FÜNF
Moira musste eine plausible Geschichte parat haben, was sie hier, mitten in der Nacht, bei einem toten Mädchen zu suchen hatte. Sie könnte … einen Spaziergang in der Gegend gemacht haben und … ja, das ginge! Na klar, jeder würde ihr glauben, die zehn Meilen von ihrem Motel bis hierher zu Fuß gegangen zu sein! Um zwei Uhr morgens. Wo es absolut nichts gab außer drei verlassenen, mit Brettern vernagelten Häusern an einer unbefestigten Straße und einem Grundstück, über dem ein Fluch lag. Na gut, dann hatte sie sich eben verlaufen. Ja, das war’s! Sie war ziellos am Rand der gefährlichen Klippen im Nebel umhergewandert, als sie zufällig auf die Leiche gestoßen war.
Eins konnte sie bestimmt nicht tun: sagen, was passiert war – was sie dachte, was passiert war. Ihr stand ein Drahtseilakt bevor, den sie mit aller Vorsicht vollführen musste. Sie war keine amerikanische Staatsbürgerin. Sie könnte ausgewiesen und ihr Studentenvisum eingezogen werden. Pater Philip hatte zusammen mit Rico ihre »Immatrikulation« in Olivet organisiert, und bisher war es noch niemandem in den USA aufgefallen, dass Olivet ein Priesterseminar und somit nur Männern vorbehalten war. Noch. Außerdem wollte sie die Aufmerksamkeit nicht darauf lenken, da es sich nicht wirklich um ein Priesterseminar handelte, sondern um eine in der westlichen Hemisphäre gelegene Universität für Dämonenjäger, die weder vom Vatikan noch von einer anderen sozusagen rechtmäßigen Behörde offiziell anerkannt war. Im Gegensatz zum Orden St. Michael, der unter einem gewissen Schutz der vorhandenen Mächte stand. Nachforschungen würden leicht zutage fördern, dass kein Priester in Olivet seinen Abschluss machte.
Zum Glück hatte Moira vorsichtshalber ihre Waffe im Motel zurückgelassen, doch der Dolch würde beim Sheriff nicht gut ankommen. Wer würde ihr schon glauben, dass hier ein okkultes Ritual stattgefunden hatte? Genau – niemand.
Ein Polizist leuchtete ihr ins Gesicht. Das grelle Licht blendete sie, und so erkannte Moira die beiden schattenhaften Gestalten nur schemenhaft, als sie blinzelte. Plötzlich schoss ihr durch den Kopf, dass Fionas Hexenzirkel größer als üblich sein könnte. Normalerweise bestand er aus Fiona plus zwölf Hexen im inneren Kreis und ein paar umherstreifenden, deren Augen und Muskelkraft für die Routinearbeit eingesetzt wurden. Der Gedanke an einen größeren Zirkel ängstigte sie. Was, wenn jemand von der Polizei dazugehörte? Was, wenn Fiona die Stadt beherrschte? Das war in kleineren Städten schon vorgekommen, und in Santa Louisa lebten nur dreißigtausend Menschen. Moira hätte über ihren eigenen Schatten springen und mit Anthony Kontakt aufnehmen sollen, als sie ganz am Anfang herausgefunden hatte, dass er sich in der Stadt befand. Zumindest hätte sie dann jemanden an ihrer Seite, der wusste, womit sie es zu tun hatten und vielleicht auch, wem sie vertrauen konnten.
»Du brauchst immer Rückendeckung«, hatte Rico ihr während der Ausbildung eingeschärft. »Laufe nie blindlings in eine Situation, selbst wenn du denkst, dir könne dort nichts passieren!«
»Ich habe keinen Partner«, hatte sie erwidert. »Und ich will auch keinen.«
»Was machen Sie hier draußen?«, fragte eine weibliche Stimme und riss Moira aus ihren Gedanken.
»Sind Sie der Sheriff?«
»Ja, Sheriff Skye McPherson. Und wer sind Sie?«
»Moira O’Donnell. Ich war mit Jared Santos hier, aber der ist weggelaufen, nachdem …«
Ein Mann in Zivil trat hinter dem Sheriff hervor. Moira legte schützend eine Hand vor ihre Augen und blinzelte. Sie konnte nicht viel erkennen, doch die Art, wie dieser Mann sich bewegte, wie ein Tiger im Käfig, kam ihr bekannt vor.
Der Sheriff hielt ihn zurück. »Warte, Anthony …«
Anthony streifte Skyes Hand ab, ging zügig auf Moira zu und blieb nur einen Schritt vor ihr stehen. Wut und Ungläubigkeit überkamen ihn in sichtbaren Wellen.
Anthony Zaccardi. Obwohl sie wusste, dass er sich in der Stadt befand, war sie fassungslos, ihn nach all dieser Zeit wiederzusehen. Der alles überragende zweite Vorname des Dämonologen hätte Einschüchterung lauten können.
»Moira O’Donnell.« Er sprach ihren Namen aus wie einen Fluch. »Ich hätte es wissen müssen. Da, wo es Ärger mit der Unterwelt gibt, bist du nicht weit, Puttana.«
»Vollidiot!«
Moira ließ sich nicht unterkriegen, obwohl Anthonys Feindseligkeit sie ungemein schmerzte. Er hatte sie auch schon nicht gemocht, bevor sie Peter getötet hatte. Wäre Pater Philip nicht gewesen, hätte Anthony sie sicher in jener Nacht noch umgebracht.
»Was hast du getan?« wollte er wissen, sah kurz zu Abbys Leiche und richtete seinen Blick wieder auf Moira.
Sheriff McPherson ging zu Abby hinüber, beugte sich vorsichtig hinunter, um deren Puls zu fühlen, ohne dabei Spuren zu verwischen oder Moira den Rücken zuzuwenden. »Mist!«, murmelte sie. »Sie waren also mit Jared Santos hier? Wo ist er? Ich will die verdammte Wahrheit wissen! Was ist hier passiert? Haben Sie getrunken? Oder Drogen genommen?«
»Oder vielleicht Dämonen heraufbeschworen?«, flüsterte Anthony.
Moira antwortete: »Wir dachten, Lily Ellis, Jareds Freundin, wäre hier. Stattdessen fanden wir Abby.«
»Sie kennen Abby Weatherby?«, erkundigte Skye sich, während sie auf Moira zuging und sich neben Anthony stellte.
„Nicht persönlich.«
»Anthony?«, fragte Skye. »Kennst du diese Frau? Kannst du dich für sie verbürgen?«
»Für sie verbürgen? Ich kann mich dafür verbürgen, dass sie eine Mörderin ist!«
»Vollidiot!«, fuhr Moira ihn an. »Schau dich doch mal um, Zaccardi! Das war ich nicht, und das weißt du auch ganz genau! Sheriff, das hier hat nichts mit trinkenden oder kiffenden Kids zu tun. Abby ist gestorben, weil sie geopfert wurde! Lily Ellis ist nicht aufzufinden. Wir glauben, dass sie hierherkam, um zu versuchen, Abby diesen Hexenzirkel auszureden, aber …«
»Hexenzirkel?«, wiederholte Anthony kopfschüttelnd. »Das kommt mir bekannt vor – etwas, das du wirklich gut kennst. Welche Rolle hast du denn hier gespielt? Oder warst du mal wieder angeblich von etwas besessen?«
»Angeblich? Du mieses Schwein!« Moira holte aus, um ihm eine runterzuhauen. Anthony griff nach ihrem Handgelenk und drückte es so fest, dass sie dachte, ihre Knochen würden gleich brechen. Sie trat ihm gegen das Schienbein, woraufhin er zusammenzuckte und sie losließ. Sie wandte sich ab und ging ein paar Schritte weg. Sie musste ihre Wut gegenüber Anthony in den Griff kriegen. Andernfalls geriete sie in Schwierigkeiten.
»Das reicht!«, mischte Skye sich ein. »Anthony, lass mich hier die Fragen stellen, okay?«
Er trat zurück.
Skye rief den Gerichtsmediziner und die Spurensicherung über Funk und forderte Verstärkung an. Sie schaute Moira an und fügte hinzu: »Ruft Deputy Santos an. Er hat heute Nacht keinen Dienst. Stellt ihn zu mir durch, wenn ihr ihn erreicht habt! Ende.«
Skye warf einen Blick zu Anthony, dann fragte sie Moira: »Können Sie sich ausweisen?«
Moira zog ihre Brieftasche aus der Innenseite ihrer Lederjacke und hielt sie Skye hin. Der Sheriff nahm sie, schlug sie auf und sah Moiras Pass. »Sie kommen aus Irland.«
»Ja.«
»Sie sind viel gereist.«
Sie zuckte mit den Schultern.
»Ein Studentenvisum. Olivet in Pinesdale? Wo liegt das?«
»In Montana«, antwortete Moira.
Anthony griff nach dem Pass und sah sich das Datum ihrer Einreise an. »Du bist seit sechs Monaten hier.«
»Ich bin seit einer Woche hier in Santa Louisa, aber seit sechs Monaten in den USA, das stimmt.« Dieses Mal.
Skye nahm Anthony den Pass wieder ab. Moira spürte, wie entspannt und selbstverständlich die beiden miteinander umgingen. Warum waren sie gemeinsam mitten in der Nacht hierhergekommen? Sehr interessant!
Sie hob eine Augenbraue und grinste ihn frech an. »Seit wann beschäftigt Santa Louisa denn einen Dämonologen?«
»Auf deine Fragen muss hier niemand antworten«, fuhr Anthony sie an.
»Anthony, bitte!«, ermahnte Skye ihn und bedeutete ihm, ihr zu folgen. Moira musste schmunzeln. Jeder, der sich dem arroganten Dämonologen widersetzte, so wie Peter, hatte bei ihr einen Stein im Brett. Ihr Lächeln erstarb. Vielleicht würde Peter noch leben, hätte er auf Anthonys Warnungen gehört.
Ein Auto bog in die Straße ein, und sie drehten sich alle in seine Richtung um. Es war nicht Jareds Pick-up, sondern ein weiterer Polizeiwagen.
Als Skye zu ihm hinüberging, kam Anthony auf Moira zu. »Denk ja nicht dran abzuhauen! Ich werde dich jagen wie einen Hund.«
»Das würde ich gern sehen.«
Sie starrte ihn wütend an. Er drehte sich mit einer Taschenlampe in der Hand weg und begann, das Gelände abzugehen. Sie holte beunruhigt Luft. Würde sie ihm auch nur im Geringsten zeigen, wie sehr er sie aufregte, würde er mit seinen Sticheleien fortfahren, bis von ihr nicht mehr als ein Nervenbündel übrig wäre.
Dünner Nebel lag über dem Boden, sodass er die Symbole verschleierte, doch Moira erkannte die Überreste von Hexerei. Schwarze Kerzen, der widerliche Gestank von Kräutern, die dem Schutz, der Kontrolle und der Abwehr böser Geister dienten. Sie musste bei diesem Gedanken fast lachen – sie beschworen Dämonen, setzten aber Kräuter und Zaubersprüche ein, um nicht selbst von etwas in Besitz genommen zu werden.
Wenn sie nur wüssten …
Natürlich wusste Fiona. Ihre Mutter war sich genau darüber im Klaren, was sie tat, und sie brauchte keine Kerzen oder Kräuter oder auf einem improvisierten Altar ausgelegte rote Seidenlaken. Sie benötigte nicht mehr als die richtigen Zauberformeln, die richtige Dämonenfalle, den Willen, Böses heraufzubeschwören, und die Stärke, es zu beherrschen. Wenn man so lange wie Fiona Zauberin war, die tagein, tagaus übte, und sich nicht darum scherte, wem man was für einen Schaden zufügte, fiel einem die Macht leicht zu und wurde zur Sucht.
Getrieben davon, ihrer Mutter zu gefallen, hatte Moira sich jahrelang in Hexerei versucht, die ihr zwar von Anfang an Angst eingejagt, die sie aber dennoch betrieben hatte, da sie keine andere Möglichkeit sah, die Gunst ihrer Mutter zu gewinnen. Sie hatte bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr damit weitergemacht, bis sie ahnungslos an der Opferung eines Menschen teilgenommen hatte – einer Opferung für ihre Weihe als »Mittlerin« zwischen dieser und der Unterwelt. Während der Zeremonie wurde sie gebrandmarkt, die Narbe war immer noch an ihrem Hals zu sehen. Und sie fand heraus, dass Fionas Pläne nicht nur der Jugend und Schönheit und dem Auffinden des Buches der Erkenntnis galten, sondern auch Moiras Zukunft.
Moiras Opferung an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag, um als Mittlerin zwischen der Hölle und den Zauberern zu dienen.
Fiona hatte ihr erzählt, dies stellte die höchste Ehre dar, die jemandem zuteilwerden könnte. »Du kannst dir nicht vorstellen, was es heißt, eine Mittlerin zu erschaffen, sie richtig aufzubauen, auszubilden und zu platzieren. Wir haben schon seit Generationen keine gute Mittlerin mehr gehabt; sie schafften es alle, sich selbst zu zerstören oder durch einen Orden umgebracht zu werden.« Ein »Orden« war laut Fiona eine Gruppe von Menschen, die im Allgemeinen Gott verehrte und in Verbindung zu einer Kirche stand. Fanatiker, deren einzige Aufgabe darin bestand, das transformative Wissen und die kathartische Einheit, erlangt durch Zauberei und die Zusammenarbeit mit der Unterwelt, zu unterdrücken.
»Wir sind die Bäume der Erkenntnis«, sagte Fiona oft. »Der Grund, warum Gott Seinem Volk verbot, Hexerei auszuüben, liegt in Seiner Verleugnung uns gegenüber begründet. Er wollte uns davon abhalten, die Wahrheit, die wahre Macht und das Universum zu erkennen. Doch das erreichen wir durch Zauberei. Wir werden dadurch mächtiger, schöner, leben länger und erlangen Weisheit, die fälschlicherweise bisher nur den Engeln im oberen und unteren Reich vorbehalten war.«
Und daran hatte Moira jahrelang geglaubt. Sie hatte alles getan, was Fiona wollte. Alles gelernt, was sie ihr beibrachte, und mehr. Moira wollte ihr unbedingt gefallen.
Dann, an ihrem sechzehnten Geburtstag, fuhr sie zu ihrer rituellen Weihe. Sie waren dafür zwei Tage gereist, doch Moira war sich nicht sicher, wo sie sich befanden – irgendwo in Europa. Dies markierte den Anfang einer fünfjährigen Reise, auf der sie Schutzvorkehrungen und Zaubersprüche erlernte, die nur wenige Hexen kannten. Anfangs war sie gleichermaßen aufgeregt und nervös.
Die Aufregung legte sich schnell.
»Heute beginnt deine letzte Reise auf dieser Erde«, verkündete Fiona und strahlte Moira stolz an. Doch dieser gefiel nicht, was ihre Mutter sagte.
»Das verstehe ich nicht.«
»Du wirst nach Belieben zwischen den Welten hin- und herwandern können. Du wirst in der Lage sein, Geister mittels eines Befehls zu lenken und die Wünsche sämtlicher Hexenzirkel der Welt erfüllen.«
»Ich verstehe immer noch nicht …«
»Das wirst du noch!« Fiona verlor die Beherrschung, und Moira verstummte. Sie konnte Fionas Zorn nicht ertragen, nicht an diesem Tag.
Sie war wie eine Prinzessin behandelt worden, und selbst Serena, ihre elfjährige Halbschwester, war aufgeregt. »Du wirst eine Göttin sein. Für immer.«
Moira aber blieb skeptisch. Mittlerin? Göttin? Zwischen den Welten wandern? Das hörte sich an, als würde aus ihr selbst ein Geist werden, der den Wünschen jeder beliebigen Hexe, die ihn heraufbeschwor, Folge leisten musste …
Dann kam diese Nacht …
Moira würde die Schreie der beiden Männer in ihrem Leben nie vergessen können, denen mit einem glühenden Dolch in die Brust gestochen worden war.
Genauso wenig wie den Zorn ihrer Mutter, als Moira sich geweigert hatte, deren Blut zu trinken.
Sowie das Chaos, das anschließend ausbrach und die eingefangenen Dämonen dazu brachte, sich ihrer Fesseln zu entledigen und jene zu quälen, deren Schutzschilde zu schwach waren. Fiona hatte daraufhin all ihre Macht benutzt, um sie in die Hölle zurückzuschicken. Moira half ihr dabei mehr aus Angst als aus Wut.
»Du wirst gehorchen«, sagte Fiona und ging mit einem Dolch, von dem menschliches Blut tropfte, auf sie zu. »Du bist hier, weil ich dich erschaffen habe. Du wirst mir dienen oder verbrennen!«
Moira lief weg, stieß Zaubersprüche aus, ohne sich größere Gedanken darüber zu machen, und hielt so diejenigen auf, die versuchten, sie einzufangen … Sie wusste nicht einmal, wo sie war, bis sie hinausrannte, die französischen Schilder sah und sich fragte, wieso sie die so lange hatte übersehen können. Sie vermochte sich noch nicht einmal an die Reise zu erinnern! Hatte man sie verhext? Stand sie unter einem Bann?
Sie lief weg, versteckte sich, lief weiter, überzog sich selbst mit schützenden Zaubersprüchen und Schilden und was ihr sonst noch einfiel. Sie tat einfach alles. Außer einen Dämon um Hilfe zu rufen.
Der Tod dieser Männer war so falsch – wie hatte Fiona sie nur umbringen können? Für Moira? Damit sie eine Sklavin sein konnte?
In jener Nacht war Moira zum ersten Mal allein, doch Fiona fand sie schon bald und bestrafte sie. Danach spielte Moira die gute Tochter, solange sie konnte. Sie lernte, so viel sie konnte, um gegen ihre Mutter zu kämpfen, sie aufzuhalten. Sie studierte Fionas Feinde, besonders den Orden St. Michael, eine ihrer Mutter besonders verhasste Gruppe.
Und schließlich gelang ihr die Flucht. Dieses Mal wusste sie ihren Aufenthaltsort vor ihrer Mutter geheim zu halten.
Sie hatte schon von Pater Philip vom Orden St. Michael und davon gehört, dass er ihr vielleicht helfen konnte, doch wusste sie weder, wo er lebte, noch, was er für sie tun könnte. Sie versuchte ihn zu finden, indem sie an jeder katholischen Kirche, die sie betrat, verschlüsselte Botschaften hinterließ, ohne zu wissen, wem sie vertrauen konnte. Nach mehr als einem Jahr begann sie, Botschaften von Pater Philip in jenen Kirchen vorzufinden, in die sie mitten in der Nacht ging, um Weihwasser zu stehlen. Nach und nach erzählte er ihr von den Gräueltaten, die ihre Mutter über die Jahre hinweg begangen hatte. Furchtbare Dinge, an denen Moira unwissentlich beteiligt gewesen war. Entsetzt begab sie sich daran, den von ihnen verursachten Schaden zu beheben und Unrecht wiedergutzumachen. Dabei versteckte sie sich vor Fiona und bemühte sich gleichzeitig um mehr Informationen von dem unauffindbaren Pater Philip.
Ihr wurde erst später klar, dass der Orden St. Michael versucht hatte, sie zu finden. Oder dass sie sie umgebracht hätten, um Fiona daran zu hindern, aus ihr ein Mittlerin zu machen, wäre sie ihrer Mutter nicht entkommen. Und sie verstand immer noch nicht ganz, was es überhaupt bedeutete, eine Mittlerin zu sein!
Nach zwei Jahren der Flucht und Verzweiflung kam es zu einem Treffen zwischen ihr und dem Geistlichen im Morgengrauen in einer Kirche im ländlichen Italien.
Sie erkannte ihn sofort, als sie ihn sah.
»Pater Philip?«
Er nickte und kam ihr über den Steinboden entgegen. Die aufgehende Sonne schien durch die alten Buntglasfenster. Pater Philip war älter, als Moira gedacht hatte. Er hatte gepflegtes silbergraues Haar und eine Nickelbrille. Er war rüstig, aber trotz seiner aufrechten Haltung immer noch ein paar Zentimeter kleiner als sie. »Mein Kind, endlich! Wir haben so lange nach dir gesucht!«
Sie runzelte die Stirn. Die Mitteilungen, die sie ihr über die Jahre hinweg hinterlassen hatten, waren ziemlich eindeutig gewesen: Sie wollten mit ihr persönlich nichts zu tun haben, sich jedoch gern ihrer Informationen bedienen.
»Aber die Nachrichten, die Sie mir hinterlassen haben …«
»Die stammen von Pietro. Du wirst ihn kennenlernen. Er bestand darauf, dich zu prüfen, um sicherzugehen, dass du uns keine Falle stellst. Ich habe das erste Mal seit Jahren wieder einen Fuß vor unsere heilige Stätte gesetzt. Es gibt da einige, die …« Er hielt inne und legte seine Hände auf Moiras Schultern. »Einige, die mir Schaden zufügen wollen, wie zum Beispiel deine Mutter.«
Sie erschrak und begann zu zittern, während sie sich niedergeschlagen hinsetzte.
»Moira, was ist los?«
Was, wenn es sich hier um eine Falle handelte – für sie?
Als sie nicht antwortete, fuhr der Pater fort: »Ich werde dir etwas zeigen, was dir vielleicht zu ein bisschen Seelenfrieden verhelfen wird.«
Er legte sein Kollar ab, schob den Kragen seines Hemdes so weit zurück, dass die rechte Hälfte seiner Brust oben zu sehen war.
Das Symbol des Ordens von St. Michael, das sie während ihrer Suche in einem der alten Bücher gefunden hatte, war dort auf seiner gebräunten Haut eintätowiert. Das Schwert des heiligen Erzengels Michael, der die Schlange tötet, dahinter ein kunstvolles Dreieck, das die heilige Dreifaltigkeit darstellte.
»Du bist stark, mein Kind«, sagte Pater Philip und zog sein Kollar wieder an, »mit einer ausgesprochen guten Gesinnung. Dein Herz ist rein; deine Suche hatte ihren Preis, aber sie wird belohnt.«
»Ich verstehe nicht …«
»Schließ dich uns an! Lass mich dir die Sitten und Gebräuche von St. Michael beibringen! Die Entscheidung liegt ganz bei dir.« Er saß auf der Kirchenbank. »Oder laufe weiter vor Fiona davon.«
Moira schüttelte den Kopf. »Ich – ich komme mir so verloren vor. Ich wusste nicht, was sie tat.«
»Der Weg, den du gewählt hast, ist nicht einfach, aber es ist deiner. Ich kann ihn nicht für dich gehen. Glaube mir, wenn ich dir sage, dass jeder Mann in St. Michael gern an deiner Stelle wäre. Du bist einzigartig, Moira. Und das wirst du mit der Zeit verstehen. Bis dahin bin ich da, um dir zu helfen. Ich kann dich lehren, auf deinem Weg Hindernisse zu umgehen oder dich ihnen zu stellen. Ich kann dir die Werkzeuge mitgeben, um zu überleben, doch deinen Platz einnehmen, das kann ich nicht.« Er fuhr mit seiner Hand sanft über ihr Gesicht, seine Augen füllten sich mit Tränen. »Ich würde es, wenn ich könnte, mein liebes Kind.«
Ihre Lippen zitterten. »Ich bin so müde.«
»Du bist nicht allein, Moira.«
»Sie muss aufgehalten werden, aber ich habe eine solche Angst.«
»Gott sagt uns zwar: ›Habt keine Angst‹, aber es gibt viele Dinge, vor denen wir uns fürchten – aus triftigen Gründen. Während wir uns unseres ewigen Lebens sicher sein können, kann Angst durchaus unser Begleiter auf Erden sein. Es ist unsere heilige Pflicht, so viele Seelen wie möglich zu retten. Fiona und ihresgleichen haben zahlreiche Seelen ins Reich der Finsternis gezogen. Sie haben ihre Herzen zu Stein werden lassen, sie zu willfährigen Opfern gemacht, die ihr und Hexenzirkeln wie ihrem auf der Suche nach Antworten, die nur aus Lügen bestehen, dienen. Komm mit mir, gemeinsam können wir helfen.«
»Ich bin verflucht.« Sie zog den Rollkragen ihres Pullovers herunter und zeigte ihm das Dämonenmal an ihrem Hals. »Ich gehöre zu ihnen.« Ihre Stimme versagte.
»Nein, das tust du nicht.«
»Können Sie mir helfen?«
»Ich werde dir helfen, und du wirst sie aufhalten. Du bist stärker, als du weißt. Aber von jetzt an musst du mir versprechen, keine Zauberei mehr anzuwenden, denn genau die hinterlässt eine Spur, der Fiona folgen kann. Deshalb ist sie dir immer auf den Fersen.«
»Aber dann bin ich nicht mehr geschützt! Das kann ich nicht, das ist …«
»Auch wenn Zauberei einem guten Zweck dient, führt sie dennoch unweigerlich zum Bösen. Vergiss das nie!«
Moira hatte versucht, nach Pater Philips Regeln zu leben. Er hatte ihr alles über den Orden St. Michael beigebracht. Und ihr Wissen über Fiona und die Hexenzirkel würde dazu beitragen, die Bösen aufzuhalten. Pater Philip und sein Orden bemühten sich darum, seit Fiona angefangen hatte, die eigenständigen Hexenzirkel zu vereinen. Moiras einzigartige Stellung ermöglichte den Ordensleuten, an Informationen heranzukommen, über die sie vorher nie verfügt hatten.
Sie wollte helfen und tat es auch, hatte aber das Gefühl … untätig zu sein. Es wurde zunehmend schwieriger für sie, Pater Philips Regeln zu befolgen. Sie wollte das Gemäuer von St. Michael verlassen und Fiona selbst aufspüren! Der Pater jedoch meinte, sie wäre außerhalb der Klostermauern nicht sicher. Sie hatte Angst und Hunger gegen Sicherheit in einer wunderschönen heiligen Stätte getauscht, die sich allerdings oft auch wie ein Gefängnis anfühlte. Und dann war da noch Peter …
Sie hatten gemeinsam begonnen, Zauberei einzusetzen, um den Schaden, den Fiona verursachte hatte, zu beheben. Sie waren als Team so mächtig und richtig gut! Ihre Erfolge waren großartig, wenngleich sie sogar diese geheim hielten. Rico und die anderen dachten, sie wären ihr Werk, dabei halfen Peter und Moira ihnen aus der Ferne. Wodurch sie …
… Fiona auf direktem Wege zu sich führten. Die Zauberei offenbarte Moiras Aufenthaltsort und brachte Fiona nach St. Michael. Gegen Moiras eigene Überheblichkeit kam ein noch so guter Schutz nicht an.
Fiona fand ihre Tochter, schickte einen Dämon, der sie in Besitz nahm und durch den sie mit ihren eigenen Händen den einzigen Mann, den sie je geliebt hatte, umbrachte.