ELF

Während der fünfzehnminütigen Fahrt vom Gefängnis zum Motel am Stadtrand sprach Moira nur dann, wenn der Sheriff ihr eine direkte Frage stellte. Sie war durch den körperlichen und emotionalen Schmerz wie betäubt. Das Einzige, was sie wollte, war, nach Italien zurückzukehren, nach St. Michael, ihrem Zufluchtsort, um ihre Wunden zu lecken.

Doch das konnte sie natürlich nicht – und nicht nur, weil der Sheriff ihren Pass einbehalten hatte. Die Zeit des Weglaufens war vorbei. Ihre Mutter weilte hier in Santa Louisa, und Moira musste sie aufhalten. Fiona hatte in ihrem Leben Fürchterliches getan. Entführung, Folter, Mord. Eine schier endlose Kette, und alles nur aus Gier nach Macht. Macht erzeugte Macht – und je mehr Fiona die dunklen Kräfte beherrschte, desto mehr Macht wollte sie.

Doch nicht nur ihr Verlangen nach Macht trieb Fiona und andere Zauberer an. Auch der Wissensdurst, der nie gestillt werden konnte. Einmal auf den Geschmack der unbegrenzten Möglichkeiten gekommen, wuchs das Bedürfnis nach mehr ins Unermessliche und ließ bis ans Lebensende nicht mehr nach. Außerdem stellte der Tod für Fiona lediglich ein vermeidbares Hindernis dar, war die goldene Trophäe, eine Halbgöttin zu werden, doch in Reichweite gelangt.

Moira musste sich Fiona in den Weg stellen. Sie nahm es in Kauf, sterben zu müssen – sie verdiente es –, doch würde sie Fiona mit in den Tod reißen. Ausgleichende Gerechtigkeit.

Wenn sie aber noch einmal überraschend gefasst und eingesperrt werden würde, würde sie auf keinen Fall mehr lange genug leben, um ihre Mutter auszuschalten. In Freiheit konnte sie sich schützen, aber in einer Zelle – da war sie leichte Beute. Sie würde dafür sorgen, dass dies nie wieder passierte.

Skye fuhr auf den Parkplatz des Motels. »Vielen Dank fürs Bringen«, sagte Moira und fasste nach dem Türgriff.

»Sie haben mir keine einzige Sekunde lang zugehört.«

»Ich habe Kopfschmerzen, und auch ansonsten war mein Tag ganz schön mies. Ich verspreche Ihnen, nirgendwo hinzugehen. Abgesehen davon haben Sie meinen Pass.«

»Was hat sie Ihnen angetan?«, wollte Skye wissen.

»Das würden Sie mir sowieso nicht glauben. Das Beste ist, Sie gehen mir einfach aus dem Weg.«

Skye stellte den Motor ab und wurde zornig. »Wissen Sie, wenn ich eins nicht leiden kann, dann sind es Drohungen!«

»Ich versuche hier nur, Ihren Allerwertesten zu retten. Fiona wird Sie in Ruhe lassen, solange Sie nicht versuchen, sie daran zu hindern, das zu bekommen, was sie will. Sie weiß zwar nicht, welche Tricks Anthony aus dem Ärmel ziehen kann, aber auf eins können Sie Gift nehmen: Sie weiß, dass zwischen Ihnen und Anthony etwas läuft, und das wird sie gegen Sie verwenden, wenn sie kann!«

Skye wurde kreidebleich. »Ich bin doch nicht – ich meine, es ist …«

»Schon gut.«

»Ich werde es nicht zulassen, dass irgendjemand Anthony etwas antut oder mit Mord davonkommt!«

»Das verstehen Sie nicht.«

»Verdammt noch mal, ich hasse es schon, wenn Anthony das sagt, aber wenn Sie es sagen, hasse ich es wirklich!«

»Wie haben Sie Anthony kennengelernt?«, fragte Moira.

»Wissen Sie, was in der Mission passiert ist?«

»In Santa Louisa de los Padres? Natürlich. Da hat zuerst jemand die Priester umgebracht und dann sich selbst. Wahrscheinlich war er von einem Dämon besessen.«

»Dahinter steckt wohl eher Gift. Die Priester wurden vergiftet. Es gab nur einen Überlebenden, Anthonys Freund Rafe Cooper. Kennen Sie ihn?«

Rafe Cooper. Raphael Cooper?

Moira zuckte mit den Schultern und verbarg ihr Interesse. »Nicht persönlich.«

Natürlich hatte sie von ihm gehört. Er stammte von St. Michael. Sie schaute hinüber zu ihrem Motelzimmer. Es war dunkel.

Sie hatte Licht angelassen.

Sie sah sich unauffällig auf dem Parkplatz um. Jared. Sein Pick-up stand auf der anderen Seite. Hatte er Lily gefunden? Moira hoffte es … so wie sie hoffte, dass er tatsächlich auf sie gehört und seine Freundin hierhergebracht hatte.

Moira brannte darauf, in ihr Zimmer zu gehen, wusste aber nicht, ob sie dem Sheriff wirklich vertrauen konnte. Fiona hatte in dem Telefonat, das sie geführt hatte, während sie Moira quälte, einen Tipp bekommen, dass der Sheriff auf dem Weg war. Von wem? Einem Polizisten?

»Wo ist Anthony denn jetzt?«, erkundigte sie sich.

»Er forscht nach.«

Moira musste lächeln. Manches änderte sich nie. »Ich hoffe, er findet etwas Brauchbares. Ich weiß nicht, wie viel Zeit wir noch haben, aber Fiona wird Tag und Nacht daran arbeiten, um das zu beenden, was sie begonnen hat.«

»Und was hat sie begonnen?«

»Sie haben Anthony doch gehört. Er hat Ihnen von den Sieben erzählt. Und …« Moira zögerte.

»Und was?«

»Etwas muss bei Fionas Ritual schiefgelaufen sein. Das konnte ich aus ihren Worten schließen. Ich glaube nicht, dass die sieben Todsünden unter ihrer Kontrolle sind. Noch nicht.«

»Und wo sind sie dann bitte? Immer noch in der Hölle?«

Moira schaute Skye an, beeindruckt, dass die Polizistin wie eine paranormale Ermittlerin dachte. »Möglicherweise. Entweder dort oder irgendwo in der Welt unterwegs, um Chaos und Verwüstung anzurichten.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Sie war so frustriert. Wären sie unter ihrer Kontrolle, hätte sie keine Zeit gehabt, mich umzubringen. Es ist ja nun mal nicht so, als könnte sie sie einfach in einen Käfig sperren und weggehen. Sie müsste immer eine Dämonenfalle bereithalten, was kurzfristig schwierig ist und langfristig fast unmöglich. Ob so oder so – sie müsste all ihre psychische Magie auf diese Falle verwenden, könnte nicht fort und auch keine Spielchen mit ihrer Tochter, der Verräterin, treiben.«

»Und warum sind sie nicht mehr in der Hölle?«

»Da könnten sie sich befinden, aber …« Aber was? »Ist nur so ein Gefühl. Hat was damit zu tun, was ich da draußen gesehen habe.« Moira wollte ihre Vision, die sie bei den Ruinen gehabt hatte, nicht erklären, da sie unweigerlich zu weiteren Fragen führen würde, für die sie keine Zeit hatte. Sie brannte darauf, aus dem Wagen zu steigen und mit Jared zu reden.

Skye hatte noch mehr Fragen, aber Moira schnitt ihr das Wort ab und erklärte: »Ich bin wirklich müde. Kann ich gehen?«

»Und Sie sind sicher, nicht ins Krankenhaus gehen zu wollen?«

»Ja, mir geht’s gut.« Sie hielt die Flasche Orangensaft hoch, die Skye ihr in dem kleinen Supermarkt neben dem Gefängnis gekauft hatte. »Das hat mir geholfen, und wenn ich jetzt ein paar Stunden schlafe, bin ich wieder wie neu.« Sie hatte nicht vor zu schlafen.

»Stellen Sie keine Dummheiten an!«

»Ich werde es versuchen.« Sie legte ihre Hand an die Tür und erkundigte sich: »Was passiert mit Abbys Leiche?«

»Warum fragen Sie?«

»Sie müssen ihre Familie unbedingt davon überzeugen, sie einzuäschern.«

»Dazu bin ich nicht befugt.«

»Sie verstehen nicht …«

»Gut jetzt!« Skye fuhr sich mit einer Hand durch das eilig nach hinten gesteckte Haar. »Sie und Anthony – ich schwöre, ich verstehe eine ganze Menge mehr, als Sie beide mir zutrauen. Warum also, verdammt noch mal, ist ihre Leiche so wichtig?«

Sie wollte die Wahrheit wissen? Gern! »Die Überreste eines menschlichen Opfers werden aufgeteilt und für ganz unterschiedliche Prophezeiungen eingesetzt – sprich: ihr Herz, ihre Lunge, ihre Eierstöcke und ihre Augen. Ihre Organe sind sehr wertvoll. Sie schneiden sie auf und verwenden sie jahrelang. Das ist zwar makaber, aber sehr effektiv, und außerdem wird so ihre Seele gefangen gehalten, die dann ruhelos und in ihren Einzelteilen umherwandert. Böse Geister sind wirklich gefährlich, denn sie können normalerweise erst dann vernichtet werden, wenn auch all ihre Überreste vernichtet wurden. Sobald Abbys Überreste zerteilt werden, ist sie so gut wie nicht mehr aufzuhalten.«

Skye sah blass aus. »Ich werde mich jetzt hinlegen«, meinte Moira. »Tun Sie, was in Ihrer Macht steht!« Moira glaubte nicht daran. Sie müsste wohl selbst die Leiche finden und vernichten. Es blieb ihr keine andere Wahl, außer sie könnte Anthony dazu bewegen. Er würde die Gefahren verstehen.

Moira war im Begriff, aus dem Auto zu steigen, doch Skye griff nach ihrem Arm. »Wenn Sie recht haben, wieso wimmelt es dann nicht von bösen Geistern auf der Welt?«

Moira starrte sie mit einem schiefen Lächeln an. »Wer sagt denn, dass es nicht so ist?«

 

Skye schüttete die dritte Tasse eines widerlich schmeckenden schwarzen Kaffees in sich hinein und fühlte sich nach einem zweistündigen Schlaf und einer achtstündigen Untersuchung immer noch benommen.

Sie schaute ihrem langjährigen Kollegen, dem Gerichtsmediziner Dr. Rod Fielding, zu, wie er die Leiche der siebzehnjährigen Abigail Weatherby aufschnitt.

Das Gespräch mit Moira O’Donnell auf der Fahrt vom Gefängnis zum Motel war für sie zugegebenermaßen entmutigend gewesen. Sie ertappte sich dabei, wie sie an ihrem Daumennagel kaute, woraufhin sie ein Paar Latexhandschuhe aus der Schachtel auf Rods Arbeitstisch zog und überstülpte, um damit aufzuhören  – eine Angewohnheit, in die sie immer verfiel, wenn sie nervös war.

Anthony mochte Moira nicht, da er dachte, sie wäre eine Hexe und für den Tod eines seiner »Brüder« verantwortlich – so nannte er die Jungen, mit denen er zusammen in dem Waisenhaus aufgewachsen war. Skye vermutete, dass es streng genommen kein Waisenhaus war – Anthony hatte von St. Michael nie als ein solches gesprochen –, doch wusste sie nicht so recht, wie sie den Ort sonst hätte bezeichnen sollen. Keiner der Jungen dort hatte Eltern, und sie hatten alle den Nachnamen von einem der dort lebenden Priester oder Mönche angenommen.

Eigenartig, aber Skye hatte nie groß darüber nachgedacht, auf welch ungewöhnliche Weise Anthony aufgewachsen war, da er ihr nie etwas verheimlichte. Trotzdem musste sie immerzu daran denken, wie viele Mütter ihre Kinder vor einem Kloster ausgesetzt hatten, um sie als Krieger Gottes erziehen zu lassen. Allein schon die Idee kam ihrem analytischen Verstand suspekt vor.

Sie war ebenfalls mit vierzehn Jahren von ihrer Mutter verlassen worden, die mit einem Mann fortging, der ihr zuerst viele Versprechungen gemacht hatte, um sie anschließend umzubringen. Verlassen zu werden war auch für Skye keine unbekannte Erfahrung.

Und sie liebte Anthony. Sie glaubte ihm das, was er sagte, obwohl es sich ungewöhnlich anhörte.

Doch dann war Moira O’Donnell aufgetaucht, und Skye erlebte eine Seite an Anthony, die in den wenigen Monaten, seitdem sie sich kannten, nur kurz zum Vorschein gekommen war. Wut und Feindseligkeit. Hatten er und Moira etwas miteinander gehabt? Sie versuchte, diesen Gedanken zu verdrängen und ihn auf ihren Instinkt als Polizistin und nicht auf weibliche Unsicherheiten zu schieben, doch es funktionierte nicht.

Rod verhielt sich ungewöhnlich still, als er die Autopsie durchführte  – obwohl er generell eher wortkarg war, wenn er junge Menschen obduzieren musste. Er arbeitete konzentriert und bedacht, ohne irgendwelche Scherze zu machen, die ihm gewöhnlich über die Lippen kamen. Daher empfand Skye die Autopsie als um einiges unangenehmer. Hätte ein Betrunkener oder ein Sechzigjähriger mit einem Herzinfarkt oder ein erschossenes Bandenmitglied auf der Bahre gelegen, hätte Rod den ein oder anderen Witz gerissen, um die Spannung zu lockern, aber Abby war erst siebzehn; sie hatte noch ihr ganzes Leben vor sich gehabt. Alles …

Skye war zu dieser Autopsie hinzugekommen, nachdem sie Abbys Eltern die Nachricht vom Tod ihrer Tochter überbracht hatte. Die beiden hatten an ihrem Küchentisch gesessen und Kaffee getrunken, beide im Glauben, Abby schliefe in ihrem Bett. Die Situation war die schlimmste gewesen, die Skye je erlebt hatte. Sie kannte Hiram Weatherby und wusste, er würde ihr keine Ruhe lassen, bis der Fall gelöst wäre.

Er war immerhin der Bürgermeister und das Ratsmitglied, das sich allen voran für ihre Ernennung als Sheriff eingesetzt hatte.

Sie sagte zu Rod: »Spann mich nicht so auf die Folter! Ich warte schon seit dreißig Minuten.« Das Einzige, was aus seinem Mund gekommen war, waren knappe Anweisungen an seine Assistentin gewesen.

»Ich habe nichts«, erwiderte er kurz angebunden. »Gar nichts.«

»Nichts … Was zum Teufel soll das bedeuten?«

»Das Herz – einwandfrei. Die Lungen – kräftig. Keine Anzeichen von Krebs, Herzinfarkt, inneren Blutungen oder körperliche Hinweise auf eine Überdosis. Ich habe die Labortests mit dem Vermerk ›dringend‹ verschickt, und Monica hat sich gerade Gewebeproben von jedem wichtigen Organ, von der Haut und vom Haar angesehen. Ein zweiter Satz Proben wird gerade genommen, um ihn an das staatliche Labor zu schicken, das zusätzliche Tests durchführen kann, die über unsere Möglichkeiten hinausgehen. Plötzliche Überdosen schlagen sich normalerweise irgendwo nieder. Doch nichts – keine Einstiche im Arm, kein Blut in ihrer Nase, keine Anzeichen von Wunden oder Verbrennungen in ihrem Mund. Sie hat wahrscheinlich noch nicht einmal je in ihrem Leben eine Zigarette geraucht; ihre Lungen sind in einem tadellosen Zustand. In ihrem Magen befindet sich so gut wie nichts, etwas Flüssigkeit – wahrscheinlich Tee –, keine Feststoffe. Schick das auch dorthin.«

»Es roch ganz eigenartig, als wir dort ankamen – vielleicht wurde sie durch die Luft, die sie einatmete, vergiftet.«

»Keine Anzeichen von Gewalt an ihren Nasenhöhlen, am Hals oder in den Lungen. Sieht aus, als hätte ihr Herz einfach – ohne jeglichen Grund – aufgehört zu schlagen.«

Skye wollte eine wissenschaftliche Erklärung hören, doch Rod konnte ihr keine liefern.

Er fuhr fort: »Ich habe das Bild der Zerstörung auf den Klippen gesehen, Skye. Es war mehr als eine Person anwesend, bevor oder während Abby starb. Wir haben weder ihre Kleider noch ihr Auto gefunden, und ohne Schuhe konnte sie wohl auch nicht dort hingegangen sein – ihre Füße sind zwar schmutzig, aber sie weisen keine Schnitte oder Blutergüsse auf. Jemand muss sie dort hingebracht haben; jemand muss ihr die Kleidung abgenommen haben. Warum? Sie sollte noch leben. Sie ist in jeglicher Hinsicht perfekt.«

»Ihr Vater sagte heute Morgen, dass sie in letzter Zeit sehr viel abgenommen und Sport gemacht hat.«

»Was meint er mit letzter Zeit? Fand der Gewichtsverlust plötzlich oder über einen längeren Zeitraum statt?«

»Er sagte, sie hätte am Anfang des Schuljahres mit der Diät angefangen, und laut ihrer Mutter muss sie wohl so zwanzig Pfund verloren haben.«

»Zwanzig Pfund in fünf Monaten? Das ist zwar nicht gerade üblich, aber sicherlich möglich.« Er untersuchte Abbys Körper. »Ja, ich sehe etwas schlaffe Haut hier … und hier. Aber sollte sie sich Tabletten eingeworfen haben, werden wir das wissen, wenn ich die Blutprobe mit den Werten zurückbekomme. Ich lasse sie auf alles Mögliche untersuchen.«

»Sexueller Missbrauch?«

»Keine Anzeichen von kürzlichem oder gewohnheitsmäßigem Missbrauch. Keine Anzeichen von gewaltsamem Eindringen, Gewaltanwendung oder Prellungen im vaginalen Bereich.«

Er reichte ihr ein Polaroid. »Das ist ihre Tätowierung.«

Skye blickte auf das Foto. Das bunte Tattoo war schaurig schön, ein Kreis mit sich kreuzenden geschwungenen Linien, die sich in der Mitte verengten. Das Bild sah umgekehrt genauso aus. »Was ist das?«, fragte sie.

»Ich weiß nicht, aber es ist ein bisschen ungewöhnlich. Ich dachte, vielleicht brauchst du es, könntest es ihren Eltern zeigen. Möglicherweise weiß einer ihrer Freunde etwas darüber.«

Skye steckte es in ihr Notizbuch. »Viele Mädchen haben heute Tätowierungen.«

»Ich weiß. Sehe ich zumeist, wenn sie tot sind. Noch etwas.«

Rod drehte Abby auf die Seite und berührte ihren Rücken. »Mir ist das oben auf den Klippen nicht aufgefallen, aber sie hat hier ein blasses Muttermal.«

Der helle erdbeerrote Fleck sah aus wie eine Sonne mit einem ausgefüllten, fast runden Kreis in der Mitte und feinen Linien, die an Krampfadern erinnerten, nur dass sie rot waren. Das Muttermal wirkte, als wäre es verschmiert worden, und verlief zur Seite hin, wo es in einen Halbmond mündete.

»Viele Leute haben Muttermale. Was ist daran so ungewöhnlich?«

»Es scheint für ein natürliches Mal zu perfekt zu sein. Ich frage mich, ob es Narben von einer früheren Tätowierung sind, aber sie ist noch nicht volljährig und müsste für das Stechen und Entfernen ihre Eltern um Erlaubnis gefragt haben.«

Skye schüttelte den Kopf. »Das trifft zwar für Kalifornien zu, aber in Nevada ist es ziemlich einfach, sich tätowieren zu lassen. Und hier gibt es auch genügend Leute, die es tun, wenn der Preis stimmt. Hat es zu ihrem Tod beigetragen?«

»Das bezweifle ich zwar, aber da ich nicht weiß, woran sie gestorben ist, möchte ich nichts außer Acht lassen. Ich habe eine Hautprobe genommen, die uns wohl Antworten liefern wird.«

»Glaubst du, sie könnte durch eine infizierte Nadel gestorben sein?«

»Auch nicht sehr wahrscheinlich – die Anzahl ihrer weißen Blutkörperchen war normal. Sie litt ein bisschen an Anämie, aber alles im Rahmen. Verdammt, Skye, ich bin bereit, mir jede einzelne Zelle ihres Körpers anzusehen, wenn ich dadurch erfahre, woran sie gestorben ist!«

Ihr Telefon vibrierte. Normalerweise hätte sie während einer Autopsie nicht abgehoben, aber das Krankenhaus rief an. »Sheriff McPherson.«

»Sheriff, hier ist Doktor Bertrand vom Santa Louisa General. Ich muss eine vermisste Person melden.«

»Herr Doktor, ich bin mitten in …«

»Sie wurden mir als Ansprechperson genannt. Es handelt sich um meinen Komapatienten im Sterbetrakt. Raphael Cooper.«

Skye richtete sich auf. Rafe Cooper wurde vermisst? »Was ist passiert? Und wann?«

»Das weiß ich nicht genau – anscheinend ist er kurz nach Mitternacht einfach hinausgegangen.«

»Hinausgegangen?«

»Ich habe bereits eine Kopie der Aufzeichnung der Videoüberwachung für Sie angefordert und sie mir angeschaut. Er ist aus dem Krankenhaus gegangen. Sehr eigenartig.«

Eigenartig? Das war nicht das Wort, das Skye benutzt hätte.

Besonders, weil Rafe anscheinend zwei Stunden bevor Abby Weatherby starb verschwunden war. Außerdem war er der Hauptverdächtige bei dem Massaker an den zwölf Priestern gewesen, bis Anthony Zaccardi Skye hatte überzeugen können, dass ein Dämon dafür verantwortlich war.

Vielleicht war Raphael Cooper doch nicht so unschuldig, wie Anthony dachte.

»Ich bin auf dem Weg.«