EINS
Heute
Es war stockfinstere Nacht.
Fiona stand innerhalb des schützenden Doppelkreises, der das makellose Hexagramm innerhalb eines makellosen Dreiecks einrahmte. Schalen mit Weihrauch, aus denen langsam Rauch aufstieg, brannten innerhalb von sechs Dreiecken, die sich an den jeweiligen Spitzen des Hexagramms perfekt und gleichmäßig zwischen die inneren und äußeren Kreise einfügten. Erst als der Rauch durch den unsichtbaren Schild drang, trug der Wind ihn hinweg und wirbelte ihn heftig in die pechschwarze Nacht hinein. Die Gesetze der Physik trafen auf die Pforte der Hölle nicht zu.
So wie es unten ist, so ist es auch oben.
Die siebte Schale befand sich in der Mitte, am Fuß des Altars. Die Falle war fertig.
Ihr hauchdünnes, durchsichtiges Kleid war mit seiner aufwendigen Silberstickerei einzigartig. Durch Fionas Haar zog sich ein geflochtenes scharlachrotes Haarband. Die Flammen der schwarzen Kerzen an den Spitzen des Hexagramms bewegten sich praktisch nicht, ein Beleg für Fionas sorgfältige Vorbereitung und wachsende Macht.
Sieben Mitglieder ihres Hexenzirkels standen neben den sieben Dreiecken Wache. Auch sie trugen weiße Kleider und nichts darunter. Ihre gehorsame Tochter Serena stand zu ihrer Linken. Drei Männer beschützten den Altar, auf dem sich der blanke Schlüssel zur Pforte der Hölle befand, lediglich von einem heiligen roten Tuch bedeckt. Abby war ein wunderschönes Opfer mit langem, goldenem Haar, das wie ein Fächer unter ihr ausgebreitet lag. Sie hatte keine Angst. Sie war gelehrig gewesen.
Fiona hörte, wie Serena murmelnd die alten Worte aus der Conoscenza vortrug, als spräche sie mit einem Geliebten. Fiona hatte ihr ganzes Leben nach diesem Buch der Erkenntnis gesucht – dem Buch, von dem so viele glaubten, es wäre vernichtet worden. Sie hatte nie aufgegeben, nie die Hoffnung verloren. Und jetzt gehörte es ihr.
Neun Tage des Fastens, neun Tage der Reinigung und neun Tage der Entsagung fanden heute Nacht ihren Höhepunkt in der Erfüllung ihres Versprechens. Macht bringt Verantwortung mit sich, und Fiona hielt ihr Wort. Mit dem Wissen aus der Conoscenza würde sie noch mehr Kontrolle und Macht über die Elemente, die Geister und das Universum gewinnen. Sich einen weiteren Schritt der Unsterblichkeit nähern. Sie sah und spürte sie in den Kräften, die sich in ihr und um sie herum voller Spannung aufbauten.
Während Serena sprach, sangen ihre Dienerinnen die Antwort. Während sie den Zauberspruch zitierte, schwollen ihre Stimmen an und befeuerten Fionas Macht. Die Energie wuchs und wurde in ihren heiligen Kreis gezogen. Sie befahl den Wind, sie würde alles befehlen!
Dies bildete nur den Anfang, ein Ende würde es nicht geben.
»Salbt unser Gefäß!«, befahl Fiona den drei Männern.
Serena reichte Garrett einen goldenen Kelch mit einer Mischung aus Kräutern, Harzen und menschlichem Blut. Während er seinen linken Daumen in ihn hineintauchte, begann Serena den übernatürlichen Schlüssel zu drehen, indem sie aus dem Buch vortrug. Garrett markierte das Gefäß und stellte dabei sicher, dass die Sieben bald unter Fionas Herrschaft stehen würden.
»So wie es unten ist, so ist es auch oben«, stimmte Fiona an. »Allem Guten steht ein Böses gegenüber, jeder Tugend ein Laster.«
Garrett legte seinen Finger oben auf die Vorderseite des Gefäßes und zeichnete ein Dreieck. Eine der Frauen betrat den inneren Kreis und trug ein Gebet der Gehorsamkeit vor.
Fiona fuhr mit dem Ritual fort und bewegte sich dabei von Dreieck zu Dreieck, während Garrett weiter das Gefäß salbte und Serena aus dem Buch vorlas. Er sah Fiona mit feurigen Augen über den Kelch hinweg an. Seine Lust, sein Fieber regten sie an, und sie beschwor die Frauen der Reihe nach, jede eine auserwählte Hüterin für eine der Sieben.
Mitten im Ritual trat Serena vom Altar zurück, und Fiona wirbelte herum. »Niemand durchbricht den Kreis!«
»Sie ist hier.«
Fiona betrachtete ihren Hexenzirkel und lächelte triumphierend. Sie hatte ihnen gesagt, dass die Arca kommen würde.
– Und das Blut der Tugendhaften wird die Sieben versiegeln, und du, die die Arca versiegelt, wirst herrschen –
Lily Ellis stand außerhalb des Doppelkreises. Ihr langes blassrotes Haar wehte um ihr Gesicht, ihre helle Haut war fast durchsichtig. Sie war spindeldürr, ein zartes Mädchen, aber ausgestattet mit der Kraft der Tugend und einer Seele, die für diesen Moment bestimmt war. Fiona wusste, dass die innere Stärke dieses Mädchens groß genug sein würde, denn es war wie das Gefäß vorbereitet worden. Wenn nicht, würde es heute Nacht sterben, und Fiona würde eine andere Arca finden. Es gab noch weitere, die dafür bestimmt waren; weitere, die ihrem Zweck dienen konnten. Doch die Zeichen standen gut: Lily Ellis war die Auserwählte.
Fiona flüsterte Serena zu: »Bist du bereit?«
»Ja.«
»Bring sie her!«
Serena ging an den Rand des Kreises. Lily Ellis war gereinigt worden und konnte den Kreis nicht durchbrechen, ohne verletzt zu werden, aber Fiona war sich sicher, dass sie dies nicht wusste – genauso wenig, wie sie wusste, dass sie, sobald sie den Kreis betrat, ihn nicht mehr verlassen dürfte, bis das Ritual vorbei war. Wenn die Sieben dann gefangen sein würden, stünden Fiona Heerscharen von Dämonen zur Seite, und sie besäße die Macht, sich zu einem sterblichen Gott zu erheben, und käme dem Sieg über den Tod, dem Sieg über das Alter und dem Sieg über die Menschheit näher.
Wir werden dir nicht wehtun.«
Lily flehte mit zitternder Stimme: »B-bitte, lasst sie gehen!«
»Du würdest ihren Platz einnehmen?«, fragte Serena.
Serena wusste um die Macht der Worte. Sie hatte keine Opfergabe und keinen Austausch angeboten, sondern eine Frage gestellt. Denn retten konnte Abby niemand. Sie war das Opfer, durch das die Sieben hervorgebracht werden würden; Abby symbolisierte den Schlüssel, der das Gefängnis öffnete. Sie war einbezogen worden, da sie die engste Freundin und eine Blutsverwandte, eine Cousine, der Arca war. Beide waren die einzigen Töchter von Hexen, die ebenfalls die einzigen Töchter von Hexen waren. Dies war zwar für das Ritual nicht erforderlich, aber Fiona bevorzugte ihre Rituale ausgewogen und rhythmisch, und Lily und Abby boten ein nettes ausgeglichenes Bild.
Lilys Lippen zitterten. Der Pullover, den sie trug, war für die Kälte zu dünn, und sie schlang ihre Arme um sich. Nebel stieg vom Meer hoch und schob sich über den Rand des Felsens zu ihrem Kreis. »Bitte …«
»Würdest du?«, wiederholte Serena.
Tränen schimmerten im Kerzenlicht. »J-ja.«
Serena streckte ihre Hand mit der Innenfläche nach oben aus.
Lily zögerte. Fiona schloss ihre Augen und stellte sich die Umgebung vor. Sie schickte ihr Drittes Auge, ihr übernatürliches Ich hinaus, um nachzusehen, ob sich jemand in den Zypressen versteckt hielt. Dahinter befanden sich offene Felder und Felsen. Die Landstraße lag mehr als eine Meile westlich von ihnen. Die offenen Felder boten ihnen Schutz. Niemand konnte Fiona aufhalten. Sie würde wissen, wenn jemand käme, noch lange bevor er sich ihnen näherte. Ihr Sieg lag zum Greifen nah. Das Gefühl von Macht ließ ihre Brust schwellen.
Lily musste aus freien Stücken den Kreis durchqueren.
Sie musste einwilligen, von der verbotenen Frucht zu kosten.
Nervös, verängstigt und unsicher schaute Lily sich die verhüllten Männer und Frauen an. Fiona nickte Garrett zu. Er schob seine Kapuze nach hinten und wandte sich Lily zu.
Die Arca rang nach Luft. »Pastor Garrett …«
»Komm, mein Kind!« Seine Arme öffneten sich einladend und freundlich für sie. Seine Handflächen zeigten dabei, wie bei Serena, nach oben. Sein ausgesprochen gut aussehendes Gesicht verleitete Frauen jeden Alters dazu, genau das zu tun, was er wollte.
Lily schluckte, dann trat sie in den Kreis. Sie hielt inne, ihr Gesicht verzerrt vor ängstlicher Verwirrung, während die Stille der Atmosphäre innerhalb des Kreises sie überraschte.
Serena nahm das zusätzliche Kleid von ihrer Schulter und forderte sie auf: »Zieh das hier an!«
Lily schaute sich um, ihr Blick schoss nervös von Garrett zu den anderen Männern.
Serena lachte leise auf. »Möchtest du, dass sie ihre Augen schließen?«
Sie nickte zitternd. Fiona nahm ihre Hand hoch und nickte den Männern zu. »Die Arca gebietet die Wahrung ihrer Intimsphäre.«
Ian und Richard schlossen ihre Augen. Garrett lächelte Fiona an, während er seine Kapuze wieder aufsetzte. Dann schloss auch er seine Augen. Sie gestattete ihm seine diebische Freude. Fiona hatte einer siebzehnjährigen Jungfrau skeptisch gegenübergestanden, doch Garrett lag in diesen Angelegenheiten immer richtig.
Das Mädchen zog seine Kleider aus und mied dabei den Blick der Frauen, die ihm zusahen. Abby, die nur deshalb bereitwillig teilnahm, weil sie nicht wusste, dass sie sterben musste, sagte: »Lily, du musst dich vor nichts fürchten!«
»Abby …« Lily schaute sich mit ihren großen braunen Augen um, die durch den Widerschein der Kerzen unergründlich schienen. »Bitte, lass uns gehen!«
»Nein«, erwiderte Abby verärgert. »Ich dachte, du möchtest das hier mit mir teilen.«
Lily öffnete ihren Mund, um zu sprechen, aber Fiona konnte nicht zulassen, dass sie Zweifel in Abby schürte. Sie mischte sich ein: »Entspanne dich, Abby! Du musst ganz ruhig sein, um deinen erhabenen Zustand zu erreichen.«
»Ja, Medea.«
»Und nun die Salbung!«, kündigte Fiona an.
Serena hielt eine kleine, goldene, dreieckige Schatulle in ihrer Hand, in der sich Harz befand, hergestellt aus dem Blut einer neugeborenen Ziege, Olivenöl, Skammonium, Myrrhe und Zibet. Das Rezept stammte aus der Conoscenza und diente den Sieben dazu, die Arca zu finden, sobald sie freigelassen worden waren. Serena trug Lily auf ihrer Stirn, den beiden Händen, über ihrem Herzen, auf ihrem Bauch, ihrem Schamhügel und der linken Hüfte die sieben Zeichen auf. In Lilys Kleid befanden sich an den jeweiligen Punkten Öffnungen, sodass die Male nicht verdeckt wurden. Serena flüsterte bei jeder Kennzeichnung die Befehle in Latein, damit das Mädchen sich nicht ängstigte.
Garrett reichte Serena eine geschlossene Kugel köchelnden Bilsenkrauts. Serena öffnete sie, um Lilys Sinne mit den halluzinogenen Dämpfen einzuhüllen. Eins. Zwei. Drei.
Sie schloss die Kugel, gab sie Garrett wieder zurück und nahm Lilys Hand. Das Bilsenkraut würde sicherstellen, dass sie gefügig blieb, denn Fiona konnte jetzt keinen Widerstand mehr gegen sich dulden. Lily würde aufgrund des Weins, den sie bald – aus freien Stücken oder nicht – trinken würde, die Sieben anziehen, so wie eine läufige Hündin einen Rüden. Würden die Sieben der Arca entkommen, wäre es unmöglich, sie alle wieder einzufangen. Dieser bedeutsame Augenblick ließ keinen Spielraum für Fehler zu.
Serena brachte Lily zum Altar und legte sie auf den Rücken, dabei berührten sich ihr und Abbys Kopf. Das eine Mädchen stellte ein Gefäß dar, durch das die Dämonen die Welt betreten würden, das andere ein Behältnis, in dem sie gefangen werden würden.
Alles war perfekt.
»Abby«, flüstere Lily.
»Ruhe!«, befahl Fiona. »Es hat begonnen.«
Sie fuhr mit dem Ritual fort, mit dem sie vor Ankunft der Arca schon angefangen hatte. Die wachsende Spannung und Aufregung erfüllten sie mit körperlicher und geistiger Kraft.
Da, wo andere, schwächere Zauberer versagt hatten, würde Fiona erfolgreich sein. Jahrhundertelang hatten einzelne Hexen und Hexenzirkel versucht, die Conoscenza ausfindig zu machen, und waren gescheitert. Hatten versucht, den Baum des Lebens zu finden, und waren gescheitert. Viele von ihnen waren dabei gestorben.
Fiona würde nicht scheitern. Sie würde nicht sterben.
Sie würde für immer leben.