-up haben?«
Jared warf Moira die Schlüssel zu.
»Danke. Und benutze das Salz! Mach auf keinen Fall die Tür auf!
Ihr Blick wanderte von Jared zu dem Mädchen, das seine Hand hielt, während sie auf der Bettkante saßen. Die beiden schauten so unschuldig … so jung … und so gutgläubig aus.
Sie vertrauten Moira. Glaubten, sie wüsste, was sie tat. Dachten, sie könnte sie beschützen.
Zweifel und Angst kämpften gegen Moiras Verlangen, etwas zu unternehmen. Ihr konnte man nicht vertrauen, denn sie wusste selbst nicht, was sie verdammt noch mal tun sollte. Und die beiden beschützen? Sie konnte sich noch nicht einmal selbst beschützen!
Moira lächelte sie zaghaft an. »Wenn etwas Ungewöhnliches passiert, und ihr könnt mich aus irgendeinem Grund nicht erreichen, ruft Anthony Zaccardi an.«
Jared sah sie fragend an. »Den Kerl, der die Mission wieder aufbaut?«
»Mit ihm habt ihr die besten Chancen, am Leben zu bleiben.«
Es klopfte an der Tür, und Moira zuckte zusammen. Sie hielt eine Hand vor den Mund, in der anderen die Waffe. Sie deutete Jared und Lily an, leise zu sein. Sie wollte gerade durch den Spion schauen, als noch einmal laut gegen die Tür gehämmert wurde.
»Jared, ich bin’s, dein Vater. Ich weiß, dass du da bist; mach die Tür auf!«
Moira schüttelte den Kopf und sagte lautlos Nein.
Jared wirkte niedergeschlagen.
»Verflucht noch mal! Jared, mach die Tür auf, oder ich breche sie auf und verhafte dich, weil du dich nach Unzucht mit einer Minderjährigen – oder was für eine Straftat mir sonst noch einfällt – vom Tatort entfernt hast!«
Das war Jareds Vater? Moira hatte große Lust, ihn die Tür aufbrechen zu lassen. Sie fühlte sich nach Fionas Angriff wie durch den Fleischwolf gedreht, aber sie kannte ein paar Tricks – die ganz und gar nichts mit Zauberei zu tun hatten – und hätte keine Schwierigkeiten gehabt, sie bei ihm auszuprobieren, denn sie mochte Hank Santos nicht.
Doch er war Polizist, und sie wollte auf keinen Fall wieder ins Gefängnis zurück. Fiona würde sie nicht noch einmal am Leben lassen.
Jared war hin- und hergerissen, aber Moira erkannte an seinem Gesichtsausdruck, dass Deputy Santos die Tür aufbrechen würde, wenn sie sie nicht öffneten.
Mist, Mist, Mist!
Sie starrte kurz an die Decke. Sie betete selten, doch jetzt murmelte sie leise: »Lieber Gott, das hier ist nicht wirklich lustig!«
Sie versteckte ihre Beretta und öffnete die Tür.
Deputy Hank Santos war einige Zentimeter kleiner als sein großer, schlaksiger Sohn, hatte eine dunklere Hautfarbe, breite Schultern und eine Haltung, die Autorität ausstrahlte. Er taxierte Moira und das Zimmer und schaute dann hinüber zu Jared – der hinter ihr stand – und zu Lily, die auf dem Bett saß. Schließlich wanderte sein Blick wieder zu Moira, und eine große Abneigung – manche würden es vielleicht sogar als Hass bezeichnen – war darin zu erkennen.
Kein Problem; sie mochte ihn genauso wenig wie er sie.
»Jared, Lily, ihr kommt jetzt sofort mit mir!«
»Dad …«, begann Jared.
Hank unterbrach ihn. »Du hast mich vollkommen lächerlich gemacht! Ich wurde von einem Kollegen angerufen, der mir sagte, dass dein Wagen vor diesem schäbigen Motel hier steht. Der Geschäftsführer meinte, du wärst in letzter Zeit sehr häufig hier gewesen.« Dabei starrte er Moira mit einem abschätzigen Blick von oben bis unten an, sodass sie genau wusste, was er dachte.
»Stellen Sie hier mal keine wüsten Vermutungen an!«, wies sie ihn wütend zurecht.
Er wandte seine Augen voller Abscheu ab. »Ich kenne Frauen wie Sie.«
»Überspann den Bogen nicht, Dad!« Jared trat nach vorn. Moira schaute den jungen Mann an und bemerkte Charakterstärke, männlichen Beschützerinstinkt und Ritterlichkeit, die ihr vorher noch nie an ihm aufgefallen waren. Sie wusste nicht, warum sie so überrascht war, begriff dann aber, dass sie weder Jared noch Lily bisher als Menschen betrachtet hatte, sondern eher als Probleme.
»Du hast mir einiges zu erklären, Jared. Ich bin von dir enttäuscht. Frauen zu vögeln ist eins – du bist achtzehn. Aber deine Freundin da mit hineinzuziehen, dich durch die Betten zu schlafen, zu lügen und dich aus dem Haus zu schleichen – ich weiß nicht, was in dich gefahren ist, aber wenn deine Mutter das wüsste, würde sie sich im Grab umdrehen!«
»Zieh Mom hier nicht mit rein!«
»Wenn sie hier wäre, würdest du dich nicht wie ein solcher Vollidiot benehmen.«
»Mr. Santos«, setzte Lily an, aber der Mann beachtete sie nicht.
Jared wurde rot, lenkte aber nicht ein. »Es geht hier um dich. Du polterst hier rein, beleidigst mich, Lily und Moira und ziehst auch noch voreilige Schlüsse, weil du diese fixe Idee im Kopf hast, ich würde total ausflippen, seit Mom tot ist. Dabei geht es hier viel eher um dich als um mich. Du hast ein schlechtes Gewissen, weil du dich wieder mit jemandem triffst …«
»Wechsle nicht das Thema, und zieh Nicole hier nicht mit rein!«, entgegnete Santos. »Es geht allein um dich und mich.«
»Du hast meine Freundin mit reingezogen!«
Santos sah sich unverhohlen in dem Motelzimmer um. Moira zwang sich, nicht zusammenzuzucken. Das Zimmer in dieser Absteige hatte nichts mit den Zimmern gemein, in denen man sich mit Nutten traf.
»Und sieh nur, wo ich dich aufgegabelt habe!«
»Lenk nicht ab! Mom ist an Krebs gestorben. Ihr Sterben zog sich über Jahre, und ich habe jede einzelne Minute davon gehasst, weil ich sie nicht verlieren wollte, aber ich habe es akzeptiert. Und ich bin derjenige, der ich bin, weil Mom mich ermahnte, stark zu sein. Ich flippe weder aus, noch lüge ich. Und das Mindeste, was du tun könntest, wäre, mir zuzuhören!«
»Zuhören? Du hast dich aus dem Haus geschlichen …«
»Ich bin achtzehn.«
»Du streckst immer noch die Füße unter meinen Tisch, und da verlange ich Respekt von dir.«
»Du würdest nicht verstehen …«
»Ich wusste noch nicht einmal, wo du letzte Nacht warst! Wie sich herausstellt, an einem Tatort, und du hast auch noch eine Freundin von dir tot zurückgelassen! Was, wenn du sie hättest retten können?«
Lily war den Tränen nahe, als Jared zurückgab: »Abby war bereits tot, als Moira und ich dort ankamen, und Lily steckte in Schwierigkeiten.«
»Und da hast du nicht die Polizei gerufen? Oder Lily in ein Krankenhaus oder zur Wache gebracht?« Santos trat über die Türschwelle. Moira zuckte zusammen, ihre Instinkte schlugen Alarm. Stand da etwa ein Dämon vor ihr? Aber er war, ohne zu zögern oder eine Reaktion zu zeigen, über den Streifen mit Salz gegangen. Sie machte einen Schritt zurück und blieb mehr als eine Armlänge von dem Polizisten entfernt stehen. Diese Situation … fühlte sich eigenartig an. Übertrieben. Vielleicht, weil er einen so unglaublich sturen Eindruck machte, obwohl Moira an so etwas gewöhnt war. Sie betrachtete ihn vorsichtig und versuchte, das Zittern ihrer Hände zu unterbinden.
Sie selbst hatte noch nie vorher einen Dämon ausgetrieben oder jemanden vor einem Dämon geschützt. Abgesehen davon waren Teufelsaustreibungen am sichersten, wenn sie unter bestimmten Bedingungen – also mit einer Geisterfalle zum Schutz des Teufelsaustreibers und des Opfers – stattfanden. Hier aber gab es kein Sicherheitsnetz. Sie müsste das Opfer mit ihrem Messer – einem ganz besonderen Messer – niederstechen, in der Hoffnung, eine Hauptschlagader zu treffen, um so den Dämon zu bezwingen, den Unschuldigen dabei aber nicht zu töten.
Selbst dann könnten immer noch Probleme auftreten. Der Dämon könnte zum Beispiel auch nach dem Ritual immer noch stark genug sein, um jemand anders in Besitz zu nehmen. Oder er könnte eine eigene Gestalt und Form annehmen.
»Dad«, begann Jared, »Lily brauchte etwas Zeit für sich, bevor sich sämtliche Eltern auf sie stürzen. Ich wollte sie nach Hause bringen und dann mit Sheriff McPherson reden. Das werde ich auch tun, ich verspreche es dir. Gib uns nur eine Stunde!«
»Du hast die Schule heute Morgen geschwänzt und dich an Lilys Vergehen mitschuldig gemacht. Ich bringe Lily nach Hause – ihre Mutter ist außer sich vor Sorge –, und dann setzen wir beide uns mit Sheriff McPherson zusammen.«
Moira konnte nicht zulassen, dass Lily allein war. Fiona brauchte dieses Mädchen aus irgendeinem Grund. »Sie können hierblieben«, bot Moira an. »Das macht mir nichts aus.«
Deputy Santos schaute sie an, als wäre sie Abschaum. Moira richtete sich auf, dennoch fühlte sie sich durch seine heftige Ablehnung unterlegen und in die Defensive gedrängt.
»Ms. O’Donnell, Sie haben schon genug Ärger verursacht.«
»Ich habe überhaupt nichts getan!«
»Ihretwegen hat Jared mich belogen. Sie haben ihn in Gott weiß was hineingezogen – Sexspiele vielleicht? Ich weiß es nicht, aber Abigail Weatherby ist tot, und sowohl Sie als auch mein Sohn waren bei der Leiche.«
Lily ergriff das Wort und riss dabei ihre großen braunen Augen auf. »Mr. Santos, ich war da, als Abby starb. Jared versuchte, mich zu finden, und kam erst später hinzu. Er hat nichts damit zu tun! Es war ein furchtbarer Unfall und …«
»Lily«, unterbrach Moira sie.
»Halten Sie sich raus, oder ich nehme Sie mit aufs Revier!«, befahl Santos.
»Ich werde Lily nach Hause bringen«, erklärte Moira und griff nach einem letzten Strohhalm. Jemand musste auf das Mädchen aufpassen.
»Dad …«
»Genug jetzt!« Santos’ Gesicht lief rot an. »Jared, Lily, ihr kommt jetzt mit mir, oder ich verhafte euch!«
»Sie können nicht …«
Santos ging einen Schritt auf Moira zu. »Halten Sie Ihren Mund! Ich will kein Wort mehr von Ihnen hören. Mir ist diese seltsame Begebenheit von heute Morgen auf der Wache zu Ohren gekommen, in die Sie verwickelt waren. Sie üben einen schlechten Einfluss auf diese Kinder aus; Sie verursachen nichts als Ärger. Ich weiß nicht, was Sie im Schilde führen, aber soweit es meinen Sohn betrifft, hat das jetzt ein Ende! Noch ein Wort von Ihnen, und Sie sitzen in fünfzehn Minuten wieder im Gefängnis!«
»Ist schon in Ordnung«, lenkte Jared ein. »Ich werde mich um Lily kümmern.« Er griff nach der Hand seiner Freundin.
Nichts war in Ordnung, doch Moira sah keinen anderen Ausweg mehr. Sie konnte unmöglich zurück ins Gefängnis und war sich sicher, der Polizist würde sie verhaften, wenn sie ihn nicht gewähren ließ. So oder so wäre Lily zu Hause allein und ohne Schutz. Aber noch schlimmer wäre, Santos würde Moiras Waffe und ihr Messer finden und ihr beides abnehmen. Dann wäre sie wiederum schutzlos, und das konnte sie sich Fiona gegenüber nicht leisten. Irgendetwas brauchte sie zu ihrer Verteidigung: ohne Waffen, einen offenen Raum oder Zauberei.
Moira blieb nichts anderes übrig, als sie ziehen zu lassen.
»Nun« sagte Hank. Er trat durch die Tür und schaute in den grauen bewölkten Himmel. Der Tag sah genauso düster aus, wie Moiras Laune es war.
Jared hob Lily vom Bett.
»Ich bin sicher, dass sie gehen kann«, spottete Hank.
»Sie hat vom Laufen Schnittwunden an den Füßen«, entgegnete Jared ruhig. Moira sah hinüber; Lily trug keine Schuhe und hatte ein Paar von Moiras Socken angezogen, durch die unten Blut sickerte.
»Sei vorsichtig!«, flüsterte sie Jared zu, als er an ihr vorbeilief. »Ruf mich an, wenn etwas ist!«
Jared raunte zurück: »Nimm meinen Wagen!« Er nickte in Richtung der Schlüssel, die sie immer noch in ihrer Hand hielt.
Hank warf einen Blick zurück über seine Schulter, doch Moira hatte die Schlüssel bereits in ihre Hosentasche gesteckt. »Jared!«, blaffte Hank ihn an.
Moira starrte auf Hanks Nacken. Sein Haar war zwar nicht geschoren, aber sehr kurz geschnitten, und es schien, als befände sich direkt über seinem Kragen getrocknetes Blut. Sie hätte beinahe etwas gesagt, doch dann bewegte er sich, und sie bemerkte, dass es sich nicht um Blut, sondern um ein Muttermal handelte. Ein Feuermal, das sich in der Mitte am Ansatz seines Kopfes befand und bis zu seinem Kragen hinunter reichte.
Sie war müde. Nein, eher erschöpft, und sie hatte wohl Halluzinationen. Doch zum Ausruhen blieb ihr keine Zeit. Zuerst musste sie Raphael Cooper finden, das stand ganz oben auf ihrer Liste, und danach Abby Weatherbys Leiche beseitigen, bevor Fiona sie in die Hände bekam oder Abbys rachsüchtigen Geist heraufbeschwor. Sie musste wohl oder übel auch Anthony anrufen und ihn drängen, Lily im Auge zu behalten. Er könnte sicherlich etwas tun, immerhin schlief er mit der wichtigsten Gesetzeshüterin der Stadt.
Moira wartete, bis Hank mit Jared und Lily weggefahren war. Dann schlich sie aus dem Zimmer und fuhr mit Jareds Wagen in die entgegengesetzte Richtung zu den Klippen, in der Hoffnung, Coopers Fußabdrücke zu finden und ihn vor Fiona aufzuspüren.
Rafe wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte oder bewusstlos gewesen war. Während er seine Augen langsam öffnete, sah er, wie Licht durch die dunkle, verlassene Hütte fiel.
Zitternd kauerte er in der Ecke des schmutzigen, stinkenden Raums. Ihm war kalt, und er war hungrig und nicht in der Lage, sich zu bewegen. Er versuchte, seine zuckenden Glieder auszustrecken, befahl es sich selbst, aber sein Körper reagierte nicht, er war wie gelähmt. So erschöpft, dass er noch nicht einmal mehr einen Willen besaß, war er noch nie in seinem Leben gewesen. Er würde hier sterben, wenn er sich nicht hochrappelte, da war er sich sicher, doch selbst der Gedanke daran verlieh ihm nicht genügend Kraft, um aufzustehen oder wenigstens wegzukriechen.
Er hatte all seine Energie verbraucht, um das Mädchen zu retten und vor den Hexen und Dämonen zu fliehen.
Der Wind pfiff um die Hütte, doch die feuchte Salzluft konnte durch die zugenagelten Fenster nicht mit voller Wucht eindringen.
Rafe hatte keine Ahnung, wie er auf die Hütte gestoßen war, als er aus dem Chaos floh, das er verursacht hatte.
Sein Verstand sagte ihm, dass er nicht an der Freilassung der Dämonen schuld war. Er hatte mit dem tödlichen Ritual nicht begonnen; er hätte sich nie auf schwarze Magie oder irgendeine andere Form der Zauberei eingelassen, da sie doch gänzlich im Widerspruch zu dem stand, was der Orden St. Michael vertrat. Er gehörte zu den wenigen Auserwählten, deren Aufgabe es war, die Verbreitung von Zauberei zu unterbinden und Risse zwischen dieser Welt und der Unterwelt zu versiegeln. Selbst innerhalb von St. Michael war sein Talent ungewöhnlich gewesen – er verfügte über besondere Begabungen im Kampf gegen das Böse.
An den Kämpfen jedoch, die erst vor Kurzem stattgefunden hatten, war Rafe nicht beteiligt gewesen. Er war zuletzt in St. John’s gewesen und hatte gehofft, Priester werden zu können, doch war er nicht fähig gewesen, sein Gelübde abzulegen. Sein Mentor hatte gemeint, er sollte tiefer in sich hineinschauen, um seine Berufung besser zu erkennen. Er hatte gedacht, die Antwort lautete, den gequälten Priestern der Mission von Santa Louisa de los Padres zu helfen.
Er hatte sich geirrt.
Tief in seinem Innern befürchtete er, genauso viel Schuld an den Geschehnissen der letzten Nacht zu haben wie der Hexenzirkel. Als er die Dämonen daran gehindert hatte, von dem Körper des Mädchens, der Arca, Besitz zu ergreifen, wusste er ganz genau, was er tat. Und jetzt? Er versuchte sich zu erinnern, versuchte die Worte zu finden oder zumindest ihre Bedeutung zu verstehen, aber nichts. In seinem Kopf, in seinem Herzen, in jeder Faser seines Körpers existierte nichts als Schmerz.
Nun also waren die Dämonen auf der Erde, frei. Er musste sie finden, sie aufhalten. Dämonen konnten nur zur Hölle zurückgeschickt werden; sie konnten nicht getötet werden.
Doch, können sie.
Rafe runzelte die Stirn, versuchte die Worte in seinem Kopf einzufangen und die Lösung des Problems zu finden. Wenn Dämonen getötet werden konnten, dann wie?
Ein stechender Schmerz schoss durch sein Ohr, und er griff mit seinen Händen nach seinem Kopf. Mach, dass dieses Klingeln aufhört! Ihm hob sich der Magen, doch befand sich nichts darin, was er hätte erbrechen können, und so würgte er, bis ihm der Bauch wehtat.
Er schloss seine Augen.
Lieber Gott, hilf mir!
Er glitt hinüber in den Schlaf oder in die Bewusstlosigkeit oder in den Tod … doch träumten Tote nicht oder hatten eine Erinnerung, oder etwa doch?