SECHS
Oh, mama, I’m in fear for my life
from the long arm of the law
Lawman has put an end to try
running
Am I’m so far from my home
STYX, »Renegade«
Moira musste sich vor Selbstmitleid in Acht nehmen, gerade jetzt, da Anthony die Möglichkeit besaß, ihren sorgfältig errichteten Schutzschild in sich zusammenbrechen zu lassen. Sie blickte kurz über ihre Schulter und sah, wie Skye McPherson auf Anthony zuging, der am Rand der Klippen stand. Skye und Anthony sprachen miteinander, und Moira wusste verdammt gut, was er über sie sagte.
Sie schaltete ihre Taschenlampe an und leuchtete damit auf den Boden, um nach noch mehr Hinweisen zu suchen.
Es war offensichtlich – zumindest für sie –, dass hier ein vollständiger Schutzkreis errichtet worden war. Anthony konnte die Zeichen und Symbole lesen, ihre magischen Requisiten aufspüren. Vielleicht wusste er als Dämonologe sogar, welche Dämonen heraufbeschworen worden waren. Doch der größte Teil der Symbole war nicht zu erkennen. Einige der Requisiten waren hastig eingesammelt worden. Moira sah nur zwei Kerzen, das Wachs auf der Erde jedoch ließ auf einige mehr schließen. Chaos und Verwüstung waren angerichtet worden, etwas Brachiales hatte stattgefunden. Vielleicht konnte sie das alles hier wie ein Puzzle zusammenfügen und irgendwie Fionas Schwachstelle finden.
Wenn es hier nur um sie gegangen wäre, hätte Moira keine Sekunde gezögert, Zauberei einzusetzen und ihre Mutter zu vernichten, selbst in dem Wissen, dabei sterben und ihre Seele verlieren zu können. Wozu lohnte es sich für Moira überhaupt noch zu leben?
Aber sie durfte das Leben Unschuldiger – Lilys, Jareds, selbst das des Mistkerls Anthony – nicht aufs Spiel setzen. Sie hatte Pater Philip erklärt, Anthony nicht mit hineinziehen zu können, da sie sein Leben nicht riskieren wollte, was sich oberflächlich altruistisch anhörte, in Wahrheit jedoch auf nichts anderem als Eigennutz gründete. Ihr war egal, ob Anthony tot oder lebendig war, solange er auf natürliche Weise starb. Sein Schicksal in der Ewigkeit musste er dann mit dem Kerl da oben ausmachen. Aber Hexen? Besessenheit? Hölle? Dieses Leid konnte Moira nicht noch einmal ertragen.
Du bist erbärmlich. Finde dich endlich damit ab!
Gut so, Mo! Sei mal schön streng zu dir; vielleicht glaubst du es dann eines Tages auch mal.
Moira ging dort entlang, wo einmal der äußere Kreis verlaufen war, und entdeckte plötzlich etwas. Sie blieb stehen, schaute genau hin und untersuchte den Boden.
Hier hatte es einen Doppelkreis gegeben, und es waren noch Reste eines Hexagramms zu sehen, doch hatte dies den inneren Kreis durchquert und den äußeren Kreis berührt. Normalerweise ging das Hexagramm nicht über den inneren Kreis hinaus. Ein solches Hexagramm hatte sie noch nie zuvor gesehen, doch sie wusste, dass die Dreiecke an den Spitzen des Hexagramms des Doppelkreises für besondere alte Rituale standen. Sie waren nicht sehr bekannt und wurden von den meisten Hexenzirkeln nicht ausgeübt, da diese zumeist aus Anfängerinnen bestanden, die einfache Zauber anwandten, deren Nutzen lediglich darin lag, die Kluft zwischen der Unterwelt und der Menschheit zu vergrößern.
Seit Moira denken konnte, war ihre Mutter davon besessen, die Conoscenza zu finden. Nach dem, was sie und Peter vor Jahren herausgefunden hatten, war die Conoscenza – das Buch der Erkenntnis, der Schlüssel, um den Baum des Lebens zu finden – für immer verloren gegangen. Was, wenn sie damit falsch gelegen hatten? Was, wenn Fiona sie gefunden hatte? Wie um alles in der Welt hatte ihre Mutter sie überhaupt lesen und verstehen können? Das Buch war in keiner bekannten Sprache verfasst worden. Es war so anders, so alt, dass ihm nachgesagt wurde, im Zeitalter nach dem Sündenfall von gefallenen Engeln und den Menschen, die sie zum Aufstand verführt hatten, geschrieben worden zu sein.
Die beiden Arten von Dämonen, die es gab – gefallene Engel und verlorene Seelen –, hatten eines gemeinsam: Sie wollten der Hölle entkommen. Verlorene Seelen waren zwar gefährlich, doch brauchten sie einen Körper, den sie in Besitz nehmen konnten. Sie waren schwächer als gefallene Engel, empfänglicher für traditionelle Riten der Teufelsaustreibung und verletzlicher gegenüber bestimmten Waffen wie Eisen.
Bei gefallenen Engeln handelte es sich um Geister. Sie waren eine ganz andere Sorte von Dämonen – todbringend, gefährlich und durch und durch böse. Sie mussten sich nicht eines Menschen bedienen, obwohl sie ihn leicht in Besitz nehmen konnten. Gott hatte sie aus gutem Grund in die Hölle geschickt, wo sie verdammt noch mal auch bleiben sollten!
Die Conoscenza bot diesen gefährlichen körperlosen Wesen eine Möglichkeit zur Flucht. Menschen, die mit Streichhölzern spielten und das ewige Feuer entfachten. Manipulative Dämonen, die über Zauberkräfte verfügten, konnten ungemeine Macht gewinnen und Kontrolle erreichen, wie sie nur wenige Hexen besaßen. Es würde für die Dämonen viel zu leicht sein, sich ihrer Fesseln zu entledigen und die Freiheit zu erlangen, nach der sie sich so sehr sehnten.
Fiona war sich so sicher gewesen, dass das Buch noch existierte. Sie hatte danach gegiert, war davon besessen gewesen.
Sollte es existieren, würden unzählige Übel auf ahnungslose Menschen niedergehen – klasse! Die Hölle auf Erden würde buchstäblich ausbrechen, und das bis ans Ende aller Tage.
Hitze stieg aus dem Boden, dunkler Nebel wirbelte umher, und Moira hätte beinahe aufgeschrien. Doch Skye und Anthony standen immer noch an der Seite und sprachen miteinander. Sie spürten die Hitze nicht, die Moira durchdrang. Schweiß lief an ihrem Nacken herunter, ihre Haut brannte, und in der Dunkelheit erblickte sie das Auge des Bösen, das sie anstarrte und ins Visier nahm. Der Feuerstrom kehrte unter ihren Füßen zurück, seine Flammen griffen nach ihr. Ihr Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei.
Dann war es wieder vorbei. Moira fiel auf die Knie, rang nach Luft und wusste zweifelsohne, dass sie genau über der Hölle stand.
»Moira?«
Sie sprang hoch und wirbelte mit erhobenen Fäusten herum, bis sie McPherson erkannte, die sich ihr so leise genähert hatte, dass Moira an deren Instinkten, Ausbildung und Lebenswillen zweifelte.
»Entschuldigung.« Skye taxierte sie und runzelte die Stirn. »Alles in Ordnung? Fühlen Sie sich nicht wohl?«
Sie musste ganz schön fertig aussehen, dass der Sheriff so besorgt klang. »Doch, alles klar.« Ihre Stimme war belegt. Sie räusperte sich. »Mir geht’s gut. Was haben Sie jetzt vor? Haben Sie Jared Santos angerufen, um meine Aussage zu überprüfen?«
Skye beantwortete ihre Frage nicht direkt. »Die Spurensicherung ist auf dem Weg; ich muss Sie bitten zu gehen. Das hätte ich an sich schon ganz am Anfang tun müssen. Ich bin es nur so gewöhnt, dass Anthony mir hilft …« Sie verstummte, während sie zu Anthony hinüberblickte, der etwas auf dem Boden untersuchte.
»Ich verstehe«, sagte Moira, obwohl sie es nicht tat. Anthony unterstützte die Polizei?
Moira konnte allerdings hier nichts weiter in Erfahrung bringen. Sie musste sich vergewissern, dass Lily in Sicherheit war, und herausfinden, ob Jared sie aufgespürt hatte. Sie griff zu ihrem Handy und schrieb ihm eine SMS:
Wenn du Lily findest, bring sie zu mir ins Motel! Behalt es für dich. Lass sie nicht aus den Augen! Ruf mich an!
Sie schickte die SMS los und löschte dann schnell all ihre Nachrichten – vorsichtshalber, falls die Polizistin sie sehen wollte.
Skye schaute sie misstrauisch an. »Sie und Anthony kennen sich von früher.«
Die Miene der Polizistin war ausdruckslos, doch Moira konnte in ihren Augen lesen. Sie glaubte alles, was Anthony ihr sagte, und sie empfand nichts als Verachtung Moira gegenüber, was diese ärgerte und beschämte. Sie reagierte mit Sarkasmus darauf.
»Ja, von ganz früher«, antwortete sie und fügte mit einem Blinzeln hinzu: »Aber er hat mir nichts bedeutet.«
Das fand Skye ganz und gar nicht witzig. Moira nahm für einen kurzen Moment einen Anflug von Eifersucht an der Polizistin wahr, den diese aber schnell wieder in den Griff bekam. Anthony und eine Polizistin. Na, das war doch mal was!
»Erzählen Sir mir, was passiert ist – von Anfang an! Warum sind Sie hier in Santa Louisa?«
»Sie würden es mir sowieso nicht glauben.«
»Sie wären überrascht.«
Anthony stand ein paar Meter von ihnen entfernt. Er hörte zu, tat aber so, als untersuchte er die auf den Boden gemalten Symbole. Dieser Idiot! Moira hätte es um einiges einfacher haben können, wenn er sich für sie eingesetzt hätte!
Wenn Skye McPherson in irgendeiner Weise mit Anthony verbandelt war, dann hätte sie eine Ahnung, was wirklich in dieser und jenseits dieser Welt vor sich ging.
Moira konnte ihr nicht die ganze Wahrheit verraten. Anthony wusste genug, um ihr gefährlich werden zu können, doch wusste er nicht alles. »Ich untersuche übernatürliche Phänomene. Ich glaube, das Feuer, das hier vor ein paar Monaten wütete, hat ein Tor zur Hölle geöffnet – so eine Art Hintertür. Und ein ganz besonders gefährlicher Zirkel hat sich heute Nacht hier zusammengefunden, um etwas Böses heraufzubeschwören, und hat dafür jemanden aus seiner Mitte geopfert.« Sie blickte dabei zu Abbys Leiche.
Wahnsinn, vier Sätze und keine einzige Lüge darin! Sie war gut.
»Was genau wollten sie heraufbeschwören?«
»Dämonen natürlich.«
»Wenn Sie von einem Zirkel sprechen, sind damit nur Hexen gemeint?«
Moira zuckte mit den Schultern. »Oder Zauberer. Das ist einerlei.«
»Bitte?«
»Hexen und Zauberer sind im Grunde genommen ein und dasselbe, so wie …« Sie dachte nach. »Alle Zauberer sind Hexen, aber nicht alle Hexen sind Zauberer.«
»Was so viel bedeutet wie?«
Moira merkte, wie sich langsam Verärgerung in ihr breitmachte. Sie hatte nun wirklich keine Zeit, dem Sheriff in diesen Dingen Nachhilfeunterricht zu geben – warum hatte Anthony das nicht getan? »Was immer Sie wollen.«
»Ms. O’Donnell, verscherzen Sie es sich nicht mit mir! Ich habe hier ein totes Mädchen, ein weiteres wird vermisst, und wenn ich wieder auf dem Polizeirevier bin, werde ich dem Staatsanwalt, den Reportern und den Eltern Rede und Antwort stehen müssen. Ich habe hier keine Zeit für ein Frage-und-Antwort-Spiel!«
»Und ich habe keine Zeit, Ihnen die feinen Unterschiede in der Zauberkunst zu erklären! Fragen Sie doch einfach Ihren Lieblingsdämonologen, und lassen Sie mich in Frieden!«
Moira wusste, dass sie gerade den Bogen überspannte, aber sie wollte einfach nur fort. Sie machte sich Sorgen um Jared und Lily, und außerdem stand sie auf einem Tor zur Hölle.
Anthony trat nach vorn, um Skye zu verteidigen. »Pass auf, Hexe!«
»Lass mich in Ruhe, Dreckskerl!«
»Schluss jetzt!«, befahl Skye. »Warum sollten sie einen Dämon hervorbringen wollen?«
Wenigstens hielt sie sie nicht für verrückt, dachte Moira, was neu für sie war. Sie bemerkte, wie Skye und Anthony sich bedeutungsvolle Blicke zuwarfen.
Moira ignorierte Anthony und fuhr fort: »Es geht immer um Macht und Wissen. Diese Gruppe hier ist bereits ziemlich mächtig. Sie beschwört schon seit Generationen böse Geister. Die Anführerin …«
»Sie wissen, wer das hier getan hat?«
Moira biss sich auf die Unterlippe. »Ich habe da einen Verdacht.«
»Wer ist es?«
»Sie können sie nicht zur Rede stellen. Sie werden bei ihr auf Granit beißen.«
Skye neigte ihren Kopf zur Seite. »Ms. O’Donnell, ich versuche, Ihren Standpunkt nachzuvollziehen, aber halten Sie mich bitte nicht zum Narren! Abby Weatherby ist tot. Ich muss mit jedem reden, der dafür verantwortlich sein könnte. Genau darin besteht meine Aufgabe.«
Moira erklärte: »Abby gehörte dem Hexenzirkel an. Glauben Sie etwa, sie hätten sich nicht geschützt? Normalerweise hätte ich bei dem Geruch von Schwefel meine Beine in die Hand genommen, hätte ich nicht Abbys Leiche gefunden. Sie liegt absichtlich hier; gewöhnlich sind sie nicht so nachlässig.«
»Da komme ich nicht mehr mit. Was meinen Sie damit, dass die Leiche absichtlich hier liegt? Dass sie Beweismaterial vernichten wollten? Sie begraben und die Tat vertuschen wollten?«
Na klar, sie dachte wie eine Polizistin! »Es gibt zwei Gründe, warum Hexenzirkel der schwarzen Magie keine Leichen herumliegen lassen. Einer davon sind Leute wie Sie. Sie sehen einen Toten – wie nannten Sie es noch mal? Ach ja, Beweismaterial – und beginnen mit Ihren Untersuchungen. Und genau aus diesem Grund sind Zauberer so gut darin, die Leichen verschwinden zu lassen. Oder glauben Sie etwa wirklich, dass all die als vermisst Geltenden auf dieser Welt noch leben?«
Der Sheriff wollte Moira dazu noch weitere Fragen stellen, überlegte es sich dann jedoch anders und sagte stattdessen: »Sie meinten vorhin zu wissen, wer die Anführerin dieses Hexenzirkels ist.«
»Ich habe keine Beweise.«
Skye entgegnete: »Aber ich kann die Mitglieder dieses Hexenzirkels befragen.«
»Nein.«
»Sie behindern eine polizeiliche Ermittlung.«
»Ich habe nichts gesehen und auch keine Informationen aus erster Hand, wer hier war. Als ich ankam, war das Einzige, was ich sah, diese Leiche und die Verwüstungen auf dem Boden.«
»Wann sind Sie hier eingetroffen?«
»Vielleicht zehn Minuten, nachdem das Ritual vorbei war. Wir – also Jared Santos und ich – bemerkten eine …« Wie konnte sie erklären, was sie aus der Ferne wahrgenommen hatte, ohne sich wie eine Irre anzuhören? »Wir waren immer noch ein paar Meilen entfernt, da flatterte etwas hoch. Es sah aus, als würden mit einem Mal Tausende von Fledermäusen losfliegen. Aber es waren keine Fledermäuse. Es war etwas Dunkles, Dichtes und Lebendiges, das ich vorher noch nie gesehen habe.«
Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Moira hatte so etwas vorher schon gesehen. Sie hatte davon geträumt, Albträume davon gehabt, wie es das Licht einnahm und die Menschen in ein selbst geschaffenes Gefängnis warf, in dem sie sich gedankenlos und ohne Reue gegenseitig verstümmelten, quälten, vergewaltigten und umbrachten, in dem Magie die Regel war und das Böse über alles herrschte. Ein Gefängnis, in dem Vergnügen Schmerz gleichkam und Schmerz Vergnügen, in dem es kein Recht, kein Licht und keine Hoffnung gab …
Moira fuhr fort: »Als wir hier ankamen, war alles verwüstet – sehen Sie?« Sie zeigte auf die Kerzen und das Laken unter Abbys Leiche. »Sie haben nicht alle ihre Requisiten mitgenommen. Sie haben den Kreis nicht ausradiert. Und es roch überall nach Schwefel, Weihrauch und Gift.« Sie rieb sich unbewusst ihre Narbe und steckte ihre Hände in die Taschen.
»Wollen Sie damit sagen, dass Abby vergiftet wurde?«
»Nein. Vielleicht. Es könnte sein, aber daran ist sie nicht gestorben.«
»Woran dann?«
Moira holte tief Luft und sah Anthony an. »Anthony weiß, woran.«
Skye hörte sich verärgert an. »Jetzt lassen Sie mal dieses ganze Simsalabim weg! Sagen Sie mir einfach die Wahrheit, oder ich nehme Sie fest!«
Moira wurde zornig. »Abby war ein Opfer, das erbracht werden musste, um den Dämon heraufzubeschwören.«
»Nicht nur diesen einen Dämon«, warf Anthony ein.
Moira und Skye wandten sich ihm zu.
»Woher weißt du das?«, fragte Skye.
»Wegen der Symbole. Es waren sieben«, antwortete er.
»Ich habe lediglich drei gesehen«, überlegte Moira.
»Sie wurden absichtlich verwischt.«
»Sieben?«, fragte sie ungläubig. »Zur gleichen Zeit?«
Er nickte Moira fast unmerklich zu. »Das Ritual könnte ohne Weiteres Abbys Tod verursacht haben.«
»Anthony, bitte …«, seufzte der Sheriff erschöpft.
»Skye«, erwiderte er sanft, und zum ersten Mal bemerkte Moira eine Zärtlichkeit, die ihr bei dem Dämonologen noch nie zuvor aufgefallen war. »Wir haben es hier mit einer sehr gefährlichen Angelegenheit zu tun. Die Sieben könnten freigelassen worden sein.«
Moira wurde kreidebleich. Anthony bestätigte gerade ihre schlimmsten Befürchtungen.
Er zeigte mit seiner Taschenlampe auf die Dreiecke und Symbole außerhalb des Kreises. »Ich weiß nicht, wie sie es gemacht oder den Zauberspruch gefunden haben. Das Buch soll angeblich schon seit Jahrhunderten nicht mehr existieren, aber die Anordnung hier sieht genauso aus wie diejenige, auf die ich bei zwei unterschiedlichen Ruinen gestoßen bin. Eine von ihnen liegt in Irland und ist fünfhundert Jahre alt, die andere befindet sich in Italien. Sie ist fast tausend Jahre alt. Es gab noch mehr Versuche, aber da wissen wir nicht, wo und wann sie stattgefunden haben. Sie alle sind fehlgeschlagen.«
Ein Schauer lief über Moiras Arme. »Wahrscheinlich ist es auch ihnen hier nicht gelungen«, erklärte sie. »Sieh dir doch nur dieses Chaos an!«
»Ich weiß nicht«, meinte Anthony.
»Die Sieben?«, wiederholte Skye.
»Die sieben Todsünden. Sollten sie freigelassen worden sein, steht uns ein übernatürlicher Krieg bevor, auf den wir nicht vorbereitet sind.«
Hier musste die Conoscenza im Spiel sein. Nur im Buch der Erkenntnis befand sich der richtige Zauberspruch, um die sieben Todsünden aus der Hölle zu befreien. Fiona hatte es gefunden.
Anthony starrte Moira an. »Sperr sie ein!«
»Wie bitte?«, fragten Moira und Skye gleichzeitig.
»Moira O’Donnell ist eine Hexe. Sie besitzt die Macht, so etwas zu tun.«
»Was für ein Schwachsinn! Du weißt ganz genau, dass ich hiermit überhaupt nichts zu tun habe!«
»Sie ist illegal hier«, fuhr er fort, schaute dabei Skye an und beachtete Moira nicht weiter. »Olivet ist eine abgeschiedene theologische Hochschule nur für Männer, so wie St. Michael, wo ich studiert habe. Sie kann nicht auf legalem Weg ein Studentenvisum bekommen haben. Ich habe einem Freund von mir eine Nachricht geschickt.« Er schaute Moira triumphierend an, und sie wusste genau, was er sagen würde. »Sie erwarten sie schon seit Monaten, aber sie ist nie dort aufgetaucht.«
Skye entgegnete: »Das ist eine Angelegenheit der Einwanderungsbehörde, Anthony. Ich habe keinen Grund, sie festzunehmen, es sei denn, sie hat ein Verbrechen begangen.«
Was Anthony sagte, stimmte. Moira hatte vor drei Monaten nach Olivet zurückkehren sollen, nachdem sie herausgefunden hatte, dass die Todesfälle, die sie im nördlichen Teil des Staates New York untersucht hatte, nichts mit übernatürlichen Kräften zu tun hatten. Doch sowohl Pater Philip als auch Rico wussten, dass sie der Spur ihrer Mutter folgte. Sie hielten ihre Kenntnis darüber aber aus vielen Gründen geheim, nicht zuletzt deshalb, weil der Orden seit Peters Tod ihr gegenüber in zwei Lager gespalten war.
Doch Moira würde wegen dieses Geheimnisses nicht ins Gefängnis wandern. »Ruf Rico Cortese an«, forderte sie Anthony auf. »Wenn er niemandem von meiner Reise nach Santa Louisa erzählt hat, wird er seine guten Gründe dafür gehabt haben, da bin ich mir sicher. Es sollten eben nicht alle wissen – oh, jetzt verstehe ich! Du bist nur sauer, weil du nicht eingeweiht warst!«
Anthony machte einen Schritt nach vorn und packte Moira an ihren Handgelenken, bevor sie sich’s versah. Nun gut, vielleicht war die Idee, ihn zu provozieren, keine allzu gute gewesen. »Rico hat die falsche Hexe ausgesucht, um sie auszubilden«, raunte er und fügte dann an Skye gewandt hinzu: »Sie hat links in der Tasche ein Messer.«
Skyes Miene verfinsterte sich. Sie griff in die Tasche und zog ein Messer heraus. Es war ein Dolch mit einer zweischneidigen Klinge aus Eisen. Der goldene Griff war mit Intarsien von Heiligenreliquien versehen. Der Dolch hatte Peter gehört. Moira trug ihn immer bei sich. Viel mehr war ihr von Peter nicht geblieben.
»Führen Sie noch weitere Waffen mit sich?«, fragte der Sheriff verärgert.
»Nichts, was einen Menschen verletzen könnte«, fauchte Moira. Sie starrte Anthony zornig an. Er versuchte gelassen zu wirken, aber er erkannte das Messer. Wut stieg in ihm hoch; Moira spürte, wie sie durch seinen Körper fuhr. Sie konnte ihm dafür fast keine Vorwürfe machen. Auch sie war wütend auf sich.
Doch hatte sie ihn noch nie so gehasst wie in diesem Moment. Sie konnte nicht ins Gefängnis gehen. Wenn Fiona mit ihrem Vorhaben gescheitert war, würde sie es wieder versuchen. Und wenn Lily noch bei ihr war, würde sie ganz gewiss das Ritual noch einmal durchführen, sobald dies möglich war – vielleicht sogar schon morgen Nacht. Sollte das Vorhaben ihr jedoch geglückt sein, dann müsste Moira den entstandenen Schaden rückgängig machen. Wie, das war ihr noch vollkommen schleierhaft. Doch zuallererst musste sie Gewissheit über die Vorgänge hier erlangen.
Sollten die sieben Todsünden sich auf der Erde befinden, musste sie herausfinden, wie sie sie wieder in die Hölle zurückschicken und Fiona aufhalten konnte.
Skye durchsuchte Moira und zog Salz, mehrere Weihwasserfläschchen und eine lange, dünne Kette aus Eisen hervor.
»Eine Garrotte?« fragte sie.
»Eine Teufelshandschelle.«
»Wie bitte?«
Anthony erklärte dem Sheriff, was das war. »Damit bändigt man einen besessenen Menschen und verhindert die Flucht des Dämons. Sie erleichtert die Befragung der Bestie, ohne dem Menschen Schaden zuzufügen. Es funktioniert aber nicht immer«, ergänzte er.
Moira starrte ihn wütend an. Anthony stierte zurück, bis sie wegschaute. Sie schluckte eine bissige Bemerkung hinunter.
Skye wirkte hin- und hergerissen. »Warum sind Sie hier?«
»Das habe ich Ihnen bereits gesagt. Ich habe das Tor gefunden, und ich muss sie aufhalten.«
»Wen?«
Moira wand sich.
Anthony antwortete für sie: »Fiona O’Donnell. Ihre Mutter.«
Zwei Autos hielten hinter dem Truck des Sheriffs. »Das sind die Spurensicherung und der Gerichtsmediziner«, erklärte Skye. Sie steckte Moiras Pass in ihre Tasche. »Ich glaube, es wäre das Beste, wenn Sie für weitere Gespräche mit aufs Revier kommen, bis ich zur Bestätigung Ihrer Aussage Jared und Lily gefunden habe.«
Für den Bruchteil einer Sekunde zog Moira in Erwägung, Zauberei anzuwenden. Sie könnte Fiona finden und Anthony wehtun. Ihr Verlangen, ihm für das, was er ihr heute Nacht und in der Vergangenheit an den Kopf geworfen hatte, Schmerzen zuzufügen, jagte ihr eine dermaßene Angst ein, dass sie eine Gänsehaut bekam und sich körperlich krank fühlte.
Die Zauberei stellte nichts als ein Übel dar, selbst wenn sich wie bei ihr ehrenhafte Ziele dahinter verbargen. Dass Anthony sie überhaupt auf diesen Gedanken gebracht hatte, wenn auch nur für einen Moment, schmerzte sie. Sie war schlimmer als eine Alkoholikerin, als eine Drogenabhängige. Zauberei war die größte Macht, der größte Rausch auf Erden, auf den der tiefste Fall folgte.
Anthony bemerkte Moiras inneren Kampf und lächelte grausam. »Ich wusste, du würdest dich nie ändern. Ich habe Peter gewarnt, aber er hat dir vertraut. Und das Ergebnis davon: Er ist tot.«
Sie holte aus und schlug ihn nieder.