DREIUNDDREISSIG

Anthony hatte Pater Philip in kurzen Zügen erzählt, was Moira und er in Erfahrung gebracht hatten, und der Pater hatte aufmerksam zugehört und nur ein paarmal nachgefragt. Jetzt saß er still und mit nachdenklicher Miene am Tisch.

Anthony wurde langsam ungeduldig, schwieg jedoch.

Schließlich sprach der alte Geistliche. »Du hast ein Foto von den Leichen mit den Muttermalen, hast du gesagt.«

Anthony nickte, zog das Foto hervor und legte es dem Pater vor. »Moira meint, es sei ein Dämonenmal, nur dass diese Menschen  – anders als Abby Weatherby – nicht auf den Klippen waren, als das Ritual stattfand.«

Pater Philip betrachtete das Bild und runzelte die Stirn. »Moira hat recht. Ich kann mir nicht erklären, wie sie entstanden sind – aber gut, ich habe in meinem nunmehr dreiundachtzig Jahre währenden Leben schon so einiges gesehen, das ich mir vorher nicht vorstellen konnte. Der Hexenzirkel wird seine Mitglieder geschützt haben. Vielleicht blieb der Kontakt mit den Dämonen für diejenigen ohne Auswirkung, die sich innerhalb des Kreises befanden, aber nicht für die, die nach dem Ritual mit ihnen in Berührung kamen.«

»Aber warum sollte ein Dämon sie in Besitz nehmen und dann töten? Das ergibt doch keinen Sinn, zumindest nicht nach unseren bisherigen Erkenntnissen.«

»Da hast du recht. Das ist wirklich ein Rätsel.« Er hielt inne und fügte dann leise hinzu: »Vielleicht hat es etwas mit Nähe zu tun. Während die Dämonen durch die Stadt streifen, üben sie eine schädliche Wirkung auf die Menschen aus, mit denen sie in Berührung kommen.«

»Ich habe Franz Liebers Aufzeichnungen durchgelesen«, erzählte Anthony und zog das handgeschriebene Tagebuch hervor. »Er glaubt, die Conoscenza sei vernichtet worden.«

»Das dachten wir alle.« Der Pater seufzte und schaute Anthony in die Augen. »Ich habe gestern erfahren, dass es im Orden Geheimnisse gab. Raphael wurde hierhergeschickt, um die Conoscenza zu finden.«

Anthony schüttelte den Kopf. »Das hätte nicht passieren dürfen. Das war vollkommen unnötig!« Verärgert drehte er sich um. Er wollte seinen Zorn nicht am Pater auslassen. Dieser hatte erst gestern davon erfahren, doch hätte wenigstens der Pater es wissen sollen. »Wer hat uns die Wahrheit verheimlicht?«

»Der Kardinal.«

Anthony war fassungslos. Kardinal deLucca war ihr Verbündeter! »Er würde Rafe nie in Gefahr bringen!«

»Ich bin sicher, dass er wegen der Ereignisse tief bestürzt ist, doch können wir immer nur unser Bestes geben mit den Informationen, die uns in der jeweiligen Situation vorliegen. Glaube, Instinkt, Einsicht.«

»Woher hat der Kardinal diese Information?«

»Von Hervé Salazar.«

Anthony kannte Hervé gut. Der junge Priester meinte es gut, doch war seine Wahrnehmung durch frühere Erlebnisse im Kampf gegen das Übernatürliche gestört, sodass er Dinge sah, die nicht existierten. Anthony war aufgrund von Hervés Beobachtungen an nicht weniger als sechzehn verschiedene Orte auf der Welt gerufen worden, weil dieser sich sicher gewesen war, in den Gebäuden dort würden Dämonen leben. Er befürchtete stets, die Apokalypse stünde unmittelbar bevor und überall befänden sich Dämonen.

Keine seiner Vermutungen konnte bestätigt werden, und Architektur war Anthonys Fachgebiet. Hätte ein Dämon in einem Gebäude oder Artefakt gesteckt, dann war Anthony derjenige, der dies mit Bestimmtheit erkannt und den Dämon hätte austreiben können.

»Der Kardinal hat ihm nicht geglaubt«, sagte er.

»Der Kardinal musste Hervés Aussage überprüfen, und Raphael hielt sich zu jener Zeit in Kalifornien auf. Er spricht mehrere Sprachen, was seiner natürlichen kommunikativen Art zugutekommt, und wir brauchten hier einen Verwalter.«

»Was ist mit Rafes Vorgänger passiert?«

»Er schied aus. Er gehörte nicht zum Orden, und der Kardinal hatte das Gefühl, er würde nicht auf die besonderen Bedürfnisse der Priester eingehen.«

»Könnte er von diesen Zauberern, der Köchin und ihrer Tochter, weggelockt worden sein? Sie könnten ihn verhext, vergiftet oder sonst was mit ihm gemacht haben, um ungestört weiter ihr Unwesen treiben zu können. Immerhin haben sie die Priester vergiftet; und sie wollten, dass niemand sich einmischt.«

»Da könntest du recht haben. Ich weiß es aber nicht.«

Anthony setze sich hin. Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, der Orden hätte nicht nur Rafe, sondern sämtliche Priester, die in dieser Nacht ermordet worden waren, im Stich gelassen. Wären sie aufmerksamer und misstrauischer gewesen, hätten sie das Blutbad vielleicht verhindern können. Leise fragte er: »Und was machen wir jetzt? Außer uns gibt es niemanden mehr.«

»Doch. Moira und Rafe, sogar deine Skye McPherson. Und Lily. Sie ist stärker, als du glaubst.«

»Rafe ist …« Er konnte es nicht aussprechen. Er senkte den Blick. »Ich habe ihn im Stich gelassen«, flüsterte er. »Schon wieder.«

Pater Philip streckte seine Hand aus und berührte Anthonys Unterarm, bis dieser ihn ansah. »Kein Grund zu Selbstmitleid oder Bedauern, mein Sohn! Wir wissen nicht, was uns die Zukunft bringen wird; wir tun unser Bestes. Die Absichten zählen. Und du wolltest nicht, dass er entführt wird. Er lebt noch, und wir werden alles tun, um ihn zurückzuholen. Vielleicht sterben wir, aber wie sagen die Amerikaner so schön? Wir werden nicht ohne Kampf untergehen.«

Anthony lächelte. »Ich bin froh, dass du hier bist, obwohl ich mir um deine Sicherheit Sorgen mache. Viele Hexen wollen deinen Tod.«

»Meine Sicherheit ist momentan unwichtig, denn wir müssen ein viel schwerwiegenderes Problem bewältigen. Die Sieben ernähren sich von den Sünden der Menschen, die bei Adam und Eva begannen, und werden dadurch immer stärker. Und je stärker sie werden, desto schwieriger wird es, sie einzufangen.«

»So hat es auch Franz Lieber in seinen Aufzeichnungen formuliert, aber was können wir tun?«

»Ich weiß zwar nicht, wie wir sie zurückschicken können, aber ich glaube, ich weiß, wie wir sie einfangen können.« Pater Philip zog ein kleines Tagebuch aus seiner Brusttasche, das einige Flecken aufwies und sehr alt war.

Anthony erkannte das zerfledderte Buch. Es war Das Tagebuch des Unbekannten Märtyrers. Bei den Flecken handelte es sich um Blut. Das Buch war jahrhundertealt und in Aramäisch verfasst, der Sprache von Jesus, die aber im dreizehnten Jahrhundert, als der Unbekannte Märtyrer es schrieb, fast nicht mehr verwendet wurde. Die Tatsache, dass das Buch fast tausend Jahre überlebt hatte, bewies dessen Bedeutung. Dass Pater Philip es aus der Schatzkammer von St. Michael entwendet hatte, verstieß gegen alles, woran sie glaubten.

Der Pater schlug es vorsichtig und ehrfurchtsvoll auf einer der hinteren Seiten auf und übersetzte, während er vorlas:

»Oh Herr, Dein Dir ergebener Diener bittet Dich, das Leiden zu beenden. Ich habe das Wahre Wesen der sieben Sünden mit meinen eigenen Augen gesehen und sorge mich um die Menschheit. Sie kommen, um mich zu holen. Ich bitte Dich um Erlösung. Als wir die letzte Sünde gefangen nahmen, durchbrachen sie die Fallen, die wir ihnen gestellt hatten. Jetzt beten und verstecken wir uns. Wir verstecken uns vor ihrem vereinten Zorn und bitten Dich, oh Herr, um Gnade. Tugend bezwingt Sünde. Gib mir ein Zeichen, oh Herr, uns, die wir die Schlacht in Deinem Namen führen, Dein Dir ergebenster Diener, ich.«

Er legte das Buch hin. »Das ist der letzte Eintrag.«

Anthony entging nicht der Schmerz, der in seinen Worten mitschwang. »Die Sieben wurden aber zurückgeschickt. Also muss es einen Weg geben.«

»Jedoch nur mit Verlusten.« Er starrte auf das mit Blut befleckte Buch.

»Was heißt das, Pater? Ich verstehe zwar, dass die sieben Sünden zusammen stärker sind, dennoch meint Lieber, sie würden sich auflösen, wenn sie freigelassen wurden.«

Der Pater nickte. »Ja, denn sie fühlen sich von ihrer eigenen Wesensart angezogen. Wolllust zu Wolllust, Faulheit zu Faulheit. Sie können eingefangen werden, aber genau da endet das Tagebuch, und wir wissen nicht, wie der Unbekannte Märtyrer und seine Mitstreiter es geschafft haben. Wir wissen lediglich, dass es ihnen gelang und sie danach starben.«

Anthonys Miene war ernst. »Wir haben keine Wahl.«

»Doch. Es gibt noch andere Möglichkeiten, die wir herausfinden können, während wir nach den Sieben suchen, was eine Weile dauern wird. Zuerst allerdings fangen wir die Sünde hier in Santa Louisa ein, denn wir müssen unbedingt wissen, mit welcher wir es zu tun haben.«

»Warum?«

»Weil Sünden durch Tugenden eingefangen werden.«

Anthony runzelte die Stirn, bis er begriff, was der Pater meinte. »Wir können sie in einem Gefäß fangen, das sie außer Kraft setzt.«

»Ja. Ich glaube, das meint das Tagebuch. Ich habe es ganz durchgelesen. Die Sprache ist zwar sehr veraltet, doch anhand der Fakten glaube ich, dass die Märtyrer sie nacheinander in unterschiedlichen reinen Gefäßen eingefangen haben und bei der letzten Sünde gestorben sind.«

»Für jede Handlung gibt es eine ihr entsprechende und eine gegensätzliche Reaktion«, murmelte Anthony. »Keuschheit hebelt Wolllust aus, Bescheidenheit Stolz.«

»Ja. Und welche Sünde ist da draußen? Gegen welche kämpfen wir?«

Anthony erhob sich und ging auf und ab, während er nachdachte. »Die Leichen, die ich heute Morgen in der Leichenhalle gesehen habe – die mit dem Dämonenmal. Das waren eine Frau, die keine Kinder bekommen konnte und deshalb eine Schwangere die Treppe hinunterstieß, und ein Mann, der bei einer Beförderung übergangen wurde und die Frau umbrachte, die statt ihm den Posten erhielt. Aber was ist mit dem Basketballspieler, der an einem Aneurysma starb? Er hatte das gleiche Mal, verletzte aber niemanden.«

»Vielleicht kämpfte er in seinem Innern gegen die Sünde.«

Anthony blieb stehen. »Also heißt es entweder töten oder sterben?«

»Wenn wir mit einer der sieben Todsünden in Berührung kommen, wird unser Gewissen verdreht, und wir handeln impulsartig. Wir nehmen uns das, was wir wollen, und tun das, was wir wollen; wir kennen keine Grenzen, wissen nicht mehr, was richtig und falsch ist. Wenn jemand seinen Nachbarn um seinen Ochsen beneidet, dann nimmt er ihn sich einfach.«

»Beneiden – Neid.« In dem Moment, als er das Wort ausgesprochen hatte, wusste er, um welche Sünde es sich handelte. »Neid ist in der Stadt. Wie können wir ihn einfangen?«

»Neid ist die erste Sünde, die Ursünde. Die Schlange verführte Eva dazu, die verbotene Frucht zu kosten, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Sie war neidisch auf die Menschen, Gottes neueste Schöpfung, die einen freien Willen besaß und in seiner Gunst stand. Sie konnte nicht haben, was sie hatten, und so nahm sie ihnen das Paradies weg.«

Anthony runzelte die Stirn. »Worin kann Neid aufbewahrt werden?«

»In einem Tabernakel«, antwortete der Pater ernst.

»Aber wie können wir den Neid darin einfangen? Wir können ihn nicht heraufbeschwören, ohne das Böse anzuziehen, das wir aufhalten wollen.« Dann schoss Anthony die Lösung durch den Kopf. »Wir müssen ihn dort suchen, wo er am ehesten hingelockt wird, und die Falle dort aufstellen!«

 

Fiona beobachtete, wie der Dämon auf seinen sechs bekrallten Hufen um Raphael Cooper kreiste. Seine übernatürliche Leine bestand aus nicht mehr als einer dünnen Schnur. Murmelnd rief Cooper in einem Gebet Gott an, woraufhin der Dämon fauchte und jaulte.

Sie ließ die Leine locker, sodass der Dämon Cooper angreifen konnte.

Fiona rief ihren Liebling wieder zurück, und Cooper schrie zum ersten Mal an diesem Tag vor Schmerzen auf. Endlich! Dieser Mann bestand also doch aus Fleisch und Blut.

»Ich habe genug von deinem Schweigen, Raphael«, verkündete Fiona. »Wer hat dir das Ritual beigebracht? Wer außer dir kennt noch die Conoscenza? Sprich zu mir, Raphael!«

»Deine schwarze Magie … funktioniert nicht.« Er schluckte einen Schrei hinunter, als der Dämon ihn kratzte. »Bei … mir.«

Serena betrat den Raum. Sie starrte Raphael an und versuchte, gelassen zu wirken, doch Fiona wusste, wie es wirklich in ihr aussah.

»Würdest du gerne mit deinem Geliebten spielen?«, fragte Fiona sie. »Nur zu! Diesmal kann er uns nicht entkommen.«

Serena kehrte Raphael den Rücken zu und sagte: »Es ist bald so weit.«

»Du bist zu keinem Opfer für ihn bereit? Du überraschst mich, meine Tochter! Ich dachte, deine Liebe zu ihm würde ewig währen«, meinte Fiona spöttisch.

Serena entgegnete: »Er hat sich für die falsche Seite entschieden.«

Sie ging auf ihn zu. Fiona beobachtete ihre Tochter interessiert, täuschte dabei jedoch Langeweile vor. Sie war etwas besorgt gewesen, Serenas Leidenschaft für Raphael Cooper könnte sie verblenden und von dem abhalten, was getan werden musste.

Rafe atmete stoßartig und sah, wie die junge Frau auf ihn zukam. Sie hatte sich Lisa genannt und mit ihm gespielt, ihn benutzt und verführt, um die Priester für ihr teuflisches Opfer zu quälen und zu töten.

Jetzt stand Lisa – oder Serena oder wie immer auch ihr Name lauten mochte – vor ihm und betrachtete ihn eingehend. In ihren grünen, katzenhaften Augen spiegelten sich Schmerz und Wut wider, doch ihre Stimme klang gelassen, als sie Rafe vorwarf: »Du bist schuld am Tod jener, die gestorben sind, nachdem du unseren Kreis auf den Klippen durchbrochen hast. All diese Menschen könnten noch leben, wenn du uns in Ruhe gelassen hättest.«

Sie berührte seinen Kopf und sang ein Lied, dessen Klänge und Worte er zwar kannte, er wusste jedoch nicht, was sie bedeuteten. Sie waren in der Sprache, die er in der Nacht auf den Klippen selbst gesprochen hatte, doch selbst da hatte er nicht gewusst, was er sagte.

Er wurde in die Knie gezwungen. Blutige, abscheuliche Bilder der Gewalt schossen durch seinen Kopf.

Sie rief die Erinnerungen jener Nacht in ihm wach, in der die Priester gestorben waren. Erinnerungen, die er verzweifelt versuchte zu vergessen, die ihn jetzt jedoch wieder verfolgten, wogegen er nichts tun konnte.

»Hör auf damit!«, bat er, hielt sich den Kopf und rollte sich wie ein Kind zusammen.

Stolz wandte Fiona sich ihrer Tochter zu. »Beeindruckend, Serena!«

»Es ist so weit«, meinte diese und ging hinaus.

Fiona erteilte ihrem Liebling den Befehl, auf den Gefangenen aufzupassen, und folgte ihrer Tochter. Sie war beeindruckt und kein bisschen überrascht.

Sie müsste wohl ein wachsames Auge auf Serena haben.