ACHTUNDZWANZIG
Moira stürzte aus dem Haus, ihr Herz raste vor Angst, Fiona könnte nicht nur Rafe, sondern auch Lily entführt haben, und sie wäre daran schuld, war sie doch für beide verantwortlich gewesen.
Anthony stand auf der Veranda. »Was ist passiert?«, fragte er und schaute über ihre Schulter.
Vielleicht lag es an seinem Ton oder ihrem Schuldgefühl oder ihrer Wut – eher aber an ihrer Angst –, dass sie ihn schubste. Er bewegte sich kaum.
»Hast du ihn etwa allein gelassen? Wie konntest du nur? Jetzt ist er in den Fängen von Fionas Hexenzirkel!«
Anthony eilte mit gezücktem Dolch an ihr vorbei ins Haus, wenngleich dieser ihm nichts nützen würde. Moira hob zuerst ihre Hand und gab Lily so zu verstehen, dass Anthony ein Freund war. Dann legte sie beide Hände auf das Geländer. Sie atmete die frische, feuchte Morgenluft ein, die sie an ihre geliebte irische Heimat erinnerte, in die sie wohl nie wieder zurückkehren würde.
Rafe. Sie und er waren Seelenverwandte. Beide ein bisschen verloren, beide viel allein. Mit ihm konnte Moira endlich über alles reden … Und nun hatte Fiona ihn wegen ihr entführt, als wäre er Teil eines Spiels.
Schachmatt.
Sie durfte Fiona nicht gewinnen lassen! Sie würde ihr Lily nicht ausliefern, sondern sich im Tausch gegen Rafe anbieten. Damit stünde ihre Mutter unter Zugzwang, denn diesen Handel konnte sie schlecht ablehnen. Lily war ein unschuldiges Mädchen. Zudem auch noch verletzt. Sie konnte noch nicht einmal laufen, wenn sie musste. Und würde sterben, sollten Fionas Pläne aufgehen.
Außer sich vor Zorn trat Anthony aus dem Haus. »Wo soll der Tausch stattfinden?«
Moira wirbelte herum. »Was? Du denkst ja wohl nicht ernsthaft daran, ihnen Lily zu geben?«
Er warf ihr einen finsteren Blick zu. »Natürlich nicht, aber Fiona hat keine Anweisungen erteilt, wie das Ganze vonstattengehen soll.«
»Das wird sie, und zwar nach ihren Bedingungen! Viel Zeit, um uns vorzubereiten, wird sie uns nicht lassen.« Sie sah Anthony an, während er den Dolch in die Scheide zurücksteckte. »Sieht wohl so aus, als wären es nur wir beide gegen sie. Mehr nicht!«
»Und Pater Philip. Ich habe gestern Nacht mit Bischof Aretino gesprochen. Er ist auf dem Weg hierher und schon vor dem Morgengrauen aufgebrochen – allein.«
Angst stieg in Moira hoch und schnürte ihr die Kehle zu. »Nein, nein, das geht nicht, du musst ihn aufhalten! Schick ihn woandershin! Ruf Rico an und verlang, dass er ihn abfängt, noch bevor er hier ankommt. Du weißt doch, wie gefährlich es für ihn außerhalb der Mauern der Mission ist!«
Anthony nickte. »Ja, er ist schon älter und körperlich auch nicht …«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nein! Nicht deswegen, wegen mir!«
Anthony starrte sie an. Moira lief auf Skyes Veranda auf und ab. »Fiona hat ihn verflucht«, erklärte sie.
»Der Fluch wird ihm nichts anhaben, dafür ist sein Glaube zu stark.«
»Das ist egal.«
»Ist es nicht! Moira, trotz all unserer Meinungsverschiedenheiten weiß ich, dass du dich um Pater Philip sorgst. Ich verstehe deine Angst, und ich möchte ihn genauso wenig hierhaben wie du, aber ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um ihn zu schützen. Der Glaube ist wichtig. Er hat mich mehr als ein Mal gerettet.«
Er legte seine Hände auf ihre Schultern. Sprachlos darüber, dass er sich um sie sorgte, blieb sie stehen.
»Selbst ohne den Fluch wird Fiona sich auf ihn stürzen, wenn sie weiß, dass er hier ist, und das mit genau der gleichen Brutalität wie bei mir im Gefängnis und bei Rafe hier …« Sie deutete auf das Haus. »Er wird so etwas nicht überleben.«
Anthonys Kiefer spannte sich an. »Ich werde den Pater finden. Ich werde nicht zulassen, dass ihm etwas Schlimmes zustößt!«
Moira wollte ihm glauben, doch wusste sie auch, dass Pater Philip davon ausging, außerhalb der Mauern der heiligen Stätte zu sterben. »Warum kommt er hierher und fährt nicht nach Olivet?«
»Ich weiß es nicht.«
Anthonys Worte waren nicht sehr tröstlich für Moira. »In der Zwischenzeit finde ich Rafe.«
»Und wie?«
Das wusste sie auch noch nicht so genau, aber sie hatte ein paar Ideen. »Ich werde mit Garrett Pennington beginnen, dem Pfarrer der Kirche des Guten Hirten oder wie immer die auch heißt.« Sie machte eine abschätzige Handbewegung. »Selbst wenn er uns nicht erzählen wird, wo Fiona steckt, wird er uns doch zu ihr hinführen. Und wenn ich in etwas gut bin, dann im Verfolgen von Menschen. Er wird nicht bemerken, dass ich ihm auf den Fersen bin.«
»Was, wenn er ein Zauberer ist?«
Sie dachte daran, wie sie die übernatürliche Energie in Skyes Haus aufgelöst hatte. »Ich glaube nicht, dass er mich aufspüren kann.«
Dies genügte Anthony anscheinend als Antwort, zumindest im Moment. »Und was ist mit Lily?«
»Sie kann nicht gehen. Ihre Füße sind von gestern Nacht vollkommen aufgeschürft und …« Sie zögerte. »Sie heute Morgen aus dem Haus zu holen war nicht so einfach.«
»Wie hast du das ohne Zauberei geschafft?«
»Mein Spinnensinn. Gute altmodische Intuition. Rico hat mir beigebracht, auf sie zu hören.« Moira grinste. »Fahr du mit Lily zur Mission und versuche herauszufinden, wie wir die Sieben einfangen können. Ich werde mich in der Zwischenzeit auf die Suche nach Garrett Pennington begeben und dabei hoffentlich auch Fiona aufspüren. Wenn ich etwas erfahre, rufe ich dich an, und wir machen gemeinsam weiter.«
Er war hin- und hergerissen, nickte aber. »Vorher muss ich aber noch etwas Wichtigeres recherchieren.«
»Was kann es Wichtigeres geben, als Fionas Zauber umzukehren?«
»Nichts, aber was das betrifft, habe ich alles getan, was ich tun konnte, mit dem, was mir zur Verfügung steht. Jetzt kann ich nur noch auf die Informationen von ein paar Leuten warten, um die ich sie gebeten habe. Mittlerweile sind noch einige Todesfälle hinzugekommen, die zwar nicht miteinander in Verbindung stehen, aber alle etwas gemeinsam haben.«
»Was?«
»Ein Muttermal, das jedoch in den ärztlichen Unterlagen der Betreffenden nicht auftaucht. Der Gerichtsmediziner meint, es sei keine Tätowierung.« Er griff in seine Brusttasche und reichte ihr das Foto einer Leiche mit dem Mal darauf.
Moira starrte es an, ihr Herz setzte einen Schlag aus. »Heilige Mutter Gottes!« Sie bekreuzigte sich und bemerkte es erst danach. »Das ist ein Dämonenmal.«
»Sie waren besessen, als sie starben? Aber …«
Sie schüttelte heftig den Kopf. »Nein, nein, das waren sie nicht. Lass mich nachdenken!« Sie wirbelte herum und fixierte das eigenartig geformte rote Dämonenmal auf dem Foto. »Das kommt nur bei einer dämonischen Taufe vor.«
»Ich weiß eine Menge über Dämonenverehrung, aber ich habe noch nie etwas von einer dämonischen Taufe gehört. Das ist Gotteslästerung!«
Moira lachte schrill auf. »Das ist das Einzige, was sie den lieben langen Tag tun! Ich hatte auch mal so ein Mal!« Sie zog ihren Rollkragen herunter und zeigte ihm die blasse Narbe, wo früher einmal ihr Dämonenmal geprangt hatte. »Der Pater hat es mir entfernt.« Der Eingriff war physisch und emotional sehr schmerzhaft, aber erfolgreich gewesen.
Außer Pater Philip und Peter hatte bisher niemand davon gewusst.
»Ich wurde an meinem dreizehnten Geburtstag getauft und mit diesem Mal markiert«, fuhr sie fort. »Ein Dämon – mein sogenannter Schutzteufel – wurde dafür heraufbeschworen. Ich gebe zu, es kommt selten vor, weil die meisten Hexen nicht stark genug sind, um das Ritual unter ihrer Kontrolle zu halten, und wenn ihnen das nicht gelingt, bemächtigt sich der Dämon der Person, die er markieren soll, und die Taufe endet in einem Blutbad. Fiona ist aber keine schwache Hexe und, ehrlich gesagt, war ich es auch nicht. Ich wurde markiert … aber ich wusste nicht, was es war, bis …«
Sie verstummte und blickte zu Lily hinüber, die immer noch im Wagen auf dem Beifahrersitz saß. Besaß das Mädchen auch ein Mal?
»Moira«, hakte Anthony nach.
»Diese Menschen müssen durch einen Dämon markiert worden sein, aber ich kann dir nicht sagen, wann. Vielleicht gestern Nacht, während des Rituals, das Rafe unterbrochen hat, vielleicht aber auch heute oder vor zehn Jahren. Ich weiß es nicht!«
»Skye ist gerade dabei, die letzten Tage der Toten zu rekonstruieren. Wäre das für eine zeitliche Eingrenzung nützlich? Abby besaß auch ein Mal. Es entspricht zwar nicht ganz dem der anderen, ähnelt ihnen aber. Ich habe leider kein Foto davon.«
Moira konnte sich nicht vorstellen, wie so viele Tote getauft sein konnten, ohne auf den Klippen gewesen zu sein, denn das Ritual war anstrengend und musste jahrelang vorbereitet werden. Wenn Lily markiert worden war, ohne es zu wissen, musste sie noch ein kleines Kind gewesen sein und konnte sich einfach nicht mehr daran erinnern.
»Gab es außer den Malen sonst noch etwas Eigenartiges?«
»Sie sind alle unter sonderbaren oder ungewöhnlichen Umständen gestorben. Drei der vier Opfer arbeiteten an der Santa Louisa Highschool oder waren Schüler.«
»Das ist kein Zufall.«
Anthony stellte Moira die Frage, an die sie gedacht, die sie aber nicht hatte formulieren können. »Kann jemand von einem Dämon markiert werden, ohne es zu wissen? Was, wenn sie alle friedlich ihrer Wege gingen, von einem der Sieben berührt, aber nicht in Besitz genommen wurden?«
»Das glaube ich nicht«, meinte sie, »auch wenn es theoretisch möglich sein kann.« Moira starrte wieder auf das Foto.
Sie schüttelte den Kopf und gab es Anthony zurück. »Ich habe so etwas schon einmal gesehen, aber ich kann mich nicht erinnern, wo.« Sie holte tief Luft. »Lass Lily nicht aus den Augen! Ich werde auf dem Weg zu der Kirche von diesem Pfarrer Garrett noch bei der Santa Louisa Highschool vorbeifahren. Ich hoffe, du kannst deine Freundin davon überzeugen, mich nicht ins Gefängnis zu sperren!«
Jared wollte an diesem Morgen nicht zur Schule, doch sein Vater hatte ihn einfach auf dem Weg zur Arbeit mitgenommen und gemeint, er würde anrufen, um sich zu vergewissern, dass er auch ja nicht schwänzte.
Er wollte für immer weg. Er würde die Schule verlassen, zu Hause seine Sachen packen, Lily holen und verschwinden. Sein Vater hatte ihn als Blödmann bezeichnet, weil er sein Auto einer Fremden geliehen hatte. Doch Moira O’Donnell war für Jared keine Fremde – nicht nach dem, was sie beide erlebt hatten … Gut, vielleicht war es dumm gewesen, ihr seinen Wagen zu leihen, denn er hatte seit gestern Morgen weder mit ihr gesprochen, noch hatte er Lily gesehen; er kam sich vor wie in einem Traum. Einem Albtraum. Mit seinem Vater konnte er nicht reden, und als er Mrs. Ellis angerufen und sie gebeten hatte, mit Lily sprechen zu dürfen, hatte sie einfach eingehängt.
Er würde nach der ersten Stunde gehen – Mrs. Ellis wäre dann arbeiten, und er könnte Lily holen.
Er ging über den Parkplatz, als jemand seinen Namen rief.
Er drehte sich um und sah, wie Ari Blair ihm aus einem kleinen Wagen zuwinkte, als würde sie auf jemanden warten. Doch nicht etwa auf ihn? Er kannte sie schon ewig, doch verkehrten sie nicht wirklich in den gleichen gesellschaftlichen Kreisen.
Er ging auf sie zu. Sie sah wie der Tod auf Urlaub aus – ungeschminkt, leichenblass, ihr Haar zu einem unordentlichen, schiefen Pferdeschwanz zusammengebunden. »Hallo.«
»Steig ein!«
Er runzelte die Stirn.
»Bitte, Jared, es geht um Lily!«
Er zögerte. Nach dem, was er in den letzten beiden Tagen erlebt hatte …
Ari bat ihn noch einmal eindringlich. »Ich weiß, was auf den Klippen passiert ist, als Abby starb. Ich war dort. Ich muss es wieder in Ordnung bringen, sonst stirbt Lily. Bitte, Jared, ich brauche deine Hilfe. Allein schaff ich es nicht!«
»Schieß los!«
»Im Auto, ja? Wir fahren eine Runde, und ich erzähl dir alles. Ich brauche wirklich deine Hilfe, oder es wird noch mehr Tote geben als nur Abby oder Chris …«
»Chris? Chris Kidd? Was ist mit ihm?«
»Er ist letzte Nacht gestorben. Ich bin sicher, dass er umgebracht wurde, um mich von dem abzuhalten, was ich tun werde. Ich kann nicht zulassen, dass noch jemand stirbt.«
Jared ging zur Beifahrertür hinüber und setzte sich in den Wagen. »Gut, erzähl mir alles, aber lüg mich ja nicht an! Sonst wirst du auf meine Hilfe verzichten müssen.« Hoffentlich merke ich, wenn sie lügt, dachte er, als sie vom Parkplatz auf die Hauptstraße fuhr.